• Veröffentlichungsdatum: 31.08.2021
  • – Letztes Update: 02.09.2021

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Gardesoldat startet Hilfsaktion

Gerold Keusch

Am 24. Juni 2021 fegt ein Tornado nahe der österreichischen Grenze über mehrere tschechische Gemeinden. Die Bilder der betroffenen Orte zeigen ein Bild der Verwüstung, das man in dieser Dimension in Mitteleuropa noch nicht kannte. Die Schicksale der Menschen und die Nähe zu Österreich machen viele betroffen. Für Offiziersstellvertreter Jürgen Kreuzer ist das die Motivation für eine außergewöhnliche Hilfsaktion.

„Meine Schwiegermutter kommt aus dem betroffenen Gebiet. Da es diese Verbindung in das Katastrophengebiet gibt, hatte meine Lebensgefährtin am Tag nach dem Tornado die Idee, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen. Es sollte nur eine kleine Sache werden, da uns die Bilder geschockt haben und betroffen machten“, erklärt Kreuzer. Am 25. Juni postet er auf seiner Facebook-Seite, dass er in den nächsten Tagen in das betroffene Gebiet fahren werde, um Sachspenden an die Opfer der Naturkatastrophe zu übergeben. Im Zuge dessen bittet er um Geschirr, Bettwäsche, Hygieneartikel, Kleidung und andere Haushaltsgegenstände.

Unerwartete Hilfsbereitschaft 

Am gleichen Tag postet der „Verein der Gardekameradschaft“ auf seiner Facebook-Seite über die Hilfsaktion des Offiziersstellvertreters. Am Ende des Textes, der über die benötigten Waren sowie Abgabestellen in Klosterneuburg und Wien informiert, folgte die Aufforderung, dass dieser Post geteilt werden soll. Nun beginnt eine Dynamik, mit der Kreuzer nicht gerechnet hätte. 422 Mal wird der Post auf seiner Facebook-Seite geteilt, 793 Mal jener des „Vereins der Gardekameradschaft“. Und auch der Pressesprecher des BMLV, Oberst Michael Bauer, twitterte auf seinem Account, um auf die Aktion aufmerksam zu machen. „Ab diesem Zeitpunkt bekam ich mehr E-Mails als ich beantworten konnte, weil die Hilfsbereitschaft so groß war. Schließlich berichteten sogar reichweitenstarke Medien über die Aktion, was zu weiteren Anfragen führte“, schildert Kreuzer.

Aufgrund der unerwarteten Eigendynamik war die Hilfsaktion nicht mehr alleine zu bewerkstelligen. Hier machte sich die gute Kameradschaft innerhalb der Garde bezahlt. „Zwei Kameraden haben mich in ihrer Freizeit unterstützt und zwei LKW organisiert. Der Bürgermeister von Klosterneuburg überließ uns die ehemalige Magdeburgkaserne als Lager- und Umschlagplatz.“ Aber nicht nur Kameraden, auch Freunde helfen dem Offiziersstellvertreter, der als Dienstführender Unteroffizier in der 4. Gardekompanie dient. Ein Freund organisiert und betreibt eine Sammelstelle im Waldviertel, ein anderer stellt den LKW seines Unternehmens zur Verfügung, wieder andere helfen beim Verladen, begleiten den Transport und laden die Güter in Tschechien aus. Mehr als 50 Personen sind an der gesamten Aktion beteiligt und helfen Kreuzer.

Am frühen Nachmittag des 2. Juli verlegt der Konvoi mit den Hilfsgüter nach Breclav (Tschechien). Noch kurz vor der Abfahrt nehmen Kreuzer und sein Team unzählige Sachspenden entgegen. In Breclav wartet eine Kontaktperson bei einer Lagerhalle. Mehr als 100 m³ Hilfsgüter werden abgeladen, sortiert und auf Paletten geschlichtet. Danach werden sie an die Bedürftigen vor Ort geliefert und verteilt. Am 2. Juli kommt auch ein Bus mit Hilfsgütern aus dem Burgenland nach Tschechien. Verantwortlich dafür ist der Militärdekan des Burgenlandes, Alexander Wessely. Er ist ein wichtiger Unterstützer der Aktion, sammelt Sachspenden in seinem Bundesland und organisiert – über die christlichen Konfessionsgrenzen hinweg – die mobile Kirche der evangelischen Jugend, die diese Aktion ebenfalls unterstützt. Die mobile Kirche blieb zwei Wochen in Moravská Nová Ves, da das dortige Gotteshaus durch die Tornadoschäden nicht benutzt werden konnte.
 

Private Aktion mit militärischem Know-how

Kreuzers Engagement fand als Privatperson in seiner Freizeit statt. Das gilt auch für seine Helfer, die beim Bundesheer dienen. Die offizielle Unterstützung von Stellen des Bundesheeres beschränkte sich auf die Medienarbeit in den Social-Media-Kanälen, dem teilweisen Nutzen der militärischen Infrastruktur für die Sammelstellen vor der Maria-Theresien-Kaserne (Wien) und der Martinskaserne (Eisenstadt) sowie dem kurzfristigen Lagern und Umschlagen der Hilfsgüter. Dennoch: Das logistische Know-how und die damit verbundene Organisationskompetenz, erwarb der Offiziersstellvertreter beim Bundesheer. Schließlich ist es als „Spieß“ seine Aufgabe die Versorgungsgruppe der Kompanie zu führen – also zu Organisieren und lösungsorientiert in Strukturen zu denken.

Von der Dimension der Spendenaktion und der Hilfsbereitschaft und Unterstützung ist Kreuzer noch immer überwältigt. „Aus einer kleinen Aktion mit vielleicht einem Kleinbus an Hilfsgütern wurde eine große Aktion mit drei Lieferwägen, drei LKW, zwei Kombis und der mobilen Kirche, mit dem ebenfalls Güter transportiert wurden“, blickt der Berufssoldat auf die Aktion zurück, die unter anderem von DB Schenker, Starkl Tulln, Eier Schrall und der Tullner Feuerwehr unterstützt wurde. Eine permanente Hilfsorganisation möchte er aber nicht ins Leben rufen. Der Kontakt mit den Stellen vor Ort soll aber bestehen bleiben, und unter Umständen wird die Aktion im Herbst fortgesetzt, falls es noch Bedarf geben sollte. Für sein Engagement wurde dem Offiziersstellvertreter das Martinskreuz von Militärdekan Alexander Wessely verliehen. Mit dieser Auszeichnung werden besondere Verdienste und außergewöhnliche Leistungen um die Militärpfarre, aber auch besonderes soziales Engagement honoriert. Und das ist diese Aktion jedenfalls.

Hofrat Gerold Keusch, BA MA ist Leiter Online-Medien beim TRUPPENDIENST.

 

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