• Veröffentlichungsdatum: 12.01.2021
  • – Letztes Update: 18.01.2021

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Blackout-Vorsorge: Der Teufel steckt im Detail

Herbert Saurugg

(Foto: Thomas Wolf, - gemeinfrei, CC BY-SA 3.0 de; Montage: Hlawatsch)
(Foto: Thomas Wolf, - gemeinfrei, CC BY-SA 3.0 de; Montage: Hlawatsch)

Eine Woche lang übte das Wiener Gardebataillon den Umgang mit den Auswirkungen eines großflächigen und langandauernden Stromausfalls im Großraum von Wien. Einmal mehr sollte sich die Redewendung „Der Teufel steckt im Detail“ bewähren. Angeordnet vom Kommandanten der Garde galt das Ziel möglichst alle Fehlerquellen während eines mehrtätigen Blackout-Szenarios zu dokumentieren.

Zum Themenschwerpunkt „Blackout“

Mehrere Gebäude der Maria-Theresien-Kaserne in Wien wurden vom Strom genommen. Bereits vor dem simulierten lokalen Stromausfall galt die Order „Fluchtwegbeleuchtung beachten“. Bei einem früheren Stromausfall kam es durch die Tiefentladung der Akkus zu einem Totalschaden. Trotz Gewährleistung des Herstellers, dass eine Sicherheitsabschaltung die Tiefentladung verhindern würde, war die Realität damals eine andere.

Vor Übungen gibt es viel über die Infrastruktur und deren Zusammenhänge zu bedenken, um unnötige Schäden nicht zu provozieren.“ - So manche Feuerwehr kann davon berichten, dass durch zu viel Schwung beim Öffnen des Rolltores das ganze Tor auf dem Feuerwehrauto landet, oder, dass die Brandmelder während der Stromabschaltung einen Dauerwarnton von sich geben.

Heizung

Durch Vorgespräche war bekannt, dass die Heizung nicht abgedreht werden darf, da es ansonsten zu Schäden kommen würde. Aus diesem Grund wurde die von allen Gebäuden der Liegenschaft gemeinsam genutzte Heizung in die Beurteilung mit aufgenommen, um ein Ungleichgewicht im Heizungssystem feststellen und verhindern zu können. Aufgrund der früheren Erkenntnisse in Bezug auf die Fluchtwegebeleuchtung, entschied man sich, diese vorsichtshalber wieder in Betrieb zu nehmen. Daher ist damit zu rechnen, dass es bei einem längeren Stromausfall durchaus zu erheblichen Schäden bei Sicherheitseinrichtungen kommen kann.

Wasser

Schwerwiegender war die Erfahrung, dass die modernisierten Duschen, Wasserhähne und Pissoir-Spülungen mit berührungslosen Armaturen nicht mehr funktionierten. Gerade in Zeiten von COVID-19, stellte sich dieser Defekt als ein wichtiger hygienischer Mangel heraus, denn ohne Strom gibt es auch kein Wasser. Gerade auf solche Details stößt man während einer Übung, die womöglich in einem Planspiel nicht berücksichtigt werden würden. Diese Erkenntnis hat weitreichende Auswirkungen auf viele Sanitäreinrichtungen im Zivilen wie Hotels, Bürogebäude, Raststätten, etc. In Neubauten werden in der Regel berührungslose Armaturen mit Netzanschluss verbaut. Laut Herstellerangabe kommen bei Sanierungen, wenn keine Steckdose vorhanden ist, batteriegepufferte Systeme zum Einsatz. Für die betroffenen Menschen ist es jedoch unerheblich, dass die Hauptwasserleitung eigentlich funktioniert, wenn beim Wasserhahn kein Wasser fließt, egal ob das Wasser wegen einer berührungslosen Armatur, einer privaten Drucksteigerungsanlage oder durch zu wenig Druck in den oberen Geschoßen ausbleibt. Generell ist eine Trinkwasserbevorratung zu empfehlen, auch wenn die Wasserversorgung bei einem Blackout vielerorts in Takt bleibt.

Das Wiener Gardebataillon übt Stromausfalls-Szenario in Maria-Theresien-Kaserne in Wien Hietzing. (Foto: Bundesheer)
Das Wiener Gardebataillon übt Stromausfalls-Szenario in Maria-Theresien-Kaserne in Wien Hietzing. (Foto: Bundesheer)

Abwasser

Auch private Abwasser-Hebeanlagen sollte stärker thematisiert werden, da es in Österreich rund 200.000 davon geben soll. Viele Keller und Erdgeschosswohnungen könnten bei einem Stromausfall mit Schmutzwasser überflutet werden, wenn nicht vorgesorgt wird. Auch hier hilft es wenig, dass der öffentliche Kanal weiter funktioniert.

Elektronische Zutrittssysteme

Bei der Übung wurde außerdem festgestellt, dass elektronische Schließsysteme und alarmgesicherte Einrichtungen bei einem Stromausfall automatisch verriegeln und ein Zutritt und damit der Zugriff auf wichtige Ressourcen nicht mehr möglich ist. Das klingt banal, aber wie oft wird wirklich daran gedacht, eine Umgehungsmöglichkeit zu schaffen? Sind diese weder vorgesehen noch für den Ernstfall getestet worden, wird man im Anlassfall mit Sicherheit eine Überraschung erleben. 

Notstromaggregat

Eine bittere Enttäuschung waren die Kleinnotstromaggregate. Fünf von sechs Geräten fielen innerhalb der ersten 12 Stunden des Notstrombetriebs aus und mussten in der Werkstätte in standgesetzt werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass dies im Ernstfall nur bei den Geräten des Österreichischen Bundesheers passieren wird, obwohl diese Aggregate regelmäßig gewartet werden. So versagte in Berlin-Köpernick im Februar 2019 bei einem 31-stündigem Stromausfall das Notstromaggregat des Krankenhauses bereits nach sieben Stunden. Schuld war ein Elektronikbauteil. Das Gerät war gerade einmal zehn Jahre alt und wurde regelmäßig getestet. Ein weiteres mobiles Notstromaggregat, das bei der Abwasserversorgung eingesetzt wurde, brannte ab. Es gibt es unzählige Beispiele, bei denen Notstromeinrichtungen versagten. Gerade bei einem längeren Einsatz, wie während eines Blackouts, ist mit mehreren Ausfällen zu rechnen. Bei Neuanschaffungen von Notstromaggregaten kommen durch die Emissionsvorgaben (Stufe V) noch weitere Aspekte hinzu. Diese Generation von Generatoren muss mit 75 bis 95 Prozent der Maximalleistung betrieben werden, sonst würde die Abgasreinigung nicht friktionsfrei funktionieren und die Anlagen automatisch abschalten. Es gilt die Aufforderung: Auch, wenn es eine geplante Absicherung (den Plan B) gibt, muss es in kritischen Bereichen, wie der Wasserversorgung, einen Plan C geben. Während eines Blackouts gibt es im Ernstfall keine Zeit mehr, um kurzfristige Alternativen zu organisieren, da nur wenige Kommunikationskanäle und kaum Ressourcen zur Verfügung stehen. Es wird nicht möglich sein, einfach zum Hörer zu greifen oder eine E-Mail zu schreiben, wie man das in anderen Krisenlagen gewohnt ist.

(Foto: Bundesheer)
(Foto: Bundesheer)

Treibstoff

Frühere Erfahrungen verweisen auf die schwierige Lagerung von Treibstoff. 2014 wurde in Deutschland eine Studie durchgeführt, die die Qualität von Treibstoffen für Stromstromeinrichtungen zum Thema hatte. Die Erkenntnis: Fast 60 Prozent des Treibstoffbestandes war unbrauchbar, da Treibstoff altert und Bio-Diesel nach mehreren Monaten ausflockt. Eine andere wichtige Erfahrung ist, dass Treibstofftanks selten vollgefüllt sind. Die Differenz ist oft gravierend, denn in der Planung wird der maximale Tankinhalt und nicht die reale Situation berücksichtigt. Um Kosten zu sparen und größere Mengen einkaufen zu können, wird der Tank soweit als möglich entleert, bevor er wieder befüllt wird. Zum falschen Zeitpunkt erlebt man dann eine ziemlich böse Überraschung. Daher sollte nicht das theoretisch verfügbare Fassungsvermögen, sondern der minimale Bestandmittelstand für die Planung herangezogen werden. Fahrzeuge sollten möglichst immer aufgetankt oder zumindest halbvoll abgestellt werden, um Handlungsspielraum zu haben.

IT-Komponenten

Erheblich sind auch potenzielle Hardwareschäden an Netzteilen von IT-Komponenten durch Kurzausfälle oder Spannungsschwankungen. Vor allem, wenn diese permanent in Betrieb sind, wie im Infrastrukturbetrieb. Hier gibt es zahlreiche Erfahrungen, wo bis zu 30 Prozent Hardwareschäden aufgetreten sind, was zu einer schwerwiegenden Folgekrise führen könnte. Denn ohne IT und Telekommunikation funktioniert heutzutage so gut wie gar nichts mehr - und die Kette ist bekanntlich so stark, wie ihr schwächstes Glied. Schwerwiegende Ausfälle und Störungen im Telekommunikationssektor könnten den Wiederanlauf der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern erheblich verzögern und sogar gefährden. Denn ohne Synchronisation gibt es weder eine Produktion noch eine Verteilung von Waren. Bei einer Blackout-Übung in einer Gemeinde war nicht mehr konfiguriert, weshalb die Telefonanlage und das Computernetzwerk nicht mehr funktionieren. Auch bei der Übung des ÖBH wurde festgestellt, dass Netzwerkdrucker offline durch IT-Fachpersonal und entsprechendem Zeitaufwand wieder in das Netzwerk eingebunden werden konnten.

Krankenhaus

Eine andere Erfahrung stammt aus einem größeren Krankenhaus. Dort war man sich in einer Ersteinschätzung sicher, dass man auf ein Blackout vorbereitet sei, weil man beinahe das ganze Haus für 72 Stunden notstromversorgen kann (eigentlich ist in Spitälern nur eine 24-stündige Notstromversorgung vorgeschrieben). Besonders erschreckend war die Erkenntnis, dass bereits am zweiten Tag keine Operationen mehr durchgeführt werden konnten. Im Zuge einer Detailanalyse zeigte sich, dass betriebswichtige Güter täglich angeliefert werden. Die Lagerhaltung wurde aufgrund des Kostendrucks in den letzten Jahren beinahe überall heruntergefahren. Noch bedenklicher war die Erkenntnis, dass selbst bei überlebenswichtigen Infusionen nur mehr ein geringer Puffer zur Verfügung steht. Die Eigenherstellung musste aufgrund der Kritik des Rechnungshofs vor mehreren Jahren eingestellt werden. Nun ist man von Lieferungen aus dem Ausland abhängig. Als Sofortmaßnahme werden nun die Kapazitäten aufgestockt, um zumindest eine zweiwöchige Notversorgung aufrechterhalten zu können. Das betrifft auch die Versorgung mit Lebensmitteln. Diese sind heute auch in Gesundheitseinrichtungen oft nur für wenige Tage vorrätig.

Resümee

Diese wenigen Beispiele sollen verdeutlichen, wie wichtig eine ganzheitliche Blackout-Versorgung ist. Und auch, wenn die notwendigen Vorbereitungen getroffen werden, bleiben Unsicherheiten bestehen, da die Komplexität und die vielschichtigen wechselseitigen Abhängigkeiten nur selten erfasst werden können. Daher wird nun auch in dem vorherig erwähnten Spital überlegt, bei einem Blackout nur mehr eine absolute Notversorgung aufrechtzuerhalten, um unerwartete Probleme und Ausfällen vorzubeugen. Vor allem auch, um Ressourcen zu sparen, da im Vorhinein nicht absehbar ist, wie lange die Lieferunterbrechungen dauern werden. Gerade durch derartige Vorkehrungen wird es möglich, falls es die Ressourcenlage zulässt, wesentlich rascher und geordneter in einen Normalbetrieb zurückzukehren. Diese Einsicht muss in vielen Bereichen aber erst gewonnen werden.

Für den Kommanden des Gardebataillons hat sich einmal mehr bestätigt, dass nur das funktionieren wird, was geübt und überprüft wurde. Erfreulich war die Erkenntnis, dass die Tankstelle in der Maria-Theresien-Kaserne noch über eine Handpumpe verfügt und das Tanken im Ernstfall ohne Strom möglich ist. Der gestiegene Bedarf an Notstromaggregaten und Heizkanonen wird die Organisation wohl noch länger beschäftigen, da dieser nicht nur die Garde betrifft. Erfreulich ist, dass dafür ab 2021 ein eigenes Budget vorgesehen ist. Bis alle Verbände des ÖBH für zumindest zwei Wochen autark sein werden, wird wohl noch etwas Zeit vergehen. Gerade weil die Übung Lücken aufzeigte, ist sie für das Bundesheer als Erfolg anzusehen. Nur so können lokale Probleme erfasst und behoben werden. Dafür ist ein ehrlicher und transparenter Umgang mit den Erkenntnissen entscheidend. Sätze wie „Wir sind sehr gut“ oder „auf alles vorbereitet“ werden spätestens in bzw. nach einer Krise zu einem massiven Vertrauensverlust führen.

Auch die Militärakademie hat nun einen wichtigen Schritt gesetzt und alle Angehörigen der Akademie zur persönlichen Vorsorge aufgefordert. Denn nur wer seine Familie in Sicherheit weiß, kann „Schutz und Hilfe“ für andere leisten. Dieser Schritt kostet nicht viel, trägt aber wesentlich zur Erhöhung der Handlungs- und Einsatzfähigkeit bei. Egal ob Zivilist oder Soldat des ÖBH, jeder kann etwas dazu betragen.

Herbert Saurugg, MSc, Major a.D. ist Blackout- und Energiewende-Experte. 

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(Foto: Thomas Ledl, gemeinfrei, CC BY-SA 4.0)
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