• Veröffentlichungsdatum: 17.08.2016
  • – Letztes Update: 18.08.2016

  • 9 Min -
  • 1859 Wörter

Kriegs- und Aufmarschpläne

Christian Ortner

(Foto: ancestry.de)

Für die Donaumonarchie ergab sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges sowohl aufgrund der geografischen Lage des Reiches und der politischen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Dilemma, gleich von mehreren potenziellen Gegnern umgeben zu sein. Das Zarenreich stellte mit dem Wiedererstarken nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 den gefährlichsten Gegner dar. 

Serie: Der Erste Weltkrieg in Europa

Neben Russland waren für die Planungen des k.u.k. Generalstabes vor allem der Balkan - Serbien und Montenegro - und zusätzlich noch Italien zu berücksichtigen. Das junge Königreich Rumänien war zwar vorerst durchaus bereit, sich militärisch an die Donaumonarchie bzw. das Deutsche Reich anzulehnen, andererseits dominierten letztlich auch in Bukarest nationale Fragen und Vereinigungsbestrebungen, die das von zahlreichen Rumänen bewohnte und zur ungarischen Reichshälfte zählende Siebenbürgen miteinbezog und somit einen politischen Gegensatz zur Donaumonarchie entstehen ließen. 

Flexible Planung

Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf (1852 - 1925) suchte den unterschiedlichen Bedrohungsszenarien, die in ihrer Gesamtheit das militärische Leistungspotenzial der Habsburgermonarchie bei weitem überstieg, durch eine flexible Aufmarschplanung zu begegnen. Zu diesem Zweck wurde die nach territorialem Prinzip aus 16 Korps bestehende k.u.k. Armee in drei Gruppen aufgeteilt. Die so genannte „A-Staffel“ sollte neun Korps mit rund 28 Infanterie- und zehn Kavalleriedivisionen umfassen und bildete damit das Gros. Sie war ausschließlich für den russischen Kriegsschauplatz oder gegen Italien vorgesehen. Daneben bestand die „Minimalgruppe Balkan“, welche die drei südöstlichen Korps mit acht Infanteriedivisionen umfasste und ausschließlich für den Balkankriegsschauplatz vorgesehen war.

Die verbleibenden Truppen, vier Korps mit zwölf Infanterie- und einer Kavalleriedivision, bildeten die B-Staffel, die das Element der „flexible response“ darzustellen hatte. Ihr Einsatz war je nach politischer Entwicklung flexibel, was sich bei einem ausschließlichen Krieg auf dem Balkan in einer Verstärkung der Minimalgruppe Balkan, in allen anderen Fällen einem Anschluss an die A-Staffel manifestieren sollte. Eine vierte Gruppe, die C-Staffel war vorerst zurückzubehalten. Für die einzelnen Kriegsfälle, die eine dem Kriegsschauplatz entsprechende Buchstabenkennung erhielten, also „R“ (Russland), „B“ (Balkan), „I“ (Italien) und „Ru“ (Rumänien), wurden nun jedes Jahr im Herbst die entsprechenden Aufmarschvarianten erarbeitet, für die dann bis ins Frühjahr die Transportplanungen des Eisenbahnbüros im Generalstab zu erstellen waren. Die Planungen hatten dann für das entsprechende Jahr Gültigkeit und wurden erst wieder im Herbst - sofern dies notwendig sein sollte - überarbeitet.

Mehrfrontenkrieg

Aufgrund der politischen Entwicklung spätestens ab der Annexionskrise von 1908/09 war mehr als deutlich geworden, dass es kaum zu einem einzelnen Kriegsfall kommen würde, sondern die k.u.k. Armee an zwei oder drei Kriegsschauplätzen entweder parallel, zeitlich hintereinander oder gestaffelt würde aufmarschieren müssen. Mit der Schaffung der Staffeln schien zumindest hinsichtlich der Verbände eine flexible Lösung gefunden. Viel schwieriger erwies sich jedoch die Flexibilisierung des Eisenbahntransportes der Truppenmassen. Diese wiederum orientierte sich an einer ersten politisch-militärischen Prioritätensetzung bei derartigen „kombinierten Szenarien“.

Der Thronfolger (rechts) wird in die Lage der Südwestfront eingewiesen. (Foto: Archiv Ortner)

So sollte bei einem Kriegsfall „R“ + „I“ der Hauptschlag vorerst gegen Italien geführt werden, bei „R“ + „B“ dagegen die Masse der Truppen gegen Russland aufmarschieren, bei „I“ + „B“ bestand die Möglichkeit auf beiden Kriegsschauplätzen von Anfang an offensiv zu werden. Trotz der genauen Planungen stießen die Eisenbahnfachoffiziere des Generalstabes bei der Kombination von Kriegsfällen an ihre Grenze, vor allem wenn es zu zeitlich verzögerten Auslösungen von Kriegsfällen kommen sollte. Dies wurde insbesondere hinsichtlich der Verwendung der B-Staffel schlagend, da sie - je nach Kriegsfall - für zwei diametral unterschiedliche Kriegsschauplätze vorgesehen werden konnte.

Dem russischen Kriegsschauplatz galt das Schwergewicht der Planungsarbeiten des Operationsbüros im Generalstab. Zum einen sollte dort die Masse der k.u.k. Streitkräfte zum Einsatz kommen, zum anderen ergaben sich aus der in nordöstlicher Richtung bogenförmig verlaufenden Grenzziehung Galiziens und der Bukowina auch noch Probleme hinsichtlich der militärischen Schwerpunktsetzung. Die zwischen Weichsel und Bug angenommenen schwächeren Kräfte sollten noch vor Erreichung ihrer Operationsbereitschaft durch einen rasch vorzunehmenden Nordstoß geschlagen oder zumindest zurückgedrängt werden, um einerseits eine eigene Umfassung in Westgalizien zu verhindern, andererseits den in Ostpreußen operierenden deutschen Bundesgenossen unterstützen zu können.

Marschierte das Gros der russischen Armeen jedoch an der Grenze Ostgaliziens bzw. der Bukowina auf, konnten die nahe der Grenze eingesetzten k.u.k. Verbände südlich umfasst werden. Nicht zuletzt aufgrund dieser Überlegungen kam es im März 1914 zu einer durch Conrad von Hötzendorf angeregten Abänderung des allgemeinen Aufmarschplanes.

Im Grunde genommen tappte man im k.u.k. Generalstab hinsichtlich der tatsächlichen russischen Absichten mehr oder weniger im Dunkeln. Lediglich die intensiven Bahnbauten östlich und nordöstlich Galiziens ließen mögliche Aufmarschräume erahnen. Wohl ausgehend von den durch den Generalstabsoberst Redl verratenen k.u.k. Aufmarschplänen suchte der russische Generalstab eine doppelte Umfassung der in Ost- und Westgalizien angenommenen k.u.k. Verbände. Dass dieses Unterfangen letztlich nicht gelungen ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass Conrad von Hötzendorf den tatsächlichen Aufmarsch im August 1914 rückverlegte. Der geplante Nord- oder Nordoststoß - auch ohne eine parallel laufende deutsche Offensive in südlicher Richtung in den Raum Siedlce - bildete aber weiterhin den Kernpunkt der Strategie Conrad von Hötzendorfs und wurde beibehalten.

Die Berücksichtigung deutscher Interessen macht deutlich, dass Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg im Osten in operativer Hinsicht gemeinsam oder zumindest in gegenseitiger Abstimmung zu führen hatten. Dabei war Conrad von Hötzendorf die deutsche Strategie, zuerst den Gegner im Westen auszuschalten und danach mit ganzer Kraft im Osten tätig zu werden, bekannt und wurde auch akzeptiert. Die k.u.k. Armee sollte zumindest für rund 40 Tage dem russischen Ansturm widerstehen und dabei möglichst starke feindliche Kräfte binden. Für Conrad von Hötzendorf blieb trotz der quantitativen Schwäche der deutschen Ostarmee eine parallele deutsche Offensive in südöstlicher Richtung (Siedlce) wünschenswert, um die eigene Front zu entlasten.

Schlechte Infrastruktur in den Frontabschnitten erschwerte die Versorgung der Truppen. (Foto: Archiv Ortner)

Der Balkan

Für den Krieg gegen Serbien (und Montenegro) war mit dem Kriegsfall „B“ gleichfalls ein entsprechender Aufmarschplan vorhanden, der hinsichtlich der politischen bzw. gesamtstrategischen Rahmenbedingungen entweder von einem isolierten Konflikt auf dem Balkan ausging oder mit dem Kriegsfall „R“ einen Zweifrontenkrieg auf dem Balkan und gegen Russland als Ausgangsbasis annahm. Der bedeutende Unterschied der beiden Szenarien manifestierte sich darin, dass im von Conrad von Hötzendorf kreierten „elastischen“ Aufmarsch beim Kriegsfall „R“ - wie oben dargestellt - das Gros der eigenen Kräfte (A- und B-Staffel) gegen Russland aufzumarschieren hatte, während im ausschließlichen Fall „B“ nicht einmal sämtliche Truppen mobilisiert werden mussten.

Dies bedeutete also für den Kriegsfall „R“ den Aufmarsch lediglich der „Minimalgruppe Balkan“ gegenüber Serbien und Montenegro. Sie hatte sich in diesem Szenario defensiv zu verhalten, während sie im zweiten Fall (Kriegsfall „B“) durch die B-Staffel zu verstärken war und offensiv ausgerichtet wurde. Von entscheidender Bedeutung für den „flexiblen“ Aufmarsch (Einsatz der B-Staffel) war jedoch auch die Fähigkeit, die diesbezüglichen Eisenbahnplanungen auch flexibel zu gestalten, d. h. einen etwaigen Wechsel bzw. ein Ineinanderübergehen der einzelnen Kriegsfälle zu ermöglichen.

Conrad von Hötzendorf, der sich der Gefahr eines Zweifrontenkrieges gerade in Zusammenhang mit dem Balkan mehr als bewusst war, hatte dem Eisenbahnbüro des Generalstabes 1908/09 Anweisung erteilt, hinsichtlich des Aufmarsches ein Umschwenken des „flexiblen“ (B-Staffel) Teiles der Armee vom Balkan auf den nordöstlichen Kriegsschauplatz zu planen, wobei dies auch aus der Aufmarschbewegung heraus möglich sein sollte. Die Ausarbeitung dieser Frage erfolgte jedoch nicht. Nachdem die Korps der B-Staffel in der allgemeinen Aufmarschweisung ohnehin zuletzt abtransportiert werden sollten, glaubte man bis zu diesem Zeitpunkt schon die definitive Entscheidung hinsichtlich der geplanten Verwendung getroffen zu haben.

Dies hatte zur Folge, dass nach der Anordnung der Teilmobilisierung gemäß Kriegsfall „B“ in den Abendstunden des 25. Juli mit dem 28. Juli als erstem Mobilisierungstag die ersten Truppenkontingente der B-Staffel sowie der „Minimalgruppe Balkan“, erweitert durch ein als Reserve gedachtes Korps (III.), das eigentlich zur A-Staffel zählte, Richtung Balkan rollten. Als am 31. Juli 1914 die allgemeine Mobilisierung angeordnet (Erster Mobilisierungstag 4. August) und damit der Kriegsfall „R“ schlagend wurde, hätte eigentlich ein Umschwenken der B-Staffel auf den nördlichen Kriegsschauplatz erfolgen müssen; man ließ sie jedoch auf den Balkan auslaufen.

Operationsplanung beim Stab eines k.u.k Korps. (Foto: Archiv Ortner)

Hinsichtlich der gedachten Operationsführung gegenüber Serbien stammen die wichtigsten Leitgedanken aus der Zeit vor 1911, berücksichtigten also die maßgeblichen militärischen Konsequenzen der beiden Balkankriege 1912/13 nicht ausreichend. Die beiden sich für den Krieg gegen Serbien anbietenden Angriffsvarianten lagen zum einen in einem an der unteren Drina und an der Save erfolgenden Zangenangriff, der entweder eine bereits an der Grenze aufmarschierte serbische Armee stellen und schlagen bzw. den als besonders fruchtbar geltenden und als Kornkammer Serbiens bekannten Landstrich, die Macva, in Besitz nehmen sollte. Zum anderen ergab sich die Möglichkeit, mit Masse an der Südgrenze aufzumarschieren, über die Donau überzusetzen und - nach einer etwaigen Inbesitznahme Belgrads - durch das Kolubara- bzw. Moravatal südwärts zu stoßen, um gemeinsam mit einer Offensive an der unteren Drina sowohl im Westen als auch in die Tiefe Serbiens (v. a. auf das Rüstungszentrum im Raum Kragujevac) vorzudringen.

Der letzte Ansatz erforderte jedoch, da dann auch noch die Deckung Bosniens, insbesondere Sarajewos, ins Kalkül gezogen werden musste, erheblich mehr Kräfte, als man mit der „Minimalgruppe Balkan“ vorgesehen hatte und wurde daher wieder zurückgestellt. Bei einem Kriegsspiel im Jahre 1910 war die Sinnhaftigkeit eines Zangenangriffes in der Macva als gering beurteilt worden, zumal die Wegverhältnisse bedeutend ungünstiger, zahlreiche Flüsse und Gebirgsketten frontal zu überwinden und daher für den Gegner leicht zu verteidigen waren, während der Übergang über die Donau an beiden Seiten Belgrads entlang des Kolubara- und Moravatales nicht nur im bedeutend günstigeren Gelände lag, sondern gleichfalls auch ein Abschneiden der im Westen stehenden serbischen Kräfte von ihren Versorgungspunkten mit sich bringen konnte.

Trotz eindeutiger negativer Beurteilung blieb die „kleine“ Variante, die Zangenbewegung im Nordwesten Serbiens, als Operationsplan weiterhin bestehen, wobei man dadurch auch einem etwaigen serbischen Einfall nach Bosnien entgegenwirken wollte. Die operativen Überlegungen der Serben gingen von einem Angriff Österreich-Ungarns in der wohl bereits als „historisch habsburgisch“ zu bezeichnenden Nord-Süd-Achse aus, sodass sich daraus ein Abwehrschwergewicht beiderseits Belgrads, also zwischen Kolubara und Morava ergab.

Kriegsschauplatz Italien

Aufgrund der geografischen Verhältnisse auf dem potenziellen italienischen Kriegsschauplatz ergaben sich - angelehnt an die Grenzziehung - grundsätzlich drei Operationsräume: Der Tiroler Raum mit dem weit nach Süden vorspringenden Trentino, der Karnische Kamm sowie das Grenzgebiet am Isonzo. Hinsichtlich der Aufmarschplanungen waren auch für den Kriegsfall „I“ mögliche Kombinationen mit anderen Kriegsfällen zu berücksichtigen.

Die letzte, für 1914 gültige Aufmarschanweisung sah grundsätzlich mehrere Varianten vor, die insofern interessant erschienen, als bei einem gleichzeitig ablaufenden Kriegsfall „B“ zuerst Serbien/Montenegro angegriffen und daher mit starken Kräften zu dotieren gewesen wären; bei einem gleichzeitigen Kriegsfall „R“ sollte dagegen zuerst Italien ausgeschaltet werden, wohingegen gegenüber Russland vorerst nur schwächere Deckungsgruppen zu verbleiben hätten.

Dementsprechend wurde zwischen einem Maximalfall „I“, d. h. lediglich Krieg in Italien, und mehreren Minimalfällen „I“ unterschieden. Vorrangig hinsichtlich der Operationsplanung wurde von Conrad von Hötzendorf angesehen, in Tirol, abgestützt auf die dortigen Sperrwerke, sowie an der Kärntner Grenze lediglich defensiv zu bleiben und am Isonzo in allgemeiner Richtung Westen anzugreifen.

Auf einen Blick

Die österreichisch-ungarischen Aufmarschpläne waren im Vergleich zu den übrigen europäischen Staaten sicherlich von besonderer Komplexität geprägt. Mit wenigen Ausnahmen fast ausschließlich von potenziellen Gegnern umgeben, waren die k.u.k. Streitkräfte definitiv nicht in der Lage, auf alle politischen Entwicklungen militärisch reagieren zu können. Um dennoch mit den unterschiedlichen Bedrohungsszenarien umgehen zu können, erfolgte die Staffelgliederung der gesamten bewaffneten Macht. Diese Flexibilisierung der Aufmarschvarianten sollte zwar für jede politische Eventualität einen maßgeschneiderten Kräfteansatz ermöglichen, benötigte jedoch hinsichtlich der transportspezifischen Gegebenheiten einerseits entsprechende Vorlaufzeiten, andererseits rechtzeitige politische Entscheidungen. Dass genau diese Entscheidungen dann nicht rasch erfolgen bzw. Rahmenbedingungen sich auch ändern konnten, zeigte schließlich die Julikrise 1914. 

Oberst dhmfD Hofrat Mag. Dr. Ortner ist Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums.

 

Ihre Meinung

Meinungen (1)

  • Stefan // 02.07.2017, 20:49 Uhr Kurz Prägnant Korrekt

    Sehr guter Artikel!! Danke