• Veröffentlichungsdatum: 26.06.2019
  • – Letztes Update: 29.06.2019

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Bunker gegen Hitler - Teil 6

Gerold Keusch

(FOTO: REDTD/GEROLD KEUSCH, MICHAEL BARTHOU; MONTAGE: KEUSCH)
(FOTO: REDTD/GEROLD KEUSCH, MICHAEL BARTHOU; MONTAGE: KEUSCH)

Nachdem das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet worden war, wurden die Bunker von der Wehrmacht teilweise bei Beschuss- und Sprengtests zerstört. Dabei wurden neue Granaten und Kampfverfahren zur Bunkerbekämpfung getestet, und sie dienten als Übungsobjekte für die Eroberung der Maginot-Linie vor dem Westfeldzug 1940.

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurden einige Bunker im Hinterland zerstört, um nicht von Aufständischen genutzt werden zu können. Andere wurden abgebaut und Teile davon beispielsweise am Atlantikwall installiert. Im Frühjahr 1945 wurden manche Bunker tatsächlich benutzt. Ironischerweise von denen, gegen die sie erbaut wurden - von Einheiten der Wehrmacht. Diese verwendeten sie bei den Rückzugsgefechten gegen die Rote Armee. Dabei zeigte sich, wie effizient die Anlagen und die mit ihr verbundenen Kampfverfahren waren. 47 Tage konnten die schweren Werksgruppen bei Ostrau dem Angriff standhalten. Geräumt mussten die - noch weitgehend intakten - Anlagen erst werden, nachdem die Rote Armee sie umgangen hatte.

Ein Artilleriewerk an der tschechisch-deutschen Grenze, das von der Deutschen Wehrmacht für Beschusstests verwendet wurde, heute. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Ein Artilleriewerk an der tschechisch-deutschen Grenze, das von der Deutschen Wehrmacht für Beschusstests verwendet wurde, heute. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Die Schäden am Artilleriebunker in der Nahaufnahme. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Die Schäden am Artilleriebunker in der Nahaufnahme. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Die Schäden der Beschusstests im Inneren des Artilleriewerkes. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Die Schäden der Beschusstests im Inneren des Artilleriewerkes. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Die Beschusstests dienten unter anderen zur Erprobung der "Röchling-Granaten", von denen heute noch etliche in den Bunkern stecken. Sie ist vom Wirkungsprinzip mit einem Pfeilggeschoss zu vergleichen und sollte vor allem gegen Bunker zum Einsatz kommen. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)
Die Beschusstests dienten unter anderen zur Erprobung der "Röchling-Granaten", von denen heute noch etliche in den Bunkern stecken. Sie ist vom Wirkungsprinzip mit einem Pfeilggeschoss zu vergleichen und sollte vor allem gegen Bunker zum Einsatz kommen. (Foto: Bundesheer/Robert Mitterbauer)

Die Bunker im Kalten Krieg

Bei den Parlamentswahlen 1946 wurden die Kommunisten die stärkste politische Kraft, die beim Februarputsch 1948 die Macht im Staat übernahmen. Durch die Installierung eines Regimes nach stalinistisch-sowjetischer Prägung schottete sich die CSR (ab 1960 CSSR - Tschechoslowakische Sozialistische Republik) gegen den Westen ab und reaktivierte Teile des Tschechoslowakischen Walles. Die militärische Bedrohung der CSSR im Kalten Krieg durch den Westen wurde ähnlich beurteilt wie jene durch das Dritte Reich, wenn auch mit anderen politischen Vorzeichen. Die Anlagen an der ideologischen Ost-West-Grenze wurden erneut zum Rückgrat der tschechoslowakischen Verteidigungsdoktrin, obwohl die CSSR-Armee grundsätzlich offensiv ausgerichtet war. 

Da die Bunker aus den 1930ern die gleichen blieben, mussten sie auch de facto gleich verwendet werden. Veränderungen waren nur in der Ausrüstung, Einrichtung, Bewaffnung und der Besatzung möglich. Als eine der ersten Maßnahmen erhielten die Bunkeranlagen ab 1951 den charakteristischen Tarnanstrich. 1959 war die erste Phase der Reaktvierung abgeschlossen und die adaptierten Grenzbefestigungen  einsatzbereit. Während des Kalten Krieges waren 28 Soldaten (ein Offizier, sieben Unteroffiziere und 20 Chargen/Rekruten) in einem schweren Werk stationiert. Diese waren nicht ständig besetzt und wurden nur bei Übungen bezogen, die bis in die 1990er-Jahre regelmäßig stattfanden. In den leichten MG-Bunkern wäre die Besatzung bei einer Aktivierung mit sieben Mann so stark gewesen, wie in den 1930er-Jahren

Die 8,5-cm-Kanone, die heute in den Bunkern eingebaut ist, wurde in den 1960er-Jahren nachgerüstet. Das Zwillings-sMG37 aus den 1930er-Jahren (rechte Schießöffnung) blieb unverändert in den Anlagen. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Die 8,5-cm-Kanone, die heute in den Bunkern eingebaut ist, wurde in den 1960er-Jahren nachgerüstet. Das Zwillings-sMG37 aus den 1930er-Jahren (rechte Schießöffnung) blieb unverändert in den Anlagen. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)

Bewaffnung, Munition und Ausrüstung  

Die Bewaffnung der leichten Bunker blieb mit den MG 26 und sMG 37 unverändert. Die Panzerabwehrkanonen der schweren Anlagen wurden ab den 1960er-Jahren - der zweiten Phase der Aktivierung der Werke - durch die modernen und durchschlagskräftigen 8,5-cm-Panzerkanonen ersetzt. Diese hatten eine Einsatzschussweite von 1.500 m und konnten 100 mm Panzerstahl auf eine Entfernung von 1.400 m durchschlagen. Das Zwillings-sMG 37 und das MG 26 blieben ein Teil der Bewaffnung, wobei das Kaliber von 7,92 mm auf 7,62 mm geändert wurde. Die MG waren in Lager versperrt und wurden erst bei Bedarf ausgefasst und in die Anlagen gebracht. Die Panzerkanonen verblieben im Werk, waren jedoch ausgebaut und so gelagert, dass sie in etwa 20 Minuten feuerbereit gewesen wären. In einem schweren Bunker befanden sich 1.200 Stück 8,5-cm-Granaten für die Panzerabwehrkanonen (600 pro Kanone), 200.000 Patronen für die Maschinengewehre, 400 Panzerminen und 300 Handgranaten. Das entsprach dem berechneten Kampftagesverbrauch für 14 Tage. Solange hätte eine schwere Anlage ein Gefecht ohne Anschlussversorgung führen und durchhalten sollen. 

„Eiserner Vorhang“ 

Die militärische Grenzbefestigung der CSSR, in die die Bunker der 1930er-Jahre involviert waren, darf nicht mit der politischen Grenzbefestigung - dem „Eisernen Vorhang“ - verwechselt werden. Im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg geht der Begriff (obwohl er bereits davor existierte) auf den britischen Premiereminister Winston Churchill zurück, der damit die Trennung zwischen Ost und West bezeichnete. In weiterer Folge wurde der Grenzzaun zwischen Ost und West als Eiserner Vorhang bezeichnet. Er hatte jedoch keinen militärischen Nutzen und sollte die Staatsbürger der CSSR sowie anderer ehemaliger Ostblock-Staaten daran hindern, in den Westen zu flüchten. Dieser Zaun mit seinen baulichen Einrichtungen, der für mehrere Jahr sogar vermint war, wurde zum Symbol der "Unfreiheit" der Staaten, die damit vom Westen abgeschottet waren und zum Schauplatz unzähliger menschlicher Tragödien.

Reste des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Nove Hrady - Pyhrabruck bei Weitra. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Nove Hrady - Pyhrabruck bei Weitra. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Nove Hrady - Pyhrabruck bei Weitra. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Nove Hrady - Pyhrabruck bei Weitra. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Nove Hrady - Pyhrabruck bei Weitra. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs beim Grenzübergang Nove Hrady - Pyhrabruck bei Weitra. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Das Stahlmonument an der Geländekante setzt sich künstlerisch mit dem Thema "Grenze" an dem Ort auseinander, wo einst der Eiserne Vorhang den Kontinent teilte. Das Denkmal (rechts im Bild) erinnert an die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Region Slavonice. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Das Stahlmonument an der Geländekante setzt sich künstlerisch mit dem Thema "Grenze" an dem Ort auseinander, wo einst der Eiserne Vorhang den Kontinent teilte. Das Denkmal (rechts im Bild) erinnert an die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Region Slavonice. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Das Stahlmonument an der Geländekante, wo einst der Eiserne Vorhang errichtet war. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Das Stahlmonument an der Geländekante, wo einst der Eiserne Vorhang errichtet war. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Dieses Denkmal erinnert an die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Region Slavonice. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Dieses Denkmal erinnert an die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Region Slavonice. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Der Grenzübergang Slavonice-Fratres ist heute verweist. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Der Grenzübergang Slavonice-Fratres ist heute verweist. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Dieser Gedenkstein beim Grenzübergang Slavonice-Fratres erinnert an dessen Wiedereröffnung im Jahr 1991. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Dieser Gedenkstein beim Grenzübergang Slavonice-Fratres erinnert an dessen Wiedereröffnung im Jahr 1991. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov, etwa 3 km nördlich der Grenze an der Thaya bei Hardegg. Geländebedingt wurden die Zäune, Wachtürme, Begleitwege und sonstigen Hindernisse des Eisernen Vorhangs teilweise im Hinterland errichtet. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov, etwa 3 km nördlich der Grenze an der Thaya bei Hardegg. Geländebedingt wurden die Zäune, Wachtürme, Begleitwege und sonstigen Hindernisse des Eisernen Vorhangs teilweise im Hinterland errichtet. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Reste des Eisernen Vorhangs bei Cizov. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)

Aktuelle Verwendung 

Die Bunkeranlagen waren bis zum Ende des Kalten Krieges (konkret bis 1990) ein Teil der aktiven Landesverteidigung der CSSR und wurden auch noch danach von der Armee gewartet. Die Bewaffnung und Einrichtung der Bunker wurde abgebaut und eingelagert. Seit dem Jahr 2006 werden die Anlagen aus dem Bestand der Armee ausgeschieden und verkauft. Aufgrund der hohen Identifikation weiter Bevölkerungsteile im heutigen Tschechien mit der Armee und der Landesverteidigung nehmen viele Vereine, Einzelpersonen und Unternehmen dieses Angebot an. Manche Bunker wurden zu Lagerräumen, Keller oder sogar zu Unterkünften für Abenteuertouristen umfunktioniert. 

Für Personen, die sich mit dem tschechoslowakischen Wall vertieft auseinandersetzen wollen, gibt es eine Vielzahl an privaten und staatlichen Museen, die dieses Epoche thematisieren. Manche bestehen nur aus einem leichten Bunker, andere zeigen schwere Werke oder im Norden Tschechiens ganze Werksgruppen. Deshalb sind das Wissen über den Tschechoslowakischen Wall und der Bestand vieler Werke für die nächsten Jahrzehnte gesichert. Die Originalgegenstände der Zwischenkriegszeit bzw. des Kalten Krieges vermitteln dort ein realistisches Bild der damaligen Zeit. Die Waffen wurden jedoch unbrauchbar gemacht und sind somit nicht mehr einsetzbar. Darüber hinaus gibt es einige Webseiten, die dieses den tschechoslowakischen Wall thematisieren und eine Online-Datenbank, auf der beinahe jeder Bunker mit Skizze, Wirkungsbereich etc. beschrieben wird. 

Ein leichter MG-Bunker vom Modell 37 einer Waldstellung mit Hinweistafel bei Slavonice. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Ein leichter MG-Bunker vom Modell 37 einer Waldstellung mit Hinweistafel bei Slavonice. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Der leichte MG-Bunker von der Rückseite mit Graben. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Der leichte MG-Bunker von der Rückseite mit Graben. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
(Foto: RedTD/Gerold Keusch)
(Foto: RedTD/Gerold Keusch)
(Foto: RedTD/Gerold Keusch)
(Foto: RedTD/Gerold Keusch)

Auf einen Blick 

Die Verteidigungsbemühungen der CSR zeugen von der Entschlossenheit, mit der man in den 1930er-Jahren die Souveränität des Staates verteidigen wollte. Das zeigt sich in der Aufstellung der in Relation zur Bevölkerung vermutlich stärksten Verteidigungs-Streitkraft, die jemals in „Friedenszeiten“ aufgestellt wurde und im Bau des Tschechoslowakischen Walles. Dieser war das größte staatliche Bauprojekt der CSR und das vermutlich modernste Fortifikationssystem seiner Zeit. Seine Ausschaltung durch den Anschluss des Sudetenlandes war ein wesentlicher Schritt, um die CSR zu besetzen, in weiterer Folge Polen anzugreifen und die Welt in den Zweiten Weltkrieg zu stürzen.

Dass die Verteidigungswerke effizient waren, bewiesen sie im Frühjahr 1945. Ob, wie lange und in welchem Ausbauzustand sie einem Angriff der Deutschen Militärmaschinerie standgehalten hätten, lässt sich nicht beantworten. Dass sie ein ernsthaftes Hindernis waren und die Angreifer vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt hätten, ist unbestritten. Auch weil die Deutsche Wehrmacht hinsichtlich der Qualität und Quantität ihrer Waffensysteme am Vorabend des Weltkrieges nicht so hoch gerüstet war, wie man das heute gemeinhin annimmt. 

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

Links:

Bunkermuseum Satov

Bunkermuseum Slavonice

Bunkermuseen in Ostböhmen (Nordtschechien)

Interaktive Karte des Tschechoslowakischen Walls

Datenbank und Fotoarchiv zum Tschechoslowakischen Wall

Das Bunkermuseum in Satov mit einem massiven Grenzbalken und weithin sichtbaren Grenzpfahl, wie sie in den 1930er-Jahren verwendet wurden. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
Das Bunkermuseum in Satov mit einem massiven Grenzbalken und weithin sichtbaren Grenzpfahl, wie sie in den 1930er-Jahren verwendet wurden. (Foto: RedTD/Gerold Keusch)
 

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