• Veröffentlichungsdatum: 14.03.2018

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Der "fliegende Sanitätsdienst"

Wolfgang Jany

(Foto: Wolfgang Jany)
(Foto: Wolfgang Jany)

Bei einem Unfall im Auslandseinsatz hat der österreichische Soldat die gleichen Heilungschancen wie sein inländischer Kamerad. Möglich macht das der taktische strategische Patientenlufttransport (Aeromedical Evacuation). Die Aeromedical Crew mit der C-130 "Hercules" sind das fliegende Glied in der Rettungskette.

Das Österreichische Bundesheer (ÖBH) rettet mittels Patientenlufttransport sowohl verletzte und erkrankte Militärpersonen als auch Zivilpersonen aus dem In- und Ausland. Bis 2010 wurden die Einsätze von Kräften des ÖBH nur im Inland durchgeführt, für die internationalen Transporte wurde auf zivile Anbieter zurückgegriffen. Mit der Inbetriebnahme des Medical Evacuation Containers (MEDEVAC-Container) im Jahr 2010 für die Transportmaschine C-130 „Hercules“ wurde der internationale Transport in die Eigenverantwortung des ÖBH übernommen. Die Kosten der Anschaffung amortisierten sich rasch durch den Wegfall der bis dahin benötigten zivilen Anbieter. Soldaten gehen für das ÖBH in Auslandseinsätze. Aufgrund der steigenden Einsatzzahl ist mit einem vermehrten Patientenaufkommen zu rechnen. Dazu ist ein Pool an qualifiziertem medizinischem Personal notwendig.

Derzeit ist die Ausbildung für den Patientenlufttransport durch das Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, Verordnung 401, Militärluftfahrtpersonalverordnung 2012 sowie das Curriculum für den Lehrgang „Taktischer und strategischer Patientenlufttransport (Aeromedical Evacuation)“ geregelt. Nach Auskunft der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule im Juli 2016 haben seit dem Ankauf des MEDE VAC-Containers 33 österreichische Soldaten die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Diese waren bisher 73 Mal im Einsatz.

Voraussetzungen für die Ausbildung

Die flugphysiologische Ausbildung in Königsbrück (Deutschland) beinhaltet eine Sauerstoffmangeldemonstration in der Höhen-Klima-Simulationskammer und eine Unterdruckkammerfahrt. (Foto: Wolfgang Jany)
Die flugphysiologische Ausbildung in Königsbrück (Deutschland) beinhaltet eine Sauerstoffmangeldemonstration in der Höhen-Klima-Simulationskammer und eine Unterdruckkammerfahrt. (Foto: Wolfgang Jany)

Die Ausbildung zum Aeromedical Evacuation Crew Member (AECM) erhalten jene Soldaten, die in

  • der Verwundetensammelstelle Lufttransport,
  • einer Aeromedical Evacuation (AE) Führungs-/Entscheidungsposition oder
  • als Aeromedical Evacuation Teammitglied

eingeteilt werden. Sanitätsunteroffiziere (SanUO) benötigen das Gesundheits- und Krankenpflegediplom (DGKP) oder die Ausbildung zum Notfallsanitäter (NFS) sowie Englischkenntnisse. Ärzte benötigen ein gültiges Notarztdiplom und Englischkenntnisse.

Die bisher im ÖBH ausgebildeten AECM sind Notärzte und SanUO mit Gesundheits- und Krankenpflegediplom. Durch das hohe Bildungsniveau im Pflegesektor ist der Einstieg in die Ausbildung rasch möglich. Das hat den Vorteil, dass kein Basiswissen aus dem Pflegebereich mehr vermittelt werden muss, und der Lehrgang sofort mit den Inhalten Lufttransportmedizin, Flugbetrieb, Bordausrüstung und den Richtlinien der STANAG 3204 starten kann. Sanitätsunteroffiziere, die nur eine Ausbildung zum Notfallsanitäter haben, wurden bisher nicht zum AECM ausgebildet.

Zusätzlich benötigen die Teilnehmer eine Militärfliegertauglichkeit, eine flugphysiologische Basisausbildung inklusive Unterdruckkammerfahrt, ein Flight Safety- und Security-Training sowie ein „Überlebenstraining Land und See“ (dieses Training kann im Ausnahmefall auch nach dem Lehrgang absolviert werden). Nach der Ausbildung und dem Erhalt des Militärluftfahrt-Personalausweises ist man berechtigt, Patienten nach militärischen Erfordernissen während des Verladens, des Fluges und des Entladens militärmedizinisch zu betreuen sowie die dafür erforderlichen medizinischen Geräte zu bedienen und zu überwachen. Diese Befähigung gilt nicht nur auf militärischen Flugzeugtypen, sondern auch auf Zivilflugzeugen. 

Das Flight Safety- and Security-Training bei den Austrian Airlines beinhaltet das richtige Verhalten beim Öffnen der Flugzeugtüren und das korrekte Verwenden der Notrutschen. (Foto: Wolfgang Jany)
Das Flight Safety- and Security-Training bei den Austrian Airlines beinhaltet das richtige Verhalten beim Öffnen der Flugzeugtüren und das korrekte Verwenden der Notrutschen. (Foto: Wolfgang Jany)
Die Trainingsanlage bei den Austrian Airlines. (Foto: Wolfgang Jany)
Die Trainingsanlage bei den Austrian Airlines. (Foto: Wolfgang Jany)

Ausbildungsinhalte

Die Gesamtausbildung zum Aeromedical Crew Member (AECM) dauert, abgesehen von der mehrjährigen Vorausbildung, 17 Tage und ist in vier Module aufgeteilt. Diese sind:

  • Lufttransportmedizin: Dieses Modul beinhaltet die medizinischen Grundlagen und Aspekte für einen Patientenlufttransport, die pflegerischen Grundlagen an Bord sowie allgemeine Grundlagen zum Patientenlufttransport. Gesamtdauer: 53 Unterrichtseinheiten (UE).
  • Flugbetrieb: Vermittelt die flugbetrieblichen Grundlagen, psychologische Aspekte im Patientenlufttransport und Team Recource Management sowie fliegerische Notlagen und deren Bewältigung. Gesamtdauer: 54 UE.
  • Bordausrüstung: Hat den Umgang mit der Notausrüstung und dem Sauerstoffsystem der Luftfahrzeuge (Lfz), in der Konfiguration für den Patientenlufttransport, und die Materialerhaltung zum Inhalt. Gesamtdauer: 30 UE.
  • Aeromedical Evacuation (AE) Organisation: Erörtert allgemeine Grundlagen sowie die Organisation und Administration. Gesamtdauer: 15 UE.

Das Ziel der Module ist, dass der Kursteilnehmer nach positivem Kursabschluss in der Lage ist

  • die Patienten nach den gültigen internationalen Bestimmungen zu klassifizieren,
  • die Transportfähigkeit des Patienten für den Lufttransport zu beurteilen und darüber zu entscheiden,
  • Prioritäten für den Patientenlufttransport festzulegen,
  • den Patienten sowohl medizinisch als auch pflegerisch auf den Lufttransport vorzubereiten und
  • die wichtigsten medizinischen Notfälle behandeln zu können.

Der Absolvent kennt die Besonderheiten der Pflege im Patientenlufttransport und kann die Pflege sowie eine dem Lufttransport gerechte Lagerung durchführen. Er ist in der Lage, fliegerische Notlagen zu erkennen, spezifisch darauf zu reagieren und die erforderlichen Checklisten abzuarbeiten. Er kennt die an Bord befindlichen Notausrüstungen und die Sauerstoffsysteme und kann damit umgehen. Das Grundwissen beinhaltet Kenntnisse über Infrastruktur eines Flughafens sowie dessen Sicherheitseinrichtungen. Die Grundsätze des Team Recource Managements und dessen Auswirkungen auf die Besatzung sind ebenfalls zu kennen.

Von den bisher 45 ausgebildeten Kameraden besteht das AECM Team aktuell aus 27 fertigen Crew Members. Zwölf Soldaten befinden sich derzeit in Ausbildung. Ihnen fehlt beispielweise noch das „Überlebenstraining Land und See“. Sechs Kameraden sind bereits wieder ausgeschieden (Stand Juni 2016). Um die Qualifikation aufrecht zu erhalten, müssen jährlich mindestens ein Patientenlufttransport oder eine Patientenlufttransportübung absolviert werden. Diese Übung wird zweimal jährlich angeboten und im Zuge des Seminars „Aeromedical Crew Member-Sicherheitstraining“ abgehalten. Das Schwergewicht liegt dabei auf dem Training der Sicherheitseinrichtungen des Luftfahrzeuges C-130 „Hercules“.

C-130 „Hercules“ im Patientenlufttransport

Je nach Anforderung bestehen unterschiedliche Möglichkeiten für die Strategic Aeromedic Evacuation. Zum einen die Stretcher-Variante für Leichtverletzte, zum anderen das MEDEVAC-Modul C-130.

MEDEVAC-Modul C-130

Die C-130 kann bis zu 74 Patienten liegend aufnehmen. Das ÖBH findet mit einer selbst auferlegten Maximalkapazität von 18 liegenden Patienten in der Stretcher-Variante das Auslangen. (Foto: Wolfgang Jany)
Die C-130 kann bis zu 74 Patienten liegend aufnehmen. Das ÖBH findet mit einer selbst auferlegten Maximalkapazität von 18 liegenden Patienten in der Stretcher-Variante das Auslangen. (Foto: Wolfgang Jany)

Beim MEDEVAC-Modul C-130 in der Container-Version handelt es sich um einen 20-Fuß-Spezialcontainer aus Aluminium, der für den Lufttransport adaptiert wurde (siehe auch TD-Heft 5/2010). Er ist schallgedämpft und aus Gründen der Temperaturregulierung isoliert sowie vibrationsgedämpft auf einer Luftfrachtpalette fixiert. An der Vorder- und an der Rückseite befindet sich je eine Türe, die mit einer Rampe versehen auch als Notausgang dient. Weiters gibt es eine eigene Notstrom- und Sauerstoffversorgung. Der Container ist nicht an ein spezielles Luftfahrzeug gebunden und kann in anderen Frachtflugzeugen (zivil oder militärisch) eingesetzt werden. Derzeit steht der Container einsatzbereit in einem Hangar des Fliegerhorstes „Vogler“ in Hörsching und wird im Bedarfsfall durch das Lufttransportumschlagpersonal verladen. Grundsätzlich ist das MEDEVAC-Modul nur für die Strategic Aeromedic Evacuation (STRATAEROMEDEVAC) bestimmt.

Die für die STRATAEROMEDEVAC vorgesehenen Module sind die „Intensive Care Unit“ (ICU) zur Betreuung von Intensivpatienten und die „Non Intensive Care Unit“ (NICU) zur Betreuung von leichtverletzten Patienten. Neben diesen zwei Modulen gibt es noch die Sauerstoffstation, das Gallery-System und den Sitzbereich für das medizinische Personal. Die Maximalkapazität des MEDEVAC-Containers C-130 beträgt je nach Konfiguration:

  • zwei ICU für die Betreuung von zwei Intensivpatienten oder
  • eine ICU und eine NICU für die Betreuung von einem Intensivpatienten und bis zu drei leichtverletzten Patienten oder
  • maximal drei NICU für die Betreuung von bis zu neun leichtverletzten Patienten. 

Durch die eingelassenen Bodenschienen ist der Container rasch auf die jeweilige Anforderung umrüstbar. Für den Patienten ist aufgrund der vorhandenen medizinischen Systeme wie dem Monitoring System zur Überwachung der Atmung und Herzfrequenz, das Beatmungssystem, das Absaugsystem, das Infusionssystem und das Defibrillationssystem, der höchste Grad an lebenserhaltender Versorgung für mindestens zehn Stunden Transportdauer gewährleistet. Zusätzlich zu den medizinischen Systemen besteht jede Unit aus einem einheitlichen Unterbau mit Laden für Medikamente und Verbrauchsmaterialien, einem Tragentisch, worauf der medizinische Geräteträger befestigt ist, und der Krankentrage, die über eine spezielle Auflage verfügt, um bei längeren Transportzeiten Lagerungsschäden zu vermeiden. Der medizinische Geräteträger verfügt über eine Sauerstoffanlage und eine Stromversorgung sowie über Halterungen für medizinische Geräte. Über das 28-V-Gleichstrom-Bordsystem und einen 14-Volt-Konverter wird die Unit mit Strom versorgt. Zusätzlich integrierte Batteriesätze können die medizinischen Geräte bis maximal sechs Stunden bordnetzunabhängig versorgen.

Die NICU ist für den Transport von Leichtverletzten hergestellt worden. Diese Unit ist für die Betreuung von maximal drei Patienten, die auf drei Ebenen übereinander liegen, vorgesehen. Maximal neun Leichtverletzte können mit drei dieser Units im Container geflogen werden.

Stretcher-Variante

Bei der Stretcher-Variante wird ohne Container geflogen. Die Krankentragen sind direkt im Flugzeug an den vom Flugzeughersteller vorgesehenen Halterungen verankert. Bei dieser Variante kann eine vom Hersteller vorgesehene Maximalkapazität von 74 liegenden Patienten erreicht werden. Das ÖBH sieht davon jedoch ab und gibt derzeit eine Maximalkapazität von 18 Patienten vor. Der Vorteil der Stretcher-Variante liegt darin, dass bei Routineversorgungsflügen auf dem Rückflug leichtverletzte Patienten und zusätzliche Personen oder Fracht befördert werden können. Die vorgesehenen Befestigungen für die Krankentragen können rasch auf- und abgebaut werden.

Die Konfiguration mit drei Non Intensie Care Units (NICU) für neun Leichtverletzte. (Foto: Wolfgang Jany)
Die Konfiguration mit drei Non Intensive Care Units (NICU) für neun Leichtverletzte. (Foto: Wolfgang Jany)
Die Konfiguration der C-130 mit einer Intensive Care Unit (ICU) und einer Non Intensive Care Unit (NICU) für einen Schwerverletzten und drei Leichtverletzte zur Überwachung und Betreuung während des Fluges. (Foto: Wolfgang Jany)
Die Konfiguration der C-130 mit einer Intensive Care Unit (ICU) und einer Non Intensive Care Unit (NICU) für einen Schwerverletzten und drei Leichtverletzte zur Überwachung und Betreuung während des Fluges. (Foto: Wolfgang Jany)

Alarm - Aeromedical Evacuation

Der Aeromedical Evacuation Coordinating Officer (AECO) löst den Alarm für eine Aeromedical Evacuation (AE) aus. Nun werden Checklisten abgearbeitet, persönliche Ausrüstung und medizinisches Equipment letztmalig überprüft. Jede Routine hat fixe Abläufe, da Sanitätsdienst und Flugdienst immer im Einsatz sind. Die medizinische Crew besteht je nach Erkrankung/Verletzungsmuster sowie nach Anzahl der Patienten aus ein bis zwei AE-Ärzten und ein bis vier AE-Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegern. Vor dem Flug erfolgt ein Briefing der gesamten Crew über Lage, Auftrag, Flugdauer, Flughöhe, Wetter etc. Nach der Landung im jeweiligen Einsatzgebiet kommt es zur Kontaktaufnahme mit der medizinischen Begleitmannschaft des Patienten. Dabei werden von den Patienten sämtliche medizinischen Befunde und die persönliche Ausrüstung durch die AE-Crew übernommen. Im Container erfolgt je nach Krankheitsbild oder Verletzungsgrad die medizinische Betreuung des Patienten mittels Monitor, Sauerstoffversorgung, Arzneimittel und sonstigem benötigten Gerät.

Der Lufttransport von Verletzten und Erkrankten unterscheidet sich wesentlich vom Transport auf dem Boden durch den atmosphärischen Druckunterschied, den Lärm und die zumeist lange Transportdauer.  Eine Besonderheit beim Patientenlufttransport ist die regelmäßige Kontrolle der Blutgaswerte des Patienten, die aufgrund der Druckunterschiede im Luftfahrzeug notwendig sind. Während des Fluges werden laufend die Vitalparameter kontrolliert, ärztliche und pflegerische Maßnahmen gesetzt. Darunter fallen die spezielle Lagerung des Patienten (Mikrolagerungen zur Vermeidung von Druckstellen), Flüssigkeitszufuhr/-ausfuhr, Thromboseprophylaxe, Drainagen- und Verbandskontrollen sowie die Verabreichung und Überwachung ärztlich angeordneter Medikamente.

Beim Start, bei der Landung und während Turbulenzen müssen das gesamte Equipment und die Patienten entsprechend gesichert werden. Nach der Landung auf dem Zielflughafen erfolgt die Übergabe des Patienten an ein vor Ort befindliches Rettungsmittel. Unmittelbar nach der Patientenübergabe wird mit der Reinigung und Aufbereitung der Ausrüstung sowie dem Nachfüllen von Verbrauchsgütern wie Verbänden, Ampullen etc. begonnen, damit die Einsatzbereitschaft des MEDEVAC-Moduls sofort wieder hergestellt ist. Werden keine Patientenlufttransporte benötigt, befindet sich die AE-Crew in ihren Heimatgarnisonen, wo sie ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen. Diese sind neben den Aufgaben in den truppenärztlichen Ordinationen der Dienst in den heereseigenen Krankenanstalten, Abstellungen, Fort- und Weiterbildung in zivilen Krankenanstalten sowie in einem aktiven Notarztsystem. 

Vizeleutnant Wolfgang Jany ist Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Notfallsanitäter, Lehrunteroffizier in der Feldambulanz Hörsching und seit 2007 im Patientenlufttransport.

 

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