Militärische Führung
Der TRUPPENDIENST besuchte die zwei finalen Führungstrainings des Jahrganges „Major von Grabensprung“. Als die Offiziersanwärter mit multinationalen Führungsaufgaben rechneten, überraschten sie unvorhergesehene Situationen. Beim letzten Training gab es Tage des Hungerns, des Schlafentzuges und der körperlichen Dauerbelastung. Dabei mussten die Fähnriche ihre Leistungsfähigkeit als künftige Führungskräfte des Bundesheeres unter Beweis stellen.
Abenddämmerung am 18. September 2025 auf dem Truppenübungsplatz Großmittel. Ein Lastwagen und ein Kleinfahrzeug, besetzt mit zwölf Fähnrichen, rollen langsam über staubige Seitenwege durch Nadelwälder. Marschziel ist die nächste Ausbildungsstation ihres Führungstrainings mit dem Thema „Einsatz im multinationalen Verbund“. Plötzlich springen Soldaten in fremdländischen Uniformen vor den kleinen Konvoi und stoppen ihn.
Im Scheinwerferlicht der Fahrzeuge ist ein hektisches Durcheinander nervöser bewaffneter Unbekannter zu erkennen. Das bedrohliche Geschrei in fremden Sprachen ist eindeutig: „Hands up! Ruki verkh! Sus mâinile! Vyyti! Get out of the truck! You are hostages!“ Die Ladebordwände werden hektisch geöffnet, alle Offiziersanwärter müssen überstürzt aussteigen.

Schnell ist den Fähnrichen klar: sie sind Geiseln. Sie werden entwaffnet und müssen ihre gesamte Ausrüstung, Bussolen, Kartenmaterial, Funkgeräte und Mobiltelefone übergeben. Die Kidnapper durchsuchen jeden Einzelnen, sogar Schreibstifte und Papier werden den angehenden Offizieren abgenommen – nur noch ihre Uniformen behalten sie. Die Angreifer brüllen: „Hands up! Ruki verkh! Go, go, go!“
Die Geiseln, unter ihnen Fähnrich Hillary Holzer, werden in Trupps aufgeteilt und müssen im Laufschritt, in einer Reihe, die Hände im Nacken verschränkt, zu einem nahegelegenen „Pinzgauer“ eilen. Dort erwartet sie Oberst Oliver Pilles, Leiter des Referates Gefechtstechnik und Führungstraining an der Theresianischen Militärakademie.
Oberst Pilles spricht mit eindringlicher Stimme zu den Fähnrichen: „Sie sind Geiseln einer feindseligen Gruppierung. Sie haben 30 Sekunden Zeit, um sich die Lagekarte ihrer Geiselnehmer einzuprägen. Sie kann die Möglichkeit einer erfolgreichen Flucht bieten.“ Die Militärakademiker prägen sich die Details der Geländeskizze ein. Dabei hilft ihnen, dass sich jeder Einzelne einen bestimmten Abschnitt merkt, die einen die Himmelsrichtungsangaben und die anderen markante Bewegungslinien und Gewässereinzeichnungen. Damit verfügen sie im Team über genaue Angaben zu einem Weg, der direkt zu einem rettenden Evakuierungspunkt führt. Sie müssen ihn in den nächsten Nachtstunden bei Dunkelheit, ohne Hilfsmittel, nur mit ihren Erinnerungen an die gegnerische Lagekarte erreichen.
Als die letzte Geiselgruppe mit ihrer Orientierungsaufgabe in der Dunkelheit des Waldes verschwunden ist, erklärt Oberst Pilles: „Ungewissheit ist ständiger Begleiter in militärischen Einsätzen. Diesen Stressor muss man als Soldat und Offizier ertragen und bewältigen können. Daher überraschen wir die Fähnriche mit Szenarien wie eine simulierte Geiselnahme am Ende eines fordernden Ausbildungstages.“ Sie müssen dabei innerhalb kürzester Zeit Erlerntes anwenden und im Team Aufgaben lösen, auf die sie nicht konkret vorbereitet sind.
» Ungewissheit ist ständiger Begleiter in militärischen Einsätzen. Diese muss man als Soldat und Offizier ertragen und bewältigen können. «

» Wir Fähnriche rechnen ständig mit unbekannten Übungseinlagen, die uns mit neuen Situationen konfrontieren. «
Fähnrich Hillary Holzer sagt am Tag nach der simulierten Geiselnahme: „Für mich kam die Geiselnahme aus dem Nichts. Aber es hat mich nicht überrascht, dass es eine unvorhergesehene Planänderung in unserem Führungstraining gab.“ Sie lacht: „Wir Fähnriche rechnen ständig mit unbekannten Übungseinlagen, die uns mit neuen Situationen konfrontieren. Die Aufgaben sind meist körperlich und geistig herausfordernd. Aber wir haben im Laufe unserer Ausbildung schon viele davon gemeistert. Das härtet ab.“ Augenzwinkernd ergänzt sie: „Überraschungen können uns nicht leicht beeindrucken.“
Multinationales Training
Das Führungstraining „Einsatz im multinationalen Verbund“ ist das sechste in einer insgesamt siebenteiligen Ausbildungsserie für Militärakademiker an Österreichs Offiziersschule (siehe dazu TD-Heft 2/2025, „Militärische Führung“). Oberst Pilles erklärt: „In den ersten Führungstrainings erlernen die Fähnriche Einsatzarten wie Verteidigung, Angriff und Verzögerung – anfangs unter intensiver Anleitung durch unsere nationalen und internationalen Führungstrainer. Später müssen sie Führungsaufgaben unter weniger inhaltlicher Begleitung und schließlich komplett selbstständig oder gar unter extremen körperlichen und geistigen Belastungen lösen. Die Einsatzarten sind dazu Vehikel, um die Offiziersanwärter im militärischen Führungsverfahren, das sie letztendlich bis zu ihrer Ausmusterung am Ende ihrer Offiziersausbildung komplett verinnerlicht haben, zu schulen.“
Dazu steigern sich im Laufe der Führungstrainings die geforderten Beurteilungsgeschwindigkeiten, die Belastungen – und die Komplexitäten einzelner Szenarien, welche die Fähnriche als zukünftige Führungskräfte zu bewältigen haben. Die simulierte Geiselnahme war eine dieser gezielten Belastungen.

Szenario
Oberstleutnant Michael Lechner, Ausbildungsleiter des Führungstrainings „Einsatz im multinationalen Verbund“, erklärt das Szenario der einwöchigen Ausbildung: „Wir nehmen einen Konflikt außerhalb Österreichs an. In einem fiktiven multiethnischen Staat kam es in der Vergangenheit zu separatistischen Bewegungen, die gewaltsam ausgetragen wurden.“ Dabei agierten Terroristen, Paramilitärs – oft als Zivilisten getarnt – gegen die Bevölkerung, die Minderheiten und die dort ansässigen Behörden und Streitkräfte. Ein Nachbarstaat entschloss sich, militärisch einzugreifen. Lechner dazu: „Damit haben wir einen internationalen Konflikt.“
Der multinationale Aspekt des Szenarios entsteht für die Fähnriche durch ein fiktives UN-Mandat für den internationalen Einsatz einer robusten Brigade, die die militärischen und subversiven Auseinandersetzungen zu beenden hat. Dabei haben die Fähnriche in dem Übungsszenario als Kompaniekommandanten der internationalen Eingreiftruppe Erlerntes aus den vergangenen Trainings – in englischer Sprache – anzuwenden. Das sind etwa Aufgaben wie die Grenzüberwachung, der Schutz von Enklaven und Go-and-See-Visits von Vertriebenen, das Bereithalten als Reserve für unterschiedliche Missionen und robuste Aufträge wie einen Gegenangriff. Ausbildungsleiter Lechner sagt: „Das sind Gefechtstechniken aus der Einsatzart Schutz, die wir aus realen Einsätzen in Österreich und aus dem internationalen Einsatzspektrum kennen.“
Die Fähnriche müssen in dem multinationalen Schutzszenario bereits erlernte Verfahren flexibel in unterschiedlichen Bedrohungsstufen einsetzen. Fähnrich Hillary Holzer sagt, dass sie sich gut an ihre ersten Führungstrainings erinnern könne. Sie seien so aufgebaut gewesen, dass die Fähnriche am letzten Ausbildungstag eine Abschlussübung hatten, bei der sie mit Funkbefehlen auf gewisse Geschehnisse hätten reagieren müssen. Bei diesem Training seien sie bereits am Montag ohne Aufwärmphase gestartet. „Wir sind seither ständig beim Beurteilen und Führen. Das ist fordernd“, so Holzer. Zur hohen Anzahl von Aufgaben in kurzer Zeit meint sie, dass sie nicht glaube, in der Realität als Kompaniekommandant jeden Abend einen komplett neuen Auftrag zu erhalten. „Aber ich verstehe, dass es das Ausbildungsziel dieser Woche ist, dass man schnell reagiert und sich rasch in neue Lagen einfindet – und das auf Englisch“, so Holzer. Damit liegt die angehende Offizierin richtig – und ihre Trainer, die sie anhand von Kompetenzkarten beurteilen, beobachten sie ständig. Damit dokumentieren sie ihre Kommunikations-, Entscheidungs-, Organisations- und Anpassungsfähigkeit und machen ihre Leistungen als zukünftige Führungskraft messbar (siehe TD-Heft 3/2025, „Militärische Führung“).
Ausländische Trainer
Dieses Führungstraining ist vom Einsatz internationaler Co-Trainer geprägt. So trainierten in Großmittel zwei Offiziere aus Zypern, jeweils einer aus Italien, Rumänien, aus der Slowakei und der Schweiz. Die Gastlehrer sind einsatzerfahren und sprechen fast alle kein Deutsch. Daher ist die Arbeitssprache Englisch. Oberstleutnant Lechner: „Unsere ausländischen Trainer absolvieren mit den Fähnrichen täglich eine Führungsübung. Diese folgt einem Drehbuch. Sie gibt die Lageentwicklungen im Szenario vor. Innerhalb dieser Lageentwicklungen sind Dialoge zu führen, Lagemeldungen abzusetzen und Lageinformationen zu empfangen. Den Gegenpart stellen oft die internationalen Co-Trainer dar, die mit ihrer nationalen Herangehensweise und ihrem Englisch ein realistisches multinationales Umfeld für die Offiziersanwärter schaffen.“

» Die Fähnriche haben in dem Übungsszenario als Kompaniekommandanten der internationalen Eingreiftruppe bereits Erlerntes aus den vergangenen Trainings – in englischer Sprache – anzuwenden «
Fähnrich Hillary Holzer sagt: „Was die Gastlehrer angeht, finde ich es gut, dass sie da sind. Ich nehme viel von meinem italienischen Trainer mit – auch von seinem Englisch, das volle Konzentration von uns verlangt, damit wir ihn verstehen. Er nimmt oft Bezug auf seine Einsätze, welche Szenarien er dabei erlebt hat und wie Herausforderungen in Italien gelöst werden.“ Er habe sie überzeugt, dass es oft Kleinigkeiten sind, die entscheidend sein könnten – wie sein Tipp in der Befehlsgebung, regelmäßig Koordinierungslinien anzuordnen. „Das ist für mich wertvoll“, sagt Holzer.
Die ausländischen Trainer geben Feedbacks und Tipps an die Fähnriche weiter. Damit ergibt sich die Möglichkeit zum internationalen Vergleich. Lechner dazu: „In der Regel sind eigentlich alle unsere Gastlehrer der Meinung, dass die Performance und das Ausbildungsniveau unserer Kadetten sehr hoch sind. Ich glaube, wir können stolz auf unsere Fähnriche und ihre Ausbildung sein.“

Die Kontakte zu den Co-Trainern aus dem Ausland – vom Hauptmann bis zum Oberstleutnant – sind durch ein EU-Erasmus-Projekt entstanden. Seit 2015 fanden multinationale Führungstrainings auf Zypern, geleitet durch Führungstrainer der Theresianischen Militärakademie, statt. Lechner: „Das war immer eine bunt gemischte Gruppe – Offiziere aus Rumänien, Zypern, Griechenland, Frankreich und Norwegen – quasi unter unserem Kommando. Dort knüpften wir mit internationalen Ausbildern Kontakte, die an Trainings in Österreich interessiert waren. Meist waren das Angehörige der jeweiligen Militärakademien, mit denen bilaterale Abkommen zum gegenseitigen Austausch geschlossen wurden.“
Realitätsnähe
Die Trainer legen Wert auf Einsatznähe ihrer Szenarien und lassen dabei Erkenntnisse aus aktuellen militärischen Auseinandersetzungen einfließen. Die Lage „Einsatz im multinationalen Verbund“ gab es schon vor dem Ukraine-Krieg. Ausbildungsleiter Lechner dazu: „Wir lassen die Fähnriche – in Vorbereitung auf dieses Führungstraining – im Grundlagenmodul analysieren, was sich militärisch aktuell auf der Welt ereignet, wie in Russland oder in der Ukraine.“ Dazu beleuchten die Fähnriche in Gruppenarbeiten den Konflikt in der Ukraine aus der Sicht der NATO sowie aus der Sicht Russlands und den Konflikt im Nahen Osten. Dabei werden die Sichtweisen der Konfliktparteien dargestellt. „Die Offiziersanwärter erkennen die unterschiedlichen Herangehensweisen auf der geopolitischen Bühne und sehen, welche Hintergründe zu erkennen sind und welche Ableitungen man aus ihnen treffen kann“, erklärt Lechner und ergänzt: „Irgendwann werden die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine beendet oder zumindest unterbrochen sein. Dann könnten multinationale friedensschaffende oder eher friedenserhaltende Einsätze wieder Thema werden. Wir bereiten hier auf mögliche zukünftige Szenarien vor.“
» Die Trainer legen Wert auf Einsatznähe ihrer Szenarien und lassen dabei Erkenntnisse aus aktuellen militärischen Auseinandersetzungen einfließen «

Führen unter Belastungen
Sieben Wochen später treffen wir auf dem Truppenübungsplatz Bruckneudorf Fähnrich Hillary Holzer mit weiteren 29 Offiziersanwärtern am dritten Ausbildungstag ihres letzten Führungstrainings. Diesmal findet das Training unter belastenden Bedingungen statt. Diese sind der Militärakademikerin offensichtlich ins Gesicht geschrieben. Ihr Augenzwinkern und ihr Lächeln, die sie beim vorherigen Führungstraining zum Thema Belastungsphasen in der Ausbildung noch zeigte, sind verschwunden.
Beim Blick auf den – für die Fähnriche – unbekannten Dienstplan scheint sich auf den ersten Blick ein Planungsfehler eingeschlichen zu haben, Standardinhalte wie Dienstbeginn und Dienstschluss scheinen vergessen worden zu sein. Der Plan startet an einem Montag um 0700 Uhr. Dem zufolge wechseln sich Inhalte wie Alarmierung, Verlegung, Schießen, Bio-Messungen, psychologische Testungen und Führungsübungen über mehrere Tage ab – ohne erkennbare ergiebige Ruhephasen.
Nach sechs Tagen Dauerdienst endet die Tabelle schließlich. Das kommt dem erfahrenen Dienstplanleser bekannt vor: So eine Taktung und Intensität der Wochenplanung kennt man vom Jagdkommando. Wenn man unter dem Dokument die Unterschrift des Ausbildungsleiters und Jahrgangskommandanten, Oberst David Birsak, liest, ist der Verdacht bestätigt. Oberst Birsak, selbst 34 Jahre im Bundesheer tätig, 20 davon beim Jagdkommando, ist mit seinem Team aus handverlesenen Truppen- und Jagdkommando-Offizieren seit vier Jahren für das Führungstraining unter belastenden Bedingungen verantwortlich.
Wie geht es den Trainingsteilnehmern am dritten Ausbildungstag? Tagelanger Schlafentzug, Kälte und Hunger zehren an den Körpern, ständige Ungewissheit und Dauerstress belasten merklich die Nerven und haben sichtliche Spuren in den Gesichtern der Trainingsteilnehmer hinterlassen. Trotz der offensichtlichen Belastungen zeigen die Fähnriche Entschlossenheit. Ausbildungsleiter Oberst David Birsak zu dem Führungstraining unter Belastungen: „Die Ausbildungswoche ist vom ständigen Wechsel zwischen physischer und psychischer Belastung geprägt. Wir gehen davon aus, dass man als Führungskraft in einem Einsatz immer in einer Form belastet sein wird. Soldaten im Einsatz sind nie top ausgeschlafen, sind nicht immer satt, sind nicht immer sauber und selten bestens gelaunt. Es wird immer einen Grund geben, warum wir uns dabei außerhalb unserer Komfortzone befinden. Und trotzdem müssen wir als Offiziere, auch, wenn es uns nicht top geht, richtige Führungsentscheidungen treffen. Dieses Ziel versuchen wir Trainer in dieser Woche mit den Fähnrichen zu erreichen.“
» In dieser Trainingswoche geht es darum, den Fähnrichen diese Frage zu beantworten: Wie kann ich unter außergewöhnlich hoher Belastung gute Führungsleistung bringen? «
Ausgewählte Trainer
Dem Trainerteam um Oberst Birsak ist das in den vergangenen vier Jahren immer gelungen, seit es das Führungstraining unter Belastungen gibt. Dazu hat der einsatzerfahrene Jagdkommando-Offizier Erfahrungen, Ausbildungsverfahren sowie -techniken aus der Elitetruppe an den Bedarf der Militärakademie angepasst und übernommen. Er stellt klar: „Das ist kein Auswahlverfahren. Die Offiziersanwärter wurden ja bereits ausgewählt. Sie haben längst bewiesen, dass sie offizierstauglich sind. In dieser Trainingswoche geht es darum, den Fähnrichen folgende Frage zu beantworten: Wie kann ich unter außergewöhnlich hoher Belastung trotzdem gute Führungsleistung bringen?“
Persönlichkeitsentwicklung
Das Training bietet den künftigen Führungskräften die Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Militärakademiker werden an ihre individuelle – vor allem psychische – Grenze gebracht. Oberst Birsak dazu: „Belasten ist immer einfach. Jeder Soldat kann andere belasten. Man braucht nur eine Nacht nicht zu schlafen, dann ist man schon belastet. Aber hier geht es darum, gezielt zu belasten und das mit Hirn zu machen. Denn hier müssen wir sofort erkennen, ob der Offiziersanwärter seine individuelle Belastungsgrenze erreicht hat oder ob er noch drei Belastungspunkte zusätzlich braucht. Aber wenn ich den vierten Punkt dazugebe, bricht er, was wir keinesfalls möchten.“ Birsak arbeitet daher mit ausgewählten, erfahrenen Jagdkommando-Offizieren und Truppenoffizieren mit Jagdkommandohintergrund zusammen. „Wir brauchen diese erfahrenen Offiziere, die mit Hirn belasten können – denn nur wer selber extrem belastet wurde, kennt seine eigenen Grenzen. Nur so jemand weiß, wie sich jemand fühlt, der sich in einer extremen Belastungssituation befindet.“ Daher schaffen die Trainer für die Fähnriche ein engmaschig überwachtes Umfeld aus Schlaf- und Nahrungsentzug, aus körperlicher Belastung durch Märsche und Schanzarbeiten, um das Energielevel der Fähnriche individuell angepasst auf beinahe Null zu stellen.

Geistige und körperliche Überwachung
Gleichzeitig begleitet die Fähnriche ein Experte des Heerespsychologischen Dienstes, der ihnen Techniken zur Bewältigung von Stress und anderen Belastungen mitgibt (siehe Infobox Psychologischer Werkzeugkasten). Zur körperlichen Beobachtung steht ein Notarzttrupp bereit, der über die Aufgabe der medizinischen Erstversorgung hinaus für jeden Fähnrich ein persönliches Mosaik aus biometrischen Daten erstellt. Die Getesteten machen bei jeder Messung Notizen über ihren Zustand. Aus diesen erhält jeder Teilnehmer von sich selbst ein detailliertes Bild unter Belastungen (siehe Infobox Bio-Messungen).
Birsak: „Es kann durchaus sein, dass sich ein Fähnrich gerade sehr gut fühlt, das aber nur darauf zurückzuführen ist, dass er gerade das letzte Adrenalin ausstößt, das er noch hat. In Wirklichkeit ist er körperlich so belastet, dass er – rational und objektiv betrachtet – keine vernünftige Entscheidung mehr treffen kann. Er glaubt gut zu sein, ist es aber nicht.“ Damit bekommen die Trainingsteilnehmer die Möglichkeit, sich selbst – unter extremen Belastungen – besser kennen zu lernen. Birsak meint, die Messungen zeigen einem Fähnrich vielleicht, dass er in einem realen Einsatz vor seiner Angriffsplanung besser noch zwei Stunden schlafen sollte. Tut er es nicht, könnte ein übermüdet geschmiedeter Plan schlecht sein und vielen seiner Soldaten das Leben kosten.
Psychologischer Werkzeugkasten

Der Heerespsychologische Dienst begleitet die Fähnriche bei ihrem Führungstraining unter Belastungen. Der TRUPPENDIENST sprach mit einem der dafür Verantwortlichen: Oberleutnant Arzt (OltA) Dr. Matyas Galffy, Facharzt für Psychiatrie und Notarzt. Er erklärt die Auswirkungen von Belastungen sowie die angebotenen Bewältigungstechniken – und warum eine Angst des Kampfkünstlers Bruce Lee Ansporn sein könnte.
TRUPPENDIENST: Die Fähnriche, die ihr letztes Führungstraining absolvieren, müssen ihre Führungsaufgaben unter besonders hohen Belastungen lösen können. Wie schaffen sie das?
OltA Dr. Matyas Galffy: Der eine Teil ist die Führung. Diese haben sie bereits erlernt. Der andere Teil ist, zu erkennen, wie verändere ich mich selbst und wie verändern sich meine Persönlichkeits- und Charakterzüge unter Belastung. Menschen gehen auf unterschiedliche Art und Weise mit Druck um. Manche beschäftigen sich mehr mit sich selbst. Andere, vergessen sich selbst und damit auch die Bedürfnisse von Menschen, die sie führen, und kommen schnell in den Bereich der Überforderung. Daher ist es Sinn und Zweck dieser Woche, dass wir die Fähnriche darin trainieren, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und diese Erkenntnisse auf ihre Gruppenmitglieder umzulegen – auch auf Untergebene. Sie sollen lernen, wie Menschen unter Druck funktionieren. So bekommen sie die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen, um in weiterer Folge andere besser unter belastenden Situationen führen zu können.
TD: Was belastet die Fähnriche in dieser Woche?
Galffy: Was in dieser Woche mit Sicherheit belastet, ist das „Dauerfeuer 24 Stunden pro Tag“. Es gibt kaum Schlaf, und ihnen werden konsequent Überforderungen aufgebürdet. Sie werden aktiv körperlich und mental gefordert. Die Trainer verlangen ihnen Führungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit unter ständigem Zeitdruck ab – mit zum Teil schwer erfüllbaren Aufgaben.
TD: Wozu werden die Offiziersanwärter mit schwer erfüllbaren und unbekannten Aufgaben konfrontiert?
Galffy: Der Mensch kann mit Unsicherheit nur schwer bis gar nicht umgehen. Unsicherheit oder Nicht-Vorhersagbarkeit ist etwas, mit dem wir im militärischen Kontext im Zweifel oder im Notfall umgehen müssen. Umso öfter ich als Betroffener an den Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit herangeführt werde, desto besser kann ich sie beherrschen.
TD: Was testen Sie während des Führungstrainings?
Galffy: Ich begleite diese Woche mit spezifischen Unterrichten und mit anonymisierten psychometrischen Tests, deren Ergebnisse – jedem Fähnrich für sich – professionelles Feedback geben, wie es ihm tatsächlich ergeht. Das bedeutet, dass man als Belasteter vielleicht den Eindruck haben kann, noch voll leistungsfähig oder kognitiv da zu sein. Die Testergebnisse zeigen aber andere Dinge. Dazu wird eine psychologische Testbatterie am ersten Tag, an dem noch keine Belastung stattgefunden hat, durchgeführt. Die gleiche Testbatterie wird am letzten Tag dieser Woche gemacht. Was man dann sieht, ist, dass bei manchen Militärakademikern das Sprachverständnis deutlich schlechter wird. Das bedeutet, sie müssen daran denken, in Belastungssituationen kurze, einfache Sätze zu bilden. Andere werden zum Beispiel im Rechnen deutlich besser, können sich Zahlen besser merken. Das heißt, der Fähnrich kann, wenn er extrem belastet wird, aufgrund seiner individuellen psychologischen Testergebnisse seine persönliche Strategie festlegen, um damit umzugehen.
Über die ganze Woche hinweg haben wir die Konzentrationsfähigkeit der Fähnriche zu unterschiedlichen Zeitpunkten getestet – z. B. einmal am Nachmittag nach der Erstbelastung, am nächsten Vormittag und um zwei Uhr in der Früh. Damit kann ich einerseits im Zuge des Fortschrittes der Belastung, andererseits zu unterschiedlichen Zeitpunkten, vergleichen, wie sich die Konzentrationsfähigkeit entwickelt. Jeder Fähnrich erhält am Ende der Trainingswoche alle Testergebnisse zur persönlichen Auswertung.
TD: Was kann der Fähnrich aus Ihren Messungen ableiten?
Galffy: Das können Antworten auf Fragen sein wie: Fokussiere ich mich mehr auf Sprache oder fokussiere ich mich mehr auf Zahlen? Was mache ich mit meinem Kameraden, der im Sprachverständnis nicht mehr mitkommt, dafür aber besser mit Zahlen umgeht – wo setze ich diesen am Besten ein? Dann kann der Fähnrich diese Erfahrung auf seine eigene Gruppe, auf seinen Zug ummünzen. Er kann nun unter Extrembelastung besser beurteilen, wem er welche Aufgabe gibt.
TD: Welche Bewältigungstechniken zeigen Sie den Offiziersanwärtern?
Galffy: Sie lernen beispielsweise Atemtechniken zur Emotionskontrolle,
Imaginationstechniken sowie Techniken zur besseren Zielsetzungsfähigkeit kennen, und sie probieren Methoden aus, wie man z. B. Wärme imaginiert –
also konkrete Bewältigungsstrategien, die sie tatsächlich im militärischen Umfeld benötigen, anwenden und weitergeben können.
TD: Wie können sich die belasteten Fähnriche die Techniken merken und anwenden?
Galffy: Dazu zitiere ich gerne den Kampfkünstler Bruce Lee, der sagte: „Ich habe nicht Angst vor dem, der 10.000 verschiedene Techniken beherrscht. Ich habe Angst vor dem, der eine Technik
10.000-mal geübt hat.“ Ich gebe daher eine Auswahl an Techniken mit, aus denen sie – jeder für sich – zwei, drei auswählen und diese bereits im Belastungstraining anwenden und in Zukunft konsequent üben können. Das macht sie als Führungskräfte widerstandsfähiger und letztendlich führungsfähiger.


» Umso öfter ich als Betroffener an den Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit herangeführt
werde, desto besser kann ich sie beherrschen. «
Belastung auf der Nahkampfbahn


Bei diesen Belastungsphasen gibt es immer wieder positive Überraschungen. So fiel ein Fähnrich besonders positiv auf, der bisher immer unauffällig war. Nach mehreren Tagen Belastung stach er mit seinen Befehlen aus der Menge heraus: Während anderen Offiziersanwärtern die Karte aus der Hand fiel, weil sie im Stehen eingeschlafen waren, lieferte er eine sehr gute Führungsleistung ab. Es freut die Trainer, wenn sie sehen, dass es gelungen ist, besonderes Potenzial in den Fähnrichen zu entdecken, das diese für sich selbst noch nicht erkannt hatten.
Als Jahrgangskommandant hat Oberst Birsak besonderen Bezug zu den 30 Trainingsteilnehmern: „Ich bin stolz auf die Leistungen der Fähnriche ,meines‘ Jahrganges. Zufrieden bin ich jedoch nie. Es geht immer besser. Man kann immer besser werden.“ Und weiter, lachend zu seinem besonderen Zugang zu Qualitätsmanagement sagt Birsak, dass diese Einstellung Fluch und Segen des Jagdkommandosoldaten sei: Wenn er sich freue, etwas Außergewöhnliches erreicht zu haben, denke er zugleich darüber nach, wie er es das nächste Mal noch besser machen könne.“
Mit dem Blick auf seine eigene Ausbildung erzählt Birsak von seinen Belastungen während der Offiziersausbildung und beim Jagdkommando. Auch er wurde damals extrem belastet und das habe man einfach durchgestanden, „Keiner hat dir gesagt, wie du besser werden kannst.“ Das wollte er verbessern. Daher habe er bereits mit Beginn der Belastungstrainings, vor vier Jahren, neben Hunger, Schlafentzug sowie körperlicher und geistiger Belastung ebenso die psychologische und biometrische Begleitung integriert. Er benötigte nach seiner Ausmusterung zehn bis 15 Jahre an beruflicher Erfahrung, um festzustellen, wie er genau funktioniere, welche Bewältigungsstrategien ihm bei extremen Belastungen helfen. „Diesen Erfahrungsschatz möchte ich den Fähnrichen mitgeben. Dann ersparen sie sich Jahre des persönlichen Herumexperimentierens“, so Birsak.



Volle Wucht
Fähnrich Hillary Holzer erzählt nach den Belastungen: „Rückblickend auf die Woche kann ich sagen, dass ich schon viele Belastungsphasen während meiner bisherigen Bundesheerausbildung erlebt und erfolgreich überstanden habe. Daher weiß ich, dass ich belastbar bin.“ Somit sei sie mental auf viele Überraschungen des Führungstrainings unter Belastungen vorbereitet gewesen. Doch die volle Wucht von zahlreichen Belastungen über mehrere Tage hinweg sei für sie „schon heftig“ gewesen. Besonders die Kälte zehrte an ihr. Holzer dazu: „Da war ich froh, auf Bewältigungstechniken zurückgreifen zu können, die ich beispielsweise bei der Winteralpinausbildung erlernt habe. Daneben gab es diese Woche gute Tipps des Heerespsychologen, die mir beim Durchhalten geholfen haben. Rückblickend habe ich in diesem Führungstraining bewiesen, dass ich körperlich voll leistungsfähig bin, ich mental so stark bin, dass ich Schmerzen ausblenden und trotz aller Belastungen führen kann. Daneben habe ich hilfreiche Bewältigungstechniken erlernt. Das gibt mir viel. Das macht mich stärker.“

Bio-Messungen
Die Trainingsteilnehmer wurden während ihrer Belastungswoche biometrisch begleitet. So maß ein Notarztteam in regelmäßigen Abständen, mehrmals täglich, den Blutzuckerspiegel, die Entwicklung der Kraft, das Körpergewicht und die Herzfrequenz. Die Messergebnisse standen den Fähnrichen am Ende des Führungstrainings zur Verfügung.
Sportwissenschaftler Christian Tösch, der die Messungen der Herzfrequenzvariabilität der Probandengruppe detailliert auswertete und mit den Getesteten einzeln besprach, sagt: „Über diese Messungen können wir Rückschlüsse ziehen, wie der Stresszustand der Fähnriche ist und sich dieser über den gesamten Belastungszeitraum hinweg entwickelt.“
Es gibt einen Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und Belastbarkeit. Der Trainingszustand des einzelnen Fähnrichs war maßgeblich dafür verantwortlich, inwieweit der physiologische Stress gestiegen oder ob er relativ konstant geblieben ist. Sportwissenschaftler Tösch fasst zusammen: „Man kann deutlich sagen, dass derjenige, der ausdauer- und kraftspezifisch trainiert ist, viel mehr – letztendlich auch geistige – Kapazitäten hat, um Stressoren wegzustecken.“
Finales Führungstraining
Der Leiter aller Führungstrainings, Oberst Oliver Pilles, stellt am letzten Tag des finalen Trainings für die Offiziersanwärter des Jahrganges „Major von Grabensprung“ fest: „Wenn ich diese Fähnriche über die sieben Trainings hinweg betrachte, ist es beachtlich, welche großen Entwicklungsschritte sie gemacht haben.“ So seien sie bei ihrem ersten Führungstraining noch unsicher gewesen, denn alles erschien ihnen neu, schwierig, abstrakt und schwer greifbar. Bei den weiteren Trainings steigerte sich ihr Selbstvertrauen mit dem Fachwissen. Bei den abschließenden Trainings sehe er, dass jeder einzelne Fähnrich als „Gesamtperson in Erscheinung tritt, als Offizier und Kommandant“, so Pilles. „Diese Entwicklung beobachten wir ganz genau. Das ist sehr positiv und freut uns als Ausbilderteam“, sagt der Leiter der Führungstrainings.
Damit wurde letztendlich die Einsatztauglichkeit der ausmusternden Offiziere – messbar – gesteigert. Das beweise, dass das Referat Gefechtstechnik und Führungstraining der Theresianischen Militärakademie den richtigen Weg beschreite, wenn es darum geht, künftige Führungskräfte des Bundesheeres auf alle Einsatzaufgaben, selbst auf die eines Krieges, bestmöglich vorzubereiten, also kriegstauglich zu machen. Eines sei klar, so Oberst Pilles, „wenn wir diesen Weg konsequent weiter beschreiten, werden auch die künftigen Offiziere jeder erträglichen Belastung gewachsen sein“.
» Wenn wir diesen Weg konsequent weiter beschreiten, werden auch die künftigen Offiziere jeder erträglichen Belastung gewachsen sein. «
Letztes Training?
Die Ausbildung für Berufsoffiziere wird, wie das Institut 1 der Theresianischen Militärakademie informiert, derzeit evaluiert. Ob Module wie das Führungstraining unter belastenden Bedingungen künftig stattfinden, ist nicht gesichert.
Autor
Oberst Mag.(FH) Pierre Kugelweis
Oberst Pierre Kugelweis verfügt über langjährige Kommunikationserfahrung auf Bataillons- und Streitkräfteebene sowie im ministeriellen Bereich. Als Offizier für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation war er sowohl im Inland als auch bei Auslandseinsätzen tätig, unter anderem am Balkan, in der Türkei und in Afrika. Darüber hinaus wirkt er als Gastlehrer am Institut für Offiziersweiterbildung der Theresianischen Militärakademie.
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