• Veröffentlichungsdatum: 15.04.2021
  • – Letztes Update: 19.04.2021

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„Das Hemd ist kurz, aber nicht zu kurz“

Jürgen R. Draxler

Das Seebataillon besteht aktuell aus zwei Bordeinsatzkompanien sowie je einer Aufklärungs-, Küsteneinsatz-, Minentaucher- und Unterstützungskompanie. Hinzu kommen zwei Ausbildungskompanien. Eine größere Vielfalt innerhalb eines vergleichbaren Verbandes ist kaum denkbar. Anschließend die Fragen an Fregattenkapitän Norman Bronsch, 39, seit September 2019 Kommandeur des Bataillons.

Jürgen R. Draxler: Wo steht das Seebataillon zurzeit und wo sehen Sie es mittelfristig?

Norman Bronsch: Seit seiner Aufstellung am 1. April 2014 ist das Bataillon kontinuierlich gewachsen. Es ist eine weitere Kampfkompanie hinzugekommen, und die komplette Ausbildungslandschaft wurde noch einmal angepasst. Dementsprechend verfügen wir heute über acht Kompanien, die bis auf die Ausnahme der beiden Bordeinsatzkompanien in ihrem jeweiligen Aufgabenportfolio nicht unterschiedlicher sein können. Mein Ziel ist es, im Oktober 2022 meinem Nachfolger einen Verband zu übergeben, der noch enger zusammengewachsen ist – trotz aller Herausforderungen, die es dabei gibt. So zum Beispiel, dass das Seebataillon auf drei – temporär sogar auf vier – Standorte verteilt ist. Es gibt aber auch weitere infrastrukturelle Herausforderungen. Viele Gebäude in den Kasernen in Eckernförde sind relativ alt und müssen kernsaniert oder zur Gänze neu aufgebaut werden. Das alles ist im laufenden operativen Geschäft zu bewerkstelligen, denn das Seebataillon ist eine Einsatzeinheit. Von unseren mehr als 1.000 Soldaten und Soldatinnen sind derzeit etwa 200 im Einsatz beziehungsweise in nationaler oder NATO-Bereitschaft. Rechnet man das durch, wird deutlich, wie hoch belastet der Verband beziehungsweise wie dünn die Personaldecke ist. Doch wir sind immer noch gut ausbalanciert. Klar, das Hemd ist kurz, aber nicht zu kurz. Der Verband ist so aufgestellt, dass er sowohl aktuelle als auch künftige Aufträge bewältigen kann. Dabei wird viel Flexibilität und Kreativität von uns verlangt, aber dafür sind Marineinfanteristen ja bekannt.

Draxler: Wer ausgebildet wird, will Gelerntes auch anwenden. Genau hier existiert ein Manko – es fehlt an Transport- und Wirkmitteln. Ist dies nicht insbesondere für die taktischen Einsatzkräfte frustrierend?

Bronsch: Den Zulauf neuer Verbringungsmittel etc. muss man aus zwei Perspektiven betrachten. Da sind zum einen die Bordeinsatzkompanien. Mit dem Zulauf der neuen Fregatten der Klasse 125 wandelt sich das Boardinggeschäft komplett hin zu einer gänzlich neuen Qualität. Mit den auf diesen Schiffen eingesetzten jeweils vier Bustern haben wir zum ersten Mal taktische Verbringungsmittel, die dieser Bezeichnung gerecht werden. Das gibt den Bordeinsatzkräften einen hohen Motivationsschub. Erstmals befand sich eine Bordeinsatzgruppe auf der „Nordrhein-Westfalen“ im Einsatz im „GOST-Gea“ (German Operational Sea Training) und konnte dort wertvolle Erfahrungen sammeln. Um unsere taktische Bootsausbildung und die Einsatzvorbereitung noch besser zu gestalten, warten wir in Eckernförde auf weitere Buster – bisher steht uns hier nur einer zur Verfügung. Zur Küsteneinsatzkompanie: Die wollen wir – im Rahmen der deutsch-niederländischen Kooperation – mittelfristig dazu befähigen, als gesamte Kompanie an amphibischen Operationen teilzunehmen. Wenn es um die maritimen Verbringungsmittel geht, sind wir derzeit noch zur Gänze auf unsere niederländischen Kameraden angewiesen. Der nationale Planungsprozess für ein Mehrzweckkampfboot für das Seebataillon ist jedoch relativ weit fortgeschritten, und ich bin zuversichtlich, dass wir dieses neue Waffensystem bald zur Wirkung bringen können. Die hervorragenden querschnittlichen Fähigkeiten eines solchen Bootes sind für unterschiedliche Einsatzarten nutzbar – dazu zählt auch das schnelle Verbringen amphibischer Kräfte. Es ist kein Geheimnis, dass wir auch die schwedischen Kampfboote CB-90 der neuen Generation testen und daraufhin prüfen, ob sie unsere Einsatzanforderungen erfüllen. Wir haben mit diesen Booten bereits 2016 bei „BALTOPS“ (Baltic Operations) gearbeitet. Sie wären aus meiner Sicht definitiv ein sehr geeigneter Kandidat für die Marine und die Bundeswehr. Mit diesen Booten könnten wir in der deutsch-niederländischen Kooperation ein ganz anderes Gewicht in die Waagschale werfen, zumal die Niederländer momentan nichts Vergleichbares besitzen – jedoch ebenso wie Deutschland die Beschaffung anstreben. Im Rahmen einer Kooperation ist es denkbar, dass wir unsererseits solche Boote einbringen und damit Synergieeffekte für eine gemeinsame Nutzung schaffen.

 

Draxler: Werden die materiellen Bedürfnisse des Seebataillons nicht zu sehr als Nischenprojekte eingestuft?

Bronsch: Nischenprodukte oder -projekte stimmt insofern, als wir keine großen Schiffe wie Fregatten, sondern eher kleine Einsatzmittel brauchen. Was die Mehrzweckkampfboote angeht, haben diese heute einen prominenten Platz in der Wahrnehmung gefunden, weil die Marineführung immer wieder deutlich macht, wie wichtig diese Einheiten sind. Ich glaube, dass das auf der politischen Ebene auch angekommen ist. Ich denke, dass viele Akteure im parlamentarischen Bereich zumindest die Grundzüge dieses Verbandes einordnen können – und ebenso die Notwendigkeiten, die sich daraus ableiten. Ein bisschen mehr geht immer, aber wir fühlen uns nicht nach hinten gedrängt, ganz im Gegenteil.

Draxler: Sie sagen, dass Kampfboote taktisch ein Nonplusultra für das Bataillon sind. Für diese Boote muss auch eine entsprechende Infrastruktur vorhanden sein, sprich: Liegeplätze an der Pier, Trailer für den Transport, ein Hallenplatz für die Instandhaltung und Mittel für eine weltweite Verbringung. Wie stellt sich dies aus Ihrer Sicht dar?

Bronsch: Ich bin Pragmatiker. Wenn man mir sagt, ich habe die Option, solche Einheiten zu bekommen, mache ich hier alles möglich, um sie für die Bundeswehr einzusetzen. Wir haben intern erste Überlegungen dazu angestellt, wie wir dieses Einsatzmittel auch bei knapper werdenden Ressourcen in einer Anfangsbefähigung verwenden können. Wenn die Boote in einer Anzahl X kommen, ist es machbar, sie ohne zusätzliches Personal zur ersten Einsatzreife zu bringen. Das kann ich in meinem Verband mit eigenen Mitteln umsetzen, sowohl personell wie auch im Hinblick auf die notwendige Infrastruktur. Diese Boote sind aus Aluminium und könnten dementsprechend das ganze Jahr im Wasser liegen, Liegeplätze werden wir hierfür zur Verfügung haben. Zum Thema „Trailer“: Auch da bin ich pragmatisch. Zur Not finden wir organisationsbereichsübergreifend eine Transportmöglichkeit, beispielsweise durch eine Zusammenarbeit mit einem Logistikbataillon, oder es wird, wie beim Buster, eine zivile Firma angemietet, die die Boote von A nach B bringt. Somit sehe ich da eine Herausforderung, aber kein unlösbares Problem. Zum Verbringen weltweit: Es gibt zahlreiche andere Nationen, die solche Boote auch luftverlastbar von A nach B befördern. Das Transportflugzeug A-400-M kann sie vom Gewicht her transportieren. Was die Maße anlangt, ist dies noch zu prüfen. Falls es diese Option nicht gibt, existieren Rahmenverträge mit zivilen Transportfluganbietern – oder dem Lufttransportverband der NATO (Multinational Multi Role Tanker Transport Unit; Eindhoven, NL). Wenn etwas mehr Zeit zur Vorbereitung ist, bleibt immer die Option, die Boote über See zu transportieren.

 

Draxler: Angesichts fehlender eigener Mittel für den Seetransport eigener Kräfte soll das holländische Joint Support Ship „Karel Doorman“ die Lösung sein. Der Zugriff darauf wird aber dadurch eingeschränkt, dass die niederländische Marine das Schiff auch für eigene Einsätze benötigt. Darüber hinaus ist es, wenn es um Landungsoperationen geht, im Vergleich zu Docklandungsschiffen allenfalls ein Kompromiss. Wird hier nicht aus der Not eine Tugend gemacht?

Bronsch: Das Thema „Joint Command Ship“ ist für uns nicht vom Tisch. Wenn man sich die Rahmenbedingungen der Jahre 2014 und der folgenden anschaut, war die Vereinbarung mit den Niederlanden hinsichtlich der „Karel Doorman“ eine weitere Möglichkeit, Kooperationselemente zu finden. Die Bundeswehr hat unter anderem die Integration der niederländischen 13. Luftbeweglichen Brigade in die DSK (Division Schnelle Kräfte) durchgeführt. Zudem wurde der Grundstein für das gemeinsame Panzerbataillon 414 gelegt. Gleichzeitig schaute man über die TSK Heer (Teilstreitkräfte) hinweg nach weiteren Kooperationsmöglichkeiten. Dass die „Karel Doorman“ kein klassisches Landing Platform Dock ist, stimmt. Die niederländische Marine hat sie als Joint Command Ship beschafft, um ausreichend Längenmeter für alle zu amphibischen Operationen benötigten Fahrzeuge zu haben. Das ist auf Landing Platform Docks wie der „Rotterdam“ so nicht machbar. Die „Karel Doorman“ verfügt als Joint Command Ship zwar über kein Welldeck, aber über geeignete Bootsaussetzvorrichtungen, die beispielsweise auch CB-90-Kampfboote aufnehmen können. Die Vereinbarung mit den Niederländern ist aus meiner Sicht keine Notlösung, sondern eine Ableitung aus den damaligen Anforderungen gewesen. In der Vereinbarung steht auch, dass wir auf die Landing Platform Docks zurückgreifen können, sofern diese verfügbar sind. Wir haben in den vergangenen vier Jahren eng mit der niederländischen Marine zusammengearbeitet. Auf Grundlage der gegebenen Rahmenbedingungen wurden von uns gemeinsame Handlungsmöglichkeiten erarbeitet und erprobt. Außerdem konnten wir dadurch, dass das niederländische Korps Marinier eng mit den britischen Royal Marines kooperiert – zusätzlich zu den bisherigen Kontakten und personellen Verbindungen –, weitere Kontakte dorthin knüpfen.

Draxler: Amphibik ist international. Sprache kann hier eine Barriere sein, wenn sie nur unzureichend beherrscht wird. Wie sieht es da in der Breite bei den Soldaten des Seebataillons aus?

Bronsch: Die Befehls- und Meldesprache innerhalb des Bataillons wird immer unsere Muttersprache bleiben. Das macht jede andere Nation ebenso. Unsere Offiziere sprechen alle ausgezeichnet Englisch, die Portepeeunteroffiziere mittlerweile auch, da sie häufig an internationalen Manövern teilnehmen. Dementsprechend liegt es schon im eigenen Interesse, ihre Counterparts zu verstehen. Eine Herausforderung – ich sprach eingangs vom kurzen Hemd – ist hier, dass wir es uns nicht erlauben können, unsere Einsatzkräfte mehrfach für drei oder sechs Monate zu Sprachlehrgängen zu schicken. Deswegen wird „Englisch“ vermehrt vor Ort in unsere Ausbildungsabläufe aufgenommen, und internationale Begrifflichkeiten ersetzen zum Teil deutsche Bezeichnungen.

Draxler: Der Personalmangel ist in der Bundeswehr und nicht zuletzt in der Marine ein Problem. Wie steht es um die Personalgewinnung geeigneter Kandidaten für das Seebataillon?

Bronsch: Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen in der Marine und der Bundeswehr insgesamt haben wir, was die Bewerberlage angeht, kein quantitatives Problem. Warum? Das Seebataillon ist für viele junge Menschen scheinbar sehr „sexy“. Das hat meiner Meinung nach mit den vielfältigen Aufgaben innerhalb des Verbandes zu tun. Was geeignete Kandidaten betrifft, wurden die Anforderungen in den vergangenen Jahren bundeswehrweit immer weiter querschnittlich angepasst. Dies hat für uns zur Folge, dass wir viele Bewerber heute länger ausbilden müssen. Der Marineinfanterist von heute muss nicht nur körperlich robust und leistungsfähig sein, sondern muss außerdem in komplexen Einsatzszenarien verantwortungsbewusst und zum Teil eigenverantwortlich agieren. Er ist nicht mehr nur ein reiner „Waffenträger“, er ist heute Systembediener komplexer Ausrüstung – und das in einem multinationalen Wirkverbund. In dieser Komplexität besteht gelegentlich die Herausforderung, alle Bewerber innerhalb des Seebataillons zu verwenden. Dank unserer acht sehr unterschiedlichen Kompanien versuchen wir jedoch, wo möglich, den richtigen Platz für den Einzelnen innerhalb des Verbandes zu finden, sofern die persönliche Grundeinstellung stimmt.

Draxler: Inwieweit können Sie einen von der Personalführung „falsch“ eingeplanten Soldaten „umpolen“?

Bronsch: Diese Umplanung ist zum Teil mit einem erheblichen administrativen Aufwand verbunden, doch nehmen wir diesen klaglos in Kauf, um für die Soldatinnen und Soldaten und nicht zuletzt für das Bataillon den größtmöglichen Nutzen zu erzielen. Wer allerdings bestimmte Ausbildungsansprüche nicht erfüllt, muss versetzt werden.

Draxler: Wie hoch muss der jährliche Zulauf sein, um natürliche wie außerordentliche Abgänge zu kompensieren und darüber hinaus den immer noch erforderlichen Aufwuchs des Bataillons zu bewerkstelligen?

Bronsch: Wir haben pro Jahr einen durchschnittlichen Abgang von etwa 100 Soldatinnen und Soldaten zu kompensieren. Die Ausbildungskompanie 1, deren Schwerpunkt die infanteristische Ausbildung ist, bildet pro Quartal einen Basislehrgang mit 35 Soldaten aus, so dass wir diese Personalwechsel ausgleichen können. Es gelingt dabei nicht jedes Jahr, gleichzeitig noch zu wachsen.

Draxler: Sie haben mit der Ausbildungskompanie 1 den sogenannten grünen Anteil der Ausbildung des Seebataillons angesprochen. Wie ist die Personallage beim blauen Anteil?

Bronsch: Die Ausbildungskompanie 2 führt primär die Minentaucher-, Spreng- und Bootsausbildung durch. Zwei Mal im Jahr findet der sechsmonatige Minentaucherlehrgang statt. Die prekäre Personalsituation bei den Minentauchern hat sich in dem mittlerweile mehr als 55-jährigen Bestehen der Minentaucherkompanie kaum verändert. Das personelle Fehl an diesen absoluten Spezialisten ihres Faches schwankt – aufgrund der äußerst hohen geistigen wie körperlichen Anforderungen – durchwegs zwischen 30 und 60 Prozent.

Draxler: Das Seebataillon soll ja noch aufwachsen. Unter Ihrem Vorvorgänger waren es um die 600, unter Ihrem Vorgänger über 800 Soldaten. Es sollen insgesamt mehr als 1.000 werden. Wie groß ist das Bataillon heute?

Bronsch: Zum 1. April 2021 verfügt das Bataillon über 1.040 Dienstposten für aktive Soldaten – plus Zivilpersonal. Hinzu kommen bis zu 250 Lehrgangsteilnehmer, die im und primär für den Verband ausgebildet werden. Insgesamt ergibt sich daraus ein Umfang von knapp 1.300 Soldatinnen und Soldaten, die im Seebataillon ihren Dienst verrichten.

Das deutsche Seebataillon

Das Gespräch führte Fregattenkapitän d.R. Mag. Jürgen R. Draxler; Militärjournalist und Publizist.

 

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