• Veröffentlichungsdatum: 19.12.2018
  • – Letztes Update: 21.12.2018

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Leben hinter Stacheldraht

Franz Wiesenhofer

Die Kriegsgefangenenlager in Purgstall, Wieselburg und Mühling

(Fotos: Archiv Franz Wiesenhofer; Montage: Keusch)
(Fotos: Archiv Franz Wiesenhofer; Montage: Keusch)

Im Erlauftal (westliches Niederösterreich) befanden sich zwischen 1915 und 1918 innerhalb von nur fünf Kilometern drei Kriegsgefangenenlager. Mit knapp 80.000 Insassen gab es in der gesamten Monarchie keine Region, in der mehr fremde Soldaten untergebracht waren. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges im Herbst 1918 erhielten die Insassen die Möglichkeit in ihre Heimat zurückzukehren und ihre Familien wiederzusehen.

Bereits wenige Wochen nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges zeichnete sich kein rasches Ende der Kampfhandlungen ab. Eine Konsequenz der anhaltenden Kämpfe war, dass die Zahl der Kriegsgefangenen, für die immer mehr adäquate Unterbringungsmöglichkeiten gefunden werden mussten, stetig anstieg. In den ersten Kriegsmonaten waren die meisten Kriegsgefangenen in militärischen Unterkünften oder aufgelassenen Festungen untergebracht, deren Kapazitäten bald nicht mehr ausreichten. Zusätzlich brachen durch die mangelnden hygienischen Bedingungen in diesen Einrichtungen immer wieder Seuchen aus, die auch auf die Zivilbevölkerung übergriffen. Aus diesen Gründen begann die k.u.k. Heeresleitung mit der Planung und dem Bau von großen Kriegsgefangenenlagern in Form von „Barackenstädten“ im Hinterland der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Die Lager im Erlauftal

Bevor die Kriegsgefangenen in Baracken einquartiert wurden, waren sie in Zelten untergebracht. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer).
Bevor die Kriegsgefangenen in Baracken einquartiert wurden, waren sie in Zelten untergebracht. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Die Militärbauleitung wählte, neben anderen Standorten, auch Wieselburg und Purgstall aus, um dort zwei große und ein kleines Kriegsgefangenenlager zu errichten. Die Orte wurden gewählt, da es dort eine Eisenbahnverbindung gab und ein Fluss (die Große Erlauf) mit ausreichend Wasser vorhanden war. Zusätzlich war die Grundablöse dort relativ einfach durchzuführen, da in beiden Orten große Grundstücke im kaiserlichen beziehungsweise herrschaftlichen Besitz waren.

In Wieselburg wurde im Jahr 1915 auf einer Fläche von 102 Hektar, zu beiden Seiten der Großen Erlauf, ein Lager mit 684 Einzelobjekten für 57.000 Mann errichtet. Dieses hätte in einer weiteren Ausbaustufe, zu der es jedoch nicht mehr kam, für bis zu 64.000 Gefangene ausgebaut werden sollen. Im Purgstaller Ortsteil Schauboden errichtete man ab dem 7. April 1915 auf einer Fläche von 50 Hektar ein Lager für 24.500 Mann mit 361 Einzelobjekten. Zusätzlich errichtete man in Mühling eine Station für kriegsgefangene Offiziere. Die Kriegsgefangenen waren anfangs in provisorischen Unterkünften untergebracht und arbeiteten beim Aufbau des Lagers mit. Nachdem die Holzbaracken mit einem Fassungsvermögen von je 200 Mann errichtet worden waren, wurden sie in diesen untergebracht.

Zwischen 1915 und 1918 befanden sich knapp 80.000 Kriegsgefangene und hunderte k.u.k. Soldaten, die für die Bewachung und Verwaltung in den Lagern zuständig waren, im Erlauftal. Nach Aussage von zivilen und militärischen Sachverständigen zählten die drei Lager zu den am besten eingerichteten der Monarchie. Selbst die Versorgung der Gefangenen war, den Umständen der Zeit mit ihren wirtschaftlichen Engpässen und der Nahrungsmittelknappheit entsprechend, angemessen. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die fremden Soldaten Gefangene waren, die auf engem Raum, mit einfacher und geringer Verpflegung auskommen mussten und weit entfernt von ihrer Heimat interniert waren.

Die Station für kriegsgefangene Offiziere in Mühling zwischen Wiesenburg und Purgstall. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Die Station für kriegsgefangene Offiziere in Mühling zwischen Wieselburg und Purgstall. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Das Kriegsgefangenenlager Wieselburg während der Bauphase im Jahr 1915 . (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Das Kriegsgefangenenlager Wieselburg während der Bauphase im Jahr 1915. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Station für kriegsgefangene Offiziere in Mühling

In der Ortschaft Mühling, zwischen Wieselburg und Purgstall, wurde ein kleineres Kriegsgefangenenlager errichtet, das als Unterkunft für 300 Offiziere diente. Diese waren in gemauerten Baracken mit Zwei- oder Dreibettzimmern untergebracht und hatten auch angemessene Gemeinschaftsräume wie einen Speisesaal, Spiel- und Unterhaltungsräume. Die gesamte Station umfasste ein Areal von etwa fünf Hektar.

Eine der Besonderheiten des Offizierslagers war, dass dort Lagermünzen aus Eisen sowie Papiergeld aufgelegt wurden. Ein Grund für die Ausgabe des Lagergeldes war, dass sich die Offiziere nach „einer Flucht keine Zivilkleidung oder Lebensmittel beschaffen konnten, da ihnen außerhalb der Lagers gültige Geldmittel fehlten.“  Da bis heute kein Lagergeld oder schriftliche Hinweise auf dessen Ausgabe in den Kriegsgefangenenlagern Wieselburg und Purgstall gefunden wurden, ist anzunehmen, dass es dieses Lagergeld nur in Mühling gab.

Lageralltag für die Kriegsgefangenen

Untersuchung von Kriegsgefangenen. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Untersuchung von Kriegsgefangenen. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Sämtliche Kriegsgefangene erreichten das Erlauftal mit der Eisenbahn. Nachdem sie dort angekommen waren, kamen sie zuerst in ein Quarantänelager, wo sie gereinigt und entlaust wurden. Jedem Gefangenen wurden zuerst die Haare geschnitten, anschließend musste er ein Brausebad nehmen. Die Kleidungsstücke kamen zwischenzeitlich in Dampfdesinfektoren, die Pelz- und Ledersorten (Kappen usw.) in eine Schwefelkammer. Nach zehn bis 20 Minuten Badezeit bekamen je zwei Mann ein Leintuch zum Abtrocknen und danach erhielt jeder Gefangene eine reine Garnitur Wäsche. Nach dem Brausebad wurden die Gefangenen ärztlich untersucht und gegen Pocken geimpft. Anschließend kamen sie wieder in den Quarantänebereich zurück, den sie nach ein paar weiteren Tagen verließen und danach ihre Baracken mit den Holzpritschen bezogen.

In den Kriegsgefangenenlagern gab es unter anderem Tischler-, Schneider-, Schuster- oder Schlosserwerkstätten und sogar eine Schmiede, in denen die Gefangenen arbeiteten. Zusätzlich waren sie in Einrichtungen der Lagerinfrastruktur, wie der Wäscherei, der Sanitätskolonne oder bei der Lagerfeuerwehr beschäftigt. Im Lager Wieselburg gab es sogar eine Hundekarrenfabrik, die pro Woche etwa 120 Hundekarren erzeugte. Neben den diversen Arbeitsstätten im Kriegsgefangenenlager waren die Insassen in den landwirtschaftlichen Betrieben der Umgebung eingesetzt. So halfen im Jahr 1915 insgesamt 90.000 Kriegsgefangene in landwirtschaftlichen Betrieben bei der Ernte. Zusätzlich wurden an die Zuckerindustrie etwa 15.000 Kriegsgefangene abgegeben.

Ihre knappe Freizeit auf dem engen Lagergelände verbrachten die Insassen, je nach individuellem Interesse und den Möglichkeiten die es im Lager gab, auf unterschiedliche Weise. Manche organisierten kulturelle Aktivitäten in dem sie beispielsweise eine Musikkapelle oder eine Theatergruppe gründeten. Andere blieben in den Baracken, um zu Lesen oder Briefe in die Heimat zu schreiben, wieder andere trafen sich mit ihren Kameraden zum Kartenspielen in einer Betreuungseinrichtung. In ihrer Freizeit fertigten manche Kriegsgefangene Bastelarbeiten, wie „Russenkreuze“ oder Flechtarbeiten aus Stroh, an. Besondere Stücke aus dem Purgstaller Lager, die noch heute existieren, sind ein handgeschnitztes Fotoalbum sowie ein Russenkreuz mit Stroheinlegarbeiten.

Eine besondere Unterstützung erhielten die Insassen des Purgstaller Lagers von der amerikanischen Kriegsgefangenenhilfe „Christlicher Verein junger Männer“, dessen Tätigkeit im Jahr 1916 genehmigt wurde. Dieser Verein verfügte über große Geldmittel und unterstützte die Kriegsgefangenen in materieller und kultureller Hinsicht. So stellte er beispielsweise Musikinstrumente für die Lagermusikkapelle zur Verfügung oder ermöglichte die Gründung eines Theaters sowie eines Orchesters. Am 24. Dezember 1916 wurde ein Konsumverein gegründet, dem ein Teehaus angeschlossen war und eine Baracke für den Gottesdienst errichtet. Neben diesem Verein unterstützten auch andere internationale Kommissionen die Kriegsgefangenen mit Sach- und Geldspenden.

Lebensmittelversorgung

Holzschnitzer im Lager Purgstall (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer).
Holzschnitzer im Lager Purgstall. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Die Versorgung der beinahe 80.000 Kriegsgefangenen im Erlauftal war eine besondere Herausforderung für die k.u.k. Lagerverwaltung. Erschwerend kam dazu, dass die generelle Versorgungslage im Habsburgerreich im Verlauf des Krieges immer schlechter wurde, was sich auch auf die Verpflegung in den Lagern negativ auswirkte. Die Heeresverwaltung stellte große Geldmittel zur Verfügung, um die erforderlichen Mengen an Gemüse und Fleisch für die Kriegsgefangenen aufzubringen. Das war aber nicht genug, weshalb die Lager über eigene landwirtschaftliche Anlagen verfügten, über deren Tätigkeit genau Buch geführt wurde. In diesen wurde Pflanzenzucht und Gemüseanbau betrieben oder Schweine gemästet, wobei diese teilweise für die Armee bestimmt waren. Zusätzlich gab es in Purgstall eine Kaninchen-, Schaf-, Ziegen-, Enten-, Gänse- und Hühnerzucht.

Einen Einblick in den Lebensmittelbedarf erlauben die Aufzeichnungen der Purgstaller Lagerbäckerei. In dieser wurden im schwächsten Monat (September 1915) 11.796 Kilogramm Mehl verbacken und damit 4.213 Wecken Brot zu 2.800 Gramm erzeugt. Im stärksten Monat (Oktober 1917) wurden 128.752 Kilogramm Mehl zu 90.537 Wecken Brot zu 1.400 Gramm verbacken und somit mehr als die zehnfache Menge erzeugt. Erschwert wurde die Arbeit der Bäckerei durch die schwierigen Versorgungsverhältnisse, die sich auch in der wechselnden Art und Qualität des Mehles äußerten - ein Umstand der sinngemäß für alle Produktions- und Werkstätten in den Lagern galt.

Dass die Lebensmittelversorgung im Purgstaller Lager zu Kriegsende kritisch war, beweist ein Brief von Kriegsgefangenen vom 19. April 1918. Darin beschwerten sie sich über den Kommandanten des Lagers, den sie für die schlechten Zustände verantwortlich machten und baten das k.u.k. Kriegsministerium um Hilfe: „Täglich sterben Hungers 10 bis 15 Leute und hunderte werden täglich in die Spitäler abgeschoben, von wo sie nicht mehr lebend zurückkehren. Die Schuld trägt der Kommandant des Lagers, denn von den für russische Kriegsgefangene gefaßten Portionen gibt er uns nur die Hälfte. Im Lager Purgstall leiden nicht nur wir, sondern auch unsere Soldaten, die dem Lager zugeteilt sind. Sie gehen auf Posten und von dort trägt man sie auf der Bahre. Wir bitten Euch innigst, habet Mitleid mit uns, martert uns nicht zu Tode, laßt uns wenigstens lebend zu unseren Familien zurück. Gleichzeitig bitten wir, dem Kommandanten des Lagers Purgstall zu befehlen, daß er uns nicht zu Tode quäle.“

Kriegsgefangene backen Brot in der Purgstaller Lagerbäckerei. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Kriegsgefangene backen Brot in der Purgstaller Lagerbäckerei. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Kriegsgefangenenpost in Purgstall

Das Kriegsgefangenenpostwesen im Purgstaller Lager entwickelte sich zunächst zögerlich. So erreichten im Juni 1915, als das Lager noch errichtet wurde, nur 270 Briefe das Lager, obwohl bereits 18.000 Briefe das Lager verließen. Diese Anzahl steigerte sich stetig und im Jahr 1917 kamen jeden Monat durchschnittlich 73.360 Briefe an und 82.560 wurden verschickt. Ein ähnliches Bild zeigte der Paketverkehr. Nachdem im Jahr 1915 durchschnittlich knapp 200 Pakete monatlich das Lager verließen und dort ankamen, erreichten im September 1917 bereits 7.365 Pakete das Lager und 5.484 gingen hinaus.

Das Postwesen war nicht nur wichtig, um den Kriegsgefangenen den Kontakt in die Heimat zu ermöglichen. Es gab den Insassen auch die Möglichkeit mit Lebensmitteln und Bekleidung von zu Hause versorgt zu werden. Für die Lagerleitung stellte es jedoch ein Risiko dar, da dadurch die Möglichkeit bestand, verbotene Gegenstände in das Lager hinein und heikle Informationen aus dem Lager heraus zu schmuggeln. Aus diesem Grund gab es eine stichprobenweise Überprüfung der Pakete in den Sammelstationen.

Dabei wurden Pakete auf eingeschmuggelte Briefe, Zeitungen oder Bücher auf Sabotage untersucht. Der Inhalt der Pakete wurde vor der Ausgabe an die Kriegsgefangenen in Gegenwart des Postoffiziers durch Zerkleinerung des Inhaltes und Durchsuchen der Wäsche und Kleider einer strengen Überprüfung unterzogen. Die Befürchtungen der Lagerleitungen waren nicht unbegründet. So haben manche Angehörige aber auch Lagerinsassen Briefe in Brot und kleineren Bäckereien eingebacken und selbst in doppelten Paketböden und aufgenähten Schuhsohlen befanden sich verbotene Nachrichten.

Medizinische Versorgung in Purgstall

Ärzte und Sanitäter vor einer Krankenbaracke. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Ärzte und Sanitäter vor einer Krankenbaracke. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

War ein Kriegsgefangener krank, kam er - je nach Krankheit und Zustand - entweder in die Krankenbaracke oder in das Lagerspital. Zusätzlich gab es ein Isolierspital für ansteckende Krankheiten und sogar ein Tuberkulose-Spital für Lungenkranke. Beim Lagerspital lag auch das Gebäude des Spitalkommandos. Darin befanden sich das Dienstzimmer des Spitalskommandanten, die Verwaltungs- und Aufnahmekanzlei, die Apotheke, das ärztliche Inspektionszimmer und ein modern eingerichteter Operationssaal mit Ambulanzraum sowie ein zahnärztliches Ambulatorium mit einem zahntechnischen Labor. Im Juni 1917 wurde das Lagerspital in Purgstall zur Zentralstelle für malariakranke Kriegsgefangene bestimmt, in dem bis zu 2.500 Mann gleichzeitig behandelt wurden. Der damals bekannte Professor Dr. Rudolf Pöch führte an russischen Kriegsgefangenen anthropologische Untersuchungen durch, bei denen diese vermessen wurden (Größe, Kopfumfang usw.). Die Original-Gipsabgüsse blieben erhalten und befinden sich heute im Depot des Instituts für Humanbiologie in Wien.

Physikalisch-therapeutisches Institut in Wieselburg 

Unter den Kriegsgefangenen befanden sich viele Soldaten, die im Krieg einen Fuß oder ein Bein verloren hatten oder andere Beeinträchtigungen aufwiesen. Aus diesem Grund befahl das Kriegsministerium im Jahr 1915 die Errichtung eines physikalisch-therapeutischen Institutes in Wieselburg. Seine Aufgabe war es, kriegsinvaliden Gefangenen eine sachgemäße Nachbehandlung zu ermöglichen und Invalide mit Ersatz- und Stützapparaten zu versorgen.

Dazu wurden eine Prothesenwerkstatt und eine Hydrotherapiebaracke eingerichtet, in der die Patienten Wasserbehandlungen, wie Voll- und Teilbäder, Duschen, Dauerbäder oder Gasheilbäder erhielten. Die Anstalt versorgte hauptsächlich russische und italienische Kriegsgefangene, es waren aber auch Serben, Rumänen und Soldaten anderer Nationen dort in Behandlung. Das physikalisch-therapeutische Institut belegt die Bemühungen der k.u.k. Militärverwaltung, hinsichtlich der Versorgung von Kriegsgefangenen zu sorgen.

Purgstaller Wasserturm und Lagerfeuerwehr

Die Purgstaller Lagerfeuerwehr vor der Feuerwehrbaracke und dem Wasserturm. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Die Purgstaller Lagerfeuerwehr vor der Feuerwehrbaracke und dem Wasserturm. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Der Wasserturm war das Wahrzeichen eines jeden Kriegsgefangenlagers. Der Purgstaller Wasserturm  in dem sich zwei Hochreservoire mit je 20.000 Liter Wasser befanden, hatte eine Höhe von 22 Metern. Auf dem Turm stand ein Feuerwehrmann, der Ausschau hielt, ob im oder außerhalb des Lagers ein Feuer ausgebrochen war. Er hatte eine direkte Telefonverbindung zur Lagerfeuerwehr, die sich neben dem Wasserturm in einer Baracke befand.

Aufgrund der vielen Holzbaracken wurde in allen drei Lagern großer Wert auf den Brandschutz gelegt. In den Lagern Wieselburg und Purgstall befanden sich zwei, in der Offiziersstation Mühling eine Feuerspritze. Zusätzlich befand sich in Wieselburg eine Benzinmotorspritze für alle Lager. Im Purgstaller Lager gab es 43 Hydranten und sechs Wasserbetonreservoirs mit je 25 Kubikmetern Wasser. Bei den Lagerfeuerwehren waren sowohl österreichisch-ungarische Soldaten als auch Kriegsgefangene eingesetzt. Jene in Purgstall bestand im März 1918 aus 30 Mann der Wachmannschaft sowie 52 kriegsgefangenen Russen.

In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1917 gab es einen folgenschweren Brand im Wieselburger Lager, bei dem das Verwaltungsgebäude abbrannte. Von den 36.000 Personenstandsblättern, die sich dort befanden, konnten nur noch 2.000 rekonstruiert werden. Schwerwiegender war jedoch, dass große Mengen von Bargeld der Kriegsgefangenen, die dort ebenfalls aufbewahrt wurden, verbrannten. Ein Umstand der Gerüchte über eine mögliche Brandstiftung, mit dem Motiv dieses Geld „verschwinden“ zu lassen, anheizte.

Da die Feuerwehren der Umgebung durch die Kriegslage dezimiert waren, wurden die Lagerfeuerwehren auch bei Bränden außerhalb des Lagers eingesetzt. Ein Beispiel dafür ist der Brand in einem Sägewerk, der späteren Lagerhausmühle in Purgstall, am 2. April 1916. Dabei brannten neben einem Teil des Sägewerkes, ein mit trockenen Brettern gefüllter Schuppen und das Wohngebäude des Sägearbeiters.

Lagerzaun und Postenhütte des Kriegsgefangenenlagers in Schauboden. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)
Lagerzaun und Postenhütte des Kriegsgefangenenlagers in Schauboden. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Bewachung und Fluchtversuche

Die Bewachung des Kriegsgefangenenlagers Purgstall war, wie in anderen Einrichtungen auch, eine wesentliche Aufgabe der Lagerverwaltung. Neben Fluchtversuchen wollte man vor allem auf einen Aufruhr unter den Kriegsgefangenen vorbereitet sein. Jede Wohn-, Werkstätten- oder Versorgungsbaracke war deshalb eingefriedet und die gesamte Anlage eingezäunt. Zusätzlich gab es 21 Hochstände und 18 Schilderhäuser für die äußere Bewachung. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass die meisten Fluchtversuche der Gefangenen stattfanden, um an Lebensmittel zu kommen und nicht weil sie sich in ihre Heimat durchschlagen wollten.

Für den Fall eines Aufruhrs hatten die Wachposten auf den Hochständen im Lager Purgstall anfangs Handgranaten zur Verfügung. Später wurden zwei Mitrailleusen stationiert. Dabei handelt es sich um geschützähnliche, mehrläufige und mit der Hand zu kurbelnde Maschinenwaffen, die als Vorgänger der Maschinengewehre gelten. Für die Schießausbildung der Wachtruppen wurde in Mühling eine Schießstätte für die Lager Wieselburg, Mühling und Purgstall errichtet. Die Schießübungen der Wachmannschaften hatten im Unterschied zu den Fronttruppen lediglich den Zweck, diese an den scharfen Schuss zu gewöhnen, damit sie als Posten oder bei Assistenzen keine Scheu davor hatten, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Ein Großteil der Angehörigen der Wachmannschaften hatte nämlich noch nie zuvor mit einem Gewehr geschossen.

Die Zeit nach dem Dienstschluss verbrachten manche Angehörige der Lagerorganisation mit einem vergnüglichen Abend mit Musik, Bier oder Wein in den umliegenden Gasthäusern. Das störte die Bevölkerung der Region, die mit Protesten in diversen Zeitungen auf diesen „Missstand“ reagierte. Für die meisten von ihnen war es unverständlich, dass sich die Offiziere und Wachmannschaften „zu Hause“ vergnügten, während ihre Angehörigen an der Front im Einsatz standen.

Egon Schiele

Der bekannteste Angehöre der k.u.k. Lagerverwaltung im Erlauftal war der Maler Egon Schiele. Im Mai 1916 wurde er von Wien nach Mühling in die Provianturkanzlei der Station für kriegsgefangene Offiziere versetzt, wo er am 3. Mai 1916 eintraf. Von August 1916 bis Jänner 1917 lebte er, teilweise mit seiner Gattin Edith und seinem Hund Lord, in Purgstall. Während seines Aufenthaltes im Erlauftal führte er ein Kriegstagebuch und unternahm zahlreiche Ausflüge in der Region. Hier entstand auch die „Zerfallende Mühle“, eines der bekanntesten Landschaftsbilder des Malers. Schiele und seine Gattin erkrankten später an der Spanischen Grippe, die damals mindestens 25 Millionen Menschenleben forderte. Am 31. Oktober 1918 starb Egon Schiele an dieser Krankheit - drei Tage nachdem seine Frau verstorben war.

Auflösung des Kriegsgefangenenlagers Purgstall

Das Kriegsgefangenenlager Purgstall im Jahr 1916 (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer).
Das Kriegsgefangenenlager Purgstall im Jahr 1916. (Foto: Archiv Franz Wiesenhofer)

Mit Erlass des Kriegsministeriums vom 14. September 1918 - zwei Monate vor dem Ende des Ersten Weltkrieges - wurde die Auflassung des Kriegsgefangenenlagers Purgstall für den 15. Oktober 1918 befohlen. Am 15. Oktober 1918 verlegte das königlich-ungarische Wachbataillon XV, das seit 3. Juni 1915 dort Dienst versah, in das Kriegsgefangenenlager Mauthausen. Ein Artikel der St. Pöltner Zeitung aus dem November 1918 gibt einen Eindruck über die damaligen Geschehnisse: „Purgstall – Das Militärlager in Schauboden hat sich am Allerseelentage unvermutet rasch aufgelöst. Die Soldaten verweigerten den Gehorsam und gingen eigenmächtig davon (…). Offiziere waren diesem Treiben gegenüber vollkommen machtlos. (…) Von den ungefähr 3.000 Mann, die das Lager noch vor 8 Tagen beherbergte, sind heute kaum noch 50 Mann vorhanden.“

Ebenfalls erwähnt wird das Schicksal des Purgstaller Lagerkommandanten, Oberst Viktor von Moga, der für seine harte Lagerführung berüchtigt und gefürchtet war. Er konnte im Schutz der Dunkelheit fliehen, nachdem man ihn rechtzeitig davor gewarnt hatte, dass man sich an ihm rächen und ihn erschlagen wolle. Die Purgstaller Bahnhofschronik berichtet ebenfalls über chaotische Szenen während der Auflösung des Lagers, denn „als die Militärpersonen und Gefangenen über Nacht das Lager verließen, kam es im Bahnhof Purgstall zu schwierigen, ja gefährlichen Situationen, da die vorhandenen (…) Fahrbetriebsmittel zum Abtransport der drängenden Menschenmenge bei weitem nicht ausreichten.“

Nach der Auflösung der Lager im Erlauftal wurden, auch mit Hilfe der Volkswehr, 45 Kranke, inklusive Betten und Wäsche sowie diverses Behandlungsmaterial und Verpflegung für 50 Tage, in das Krankenhaus Scheibbs abtransportiert. Der Bezirkshauptmannschaft Scheibbs wurden 66.000 Portionen Kaffeekonserven, 261 Kilogramm Fett, 1.150 Kilogramm Paradeiser (in Kübeln, Fässern und Dosen), 300 Kilogramm Klippfisch, 800 Kilogramm Salz, 13 Fässer Schnittbohnen sowie 22 Fässer eingeschnittenes Kraut übergeben. Aus einem Schreiben vom 17. Dezember 1918 an das Gemeindeamt Purgstall geht aber auch hervor, dass „Fälle vorgekommen sind, in welchen unbefugte Leute verschiedentliche Gegenstände aus dem Lager verschleppten.“

Der Wehrmann in Eisen erinnert in Wieselburg an den Ersten Weltkrieg (Foto: Franz Wiesenhofer).
Der Wehrmann in Eisen erinnert in Wieselburg an den Ersten Weltkrieg. (Foto: Franz Wiesenhofer)
Denkmal in einem der beiden Wieselburger Lagerfriedhöfe. (Foto: Franz Wiesenhofer)
Denkmal in einem der beiden Wieselburger Lagerfriedhöfe. (Foto: Franz Wiesenhofer)
Denkmal am Lagerfriedhof Schauboden in Purgstall (Foto: Franz Wiesenhofer).
Denkmal am Lagerfriedhof Schauboden in Purgstall. (Foto: Franz Wiesenhofer)
Das ehemalige Kommandogebäude des Kriegsgefangenenlagers in Wieselburg (Foto: Franz Wiesenhofer).
Das ehemalige Kommandogebäude des Kriegsgefangenenlagers in Wieselburg. (Foto: Franz Wiesenhofer)

Erinnerungen an damals

Alle Objekte und Einrichtungen, sogar die Rohre für die Kanalisation, wurden nach dem Kriegsende von einer Verwertungsgesellschaft verkauft. Sie waren in der Zeit des Mangels der Nachkriegszeit begehrt und wurden für diverse Bauprojekte genutzt. Aus diesem Grund waren die großen Kriegsgefangenenlager im Erlauftal bereits nach ein paar Jahren verschwunden. Manche Überreste zeugen aber noch heute von ihnen, auch wenn man sie nicht auf den ersten Blick erkennen kann, oder sie abseits der Wahrnehmung liegen. Die wichtigsten Zeugen dieser Epoche sind:

  • Wieselburg - das Kommandogebäude, einige Baracken, der Wehrmann in Eisen beim Schloss und zwei Lagerfriedhöfe mit Denkmälern;
  • Mühling - das Kommandogebäude, das heute als privates Wohnhaus genutzt wird;
  • Purgstall - das Kommandogebäude, der Lagerfriedhof und Reste der Kläranlage des Nordlagers.

Im Juli 1919 wurden einige gemauerte Baracken des Lagers Purgstall adaptiert, um 2.000 Wiener Kindern einen Sommeraufenthalt zu ermöglichen. 1923 wurden zwei Baracken für die Errichtung eines Erholungsheimes vom Land Niederösterreich angekauft. Am 22. Juni 1970 konnte auf den Flächen der ehemaligen Offiziersabteilung für Kriegsgefangene der Neubau des Niederösterreichischen Landesjugendheimes in Schauboden eröffnet werden. Von 1921 bis 1925 errichtete der Architekt Karl Heinrich Brunner-Lehenstein eine Villensiedlung auf den ehemaligen Lagergründen in Purgstall (Schauboden), die den Namen „Föhrenhain“ erhielt. Auf die Betonfundamente der Baracken wurden nun Land- und Herrenhäuser für wohlhabende Wiener Familien errichtet.

„Weg des Friedens“

Flyer für den Weg des Friedens in Purgstall.
Flyer für den Weg des Friedens in Purgstall.

Die wesentliche historische Vermittlungsarbeit über das ehemalige Kriegsgefangenenlager Purgstall, leistet heute der „Weg des Friedens“ in Schauboden. Er ist ein vier Kilometer langer Themenweg, der zu den Schauplätzen des ehemaligen Lagers führt und über dessen Geschichte informiert. Entlang des Weges stehen Emailtafeln, auf denen das Lagerleben und die Auswirkungen des Kriegsgefangenenlagers auf die Region detailreich erzählt wird. Im Rundweg mit eingebunden sind der Lagerfriedhof, das Naturdenkmal Erlaufschlucht sowie die Nachfolgebauten des Architekten Brunner-Lehenstein, die nach Auflösung des Lagers errichtet wurden.

100 Jahre nach der Auflösung der Kriegsgefangenenlager im Erlauftal sind nicht nur die Baracken längst verschwunden, auch die Erinnerung im kollektiven Gedächtnis an diese Zeit ist kaum mehr vorhanden. Der Weg des Friedens und die wenigen Relikte von damals erinnern aber an jene Zeit, als im Erlauftal mehr Kriegsgefangene als in irgendeinem anderen Teil der Monarchie auf engem Raum interniert waren. Sie sollen daran erinnern und mahnen, dass Friede und Freiheit nicht selbstverständlich sind und auch dem Kriegsgegner eine würdevolle Behandlung zusteht. 

Franz Wiesenhofer ist Lokalhistoriker und Autor des Buches „Gefangen unter Habsburgs Krone“ sowie anderer historischer Publikationen.

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