• Veröffentlichungsdatum: 19.03.2016
  • – Letztes Update: 21.11.2016

  • 6 Min -
  • 1297 Wörter

April 1945 - Vorstoß in das Zentrum Wiens

Markus Reisner

(Foto: Archiv Reisner/TsAMO, Montage: Rizzardi)

Die Großstadt Wien blieb bei ihrer Einnahme durch die sowjetischen Truppen im April 1945 von weitreichenden Zerstörungen wie in Berlin oder Budapest verschont. Innerhalb weniger Tage gelang es den Soldaten der Roten Armee, die Stadt einzunehmen. Bei der Eroberung der Stadt sticht ein Ereignis jedoch heraus. Es ist der Vorstoß einer kleinen mechanisierten Kampfgruppe unter Garde-Hauptmann Dimitriy­ Loza aus dem Westen Wiens ins Zentrum der Stadt. Es gelang dieser selbstständigen Kampfgruppe trotz intensiver Gefechte, das Zentrum Wiens zu erreichen und auch zu halten. Dieser gewagte Einsatz, zum Teil im Rücken der deutschen Verteidiger, führte schließlich zu einem raschen Fall der Stadt Wien.

Durch die erfolgreiche Westumfassung Wiens war es den Verbänden der 6. Garde-Panzer-Armee gelungen, sich in eine günstige Ausgangsposition zu manövrieren. Während die 4. und 9. Garde-Armee der 3. Ukrainischen Front Wien von Süden und Südosten angriffen, rückte­ die 46. Armee der 2. Ukrainischen Front im Nordosten auf Wien vor. Das 9. Garde-mech-Korps und das 5. Garde-Panzer-Korps der 6. Garde-Panzer-Armee waren für die deutschen Truppen unerwartet bei Baden und Mödling über Pressbaum durch den Wienerwald gestoßen. Ihre Spitzen standen am 5. April 1945 vor Weidlingau westlich Hütteldorf (9. Garde­-mech-Korps) und nordwestlich von Pressbaum (5. Garde-Panzer-Korps).

Das 9. Garde-mech-Korps bestand im Kern aus der 18., 30. und 31. Garde-mech-Brigade sowie der 46. Garde-Panzer-Brigade. Gemäß dem Kriegstagebuch der 6. Garde-Panzer-Armee waren von den insgesamt 153 Panzern vom Typ M4 „Sherman“ aus amerikanischen Hilfslieferungen, mit denen das 9. Garde-mech-Korps die Wiener Operation Mitte März 1945 gestartet hatte, am 5. April 1945 noch 46 M4-Panzer verfügbar.

Vorstoß

Das 1. Bataillon der 46. Garde-Panzer-Brigade wurde von Garde-Hauptmann Dimitriy Loza befehligt. Der junge Offizier hatte bereits auf sich aufmerksam gemacht, als er Mitte März 1945 im Raum Veszprém bei einem von ihm befehligten Hinterhalt auf eine Panzerkolonne der I. Abteilung des SS-Panzer-Regimentes 1 der 1. SS-Panzer-Division „Leibstandarte Adolf Hitler“, dieser beträchtliche Verluste zugefügt hatte.­ Ironischerweise gelang es jedoch demselben deutschen Verband der­ 46. Garde-Panzer-Brigade im Kampf um Wiener Neustadt schwere Verluste zuzufügen. Nur durch geschicktes Manövrieren war es dabei Loza gelungen, für sein Bataillon noch Schlimmeres zu verhindern.

Um das 1. Bataillon der 46. Garde-Panzerbrigade sowie aus Teilen der 30. Garde-mech-Brigade wurde eine gemischte Kampfgruppe gebildet. Diese bestand aus insgesamt 22 Panzern vom Typ M4 „Sherman“, vier Sturmgeschützen vom Typ ISU122 des 364. Selbstständigen Garde-Sturmgeschütz-Regimentes und dem verminderten 1. Garde­-­Schützen-Bataillon des 304. Garde-­Schützen-Regimentes. Während die ISU122-Sturmgeschütze Sperren oder Widerstandsnester mit ihren Geschützen aus dem Weg schaffen sollten, dienten die Garde-Schützen als „Tankodesantniki“. Die Soldaten fuhren auf den Panzern aufgesessen mit und hatten den Auftrag, den Schutz der Panzer vor Hinterhalten zu gewährleisten.

Garde-Hauptmann Dimitriy Loza -
„Held der Sowjetunion“.
(Foto: Archiv Reisner, Montage: Rizzardi)

Der Auftrag an diese ad hoc gebildete gemischte Kampfgruppe lautete, so rasch wie möglich auf das Zentrum Wiens vorzustoßen, dort einige Schlüsselobjekte (darunter das Parlamentsgebäude) zu nehmen, diese über zumindest 24 Stunden bis zum Eintreffen von Entsatz zu halten und so die Voraussetzungen für einen raschen Zusammenbruch der deutschen Verteidigung zu schaffen.
Am 6. April 1945 wurde mit dem Vorstoß der sowjetischen Kampfgruppe aus dem Raum Purkersdorf begonnen.

Das dem Autor vorliegende Kriegstagebuch der 46. Garde-Panzerbrigade gibt einen Einblick in die dramatischen Ereignisse der nächsten Tage. Bereits in der Bereitstellung verloren die Sow­jets einen „Sherman“ durch den Einsatz eines deutschen Panzernahkampftrupps der Wiener Hitlerjugend (HJ). In Weidlingau lief man auf die ersten provisorischen Panzersperren auf und stieß dabei erneut auf den erbitterten Widerstand von Angehörigen der Wiener HJ, die der Kampfgruppe unter Einsatz von Panzerfäusten und im Nahkampf weitere Verluste an Panzern zufügten. Es gelang der Kampfgruppe jedoch, mit einer Umfassungsbewegung über Auhof und Hacking, bis zum Morgen des 7. April zwischen St. Veit und Baumgarten in das Stadtgebiet von Wien einzudringen.

Zu Mittag des 7. April standen die sowjetischen Panzer bereits auf der Höhe des Wiener Westbahnhofes. Die entscheidende Phase des Unternehmens hatte begonnen. Die sowjetischen Panzer wurden immerzu von fanatischen Kämpfern der Wiener HJ bedrängt. Derartige Alarmeinheiten waren als einzige im Westen Wiens verfügbar, da die Kräfte des deutschen II. SS-Panzer-Korps mit ihren Kampfgruppen im Süden und Südwesten von Wien im Einsatz standen. Am Westbahnhof und entlang des Wiener Gürtels traf man aber auf einen noch gefährlicheren Gegner. Plötzlich sahen sich die sowjetischen Panzer mehreren deutschen Panzern vom Typ Pz V „Panther“ gegenüber. Dabei handelte es sich um Panzer der Führer-Grenadier-Divison (FGD). Diese im Kern aus dem Führer-Panzer-Regiment FGD 2 sowie den Führer-Panzer-Grenadier-Regimentern FGD 3 und 4 bestehende Panzergrenadier-Division war auf direkten Befehl Adolf Hitlers nach Wien abkommandiert worden.

Hier angekommen, sollte sie die erkannte Westumfassung Wiens der sowjetischen Truppen durch einen energischen Angriff über Atzgersdorf in den Raum Mödling, also in die Flanke des Gegners, zerschlagen. Nach der Bereitstellung mit den Spitzen im Raum Lainz und Hetzendorf erfolgte jedoch der Befehl, umzukehren und sich in Richtung Norden abzusetzen. Es bestand die Gefahr, dass Wien auch im Norden umfasst und somit alle Verteidiger eingeschlossen würden. Auf dem Rückmarsch stieß man nun auf Höhe der Mariahilfer Straße auf die sowjetischen Panzer. Es entbrannte ein erbittertes Panzerduell auf kurze Distanz, bei der beide Seiten einige Panzer verloren.

Nachdem die gepanzerten Einheiten der Führer-Grenadier-Divsion sich weiter abgesetzt hatten, stieß die sowjetische Kampfgruppe am Morgen des 8. April entlang der Mariahilfer Straße weiter vor und gewann schließlich das Natur- und das Kunsthistorische Museum bzw. den Heldenplatz und die Hofburg. Hier musste sich die Kampfgruppe gegen gezieltes Feuer von Panzerabwehrkanonen (PAK) aus dem Raum des Wiener Rathauses zur Wehr setzen. Zur Ausschaltung der PAK brachte man die mitgeführten ISU122 zum Einsatz. Einige weitere Gegenstöße der deutschen Verteidiger konnten ebenfalls erfolgreich abgewehrt werden. Die Kampfgruppe konnte nun melden, dass sie das Zentrum Wiens erreicht hatte.

In der Nacht des 8. April und am 9. April wurde noch in Richtung Stephansplatz und Donaukanal aufgeklärt, aber im Wesentlichen der Raum im Dreieck zwischen Parlament, Museen und Heldenplatz gehalten. Den Deutschen gelang es nicht, die sowjetische Kampfgruppe entscheidend anzugreifen.

Bis zum 10. April setzte sich die Masse der deutschen Verteidiger über den Donaukanal ab. Die Brücken über den Donaukanal wurden in der Nacht von 9. auf den 10. April von den Deutschen gesprengt, um den sowjetischen Truppen den Vormarsch zu erschweren. Die Innere Stadt war somit fast kampflos geräumt worden. Am Morgen des 10. April wurden an die Kampfgruppe der 46. Garde-Panzer-Brigade weitere sowjetische Kräfte­ herangeführt. Sie hatte somit ihren Auftrag erfüllt.

Fazit

Für diesen erfolgreichen Vorstoß wurde Garde-Hauptmann Dimitriy Loza mit dem Orden „Held der Sow­jetunion“ ausgezeichnet. Auch die restlichen Angehörigen der Kampfgruppe erhielten fast ausnahmslos Auszeichnungen. Loza wurde in weiterer Folge noch in der Mandschurei eingesetzt und stieg nach Kriegsende bis zum Rang eines Obersten auf.

Über seine Erlebnisse im Krieg begann er umfangreiche Aufzeichnungen zu führen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion nahm er diese, ging damit zur amerikanischen Botschaft in Moskau und erkundigte sich, ob denn nicht Interesse an seinen Aufzeichnungen als ehemaliger „Sherman“-Kommandant bestünde. Man nahm die Aufzeichnungen entgegen und schickte sie nach Fort Leavenworth. Dort wurden sie übersetzt und in weiterer Folge unter dem Titel „Commanding the Red Army´s Sherman Tanks: The World War II Memoirs of Hero of the Soviet Union Dimitriy Loza“ veröffentlicht.

Abschließend muss noch folgende Episode erwähnt werden: Der Autor dieses Beitrages hatte vor einigen Jahren die Möglichkeit mit US-Offizieren des U.S. European Command über den 2003 erfolgten Vorstoß der 3. U.S. Armored Division auf die Hauptstadt Bagdad zu sprechen. Damals hatte man während der bekannt gewordenen „Thunder Runs“ zwei Vorstöße in das Zentrum Bagdads durchgeführt und dieses schließlich gehalten. Einer der US-Offiziere hatte damals im Stab der für die Vorstöße verantwortlichen Brigade gedient. Er erzählte, dass sie bei ihren Planungen für den Angriff auf Bagdad versucht hatten auch kriegsgeschichtliche Beispiele zu analysieren. Dabei war man auch auf das Buch von Dimitriy Loza gestoßen. Dieser hatte beschrieben, wie man mit geringen eigenen gepanzerten Kräften einen erfolgreichen Vorstoß in eine Großstadt durchführen konnte.


Hauptmann Mag.(FH) Dr. phil.Markus Reisner ist Teilnehmer am 20. Generalstabslehrgang und Autor eines Buches über die „Wiener Operation“ der sowjetischen Streitkräfte im Frühjahr 1945.

Originalkarte vom Vorstoß der sowjetischen Kampfgruppe Loza in das Zentrum Wiens. (Foto: Archiv Reisner/TsAMO)
 

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