• Veröffentlichungsdatum: 15.07.2019
  • – Letztes Update: 31.07.2019

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Angriffsvorbereitung, Ablauflinien und Steilfeuer

Markus Ziegler

(Foto: HBF/Daniel Trippolt)
(Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Der Angriff nach Bereitstellung erfordert ein strukturiertes und planmäßiges Vorgehen. Je besser dieses in der konkreten Situation angewendet wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit des Erfolges. Eine zusätzliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Angriff ist - neben einer gediegenen Aufklärung - der Einsatz von Steilfeuer. Dieses soll den Gegner dezimieren und das Kräfteverhältnis zu Gunsten des Angreifers erhöhen.

Führungsgrundsätze für den Angriff

Ein Grundprinzip des Angriffes ist, dass der Angreifer immer auf die Schwachstelle des Verteidigers „schlägt“. Um dabei erfolgreich zu sein, sind die Führungsgrundsätze Überraschung und Beweglichkeit/Geschwindigkeit entscheidend. Der Kampfplan muss einen der beiden Faktoren beinhalten, um sicherzustellen, dass der Verteidiger seine geplante Kampfführung nicht umsetzen kann. Auf keinen Fall darf das Schwergewicht des Verteidigers angegriffen werden, da dadurch die Erfolgsaussichten des Angreifers drastisch reduziert werden würden.

Überraschung

Dem Angreifer muss es gelingen, den Verteidiger mit einer ver- oder gedeckten sowie lautlosen Annäherung unter Ausnützung des Geländes überraschend an seiner Schwachstelle zu treffen. Dann kann der Verteidiger seine Kräfte nicht in das Schwergewicht des Angriffes verlegen. Der Angreifer erhält und behält damit die Initiative und zwingt den Verteidiger zur Reaktion.

Beweglichkeit und Geschwindigkeit

Gelingt es dem Angreifer, so schnell vorzugehen, dass der Einbruch in die gegnerischen Stellungen erfolgt, bevor dieser mit seinen Kräften ein neues Schwer­gewicht bilden kann, behält er die Initiative.

Ein Kommandant gibt einem Schützen einen Kampfauftrag für die Sicherung des Verfügungsraumes.
Ein Kommandant gibt einem Schützen einen Kampfauftrag für die Sicherung des Verfügungsraumes. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Phasen des Angriffes

Der Angriff beginnt in der Regel mit dem Überschreiten der Ablauflinie. Er umfasst die ineinander übergehenden Phasen

  • Annäherung,
  • Einbruch,
  • Kampf in der feindlichen Stellung und
  • Abwehr von Gegenstößen und Gegenangriffen des Feindes.

Beziehen eines Verfügungs- oder Bereitstellungsraumes

Auf der gefechtstechnischen Ebene erfolgt der Aufmarsch nach den Grundsätzen des gesicherten Marsches. Die Stärke der für die Sicherung des Verfügungs- bzw. Bereitstellungsraumes eingesetzten Kräfte richtet sich nach der Lage der Konfliktparteien. Die dazu notwendigen Kräfte werden nach den Grundsätzen der Sicherung örtlich eingesetzter Truppen aufgestellt. Hinsichtlich der Tarnung gegen Luftaufklärung ist davon auszugehen, dass der Gegner über Luftaufklärungsmittel verfügt. Die Qualität und Anzahl dieser Mittel hängt vom technischen Rüststand des Gegners ab. Von der im Handel erhältlichen Kleindrohne über den Kampfjet bis zum Satelliten im Weltall sind theoretisch alle Aufklärungsmittel möglich.

Ein Schütze mit Granatgewehr nach dem Absitzen zum Gefecht.
Ein Schütze mit Granatgewehr nach dem Absitzen zum Gefecht. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Werden die eigenen Angriffskräfte bei der Bereitstellung erkannt, ist davon auszugehen, dass der Gegner sie mit allen geeigneten und verfügbaren Wirkmitteln bekämpfen wird. Die größte Gefahr stellen dabei Luftkampfmittel und weitreichende Artillerie dar. Verfügt der Gegner über mechanisierte Kräfte, ist nach der Aufklärung des eigenen Bereitstellungsraumes mit einem Angriff durch diese zu rechnen. Durch den Einsatz von Luftkampfmitteln, Steilfeuer und einem rasch geführten Angriff zum Zerschlagen der Bereitstellung kann es dem Verteidiger gelingen, den Angreifer bereits vor dem Angriffsbeginn „abzuwehren“. Um das zu verhindern, müssen eigene Kräfte immer Alarmstellungen zur Abwehr von Aufklärungs- oder schwachen Feindkräften vorbereiten. Ist mit einem massiven Angriff von mechanisierten Verbänden zu rechnen, sind zusätzlich Kräfte für die temporäre Verteidigung einzusetzen.

Beim Marsch in den Verfügungs- bzw. Bereitstellungsraum und während der vorbereitenden Tätigkeiten in diesem ist immer Funkstille einzuhalten. Bei jedem Gegner ist davon auszugehen, dass er über Mittel zur Fernmeldeaufklärung verfügt und den Standort einer in fernmeldetechnischer Hinsicht undisziplinierten Truppe feststellen kann. Das liefert dem Gegner die Grundlage für den Einsatz weiterer Aufklärungs- und Wirkmittel.

Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Angriff ist der Einsatz der Aufklärungskräfte während der Bereitstellung (siehe TD-Heft 4/2018 und 1/2019). Zusätzlich werden im Bereitstellungsraum allgemeine und spezielle Versorgungsmaßnahmen durchgeführt, um die Kampfkraft zu erhalten und die Truppe beispielsweise mit Kampfmitteln für den Angriff zu versorgen.

Annäherung und Ablauflinien

Die Phase der Annäherung beginnt mit dem Anmarsch zur Ablauflinie, die nach dem Ende der Bereitstellung erfolgt. Die Ablauflinie ist eine markante Führungslinie im Gelände. Nachdem diese überschritten wurde, beginnt der Angriff der jeweiligen Ebene. Ab diesem Zeitpunkt werden die Bewegung und das Feuer der angreifenden Kräfte sowie der unterstützenden Waffen zeitlich und räumlich in Einklang gebracht. Dabei müssen die Kommandanten aller Ebenen Verständnis für den Zweck der Ablauflinien der verschiedenen Ebenen haben und diese kennen.

Ablauflinie Brigade

An der Ablauflinie der Brigade (Line of Departure Brigade - LD Brig) organisiert der Brigadekommandant die Gefechtsordnung. Die vorne angreifenden Bataillone bewegen sich in ihrem Gefechtsstreifen und treten, in einer dem Gelände und dem Gegner angepassten Gefechtsform, weiter an. Die Steilfeuerelemente der Brigade haben beim Überschreiten der LD Brig die Feuerbereitschaft hergestellt. Ab diesem Zeitpunkt kann mit der Feuervorbereitung auf zugewiesene Ziele begonnen werden.

In räumlicher Hinsicht befindet sich die LD Brig etwa acht bis zwölf Kilometer vor der FEBA (Forward Edge of the Battle Area -­ Vorderster Rand der Verteidigung). Diese Distanz ist notwendig, damit die vorne angreifenden Verbände von der Kolonne in eine breite Gefechtsform entwickeln können. In zeitlicher Hinsicht wird die LD Brig etwa eineinhalb Stunden vor dem Auftreffen der Angriffsspitzen auf die FEBA überschritten. Die Aufklärungskräfte der Kompanien, die sich am Gegner befinden, müssen ab diesem Zeitpunkt das von der Brigade zugeteilte Steilfeuer leiten. In den Plänen der Durchführung der Bataillone wird die LD Brig als Coordination Line (CL) eingezeichnet.

Prinzipskizze: Ablauflinien und Gefechtsbereiche. (Grafik: Markus Ziegler)
Prinzipskizze: Ablauflinien und Gefechtsbereiche. (Grafik: Markus Ziegler)

Ablauflinie Bataillon

An der Ablauflinie des Bataillons (LD Baon) organisiert der Bataillonskommandant die Gefechtsordnung. Die vorne angreifenden Kompanien begeben sich in ihre Gefechtsstreifen und treten ab der LD Baon in einer dem Gelände und dem Gegner angepassten Gefechtsform weiter an. Der Granatwerferzug und andere für die Feuerunterstützung unterstellten Elemente haben die Feuerbereitschaft hergestellt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt die Feuervorbereitung auf erkannte Ziele des Gegners in den Gefechtsbereichen der Kompanien. Vier bis sechs Kilometer vor der FEBA erfolgt das Überschreiten etwa eine Stunde vor dem Auftreffen auf diese. In den Kampfplänen der Kompanien wird die LD Baon als CL eingezeichnet.

Ablauflinie Kompanie

An der Ablauflinie der Kompanie (LD Kp)­ organisiert der Kompaniekommandant die Gefechtsordnung seiner Einheit. Die vorne angreifenden Züge begeben sich in ihre Gefechtsstreifen und treten in einer dem Gelände und dem Gegner angepassten Gefechtsform weiter an. Ein bis drei Kilometer von der FEBA entfernt erfolgt das Überschreiten der LD Kp etwa 30 Minuten vor dem Auftreffen auf die FEBA. Auf der gefechtstechnischen Ebene der Teileinheiten und Züge werden keine Ablauflinien definiert.

Absitzen zum Gefecht

Das Absitzen zum Gefecht erfolgt gemäß der Beurteilung der Lage. Wesentlich für das Festlegen des Absitzraumes ist, dass dort ein gedecktes Absitzen der infanteristischen Kräfte möglich ist. Weiters soll ab diesem Geländeteil für die abgesessene Truppe eine günstige Annäherungsmöglichkeit zum Feind gegeben sein. Für den Ort des Absitzraumes muss der Kommandant die Steilfeuerplanung und die dazugehörenden Sicherheitsabstände (siehe Tabelle) berücksichtigen.

„Danger Close“ 

Zusätzlich zu den Werten in der Tabelle gibt es im Einsatz für jedes österreichische und internationale Wirkmittel der Artillerie und der Kampffliegertruppe reduzierte Gefahrenbereiche, die als „Danger Close“ bezeichnet werden. Da dabei der Mindestsicherheitsabstand unterschritten wird, ist mit dem Ausfall eigener Kräfte zu rechnen. Dieser kann rechnerisch, je nach Grad der Unterschreitung im Prozentbereich liegen. Die Feueranforderung „Danger Close“ erfolgt durch einen qualifizierten Beobachter/Controller, der auch für die Risikobewertung verantwortlich ist. Der Kommandant vor Ort ist für die Beurteilung und die Feuerfreigabe verantwortlich. Er wird diese nur wählen, wenn dadurch die eigenen Ausfälle niedriger und/oder der Angriffserfolg höher beurteilt werden als bei der Einhaltung der Mindestsicherheitsabstände. Die Truppe muss beim Einsatz von „Danger Close“ auf jeden Fall vorgewarnt sein und sich in Deckungen befinden.

 

Sicherheitsabstände und Vorbereitungsfeuer

Die Sicherheitsabstände richten sich danach, ob die Truppe über gepanzerte Kampf- und Gefechtsfahrzeuge (GKGF) verfügt oder nicht.

Tabelle: Sicherheitsabstände für Granatwerfer und Artillerie
Tabelle: Sicherheitsabstände für Granatwerfer und Artillerie

Truppen ohne GKGF

Die Truppe sitzt mit einem Sicherheitsabstand von 700 m bzw. 600 m vom Zielpunkt des Vorbereitungsfeuers entfernt von ihren Fahrzeugen ab. Dort ist sowohl das Absitzen zum Gefecht als auch die Organisation für das weitere Antreten ohne Einschränkung möglich. Das Antreten über diese Sicherheitslinie ist erst nach dem Ende des Steilfeuers oder dem Verlegen in die Tiefe möglich. Während der Annäherung kann kein weiteres Steilfeuer geschossen werden, außer diese erfolgt gedeckt. Die Distanz bis zur letzten Deckung vor dem Gegner kann in etwa 15 Minuten überwunden werden. Das bedeutet, dass sich der Gegner bis zum Auftreffen auf die FEBA reorganisieren und die Abwehrbereitschaft herstellen kann.

Wenn die Truppe eine geeignete Deckung mit einem Abstand von 300 m zum Zielpunkt gewonnen hat und alle Soldaten gedeckt sind, kann erneut Steilfeuer zur Dezimierung des Gegners eingesetzt werden. Aus dieser kurzen Entfernung kann, abhängig von der Wirkung des Steilfeuers, die Reaktionszeit der gegnerischen Kräfte unterlaufen werden. Damit erhalten die Feuerunterstützungselemente die Möglichkeit, ihre Stellungen zu beziehen und den Gegner mit Flachfeuer niederzuhalten, bevor dieser seine Stellungen bezogen hat. Dieser Vorteil ist der Grund, warum die Truppe diese geringe Distanz zum eigenen Steilfeuerzielpunkt in Kauf nimmt.

Truppen mit GKGF

Eine Truppe mit GKGF hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten, sich dem Gegner zu nähern. Die erste Möglichkeit ist, dass sich die eigenen Kräfte unter Ausnützung ihrer GKGF bis etwa 200 Meter an den eigenen Steilfeuerzielpunkt annähern. Nach der Beendigung des Steilfeuers muss rasch zum Gefecht abgesessen werden, und die Waffen für die Flachfeuerunterstützung haben sofort ihre Stellungen zu beziehen. Das Absitzen zum Gefecht erfolgt auch in diesem Fall grundsätzlich immer in einer Deckung. Die zweite Möglichkeit ist, dass der Ablauf und das Vorgehen nahezu gleich wie beim Vorgehen von Truppen ohne GKGF erfolgt. Vor dem Einschlag der ersten Granaten im Zielpunkt sind die Soldaten jedoch noch auf dem GKGF aufgesessen. Erst wenn diese einschlagen, sitzen sie in einem Abstand von 300 m ab und beziehen eine Deckung.

Zweck der Feuervorbereitung

Der Einsatz von Artillerie erfolgt nach dem jeweiligen Feuerbegriff, um den gegnerischen Kräften Verluste zuzufügen, den eigenen Ansatz zu ermöglichen oder um das Gefechtsfeld auszuleuchten.

Eine Panzerhaubitze M109 führt den Feuerkampf.
Eine Panzerhaubitze M109 führt den Feuerkampf. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Vernichten, Zerschlagen und Niederhalten

Die beschriebene Wirkung des Artillerieeinsatzes bezieht sich auf den Zweck, der durch das Steilfeuer erreicht werden soll. Die Feuerbegriffe „Vernichten“ und „Zerschlagen“ dienen dazu, den Gegner zu dezimieren und das Verhältnis der eigenen Überlegenheit zu erhöhen. Die optimale Wirkung zur Unterstützung der angreifenden Truppen wäre, dass der Gegner komplett ausfällt, was jedoch unrealistisch ist.

„Vernichten“ bedeutet, dass das Steilfeuer voraussichtlich mehr als 50 Prozent Ausfälle verursacht. Beim „Zerschlagen“ werden dem Feind etwa 30 Prozent Ausfälle zugefügt. Der Feuerbegriff „Niederhalten“ verhindert, dass der Gegner seine Waffen zur Wirkung bringen und seine Kräfte nicht verschieben kann. Muss der Gegner zeitlich verzögert werden, um eine Verlagerung des Schwergewichtes oder das Absetzen zu verhindern, muss er so lange niedergehalten werden, bis die eigenen Kräfte jenen Raum gewonnen haben, aus dem sie ihren Einsatz Erfolg versprechend durchführen können.

Feuerbegriffe und Zielflächen

Auf der Fläche eines Punktzieles (50 x 50 m) oder eines kleinen Flächenzieles (100 x 100 m) befinden sich eine gegnerische Infanteriegruppe und/oder ein GKGF. Ein Halbzug mit zwei Gruppen und/oder zwei GKGF sind die maximalen Ziele, die sich in der Verteidigung auf einem mittleren (150 x 150 m) oder einem großen Flächenziel (200 x 200 m) befinden. Die Folgerung ist, dass zur Bekämpfung eines zur Verteidigung eingerichteten Zuges das Steilfeuer auf zumindest zwei Zielpunkte für große Zielflächen gelegt werden muss.

Ein schwerer Granatwerfertrupp verschießt eine Granate.
Ein schwerer Granatwerfertrupp verschießt eine Granate. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)
Einschläge von Artilleriegranaten im Zielgebiet.
Einschläge von Artilleriegranaten im Zielgebiet. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Blenden

Der Feuerbegriff „Blenden“ dient dazu, dem Gegner die Sicht zu nehmen, damit dieser keinen gezielten Feuerkampf führen kann. Das Blendfeuer ist so zu organisieren, dass es zwischen den eigenen und den gegnerischen Kräften liegt. Granatwerferzüge legen Blendfeuer auf eine Breite von bis zu 400 m, indem sie ihre Granaten in einem Zeitintervall von vier Minuten verschießen. Das Blendfeuer der Artillerie wird auf eine Breite bis 500 m gelegt und die Granaten mit einem Zeitintervall von fünf Minuten verschossen.

Müssen eigene Elemente zur Feuerunterstützung ihre Stellungen unter Feindsicht (im ungünstigsten Fall über einen Vorderhang) beziehen, muss Blendfeuer vor dem Verlassen der letzten Deckung gelegt werden. Dadurch können die eigenen Kräfte ihre Sturmausgangsstellungen durch den Nebel verdeckt beziehen. Sind diese bezogen und der Nebel des Blendfeuers lichtet sich, sollen die eigenen Kräfte aufgestellt und in der Gefechtsbereitschaft überlegen sein.

Ausleuchten

Der Feuerbegriff „Ausleuchten“ dient dazu, das Gefechtsfeld für die eigenen Kräfte auszuleuchten. Der Leuchtdurchmesser beträgt beim schweren Granatwerfer 500 m und 1 000 m bei der Artillerie. Die Anforderung von Leuchtfeuer erfolgt in Minutenschritten.

Der Einsatz von Steilfeuer ist eine  Voraussetzung für den darauf folgenden Angriff, bei dem die Schützen des  Angriffselementes den Gegner ins Visier nehmen werden.
Der Einsatz von Steilfeuer ist eine Voraussetzung für den darauf folgenden Angriff, bei dem die Schützen des Angriffselementes den Gegner ins Visier nehmen werden. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Einschränkung für Steilfeuer

Die Grundlage für den Einsatz von Steilfeuer- und Luftkampfwirkmitteln liefert die Aufklärung. Einschränkungen ergeben sich vor allem beim Angriff im urbanen Umfeld. Bei diesem ist aus rechtlicher Sicht der Einsatz von Flächenfeuer meist auszuschließen. Mit Präzisionsmunition, die eine maximale Abweichung des Wirkmittels vom Zielpunkt unter fünf Meter hat, können Gebäude in der Größe eines Einfamilienhauses dennoch gezielt bekämpft werden. Diese Munitionssorten ermöglichen somit den Einsatz der Artillerie in bebautem Umfeld.

Die Entscheidung, ob Wirkmittel der Artillerie im urbanen Umfeld eingesetzt werden, trifft die taktische Führungsebene (Brigadekommandant, Bataillonskommandant) unter Einbeziehung des rechtskundigen Offiziers (Legal Advisor - LEGAD). Im unverbauten Gebiet kann ein Kollateralschaden, der sich durch den Einsatz der Artillerie ergibt, meist nur durch den Beobachter, der klare Sicht auf den Zielpunkt hat, beurteilt werden. Für den Einsatz von Beobachtungstrupps ist es wichtig, dass diese eine klare und direkte Sicht auf das Ziel haben. Soll schon in der Annäherungsphase Steilfeuer geschossen werden, müssen die Beobachtertrupps bereits mit der Aufklärung am Angriffsziel eingesetzt werden, um die Beobachtung sicherzustellen.

Hat sich der Gegner im urbanen Umfeld nachhaltig zur Verteidigung eingerichtet und Gebäudekomplexe oder einzelne Gebäude im Zwischengelände zu „Festungen“ ausgebaut, ist der eigene Einbruch nur nach massivem und präzisem Einsatz von Steilfeuer- und/oder Luftkampfwirkmitteln möglich. Schließlich erhöht jeder ausgefallene Gegner die eigene Überlegenheit und damit die Wahrscheinlichkeit, mit möglichst geringen Verlusten den Auftrag zu erfüllen.

Der Ladeschütze eines schweren Granatwerfertrupps lässt die Granate in das Rohr fallen.
Der Ladeschütze eines schweren Granatwerfertrupps lässt die Granate in das Rohr fallen. (Foto: HBF/Daniel Trippolt)

Die Gliederung und Zusammensetzung der Feuerunterstützungselemente, des Stoßelementes und der Sicherungselemente sind von der Stärke und Gliederung des Gegners sowie des Geländes abhängig. Hinsichtlich der quantitativen Überlegenheit ist eine örtliche Überlegenheit von mindestens 3:1 notwendig. Je größer dieses Kräfteverhältnis ist, desto höher sind die Erfolgsaussichten für den eigenen Angriff. Diese lassen sich durch eine gezielte, massive Feuervorbereitung durch Steilfeuer und Luftkampfmittel erreichen. Dadurch kann der Gegner während der Annäherung dezimiert werden, wodurch die eigene Überlegenheit gesteigert wird.

Die angreifenden Kräfte müssen durch Überraschung oder Geschwindigkeit den Gegner an seiner Schwachstelle treffen, bevor dieser sein Schwergewicht in die Angriffsachse verlagern kann. Die Elemente zur Feuerunterstützung müssen die Feuerüberlegenheit gewonnen haben, bevor eigene Räumelemente die Sperren beseitigen und das Stoßelement bezogen haben. Vor dem Einsatz dieser Elemente müssen demnach alle Räume, aus denen auf sie gefeuert werden kann, in eigener Hand sein, niedergehalten oder weggeblendet werden.

Nach dem erfolgten Einbruch in die Stellungen des Gegners ist so rasch weiter anzugreifen, dass die Reaktionszeit des Gegners hinsichtlich eines Gegenstoßes unterlaufen wird. Die Techniken für den Stoß (schmaler Ansatz) oder den Sturm (breiter Ansatz) sind das Einmaleins für den Einbruch. Sie müssen unter allen Umfeldbedingungen beherrscht und richtig angewendet werden. Ist das Angriffsziel genommen und wird nicht sofort weiter angegriffen, richtet sich die Truppe nach den Prinzipien der Verteidigung zur Abwehr von Gegenstößen und Gegenangriffen ein.

wird fortgesetzt

Oberstleutnant Markus Ziegler, MA ist stellvertretender Kommandant vom Truppen-übungsplatz Bruckneudorf und war davor Hauptlehroffizier Jäger an der Heerestruppenschule.

 

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