• Veröffentlichungsdatum: 20.07.2020
  • – Letztes Update: 04.08.2020

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k.u.k. Festung Sarajewo

Volker Pachauer

(Foto: RedTD/Gerold Keusch)
(Foto: RedTD/Gerold Keusch)

Die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina liegt an einer strategisch wichtigen Position innerhalb des Landes. Bereits zur Zeit der osmanischen Herrschaft wurde die Stadt befestigt und zu einem militärischen Zentrum ausgebaut. Mit dem Beginn der Habsburgerherrschaft stieg die Bedeutung des Ortes, die den Bau der „Festung Sarajewo“ zur Folge hatte.

Zur Zeit der österreichisch-ungarischen Verwaltung war Sarajewo die Landeshauptstadt des von beiden Reichshälften gemeinsam verwalteten Bosnien und Herzegowina. Die Stadt entwickelte sich entlang des in Ost-West-Richtung verlaufenden Flusses Miljacka. Das Tal weitet sich gegen Westen hin in ein geräumiges Becken, in dem sich die Karstquelle der Bosna befindet. Sarajewo, das auf einer Seehöhe von 511 m liegt, ist im Norden, Osten und vor allem im Süden von steil ansteigenden Bergrücken eingefasst, die das Tal zwischen 300 m und 400 m überragen. Den höchsten Punkt bildet mit 1.629 m der Gipfel des Trebevic, der sich südöstlich der Stadt befindet.

Werke, Zwischenwerke und Wachhäuser (Kula) der Festung Sarajewo. (Grafik: Volker Pachauer)
Werke, Zwischenwerke und Wachhäuser (Kula) der Festung Sarajewo. (Grafik: Volker Pachauer)

Entwicklung der Festung Sarajewo 

Bedingt durch die lokale Topografie ist die Stadt historisch im Wesentlichen linear entlang der Miljacka von Ost nach West gewachsen. Der älteste Teil, der heutige Stadtteil Vratnik, der weitgehend in osmanischer Zeit entstanden ist, befindet sich auf einem nach Westen geneigten Hang, den Talboden zwischen 50 m und 150 m überhöhend. Dieser, in österreichisch-ungarischer Zeit vorwiegend als „Kastell“ bezeichneter Stadtteil, war von einer durchgehenden Mauer samt Wehrtürmen umzogen. Drei der Türme waren als Stadttore ausgebildet, neben dem Ploce Turm und dem Širokac Turm liegt das auch heute noch gut erhaltene Višegrader Tor. Ahmed-Pasha Rustempasic Skopljak ließ diese Befestigung zwischen 1727 und 1739 zum Schutz der bis zu diesem Zeitpunkt offenen Stadt errichten. Die südöstliche auf einem nach Süden und Osten hin steil abfallenden Felssporn gelegene Ecke wurde durch die Bijela Tabija, die „Weiße Bastion“, verstärkt. Diese ursprünglich solitäre Fortifikation dürfte bereits auf die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückgehen. In deren unmittelbaren Umgebung befanden sich Kasernen und Lagergebäude, die diesen Bereich funktionell als Zitadelle auswiesen. Gegen das Tal hin wurde die Stadtbefestigung noch durch die sogenannte „Gelbe Bastion“, die Žuta Tabija, verstärkt. Der Konak (ein herrschaftliches Anwesen zur Zeit des Osmanischen Reiches) befand sich südlich der Miljacka, somit außerhalb der eigentlichen Stadt.

Westlich des Stadtteils Vratnik siedelten sich ab dem 15. Jahrhundert Handwerker an, wodurch sich hier ein Marktplatz entwickelte. Dieser alte Bazar wird meist unter Bašcaršija zusammengefasst. Ebenfalls in westlicher Richtung schließt die aus österreichisch-ungarischer Zeit stammende planmäßige Stadterweiterung an, die sich bis in das Koševo-Tal nördlich des Bahnhofs erstreckt. In der Zeit des SHS-Staates (Staat der Serben, Kroaten und Slowenen; Anm.) bzw. des Königreiches Jugoslawien wuchs die Stadt weiter in westliche Richtung. Im sozialistischen Nachkriegs-Jugoslawien dehnte sich Sarajewo bis zum Flughafen Butmir bzw. dem olympischen Dorf aus. Durch die Zerstörungen im Bosnienkrieg und dem Wiederaufbau der vergangenen Jahre ist das alte Erscheinungsbild dieser ursprünglich homogenen Stadtteile mit modernen Bauten durchsetzt.

Die "Gelbe Bastion" im Osten von Sarajewo (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Die "Gelbe Bastion" im Osten von Sarajewo (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Zwischenwerk "Weiße Bastion" im Osten von Sarajewo (Stand: 2018). (Grafik: Volker Pachauer)
Zwischenwerk "Weiße Bastion" im Osten von Sarajewo (Stand: 2018). (Grafik: Volker Pachauer)
Innenansicht des Zwischenwerks "Weiße Bastion" mit Gewehr- und Geschützscharten (Stand: 2018).  (Foto: Volker Pachauer)
Innenansicht des Zwischenwerks "Weiße Bastion" mit Gewehr- und Geschützscharten (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)

Strategische Position und „k.u.k.-Heereslager“ 

Im Zentrum von Sarajewo befanden sich die Gebäude der österreichisch-ungarischen Stadt- und Landesverwaltung sowie der höchsten militärischen Organe für Bosnien. Zusätzlich zum kommandierenden General, der gleichzeitig die Funktion des Chefs der Landesregierung innehatte, waren mit Stand Frühjahr 1914 in Sarajewo stationiert: Das 15. Korpskommando unter Armeeinspektor Feldzeugmeister Oskar Potiorek, diesem direkt unterstellt die Militärbauabteilung für Bosnien, die 1. und die 48. Infanterietruppendivision mit der 8. und 10. Gebirgsbrigade (beide ebenfalls in Sarajewo stationiert), zudem die 2. Gebirgs- und 5. Festungsartilleriebrigade. Dem Korpskommandanten war zur Unterstützung in fortifikatorischen Belangen ein Befestigungsbaudirektor mit seinem Stab zugeteilt. Die nominell volle Kriegsbesatzung der Festung Sarajewo war zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit 23 Kompanien (etwa 3.500 Mann) veranschlagt. Neben dem Konak (Amtssitz des Repräsentanten des Osmanischen Reiches) und der Weißen Bastion konnten im Jahr 1878 weitere aus der osmanischen Zeit stammende Kasernenanlagen von der österreichisch-ungarischen Militärverwaltung übernommen werden.

Die Topographie von Sarajewo hatte maßgeblichen Einfluss auf den Umfang und die Art der fortifikatorischen Sicherungsmaßnahmen Österreich-Ungarns. Für eine militärische Behauptung des politischen und administrativen Zentrums von Bosnien war, wie sich das bereits bei der Okkupation 1878 gezeigt hatte, die Besetzung der umliegenden Bergrücken unumgänglich. Zum einen wurde die Stadt von diesen Anhöhen gänzlich dominiert, das heißt, von diesen Punkten konnte beinahe die ganze Stadt eingesehen werden, zum anderen musste ein artilleristisches Beschießen des Zentrums und aller dort gelegenen zivilen und militärischen Einrichtungen im Falle eines Angriffes verhindert werden. Von strategischer Bedeutung war auch die Lage der Landeshauptstadt. Sarajewo war gegen Süden hin durch die vorgeschobenen Festungen Bilek und Trebinje sowie die Sperren Kalinovik, Ulog-Obrnja, Nevesinje und Stolac gesichert. Gegen Osten und Südosten hin bildete nur der Fluss Drina ein natürliches Hindernis. Die ab 1881 mehrfach geforderte fortifikatorische Sicherung der „Drina-Linie“ an der Grenze zum Königreich Serbien wurde niemals realisiert. Besonders bedroht schienen demnach die Ost- und Nordostseite von Sarajewo. Dies hatte maßgeblichen Einfluss auf die folgenden Baumaßnahmen. Die fortifikatorische Sicherung – das betrifft nicht nur die Landeshauptstadt – sollte deren Verteidigung mit einer deutlich reduzierten Anzahl an Truppen ermöglichen.

Aufgrund unzulänglicher personeller und finanzieller Ressourcen konnten vorerst keine Befestigungsanlagen errichtet werden. Das Militär benötigte dennoch eine beträchtliche Anzahl an Neubauten. Für die Einquartierung der stationierten Truppen entstanden ab 1879, unmittelbar nach der Okkupation, vorerst provisorische Militärkomplexe. Diese waren durchwegs außerhalb der Stadt, konkret im Bereich des späteren Bahnhofs westlich der Stadt und im Koševo-Tal gelegen. In fortifikatorischer Hinsicht musste sich das Militär mit dem Vorhandenen begnügen und unterhielt bzw. adaptierte die Weiße und die Gelbe Bastion im Bereich des Kastells.

Schnitt und Grundriss eines 15-cm-Panzermörsers M80. (Grafik: Archiv Volker Pachauer)
Schnitt und Grundriss eines 15-cm-Panzermörsers M80. (Grafik: Archiv Volker Pachauer)
Panzerkuppel mit der Produktionsnummer 36 beim Werk IV (Stand 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Panzerkuppel mit der Produktionsnummer 36 beim Werk IV (Stand 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Panzerkuppel für einen 15-cm-Mörser M80 beim Werk II "Vraca" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Panzerkuppel für einen 15-cm-Mörser M80 beim Werk II "Vraca" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Schnitt und Grundriss eines splittersicheren Distanzmessstandes. (Grafik: Archiv Volker Pachauer)
Schnitt und Grundriss eines splittersicheren Distanzmessstandes. (Grafik: Archiv Volker Pachauer)
Beobachtungskuppel am linken Koffer des Werks II "Vraca". (Foto: Volker Pachauer)
Beobachtungskuppel am linken Koffer des Werks II "Vraca". (Foto: Volker Pachauer)
9-cm-Feldkanone M75, das Hauptgeschütz der Werke in der Festung Sarajewo. (Grafik: Archiv Volker Pachauer)
9-cm-Feldkanone M75, das Hauptgeschütz der Werke in der Festung Sarajewo. (Grafik: Archiv Volker Pachauer)

Militärische Befestigung

Im bosnisch-herzegowinischen Aufstand gegen das Habsburgerreich von 1881/82 war Sarajewo nicht ernsthaft bedroht, mit der Konsequenz, dass auch in den folgenden Jahren der Befestigung der Landeshauptstadt keine Priorität zugesprochen wurde. Immerhin zog dieses Ereignis eine neuerliche Begutachtung der Festungsanlagen zur Sicherung Sarajewos nach sich. Im Zuge der ausgedehnten Kommissionsreise Ende März bis Anfang April des Jahres 1882 und in Abstimmung mit den lokalen Truppenkommanden wurden vom General-Genieinspektor, Feldzeugmeister Salis-Soglio, konkrete Befestigungsentwürfe für Sarajewo ausgearbeitet. Diese beinhalteten eine umfangreiche Variante unter Einbeziehung der dominanten Geländepunkte westlich und östlich der Stadt sowie eine deutlich reduzierte Version, in der die Höhen unmittelbar östlich und südlich der Stadt – inklusive Pašino Brdo, Dragulica, Siljevina und Palez – befestigt werden sollten. Davon konnte vorerst nichts gebaut werden. Die im Jahr 1882 beginnende Bautätigkeit fokussierte sich in Sarajewo vorerst auf die Verbesserung der notwendigen Infrastruktur für die in Sarajewo einzuquartierenden Truppenkörper und dem Schaffen von Lagerräumlichkeiten.

Erst mit dem Ausbruch des Serbisch-Bulgarischen Krieges und den daraus resultierenden Spannungen mit dem Zarenreich wuchs ab 1885 die Dringlichkeit der Befestigung von Sarajewo. An den Ausbau konnte allerdings erst nach Abschluss der Bautätigkeit im Bereich von Mostar geschritten werden, da dort noch sämtliche Ressourcen gebunden waren. Als eine Art Notlösung beabsichtigte man die Landeshauptstadt behelfsmäßig zu befestigen. Das Kriegsministerium in Wien ordnete 1887 an, Projekte für eine feldmäßige Befestigung der darin definierten Hauptpunkte (Pašino Brdo, Orlovac, Vraca und Hum) auszuarbeiten. Dies entsprach weitgehend dem reduzierten Projekt aus dem Jahr 1882. Der Bau von befahrbaren Straßen zu den Punkten Pašino Brdo, Hum und Vraca war bereits am 12. Jänner 1887 angeordnet und durch die Geniedirektion Sarajewo an lokale Bauunternehmen vergeben worden. Die Ausführung der Befestigungsobjekte sollte erst im Bedarfsfall erfolgen.

Übungsobjekt am ehemaligen k.u.k.-Schießplatz in Sarajewo (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Übungsobjekt am ehemaligen k.u.k.-Schießplatz in Sarajewo (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)

Im Gegensatz zur Weisung aus Wien erbat der kommandierende General in Bosnien, General der Kavallerie Johann Freiherr von Appel, die Sicherung der Landeshauptstadt Sarajewo „in permanenter Ausführung“. Er stellte dafür – quasi als Kompensation – eine reduzierte Anzahl von Objekten in den Raum. Um in dieser Angelegenheit eine Entscheidung zu treffen – die Bausaisonen 1886 und 1887 waren ohne jegliche Befestigungstätigkeit verstrichen – berief der Generalstabschef, Feldmarschallleutnant Friedrich Freiherr von Beck für den 26. Februar 1888 eine neuerliche Kommission in Wien ein. Neben seiner Person sollten Vertreter der 5., 7. und 8. Abteilung des Kriegsministeriums sowie des 15. Korps aus Sarajewo teilnehmen. Den Vorsitz übernahm der General-Genieinspektor, Daniel Freiherr von Salis-Soglio. Aufgrund der konstatierten Dringlichkeit wurde nun ein Befestigungskonzept im Rahmen der Möglichkeiten beschlossen. Nachdem 1888 endlich Geldmittel für die Landeshauptstadt verfügbar waren, wurde die Geniedirektion Sarajewo mit der umgehenden Befestigung der exponierten Ostfront beauftragt. Als erstes schritt man an die Planung und Ausführung des Zwischenwerks Polygon und die Rekonstruktion der Weißen Bastion. Vor allem bei letzterer wurden bestehende Befestigungsreste inkorporiert. Weite Teile der Kastell-Mauer wurden ebenfalls beibehalten und instandgesetzt.

Das Werk am Pašino Brdo bildete das erste detachierte Werk der Festung Sarajewo. Es unterscheidet sich maßgeblich von den bis zu diesem Zeitpunkt im Okkupationsgebiet ausgeführten Plattformwerken und bildete den Prototyp für die vier Hauptwerke der Festung Sarajewo. Die Neubauten um Sarajewo, die neben feldgeschützsicheren Betondecken bereits über Panzerkuppeln zum Schutz der Beobachtungsmittel und zumindest eines Teiles der Bewaffnung verfügten, leiteten das Ende der Ära der Plattformwerke in Bosnien und Dalmatien ein. Den südlichen Abschluss der Linie Pašino Brdo-Polygon-Weiße Bastion sollte ein Werk auf dem nördlichen Ausläufer des Trebevic, das spätere Werk I „Dragulac“, bilden. Aufgrund der knappen finanziellen Mittel konnte dieser Werksbau erst 1895 eingeleitet werden. Das Werk II "Vraca", fertig gestellt 1898, und das Werk III am Hum, vom Militär im Jahr 1899 übernommen, folgen (wie Dragulac) dem Schema Pašino Brdo als kompakte Gebirgspanzerwerke mit offen aufgestellter Fernkampfartillerie. Sarajewo war nunmehr von relativ modernen Befestigungsanlagen umgeben, verfügte allerdings über keine durchgehende Verteidigungslinie. Nur die Ostfront wies Ansätze einer Gürtelbefestigung auf.

Aufgrund der stützpunktartigen Befestigung kam der Sicherung der militärischen Einrichtungen innerhalb der Stadt eine große Bedeutung zu. An Stelle eines Noyaus trat zunächst die durch die osmanische Stadtmauer befestigte Altstadt von Sarajewo. Als Noyau bezeichnete man im 19. Jahrhundert den besonders geschützten, innersten Teil einer Festung. Es konnte die ganze zivile Stadt oder nur Stadtteile umfassen. Das Noyau sollte einerseits die wichtigsten Einrichtungen der Festung jederzeit – auch im Frieden – gegen Überfälle sichern. Andererseits bildete es eine zweite Verteidigungslinie, falls ein Angreifer durch die Gürtelbefestigung gestoßen wäre. Innerhalb derselben befanden sich die Kastellkaserne, ein Munitionsmagazin und ein Wasserhochbehälter der städtischen Wasserversorgung. Das Kastell hatte allerdings den großen Nachteil, dass es sowohl an der exponierten Ostseite lag, als auch unmittelbar in die Verteidigungslinie integriert war. Aus diesem Grund entstanden bereits ab 1882 neue Militärobjekte westlich der Stadt und im Koševo-Tal. Der Barracken Komplex beim Bahnhof wurde zu einem großen Defensionslager, später als Philippovic-Kaserne bezeichnet, ausgebaut. Dieses Defensionslager, das über zwei Flankierungsanlagen verfügte – die südwestliche war mit zwei 7-cm-Gebirgsgeschützen (Muster 1899) armiert –und vollständig sturmfrei (gegen ein handstreichartiges Eindringen eines Angreifers auch in Friedenszeiten gesichert; Anm.) war, fungierte nunmehr als Noyau. Hier befand sich auch das Kriegsmunitionsmagazin.

Die rechte Flanke des Werks IV am Pasino Brdo (Stand 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Die rechte Flanke des Werks IV am Pasino Brdo (Stand 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Skizze des Werks IV. (Grafik: Volker Pachauer)
Skizze des Werks IV. (Grafik: Volker Pachauer)
Frontseite mit Frontkoffer des Zwischenwerks "Zlatistje" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Frontseite mit Frontkoffer des Zwischenwerks "Zlatistje" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Grundriss des Zwischenwerks Zlatistje. (Grafik: Volker Pachauer)
Grundriss des Zwischenwerks Zlatistje. (Grafik: Volker Pachauer)

Ausbau und Erweiterungen 

Im Jahr 1906, in dem auch die Bosnische Ostbahn eröffnet wurde, erfolgten geringfügige Ergänzungen. Die lange Südfront zwischen den Werken I „Dragulac“ und II „Vraca“ wurde durch Einschieben der beiden Wachhäuser Bistrik und Palez verstärkt. Eine deutlich intensivierte Planungs- und Bautätigkeit zog die der Annexion Bosniens und der Herzegowina im Jahr 1908 folgende Krise nach sich. Als Reaktion auf die gespannte außenpolitische Situation sah ein erster Modernisierungsvorschlag aus dem Jahr 1908 die Rekonstruktion der bestehenden Werke um Sarajewo vor. In diesem vom General-Genieinspektor, Feldmarschallleutnant Ernst Freiherr von Leithner, ausgearbeiteten Entwurf sollten das Werk I mit einer Traditor-Batterie für zwei, das Werk IV mit zwei Traditor-Batterien für insgesamt vier 8-cm-Minimalschartenkanonen (Muster 1905) hinter Panzerschilden versehen werden. Unter Ausnutzung der vorhandenen Kuppeln für die bisher eingestellten 15-cm-Panzermörser (Muster 1880) forderte die 7. Abteilung im Kriegsministerium in Wien, sich dem Antrag des Festungskommandos anschließend, die neuen 10-cm-Panzerhaubitzen (Muster 1906) in diese einzulegen. Die zu adaptierende bestehende Befestigung sollte immerhin durch einen Neubau auf dem Trebevic ergänzt werden.

Diese Projekte wurden nicht umgesetzt, die Festung Sarajewo jedoch durch einige Neubauten verstärkt. Östlich des Werkes II unterstützte fortan das Zwischenwerk „Zlatistje“ die Südfront. Das lange Intervall zwischen Werk III und Werk IV nördlich der Stadt wurde durch das Wachhaus „Gradonj“ und den feldmäßigen Stützpunkt Koševo geschlossen. Diese Baumaßnahmen waren bis Ende der Bausaison 1909 abgeschlossen. Die zwischen der Weißen Bastion und dem Werk I „Dragulac“ projektierte Kula (=Wachhaus) „Ercedol“ wurde hingegen nicht ausgeführt. Sarajewo verfügte ab diesem Zeitpunkt über eine gürtelartige Befestigungslinie mit einer Gesamtlänge von knapp 18 Kilometern.

Eine deutlich umfassendere Modernisierung sah im Folgenden die 8. Abteilung des Kriegsministeriums vor. Sie schlug eine Beibehaltung der bestehenden Gürtelbefestigung als erweitertes Noyau bzw. innere Verteidigungslinie vor. An Stelle eines durchgehenden Festungsgürtels projektierte man eine Anzahl solitärer Befestigungen in Form von Werken und kleineren Werksgruppen, die eine vorgeschobene „Skelettbefestigung“ bilden sollten, da nur die strategisch bedeutendsten Punkte durch Werke gesichert waren. Diese sollten Sarajewo mit einer geringen Anzahl an Truppen bis zur vollständigen Mobilisierung schützen. Im Zuge der Ausrüstungsphase sollten die Intervalle durch Feldbefestigungen kontinuierlich verstärkt werden, bis zur Bildung einer durchgehenden Verteidigungslinie. Diese konnte schließlich durch die volle Kriegsbesatzung bezogen werden.

Bei der Festlegung der zu befestigenden Punkte orientierte sich die 8. Abteilung an einem dem General-Genieinspektor Franz Freiherr von Leithner vorgelegten Antrag der Geniedirektion Sarajewo. Für die Punkte „Vaganj“, „Glog“, „Orlic“, „Kote 647“ und „Percin“ sah man Werke mit einer Armierung von jeweils zwei 10-cm-Turmhaubitzen vor. Der Trebevic sollte mit einem gepanzerten Beobachtungsposten, armiert mit zwei 7-cm-Gebirgskanonen, besetzt, der Gipfel des Mojmilo mit einem Panzerwerk mit vier 10-cm-Turmhaubitzen gesichert werden. Zwei Gruppenbefestigungen auf Siljevina und Goropec-Gradina sollten ebenfalls jeweils vier Turmhaubitzen erhalten.

Hof mit Kehlbatterie des Werks II "Vraca" (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Hof mit Kehlbatterie des Werks II "Vraca" (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Das innere Tor des Werks "Vraca" südöstlich von Sarajewo (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Das innere Tor des Werks "Vraca" südöstlich von Sarajewo (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
"Fensterläden" des Werks II "Vraca" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
"Fensterläden" des Werks II "Vraca" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Panzermörserbatterie des Werks IV am Pasino Brdo (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Panzermörserbatterie des Werks IV am Pasino Brdo (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Mauerreste bei der linken Flanke des Werks I "Dragulac" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Mauerreste bei der linken Flanke des Werks I "Dragulac" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)

Planungen und Projekte bis Kriegsbeginn 1914 

Noch weitgreifender war das Projekt des General-Genieinspektors aus dem Jahr 1909. Sarajewo sollte durch insgesamt acht neue Panzerwerke und einen befestigten Beobachtungsposten am Trebevic gesichert werden. Die Fernkampfartillerie der Werke sollte aus jeweils vier 10-cm-Turmhaubitzen (Muster 1909) bestehen. Für die Werke „Glog“, „Siljevina“, „Vaganj“ und „Siljevo Brdo“ war zusätzlich eine Traditor-Batterie mit je zwei 8-cm-Minimalschartenkanonen (Muster 1905) angedacht, um an den exponiertesten Gürtelabschnitten eine höhere Feuerdichte zu generieren. Auch bei dieser Variante sollten die bestehenden Befestigungen erhalten bleiben und eine innere Verteidigungslinie bilden. Die Realisierung dieses weitgreifenden Projekts war mit den zur Verfügung stehenden Mitteln allerdings nicht realisierbar. Wieder einmal musste der Fokus auf die Verstärkung der Ostfront gelegt werden. Ab 1910 wurden erste Baumaßnahmen, konkret die Armierungsstraßen zu den Emplacements Siljevina und Glog, eingeleitet.

Unter dem Eindruck der Balkankriege 1912 und 1913 wurde für Sarajewo die vollständige Verteidigungsinstandsetzung befohlen. Die Gürtellinie wurde mit einer durchgehenden Linie von Stützpunkten und Schanzen versehen. Dies bedeutete aber auch den Baustopp bei Siljevina und vor allem bei Glog. Beide wurden als feldmäßige, mit Artillerie dotierte, Stützpunkte ausgebaut. Im Frühjahr 1914 legte der Armeeinspektor, Feldzeugmeister Oskar Potiorek, dem Kriegsministerium ein umfassendes Konzept für die fortifikatorische Sicherung Bosniens, der Herzegowina und des südlichen Dalmatien vor. Dieses sollte bis Ende der Bausaison 1916, also innerhalb von drei Jahren, umgesetzt werden. In seinem Programm forderte er die Modernisierung der Festung Sarajewo. Die bestehenden Befestigungsanlagen sollten im Status quo erhalten bleiben und analog den älteren Projekten eine innere Verteidigungslinie bilden. Auf den bereits mehrfach vorgeschlagenen Punkten Mojmilo und Orlic westlich der Stadt sollte jeweils ein Panzerwerk entstehen. Die Verkehrslinien, die Sarajewo im Osten mit Foca und Višegrad verbinden, sollten durch ein kompaktes Werk auf dem Trebevic und jeweils eine größere Befestigungsanlage auf Glog und Crepolsko gesichert werden.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte die Realisierung dieser Projekte. Auf allerhöchsten Befehl wurden am 27. Juli 1914 die festen Plätze im Okkupationsgebiet in den Kriegszustand versetzt und am 28. Juli 1914 (Erster Mobilmachungstag) mit den Ausrüstungsarbeiten begonnen. In den folgenden Monaten wurde um den bestehenden Festungsgürtel von Sarajewo eine vorgeschobene feldmäßige Befestigungslinie errichtet und besetzt. Trotz der serbischen und montenegrinischen Vorstöße in das östliche Bosnien im Herbst 1914 – am 25. September 1914 waren die montenegrinischen Spitzen nur mehr etwa einen Tagesmarsch entfernt – wurde die Festung Sarajewo während des gesamten Ersten Weltkrieges in keine Kampfhandlungen verwickelt.

DI Volker Pachauer ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Festungsforschung, Mitglied bei ICOFORT und ICOMOS Austria.

Der rechte Kehlpunkt des Wachhauses "Bistrik" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Der rechte Kehlpunkt des Wachhauses "Bistrik" (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Wachhaus in Gradonj nördlich der Stadt mit Maschkuli über dem Eingang (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Wachhaus in Gradonj nördlich der Stadt mit Maschkuli über dem Eingang (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Kehlseite des Wachhauses Palez (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Kehlseite des Wachhauses Palez (Stand: 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Die rechte Flanke des Zwischenwerks Polygon mit Kehlkoffer (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Die rechte Flanke des Zwischenwerks Polygon mit Kehlkoffer (Stand: 2018). (Foto: Volker Pachauer)
Zwischenwerk Polygon nordöstlich von Sarajewo (Stand 2011). (Foto: Volker Pachauer)
Zwischenwerk Polygon nordöstlich von Sarajewo (Stand 2011). (Foto: Volker Pachauer)
 

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