• Veröffentlichungsdatum: 15.02.2021
  • – Letztes Update: 16.02.2021

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Einsatz im Jahrhundertwinter

Mario Rauchenbichler

(Foto: Archiv Rauchenbichler)
(Foto: Archiv Rauchenbichler)

Der Winter 1928/29 ging als Kälterekord in die Geschichte Europas ein. Kein anderer brachte während des 20. Jahrhunderts derart tiefe Temperaturen mit sich. Daraus resultierten vielerlei Gefahren: Flüsse froren zu und es drohten Überschwemmungen: Die Kälte setzte der gesamten Bevölkerung zu, vor allem den ärmeren Schichten. Das Österreichische Bundesheer hatte in diesen Monaten mehrfach die Gelegenheit, der in Mitleidenschaft gezogenen Bevölkerung zu helfen.

Bereits im Herbst 1928 kündigte sich ein rascher Übergang zu tiefen Temperaturen an, die Anfang Dezember zu erhöhtem Schneefall führten. Mitte Dezember setzte ein Wechsel zwischen Tauwetter und Frost ein, der für eine Zunahme bzw. Abnahme der Schnee- und Eisdecken verantwortlich war. Im Vergleich zu einem durchschnittlichen Winter verlief der Dezember 1928 im Donaugebiet mäßig feucht, während er in Westösterreich etwas kühler, im Osten etwas wärmer war.

Mit Beginn des Jahres 1929 setzte jedoch eine intensive Kälteperiode ein, deren Dauer und Intensität nicht mit den vorangegangenen Wintern vergleichbar war. Die Temperaturen lagen im Jänner fast gänzlich im Minusbereich. Im Grazer Becken wurden am 11. Jänner zwischen -11° und -16° Celsius gemessen. Tamsweg im Lungau verzeichnete am 12. Jänner eine Rekordtemperatur von -31,8°C. Zusätzlich zum Dauerfrost gab es eine überdurchschnittliche Niederschlagsmenge. Die Wetterkombination führte zu einem Anwachsen der Schneedecke, die in weiterer Folge eine stark vereiste Oberfläche aufwies. Als ab Ende Jänner eine Kaltfront aus Osteuropa über Österreich hereinbrach, konnte man am 11. Februar 1929 Rekordtemperaturen im Land messen: Wien verzeichnete -25,8°C, Gmünd -35,1°C und Zwettl sogar -37,2°C. An der südsteirischen Grenze zeigten die Temperaturmessungen am 5. Februar auf der zugefrorenen Mur bei Ehrenhausen -34° Celsius an, im Ort Ehrenhausen waren es -25°C. Nach einer kurzen Periode der Temperaturzunahme Richtung Gefrierpunkt, senkten sich die Temperaturen Ende Februar abermals auf Rekordtiefstände. Mit 6,5°C im Westen, 7,3°C im Süden und 9°C im Osten Österreichs war der Februar 1929 weit unter dem langjährigen Durchschnitt.

Die Donau - Wasserstand- und Eisverhältnisse

Die geschilderten meteorologischen Ereignisse ließen die Wasserstände der österreichischen Flüsse im Dezember 1928 ständig fallen. Zum Jahreswechsel brachte die einsetzende Schneeschmelze zudem erstes Eistreiben sowie Eisrinnen. Im Jänner führte der Frost zu einem erneuten Rückgang der Wasserstände, Anfang Februar begann das Eistreiben auf den Flüssen erneut. Aufgrund des Aufstauens von Eis auf der Donau, machte sich ab dem 4. Februar ein Eisstoß ab der Staatsgrenze bemerkbar. Innerhalb weniger Tage war die Donau bis in die Wachau zugefroren und hatte eine Eisdecke zwischen 30 und 160 cm. Die Eismassen stauten sich immer höher und drohten Straßen und Bahnlinien in Ufernähe zu unterbrechen. In der ersten Märzwoche beruhigte sich die Situation merkbar. Auch in Westösterreich entspannte sich die Hochwassergefahr, da der Inn-Eisstoß abgegangen war. Österreich hatte in diesen Wochen das Glück, dass die tiefen Temperaturen nur sehr langsam in den wärmeren Bereich kletterten. Dadurch schmolz der Eisstoß langsam, aber stetig und auch der Wasserstand der Donau stieg behutsam an. Das Abschmelzen der riesigen Eismassen in Verbindung mit einem sehr niedrigen Pegelstand der Donau wendete die Gefahr von großflächigen Überschwemmungen ab.

Eisstoss unter der Reichsbrücke in Wien 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Eisstoss unter der Reichsbrücke in Wien 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Die Eislandschaft bei der Reichsbrücke im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Die Eislandschaft bei der Reichsbrücke im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Eisstoss in Wien 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Eisstoss in Wien 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Die Hauptstadt Wien im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Die Hauptstadt Wien im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Wiener Spaziergänger bei der Nussdorfer Schleuse in Wien im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Wiener Spaziergänger bei der Nussdorfer Schleuse in Wien im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Eisstoss in Wien 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Eisstoss in Wien 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)

Das Bundesheer im Winter 1928/29

Der eisige Winter 1928/29 führte zu einer langen Liste an Assistenzeinsätze des Bundesheers. Neben der Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur (Flusskraftwerke, Brücken, Bahn- und Straßenverkehrslinien) wurde die Versorgung der Bevölkerung mit Kohle und Lebensmittel sichergestellt. Nicht nur die hohe Anzahl von Assistenzleistungen ist bemerkenswert, auch die lange Dauer des Winters war ungewöhnlich, so fand der letzte Einsatz aufgrund eines Eisstoßes am 22. März 1929 statt. Im Zeitraum des 28. Dezember 1928 bis 22. März 1929 rückten die Truppen zu insgesamt 31 Assistenzeinsätzen aus, die sich zum Teil über mehrere Tage erstreckten. Waren es im Dezember 1928 noch ein Einsatz und im Jänner 1929 zwei Einsätze, wurden im Februar 1929 insgesamt 23 Assistenzleistungen erbracht. Im März 1929 beruhigte sich die Lage, das Bundesheer rückte zu fünf Einsätzen aus. Nach Bundesländern gegliedert fanden 18 dieser Einsätze in Niederösterreich, Wien und dem Burgenland, sieben in der Steiermark, drei in Kärnten, zwei in Oberösterreich und einer in Tirol statt. Zusätzlich wurde die Versorgung der kälteleidenden Zivilbevölkerung mit heißem Tee sichergestellt. Alleine in der Bundeshauptstadt Wien waren über mehrere Tage hinweg jeweils 200 Mann mit der Verteilung von insgesamt 100.000 Portionen Tee betraut.

Assistenzleistungen in der Steiermark

Infolge der großen Kälte bildete sich im Jänner ein großer Eisstoß auf der Feistritz bei Anger, der das Flussbett um zwei Meter verbreitete und das aufgestaute Wasser zum Überlaufen brachte. Eine Assistenzabteilung des Pionierbataillons Nr. 5 aus Graz wurde nach Anger entsandt, um die Eismassen zu bekämpfen. Im Zeitraum von 12. bis 16. Jänner 1929 arbeiteten ein Offizier und 20 Pioniere, die später durch 100 Zivilarbeiter verstärkt wurden, an der Bekämpfung der Eisdecke. Die Zerstörung war enorm: zwei Quadratkilometer Ufergelände wurden überschwemmt, zahlreiche Häuser mussten evakuiert werden. Während der mehrtägigen Arbeiten sprengten die Pioniere unter anderem eine Rinne, die das Wasser der Feistritz zurück in ihr ehemaliges Flussbett leitete. Die körperlich herausfordernde Leistung der Grazer Pioniere fand im Kalender „Der Kriegs-Kamerad 1930“ lobende Anerkennung: „Sie (die Truppen des Bundesheeres, Anm.) verrichteten wahre Heldentaten, wie z.B. die Grazer Pioniere, die bei Anger im eisigen Wasser der Feistritz angeseilt stundenlang ausharrten, um die Eisstoßgefahren zu beseitigen.

Die Umgebung des Ortes Kalsdorf, südlich von Graz war in jenen Tagen ein besonderer Kältepol und bedurfte besonderer Assistenzleistungen des Grazer Pionierbataillons Nr. 5. Anfang Februar hatte sich ein Eisstoß beim Mühlgang in Groß-Sulz bei Kalsdorf gebildet, der bereits zu Überschwemmungen geführt hatte und in weiterer Folge die Ortschaft zu überfluten drohte. Auf Ersuchen der steirischen Landesregierung traf am 5. Februar eine Assistenzabteilung des Pionierbataillons Nr. 5 ein, um die aufgestauten Eismassen zu beseitigten. Der betroffene Mühlgang war auf einer Länge von 1.500 m eingefroren und die 15-köpfige Assistenzabteilung begann unverzüglich mit den Vorbereitungsarbeiten für die Sprengungen. Unterstützung erhielt das ÖBH von der Zivilbevölkerung. Doch schon am 12. Februar musste erneut eine Pionierabteilung nach Kalsdorf bzw. Wagnitz bei Feldkirchen befohlen werden, da derselbe Mühlgang an einer anderen Stelle erneut zugefroren war. Ein Sprengdetachement in der Stärke von vier Pionieren entfernte erfolgreich die bedrohliche Eisdecke. In einer weiteren Pionierassistenz des Pionierbataillon Nr. 5 mit neun Pionieren gelang es von 18. Februar bis 25. Februar, den Mühlgang gänzlich vom Eis zu befreien. Dadurch wurde nicht nur der Betrieb des E-Werkes gewährleistet, sondern auch die Gefahr von Überschwemmungen beseitigt.

Die vereiste Mur in Leoben vor der Sprengung. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Die vereiste Mur in Leoben vor der Sprengung. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Sprengung in Leoben im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)
Sprengung in Leoben im Februar 1929. (Foto: Archiv Rauchenbichler)

 

In Leoben spitzte sich die Lage im Laufe des 14. Februar bedrohlich zu. Die zunehmende Zahl an Eisschollen erhöhte die Gefahr von Überschwemmungen. Daher wurden die Anwohner entlang der Mur auf die Hochwassergefahr aufmerksam gemacht. Von der Wehr des Elektrizitätswerks Krempl bis zur Gösser Brücke war der Fluss komplett zugefroren. Der Pegel der Mur stieg auf drei Meter über den Normalstand an und war bereits auf derselben Höhe wie der Kai. Als einzelne Keller der angrenzenden Gebäude unter Wasser standen, ordnete der Bürgermeister die Evakuierung der betroffenen Häuser an und suchte um die Beistellung einer Pionierabteilung aus Graz an.

Am 15. Februar 1929 eilte ein Detachement des Pionierbataillons Nr. 5 in der Stärke von 30 Pionieren gemeinsam mit 20 Infanteriepionieren des AJR Nr. 10 von Graz nach Leoben, um die dortige Eisdecke zu sprengen. Die Soldaten unter dem Kommando von Major Kraniak begannen um 10:30 Uhr mit den Sprengungen in der Nähe der Waasenbrücke und des Schwammerlturmes. An den Ufern der Mur versammelte sich eine große Menschenmenge, um die Explosionen zu verfolgen. Der Einsatzplan sah vor, das Eis auf einer Strecke von drei Kilometern innerhalb von acht Tagen zu beseitigen. Rasch konnte eine Rinne ins Eis gesprengt werden, die den gefahrlosen Abfluss des Wassers ermöglichte, wodurch ein Eisstau verhindert und drohende Überschwemmungen abgewendet wurden.

Bereits am 16. Februar mussten die Infanteriepioniere des AJR Nr. 10 auf Anforderung der Landesregierung nach Bruck an der Mur, da der dortige Eisstoss das E-Werk bedrohte. Dazu kamen die Eismassen, welche sich nach der Sprengung in Leoben in Richtung Bruck bewegten. Die Pioniere in der Stärke von einem Offizier und 20 Mann ermöglichten durch die Sprengung des Eises die Aufrechterhaltung des Betriebes innerhalb kurzer Zeit. „Die Sprengarbeiten unter Major Kraniak machten schnellere Fortschritte als man allgemein annahm. Schon bei der ersten Sprengung wurden riesige Blöcke Eis losgerissen. Auch die folgenden Sprengungen zeigten gute Erfolge“, schrieb das Grazer Tagblatt am 16. Februar 1929.

Fazit

Der Assistenzeinsatz im Winter 1928/29 zeigt, dass bereits das Bundesheer der Ersten Republik bei Wetterkapriolen zum Einsatz kam. Auch, wenn die Katastrophenhilfe nicht die eigentliche Kernkompetenz des ÖBH ist, wird durch das historische Beispiel deutlich, dass Katastrophen bzw. Krisen häufig nur durch militärische Kräfte und adaptiertes militärisches Know-how bewältigt werden können.

Mag. Mario Rauchenbichler ist Gymnasialprofessor, Historiker und Milizoffizier.

Überblick über die Assistenzleistungen des Bundesheeres (1918 bis 1938) aus der unveröffentlichten Dissertation von Anton Zettel (1989):

Datum

Assistenz

Einsatz

28. Dezember 1928
Vereinigte Brückenzüge Krems
Eisstoß im Kremsfluss
Jänner 1929
Vereinigte Brückenzüge Krems
Erdrutsch im Alauntal bei Krems
12. Jänner 1929
Pionierbataillon Nr. 5
Eisstoß Feistritz bei Anger
5. Februar 1929
Pionierbataillon Nr. 5
Eisstoß Kalsdorf/Groß-Sulz
12. Februar 1929
Pionierbataillon Nr. 5
Eisstoß Wagnitz bei Feldkirchen/Kalsdorf
18. Februar 1929
Pionierbataillon Nr. 5
Eisstoß Werndorf/Kalsdorf
26. bis 29. Jänner 1929
FJB zu Rad Nr. 5
Schneeräumung Bahnhof Villach
12. bis 13. Februar 1929
1. Pionierbataillon Nr. 6
Eisstoß E-Werk Gurk bei Klagenfurt
Februar 1929
2. Pionierbataillon Nr. 6 und Telegrafenzug AJB Nr. 3
Eisstoß Salzbach bei Hallein und Golling
10. bis 11. Februar 1929
Assistenzabteilung AJR Nr. 8
Vereisung E-Werk Wels
12. Februar 1929
IR Nr. 5
Schneeverwehung Eisenbahnstrecke
Mitte Februar 1929
Teile IR Nr. 2, 3, 4 und 5
Aufrechterhaltung des Bahnverkehres in Parndorf sowie Wien-Hütteldorf
13. Februar 1929
IR Nr. 6
Bergung der Rollfähren in Melk, Weissenkirchen und Spitz
15. Februar 1929
FJB zu Rad Nr. 1
Schneeverwehung Pottendorfer Bahnhof
15. Februar 1929
Pionierbataillon Nr. 5
Eissprengung Leoben
16. Februar 1929
III./IR Nr. 6
Bergung der Landungsbrücke Grafenwörth
18. Februar 1929
AJR Nr. 10
Vereisung E-Werk Bruck an der Mur
16. bis 19. Februar 1929
AJR Nr. 9
Schneeverwehung Bahnhof Graz
Februar 1929
Wiener Neustädter Assistenzabteilung
Schneeverwehung von Eisenbahnbrücken und Bahnhöfen im Umkreis
20. Februar 1929
FJB zu Rad Nr. 1
Eissprengung Triesting bei Teesdorf
16. Februar 1929
AJR Nr. 12
Eissprengung Stillkanal in Innsbruck
21. Februar 1929
FJB zu Rad Nr. 1
Straßensäuberung Müllendorf - Hornstein - Wimpassing
23. Februar 1929
Orstkommando Melk
Bergung der Schiffsbrücke in Melk
22. Februar bis Anfang März 1929
1. Pionierbataillon Nr. 6
Draubrücken bei Rotenthurn und Lavamünd vor Eisschäden bewahrt
28. Februar bis 2. März 1929
IR 1, FJB zu Rad Nr. 1, IR Nr. 2, selbstständiges Artillerieregiment
Sicherstellung des Eisenbahnverkehrs
Ende Februar 1929
Vereinigte Brückenzüge Krems
Bergung der Rollfähren in Arnsdorf, St. Lorenzen, Grafenwörth-Traismauer
9. März 1929
Garnison Wr. Neustadt
Überflutung des Flugfeldes und umliegender Häuser
12. März 1929
Vereinigte Brückenzüge sowie Telegraphenkompanie
Eisstauung im Raum Zwentendorf-Altenwörth
18. März 1929
FJB zu Rad Nr. 3
Hochwasser und Eistreiben beim E-Werk Korneuburg
20. März 1929
II./AJR Nr. 8
Bergrutsch in Schalchen in Mattighofen
22. März 1929
Vereinigte Brückenzüge
Eisstoß im Kamptal

 

 

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