• Veröffentlichungsdatum: 24.10.2018
  • – Letztes Update: 29.10.2018

  • 12 Min -
  • 2398 Wörter
  • - 18 Bilder

Kulturgüterschutz in der Ära der Identitätskriege

Gerold Keusch

(Fotos und Montag: Truppendienst/Gerold Keusch)
(Fotos und Montag: Truppendienst/Gerold Keusch)

Die meisten kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte lassen sich in das theoretische Konzept des „War on identity“ einordnen. Einige dieser Kriege, bei denen die Identität und Kultur des jeweiligen Gegners gezielt angegriffen wurde, fanden in den 1990er Jahren im ehemaligen Jugoslawien statt. Die bosnisch-herzegowinische Hauptstadt Sarajewo wurde dabei zu einem Symbol für diese Art der Kriegsführung und ist somit ein anschaulicher Ort, um die Relevanz des Kulturgüterschutzes zu thematisieren.

Im Oktober 2018 fand in Sarajewo ein bilaterales Symposium zum Thema „Zivil-militärische Zusammenarbeit beim Schutz von Kulturgütern in Krisensituationen und danach“ statt. Dieses wurde vom Büro des österreichischen Verteidigungsattaches in Bosnien und Herzegowina (BuH), Oberst Dr. Michael Pesendorfer, als gemeinsame bosnisch-österreichische Veranstaltung organisiert.

Diese bilaterale Veranstaltung wurde durch Verteidigungsministerin Marina Pendes und den österreichischen Botschafter eröffnet. Unter den insgesamt 102 Teilnehmern befanden sich ranghohe Vertreter der Streitkräfte von BuH und des Zivilschutzes, Institutionen, die sich mit dem Kulturgüterschutz befassen, Studenten und Professoren von Universitäten, Vertreter der internationalen Organisationen (EU, OSCE, UNESCO, Blue Shield), das militärdiplomatische Korps und die Vertreter von einzelnen Botschaften. Aus Österreich nahmen Kulturgüterschutzoffiziere des Bundesministeriums für Landesverteidigung, Mitglieder von Kulturgüterschutz-Organisationen, des Österreichischen Schwarzen Kreuzes, Vertreter von Universitäten und militärhistorisch interessierte Personen der Offiziersgesellschaft teil.

Verteidigungsministerin Marina Pendes eröffnete das Symposium im Haus der Armee in Sarajewo. (Foto: Bundesheer)
Verteidigungsministerin Marina Pendes eröffnete das Symposium im Haus der Armee in Sarajewo. (Foto: Bundesheer)

Zweck der Veranstaltung war ein allgemeines Bewusstsein und Verständnis für die Bewahrung und den Schutz von materiellen und immateriellen Kulturgütern in der Region zu wecken. Dabei wurde auch die Stellung des BuH -Verteidigungsministeriums als verlässlicher Akteur in Bezug auf die Einhaltung rechtlicher Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht national und international gewürdigt. Vertreter der BuH -Streitkräfte präsentierten ihre Erfahrungen beim Schutz von Kulturgut nach einem Konflikt oder einer Naturkatastrophe. In diesem Zusammenhang wurde auch die, vom österreichischen Verteidigungsressort initiierte, grenzüberschreitende Zusammenarbeit zur Katastrophenbewältigung angesprochen.

Im Zuge der Vorträge wurde des Weiteren auf die jüngsten Erfahrungen aus Fact Finding-Missionen von „Blue Shield International“ im nordafrikanischen Raum eingegangen. Die Bedeutung der zivil-militärischen Zusammenarbeit am Beispiel österreichischer Erfahrungen und die Vorreiterrolle des österreichischen Bundesministeriums für Landesverteidigung auf diesem Gebiet wurden besonders hervorgehoben.

Während des Symposiums wurde unter anderem auf die bedauernswerte Situation des militärhistorischen k.u.k.-Erbes (Festungsanlagen, Kasernen, Denkmäler etc.) in BuH hingewiesen. Mit diesem Beispiel sollte das allgemeine Bewusstsein und Verständnis für die Bewahrung und den Schutz von militärhistorischem Erbe in der Region erörtert und dessen Potenzial beispielsweise für den Tourismus dargestellt werden. Zusätzlich wurde bei der Veranstaltung mehrmals betont, dass sich das kulturelle Erbe nicht nur auf die Kulturgüter einer Seite bezieht, sondern alle Kulturgüter umfasst.

Der Ort des Symposiums war das „Haus der Armee“, das ehemalige k.u.k. Offizierskasino in Sarajewo, sowie das Werk „Vraca“ - eine Fortifikationsanlage der k.u.k Armee, die bei einer Exkursion besucht wurde. Vortragende bei dieser Veranstaltung, waren unter anderem:

  • Mag. Martin Pammer, Österreichischer Botschafter in BuH;
  • Karl Habsburg-Lothringen, das Oberhaupt der Familie Habsburg und Präsident der Organisation „Blue Shield International“, die sich für den Kulturgüterschutz engagiert;
  • Brigadier i.R. DDr. Heinz Vetschera, Jurist, Politikwissenschaftler und Experte für BuH, der in mehreren hochdotierte Posten in diversen Missionen diente;
  • Prof. Mirela Mulalic-Handan von der Kommission zum Schutz nationaler Kulturgüter in BuH;
  • Sinisa Sesum, Leiter des UNESCO-Büros für BuH;
  • Dipl.-Ing. Volker Pachauer, Festungsforscher und Dozent an der Universität Graz;
  • Manuel Martinovic, Festungsforscher und Experte für k.u.k. Fortifikationen in BuH.
Das Rathaus von Sarajevo beherbergte einst die Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina. Während der Belagerung wurde sie 1992 zum Ziel von Artilleriebeschuss und brannte ab. Etwa 2 Millionen Bücher und Dokumente - unwiderbringliches Kulturgut - wurden ein Raub der Flammen. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Das Rathaus von Sarajevo beherbergte einst die Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina. Während der Belagerung wurde sie 1992 zum Ziel von Artilleriebeschuss und brannte ab. Etwa 2 Millionen Bücher und Dokumente - unwiderbringliches Kulturgut - wurden ein Raub der Flammen. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)

Allgemeine Überlegungen

"Beim Schutz von Kulturgut geht es nicht nur darum Eigentum einer (juristischen) Person zu schützen. Vielmehr steht das Bewahren des kulturellen Erbes der Menschheit im Vordergrund.“, so das Anfangsstatement von Brigadegeneral Kenan Dautovic, der Streitkräfte von BuH, der das Symposium moderierte. Dieser stellte auch klar, warum das Thema vor allem für Soldaten relevant ist, denn „das Militär ist die bewaffnete Macht und es liegt in ihrer Natur zu zerstören, wenn es Ziele bekämpft. Aus diesem Grund muss ein Soldat wissen, welche Ziele er zu bekämpfen hat, aber auch welche Güter er beschützen muss.“

Die Verteidigungsministerin von BuH, Marina Pendes, fand bei ihrer Begrüßung ähnliche Worte und betonte, dass „die Bedeutung des Kulturgüterschutzes zunehme, da auch die Zerstörung von Kulturgütern in modernen Konflikten zunimmt. Diese werden zum Ziel, um die Identität des Gegners anzugreifen und zu zerstören.“  Die Verteidigungsministerin machte klar, dass es beim Schutz von Kultur nicht nur darum geht Bauwerke oder Denkmäler zu schützen, da „sich Identität neben materiellen Gütern auch in Büchern, Liedern, Religion, Bräuchen oder der lokalen Küche zu einem einzigartigen Kulturgut verbindet“, womit sie einen weiten Kulturbegriff einführte.

Der österreichische Botschafter in Sarajewo, Mag. Martin Pammer betonte, dass kulturelles Erbe nicht nur Identität stiftet, sondern Menschen und Völker mit ihrer Geschichte verbindet und eine friedliche Basis für Vielfalt sein kann, da „Kultur schafft, baut und vereint.“  In diesem Zusammenhang verwies Pammer auf die Stadt Sarajewo, die nicht nur ein Symbol für Krieg und Zerstörung, sondern vor allem für ein friedliches Zusammenleben von Moslems (Bosniaken), orthodoxen Christen (Serben), katholischen Christen (Kroaten) und Juden, über viele Jahrhunderte ist.

Der Leiter des UNESCO-Büros von BuH, Sinisa Sesum, betonte die Notwendigkeit, das kulturelle Erbe als historisches Vermächtnis zu begreifen, dass sowohl zu respektieren als auch zu schützen ist. Sesum verwies dabei auf das Erste Protokoll zur Haager Konvention von 1954, bei dem auch der Schutz von Kulturgut in Friedenszeiten thematisiert wird. Aus seiner Sicht sind nicht nur militärische Auseinandersetzungen eine Gefahr für das kulturelle Erbe der Menschheit, sondern auch wirtschaftliche Motive, die unkontrollierte Urbanisierung oder der Klimawandel.

An der Ecke, wo das Attentat von Sarajewo ausgeführt wurde, befindet sich heute ein Museum und mehrere Erinnerungszeichen. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
An der Ecke, wo das Attentat von Sarajewo ausgeführt wurde, befindet sich heute ein Museum und mehrere Erinnerungszeichen. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Die Lateinerbrücke in Sarajewo gegenüber des Platzes an dem der Thronfolger des k.u.k. Imperiums Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie Opfer am 28. Juni 1914 von Gavrilo Princip erschossen wurden. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Die Lateinerbrücke in Sarajewo gegenüber des Platzes an dem der Thronfolger des k.u.k. Imperiums Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie Opfer am 28. Juni 1914 von Gavrilo Princip erschossen wurden. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
An dieser Stelle neben der Lateinerbrücke wurde am 28. Juni 1917, drei Jahre nach dem Attentat, ein Denkmal für das Thronfolgerpaar errichete, das im Februar 1919 abgebaut wurde. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
An dieser Stelle neben der Lateinerbrücke wurde am 28. Juni 1917, drei Jahre nach dem Attentat, ein Denkmal für das Thronfolgerpaar errichete, das im Februar 1919 abgebaut wurde. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Gedenktafel an dem Platz am Museumsgebäude von dem aus Gavrilo Princip die tödlichen Schüsse abfeuerte. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Gedenktafel an dem Platz am Museumsgebäude von dem aus Gavrilo Princip die tödlichen Schüsse abfeuerte. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Vor dem Bosnienkrieg war der Ort an dem Gavrilo Princip die verhängnisvollen Schüsse abgab, durch dessen Fußabdrücke gekennzeichnet. Diese wurden während des Krieges zerstört, woran dieser Abguss im Eingangsbereich des Museums erinnert. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Vor dem Bosnienkrieg war der Ort, an dem Gavrilo Princip die verhängnisvollen Schüsse abgab, durch dessen Fußabdrücke gekennzeichnet. Diese wurden während des Krieges zerstört, woran dieser Abguss im Eingangsbereich des Museums erinnert. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Das zentrale Ausstellungsstück in dem Museum an der Attentatstelle sind die Puppen von Franz Ferdinand und Sophie Chotek. Sie zeigen die beiden beim Verlassen des Rathauses von Sarajewo, bevor sie in das Auto steigen, in dem sie erschossen werden. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Das zentrale Ausstellungsstück in dem Museum an der Attentatstelle sind die Puppen von Franz Ferdinand und Sophie Chotek. Sie zeigen die beiden beim Verlassen des Rathauses von Sarajewo, bevor sie in das Auto steigen, in dem sie erschossen werden. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)

Kulturgut als Symbol

Symbole spielen für Identität und Kultur eine wesentliche Rolle. Einerseits sind sie dazu geeignet, das „Wir“ sowie „die Anderen“ zu konstruieren und somit gleichzeitig Inklusion und Exklusion herzustellen. Andererseits können sie zu Zielen werden, mit denen man eine Gruppe, Nation etc. „treffen“ kann, indem man diese bekämpft. Brigadier i.R. DDr. Heinz Vetschera erörterte die Gründe, warum ein materielles Kulturgut zum Ziel werden kann. Neben der gezielten Zerstörung benannte er Fehler beim Erkennen, Zuweisen und Bekämpfen von Zielen aber auch vorsätzliche Gründe wie Provokation, Rache sowie Intoleranz oder Hass.

Der Angriff auf ein Kulturgut ist jedoch - zumindest im Sinne des Völkerrechts - nicht immer illegal. In diesem Zusammenhang stellte Vetschera fest, dass Gebäude und Monumente bekämpft werden dürfen, sobald sie militärisch genutzt werden. Das bedeutet wiederum, dass auch ein Verteidiger bei seiner Stellungswahl den Kulturgüterschutz zu beachten und zu respektieren hat. Darüber hinaus gab er eine allgemeine Empfehlung als Schutzmaßnahme für alle Kulturgüter: „Wenn man ein Monument nicht für Propaganda- und/oder Ideologiezwecke nutzt, dann kann man damit auch nicht provozieren und dessen Zerstörung wird unwahrscheinlicher.“

Hinsichtlich der Verwendung und Darstellung von Symbolen gab Vetschera einerseits den Rat, mitunter widersprüchliche Symbole zu einem größeren Ganzen zu verbinden, beispielsweise bei einer Ausstellung. Andererseits empfahl er, die Opfer eines Konfliktes stärker zu betonen, als die Sieger - auch und vor allem dann, wenn man selbst auf der "Siegerseite" steht. Als Beispiel für die praktische Umsetzung einer gelungenen versöhnlichen Gedenkarbeit nannte er die Friedenswege an der ehemaligen Dolomitenfront des Ersten Weltkrieges, die von Österreichern und Italienern betreut werden.

Teil der psychologischen Kriegsführung

Karl Habsburg-Lothringen, Oberhaupt des Hauses Habsburg und Präsident von Blue Shields International. (Foto: Bundesheer)
Karl Habsburg-Lothringen, Oberhaupt des Hauses Habsburg und Präsident von "Blue Shield International". (Foto: Bundesheer)

Karl Habsburg-Lothringen, das Oberhaupt des Hauses Habsburg und Präsident von „Blue Shield International“, wandte sich von dem engen Kulturbegriff der Symbole und materiellen Komponenten wieder einem breiteren Ansatz zu und charakterisierte Kultur als „alles, das Menschen machen - Affen aber nicht.“  Habsburg benannte vor allem „die Sprache, als größtes und wichtigstes kulturelles Erbe“  und verwies darauf, dass jährlich unzählige Sprachen aussterben. Im Hinblick auf die Kriegsführung fand der Enkel des letzten Österreichischen Kaisers eine klare Begründung: „Die Zerstörung von Kulturgütern ist ein Teil der psychologischen Kriegsführung. Das Angriffsziel ist die Identität des Gegners, weshalb symbolträchtige Kulturgüter zu einem Hauptziel werden.“

„Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden über 50 Prozent des kulturellen Erbes der Menschheit zerstört“, fuhr Habsburg-Lothringen fort „wobei dafür nicht nur Kriege verantwortlich waren.“  Im Hinblick auf die Entwicklungen im Internationalen Recht merkte er an, dass die Zerstörung von Kulturgütern seit dem Jahr 1999 (Zweites Haager Protokoll) eine Straftat ist, und Soldaten, die das tun, vor ein Gericht gestellt werden können. Die Notwendigkeit des Schutzes von Kulturgut erachtet Habsburg sowohl vor, während als auch nach bewaffneten Konflikten für notwendig. In diesem Zusammenhang betonte er, dass der Kulturgüterschutz nicht nur eine Angelegenheit des Militärs sei und die Festlegung von schützenswerten Objekten in jedem Land durch Experten stattfinden sollte.

Der österreichische Militärattaché, Oberst Dr. Michael Pesendorfer, betonte ebenfalls die Notwendigkeit einer zivil-militärischen Zusammenarbeit im Kulturgüterschutz und meinte: „Der Schutz von Kulturgut beginnt im Frieden - ob er funktioniert, zeigt sich jedoch im Einsatz.“  Kulturgüter sind jedoch nicht nur durch bewaffnete Konflikte sondern auch durch Elementarereignisse (Hochwasser, Erdbeben) oder durch Menschen verursachte Katastrophen (Brände etc.) bedroht. Oft kann dann nur mehr mit den Ressourcen der Streitkräfte zweckentsprechend geholfen werden. Daher sind die für diese Zusammenarbeit erforderlichen Vorbereitungsmaßnahmen rechtzeitig zu treffen und im Rahmen periodischer Übungen zu überprüfen.

Pesendorfer stellte des Weiteren das Monument in den Fokus seiner Betrachtung und verwies auf die Symbolik von Denkmälern. Diese können für einen Teil der Landesbevölkerung als Zeichen der Identität gelten, für den anderen jedoch ein Zeichen von Unrecht und Unterdrückung sein. Somit kann auch deren Zerstörung einerseits als Akt der Befreiung andererseits als Akt der Unterdrückung unter veränderten Vorzeichen gewertet werden. Ein Umstand den es auch hinsichtlich eines friedlichen Zusammenlebens nach einem Krieg oder Konflikt zu berücksichtigen gilt. Zusätzlich stellte der österreichische Militärattaché fest, dass auch jene Monumente, die eine Ideologie repräsentieren, die der Sieger eines Konfliktes ablehnt, Kulturgüter sind und nach Anbringung erläuternder Bemerkungen zur Entstehung und Intention des Denkmals als Zeugen der gemeinsamen Geschichte zu bewahren sind.

Die Brücke von Mostar wurde während des Bosnienkrieges zerstört und danach wiederaufgebaut. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Die Brücke von Mostar wurde während des Bosnienkrieges zerstört und danach wiederaufgebaut. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)

Die Situation in BuH

Mit dem Vortrag von Mirela Milalic-Handan von der nationalen Kommission zum Schutz von Kulturgut in BuH wurde die Ebene der allgemeinen Betrachtung verlassen und der Fokus auf die Situation im Land gerichtet. Milalic-Handan gab an, dass etwa 75 Prozent der Kulturgüter von BuH während des Krieges 1992 bis 1995 zerstört wurden, wo sie als (potenzielle nationale) Identitätssymbole zum Ziel wurden. Hinsichtlich der Wiederherstellung sprach sie die fehlende Dokumentation der Kulturgüter, das Fehlen von Gesetzen bzw. das Bestehen von Gesetzeslücken genauso an wie, ein fehlendes Bewusstsein, die unkontrollierte Urbanisierung oder ungeklärte Besitzverhältnisse.

Mit den Worten: „Die Geschichte wird vom Sieger geschrieben. Dieser steht jedoch vor der Herausforderung, die kulturellen Güter der Verlierer zu beschützen!“, mahnte Mulacic-Haldan einen respektvollen Umgang von allen Seiten ein. Zudem erinnerte sie daran, dass der Schutz von Kulturgütern ein wesentlicher Bestandteil des Friedensvertrages von Dayton ist. Aktuell gibt es in BuH 827 Nationale Monumente, für die Schutzzonen und Schutzmaßnahmen festgelegt wurden. Diese sollen in Zukunft noch sichtbarer werden, um die Bürger für dieses Thema zu sensibilisieren, aber auch um sie als Lern- und Anschauungsobjekte verwenden zu können. Aus diesem Grund wurde eine Datenbank erstellt, auf der diese Monumente und Gebäude online verfügbar sind. Zusätzlich unterstrich auch Mulacic-Haldan die Notwendigkeit das Risiko für Kulturgüter zu minimieren, um diese zu erhalten.

„Cultural Cleansing“

Das "Ewige Feuer" erinnert an die Befreiung von Sarajewo durch die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee im Zweiten Weltkrieg. Durch die Spuren des Bosnienkrieges erhält dieses Denkmal eine zusätzliche Erinnerungsfunktion.  (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Das "Ewige Feuer" erinnert an die Befreiung von Sarajewo durch die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee im Zweiten Weltkrieg. Durch die Spuren des Bosnienkrieges erhält dieses Denkmal eine zusätzliche Erinnerungsfunktion. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)

Österreich und BuH sind durch eine gemeinsame Geschichte miteinander verbunden und österreichische Soldaten leisten als Teil der EUFOR-Truppe einen wesentlichen Beitrag für die Sicherung der Stabilität im Land. Die Aufgabe von EUFOR ist grundsätzlich die eines „Second Responders“, der einschreitet, wenn die lokalen Kräfte nicht ausreichen, um eine Situation zu bewältigen und dadurch das zur Friedensimplementierung erforderliche „safe and secure environment“, wie es in der UN-Resolution heißt, gefährdet wäre. Darüber hinaus sind österreichische Soldaten und Experten auch als Trainer bzw. Ausbilder bei den bosnischen Streitkräften eingesetzt, die dort Soldaten hinsichtlich der Aspekte des Kulturgüterschutzes schulen.

Oberstleutnant Hazim Hodzic, Verbindungsoffizier der bosnischen Armee zur NATO, erklärte die aktuelle Herausforderung hinsichtlich dem Schutz von Kulturgut, bei den Identitätskriegen, die heutige bewaffnete Konflikte kennzeichnen. Die steigende Bedeutung von Kulturgüter aufgrund ihrer Symbolik und damit die vergrößerte Notwendigkeit des Schutzes erklärte er damit, dass „eine Nation so lange ,leben´ würde, wie ihre Kultur existiert“. Somit verfolgt das „cultural cleansing“ (das bewusste und systematische gewaltsame Entfernen und Zerstören von Kulturgut) den gleichen Zweck wie das „ethnic cleansing“, kann aber auch dessen Werkzeug und Erscheinungsbild sein.

In Bezug auf BuH berichtete Hodzic, dass das Entminungsprogramm auch nach Gesichtspunkten des Kulturgüterschutzes erfolgt. Aus diesem Grund wurde nach dem Krieg als erstes Gebiet der historisch bedeutsame Jüdische Friedhof von Sarajewo, der während der Belagerung der Stadt zur Kampfzone wurde, von Minen gesäubert. „Kulturgut zu schützen ist eine Frage der Einstellung. Deshalb soll das militärische Training den Soldaten auch eine positive Einstellung zu Kultur und deren Schutz vermitteln“, appellierte Hodzic daran, auch ethische und abstrakte Aspekte in der Ausbildung zu berücksichtigen.

Das Denkmal für die Opfer der Shoa von Sarajewo am jüdischen Friedhof der Stadt wurde 1946 errichtet. Während des Bosnienskrieges war der Friedhof hart umkämpft und lag an der Frontlinie, wovon auch die Spuren am Denkmal zeugen. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Das Denkmal für die Opfer der Shoa von Sarajewo am jüdischen Friedhof der Stadt wurde 1946 errichtet. Während des Bosnienskrieges war der Friedhof hart umkämpft und lag an der Frontlinie, wovon auch die Spuren am Denkmal zeugen. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Spuren der Kämpfe während der Belagerung von Sarajewo. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Spuren der Kämpfe während der Belagerung von Sarajewo. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Spuren des Bosnienkrieges an einem Gedenkstein für die Opfer der Shoa am jüdischen Friedhof.  (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Spuren des Bosnienkrieges an einem Gedenkstein für die Opfer der Shoa am jüdischen Friedhof. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)

k.u.k.-Festungsbauten in BuH

Sarajewo war in der k.u.k.-Ära ein wichtiger Depot- und Sammelraum der Armee und auch aufgrund seiner strategischen Position so bedeutend, dass der Verlust dieser Stadt, von der militärischen Führung, mit dem Verlust des gesamten Landes gleichgesetzt wurde. Um Sarajewo im Fall eines Krieges - aber auch vor den Angriffen kleinerer paramilitärischer Verbände in Friedenszeiten - zu schützen, wurden um die Stadt herum mehrere Festungsanlagen errichtet. Diese Werke bildeten ein Viereck und waren als statische Einheiten das Rückgrat der Territorialverteidigung der Stadt.

Der Grazer Festungsforscher Dipl.-Ing. Volker Pachauer erklärte die militärische Lage sowie die von der k.u.k.-Armee angenommene Bedrohung der Stadt und von BuH für den möglichen Kriegsfall am Balkan. Zusätzlich erörterte er den Aufbau des Verteidigungsringes und die militärischen und bautechnischen Überlegungen, die hinter einem Werk standen sowie dessen Bewaffnung und Mannschaft. Neben Pachauer erörterte Manuel Martinovic, von der Gesellschaft zum Schutz von Fortifikationen aus Mostar, den aktuellen Zustand dieser Anlagen. Diese befinden sich nicht nur um Sarajewo, sondern auch in Mostar und anderen strategisch bedeutsamen Orten von BuH. Der Zustand der k.u.k.-Festungsanlagen ist - falls diese überhaupt noch vorhanden sind - schlecht, da sie neben der Witterung auch dem Steinraub zum Opfer fallen und als "Steinbruch" genutzt und deshalb sukzessive abgebaut werden.

Den Abschluss des Symposiums bildete eine Einweisung in das ehemalige Werk Vraca südlich von Sarajewo. Dieses ist heute ein Teil eines monumentalen Kriegsdenkmales aus der Tito-Ära, das an die Opfer des Faschismus von Sarajewo erinnert, jedoch kaum gepflegt wird. Bei der Einweisung vor Ort wurden die Funktion und die Aufgabe dieser Fortifikationsanlage genauso erläutert wie dessen aktueller Bauzustand.

Festungsforscher Volker Pachauer erklärt die militärische Funktion und Aufgabe der k.u.k. Fortifikationsanlage in Vraca im Süden Sarajewos. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Festungsforscher Volker Pachauer erklärt die militärische Funktion und Aufgabe der k.u.k. Fortifikationsanlage in Vraca im Süden Sarajewos. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Die k.u.k. Fortifikationsanlage (Werk Vraca) im Süden von Sarajewo. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Die k.u.k. Fortifikationsanlage (Werk Vraca) im Süden von Sarajewo. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Unterhalb des Werkes Vraca wurde in der Tito-Ära ein Denkmal für die Opfer des Faschismus von Sarajewo errichtet. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)
Unterhalb des Werkes Vraca wurde in der Tito-Ära ein Denkmal für die Opfer des Faschismus von Sarajewo errichtet. (Foto: Truppendienst/Gerold Keusch)

Fazit

Der Schutz von Kulturgütern wird in Zukunft an Relevanz gewinnen und neben dem Militär auch für die zivile Staatsverwaltung und internationale Organisationen eine bedeutendere Rolle spielen. Die „Identity Wars“ erfordern ein vermehrtes Bewusstsein für Kulturgüter und einen sorgsamen Umgang mit dessen Symbolik, aber auch das Unterlassen von Provokationen damit. Österreich wird häufig als „kulturelle Großmacht“ bezeichnet, das auch über international anerkannte Experten im Kulturgüterschutz verfügt, von denen viele Angehörige des Österreichischen Bundesheeres sind. Ihr Know-how ist nicht nur die Basis, um das österreichische Kulturgut im Land zu schützen, sondern auch ein „Exportgut“, das einen Beitrag zur Stabilisierung der Sicherheit in Bosnien und Herzegowina, aber auch an anderen Orten der Welt, leistet.

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

 

Ihre Meinung

Meinungen (0)