• Veröffentlichungsdatum: 10.10.2019

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Das Heeresgeschichtliche Museum

Uwe Schwinghammer

(Foto: Bundesheer/Nadja Meister)
(Foto: Bundesheer/Nadja Meister)

Das Heeresgeschichtliche Museum (HGM) hat den Krieg nicht weggesperrt, obwohl sein Leitspruch lautet: „Kriege gehören ins Museum“. Die Militärgeschichte wird zur Schau gestellt und bei Großveranstaltungen inszeniert. Regelmäßig finden Themenführungen zu „Achtung Panzer“ oder „Österreich auf allen Meeren“ statt. Das Highlight bildet seit 2014 die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg.

Ein Anziehungspunkt des Museums ist seit 2014 zweifellos die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg. Durch ein Abgraben des Bodens im Gebäude wurden hier zwei Ebenen geschaffen, durch die sich der Besucher bewegt. Dabei hat man – absolut stimmig – nahezu permanent das Gefühl, sich in Schützengräben zu befinden, egal, ob diese nun tatsächlich baulich nachempfunden wurden oder nicht. Der Besucher wird durch die Perioden und Kriegsschauplätze gelenkt: Kriegsausbruch, Schauplatz Galizien, Serbien und Italien, aber auch durch Sachbereiche wie Fliegerei, Artillerie und Sanitätswesen. Selbstverständlich kommen ebenso Themen wie das Hinterland, die steigenden zentrifugalen, nationalistischen Kräfte in der Armee oder die kommunistische Indoktrination nicht zu kurz. Prunkstück, um das sich alles dreht, ist immer noch eine Škoda 38-cm-Haubitze. Dabei bleiben die Erläuterungen zu den Exponaten und die historischen Darstellungen stets wissenschaftlich-sachlich, es kommt zu keiner „Walt-Disneyisierung“ in dem Bestreben, das Fronterlebnis zu plastisch darstellen zu wollen, wie das in manchen anderen Museen der Fall ist.

Panzer und Räderfahrzeuge können seit 2017 ganzjährig in der neuen Panzerhalle besucht werden. (Foto: HGM)
Panzer und Räderfahrzeuge können seit 2017 ganzjährig in der neuen Panzerhalle besucht werden. (Foto: HGM)

Panzerhalle

Ebenfalls positive Eindrücke vermittelt der Panzergarten. Ein Großteil der dort aus- bzw. abgestellten Fahrzeuge ist seit 2017 in die Panzerhalle (Objekt 13), ein eigenes Gebäude auf dem Areal des Arsenals, übersiedelt. Diese hat an den Wochenenden geöffnet, jeden ersten Sonntagmittag im Monat gibt es eine Führung. Das Rosten der Panzer hat damit zwar naturbedingt kein Ende, wird aber nach der erfolgten Restaurierung um viele Jahre verzögert. Ebenfalls weiter stark „aufgerüstet“ wurde der Shop, der nun eine Auswahl an Druckwerken anbietet, wie man sie sonst kaum im Fachhandel vorfindet.

Erste Republik, Diktatur, Marine

Leider nicht so rosig sieht es in den Räumlichkeiten über die Erste Republik, Diktatur und Marine aus. Dafür finden aber kompetente Führungen zu diesen Sachgebieten wie „Von unruhigen zu finsteren Zeiten – Österreich von 1918 bis 1945“ statt. Hier wäre eine Modernisierung und Neuaufstellung wünschenswert. Speziell das erste Bundesheer geht nahezu völlig unter. Aber hier ist das HGM vielleicht auch nur ein Spiegelbild von Literatur und Forschung, die am Bundesheer der Zwischenkriegszeit wenig Interesse zeigen.

HGM 2009 versus 2019

Mit einem Beitrag über das HGM wurde vor zehn Jahren die Serie über militärhistorische Museen im TRUPPENDIENST aus der Taufe gehoben. Seit der Ausgabe TD-Heft 1/2009 mit dem Titel „Die erste militärgeschichtliche Adresse Österreichs“ hat sich einiges geändert. Was damals als veraltet oder unzureichend ins Auge gestochen war, hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt. Dagegen sind Teile, die früher noch modern erschienen, mittlerweile stark in die Jahre gekommen. Da wurde es Zeit, wieder einmal an den Ursprung des HGM zurückzukehren und zu schauen, was sich seither getan hat.An der Grundstruktur der Aufstellung der einzelnen Themenbereiche hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts verändert: Sie beginnt grob eingeteilt beim Dreißigjährigen Krieg und den Türkenkriegen im ersten Stock, geht weiter zur Maria-Theresianischen Zeit, den Napoleonischen und den Oberitalienischen Kriegen. Nach einem Wechsel ins Parterre setzt sie mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fort, dann dem Weltkrieg selbst, wechselt anschließend zur Ersten Republik und Diktatur und endet schließlich, nicht chronologisch eingeordnet, mit der Marinegeschichte Österreichs. Das Highlight bildet seit 2014 die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg. 

Der Saal zum Ersten Weltkrieg mit der Škoda 38-cm-Haubitze vor dem Umbau. (Foto: HGM)
Ein Stockwerk wurde bei der Renovierung eingezogen und die Haubitze zentral in die Ausstellung  zum Ersten Weltkrieg eingebettet. (Foto: HGM/Nadja Meister)
Ein Stockwerk wurde bei der Renovierung eingezogen und die Haubitze zentral in die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg eingebettet. (Foto: HGM/Nadja Meister)
Die Bunkeranlage Ungerberg bietet Führungen von September bis Juni jeden Donnerstag (ausgenommen Feiertage) um 1000 Uhr sowie jeden letzten Samstag im Monat um 1000 Uhr und um 1400 Uhr an. (Foto: HGM)
Die Bunkeranlage Ungerberg bietet Führungen von September bis Juni jeden Donnerstag (ausgenommen Feiertage) um 1000 Uhr sowie jeden letzten Samstag im Monat um 1000 Uhr und um 1400 Uhr an. (Foto: HGM)
Das Militärluftfahrtmuseum Zeltweg ist von April bis Oktober jeweils Dienstag bis Sonntag: 0900 Uhr bis 1700 Uhr geöffnet. (Foto: HGM)
Das Militärluftfahrtmuseum Zeltweg ist von April bis Oktober jeweils Dienstag bis Sonntag: 0900 Uhr bis 1700 Uhr geöffnet. (Foto: HGM)

Sonderausstellungen und Außenstellen

Nicht in die Betrachtung des HGM miteinbezogen werden die Außenstellen des HGM wie

  • das Militärluftfahrtmuseum Zeltweg,
  • die Patrouillenboote Oberst Brecht und Niederösterreich in Klosterneuburg,
  • die Bunkeranlage Ungerberg in Bruckneudorf und
  • das Fernmeldemuseum in der Starhemberg-Kaserne in Wien,

die derzeit nur teilweise öffentlich besucht werden können. Neben der beschriebenen Dauerausstellung, die neben den dargestellten Sälen im Erdgeschoss auch die Epoche der Türkenkriege oder der Napoleonischen Kriege im Zweiten Stock zeigt, gibt es im HGM auch immer wieder Sonderausstellungen. Aktuell ist die auf mehrere Jahre ausgelegte Sonderschau „Schutz & Hilfe“ zu sehen, die das Bundesheer der Zweiten Republik mit einem Fokus auf dessen Einsätze thematisiert. 

TRUPPENDIENST (TD): Herr Dr. Ortner, sie brechen mit den Besucherzahlen ständig neue Rekorde. Von 2005 bis 2012 gab es eine Verdreifachung. 2018 stand man gar schon bei 272 000. Gibt es von den Kapazitäten her irgendwann Grenzen?

M. Christian Ortner: Wir liegen jetzt teilweise bereits bei einer Verfünffachung der ursprünglichen Besucherzahlen. Wir sind eines der Top-5-Militärmuseen auf der Welt. Im Haupthaus sind wir aber am Limit. Das ist einerseits dadurch bedingt, dass das Museum kein Umgangsbau ist, sondern aus zwei Flügeln mit der großen Eingangshalle besteht. Damit kommt es zu Kapazitätsgrenzen in den Sälen. Darüber hinaus entstehen auch klimatorische Probleme. Etwa in den Übergangszeiten, wenn die Besucher mit ihrer nassen Kleidung viel Feuchtigkeit hereinbringen, was uns vor konservatorische Herausforderungen stellt. Auch bei den WC-Anlagen, beim Café oder beim Shop merkt man, dass wir längst an der Auslastungsgrenze angekommen sind.

TD: Wie wollen sie die Auslastung erhöhen ohne Qualitätseinbußen für den Besucher inkauf zu nehmen?

Ortner: Ich bin sehr stark daran interessiert, den Besuch zu dezentralisieren. Einerseits haben wir mehrere Außenstellen und denken daran, deren Bereich weiter auszubauen, wenn unsere Qualitätskriterien für ein Museum stimmen sollten. Andererseits ist der Standort von der Dislokation her in Wien herausragend gut mit einem unmittelbaren Einzugsgebiet von etwa 4,5 Millionen Menschen.

TD: Wo liegen weitere Herausforderungen, abgesehen von der baulichen Situation?

Ortner: Unser Hauptproblem ist eigentlich das Personal. Wir verlieren ständig Fachleute am Objekt durch Pensionierung: Posamentierer (erzeugt Zierbänder, Fransenborten, Quasten usw.; Anm.), Sticker, Buchbinder. Bei der textilen Restaurierung gehen wir inzwischen in den akademischen Bereich, wo die Besoldung wieder eine Rolle spielt. Es gibt also nicht nur einen Fachkräftemangel in der Wirtschaft, sondern wir haben auch einen Fachrestauratoren-Mangel. Wir verwalten immerhin 1,3 Millionen Objekte. Außer naturhistorischen Objekten sind alle Genres vertreten: Technik, Kunst, Metall, Textil. Dabei haben wir durch unsere Zugehörigkeit zum Verteidigungsministerium einen ungeheuren Vorteil: Wir haben dort sehr viele Fachkompetenzen, auf die wir zugreifen können.

Die Sonderausstellung „Schutz & Hilfe“ kann noch bis 2022 besucht werden. (Fotos: HGM/Weghaupt)
Die Sonderausstellung „Schutz & Hilfe“ kann noch bis 2022 besucht werden. (Foto: HGM/Weghaupt)

TD: Das HGM ist Leitmuseum für das Österreichische Bundesheer. Müsste da nicht mindestens dessen Geschichte bis zum Ende des Kalten Krieges eine feste Ausstellung bekommen?

Ortner: Wir haben mit „Schutz & Hilfe“ seit 2018 eine Sonderausstellung über das Bundesheer ab 1955, die auf vier Jahre ausgelegt ist. Sonst gibt es zur Zweiten Republik unterschiedliche Überlegungen, wie es weitergehen könnte. Aber es fehlt der Platz. Das Haus steht unter Denkmalschutz, da kann ich nicht einfach etwas anbauen. Aber Leitmuseum heißt auch, dass wir verantwortlich sind für die Befüllung der Traditionsräume bei der Truppe. Alle Objekte, die nicht Privateigentum sind, gehören bestandsmäßig zum HGM. Wir haben eine eigene „fliegende Truppe“, um sie nach musealen Gesichtspunkten zu inventarisieren.

TD: Sie haben den Leitspruch:„Kriege gehören ins Museum“. Wie geht es ihnen damit, dass viele Ihrer Besucher das vielleicht gar nicht so sehen?

Ortner: Das ist keineswegs so. Wir haben eine Besucherbefragung gemacht und die Motive abgefragt: Demnach besteht grundsätzlich ein sehr großes Interesse an Militärgeschichte. Die Besucher erwarten sich einen objektiven, wissenschaftlichen, unaufgeregten Zugang zu diesem Thema. Der Bildungshintergrund ist dabei ganz unterschiedlich. Wir haben auch einen stark anwachsenden Teil ausländischer Besucher, speziell aus den ehemaligen Kronländern der Monarchie. Und gerade die schätzen, dass letztlich ihre eigene Militärgeschichte hier sehr objektiv und interessant dargestellt wird. Das sehe ich als großes Kompliment und es macht mich schon stolz.

Mag. Uwe Schwinghammer ist freier Journalist.

 

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