• Veröffentlichungsdatum: 23.05.2018

  • 3 Min -
  • 531 Wörter

Österreich - der „Zweite deutsche Staat“?

Walter WILTSCHEGG

Der nationale Gedanke in der Ersten Republik

360 Seiten, 16,5 x 23,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag

€ 26,90

ISBN 978-3-7020-0638-9

Leopold Stocker Verlag, Graz 1992

Dieses Buch des Salzburgers Walter Wiltschegg (Jahrgang 1914) erschien im Leopold Stocker Verlag bereits im Jahr 1992. Im Fokus steht ein kontrovers diskutierter und nicht gerne angesprochener Aspekt Österreichs, der im Jahr 2018 anachronistisch klingt: Wie deutsch (-national) ist Österreich?

Die Antwort darauf gibt der Autor: Bis 1938 war Österreich und damit der überwiegende Teil der Einwohner von dem Bewusstsein beseelt „deutsch“ zu sein. Dabei spielte es keine Rolle, welcher Partei und welchem politischen Lager jemand angehörte. Man war deutsch, weil es modern war und weil man dachte, dass man so zu sein hätte. Die Frage, was darunter zu verstehen sei, blieb jedoch offen und wurde von den politischen Lagern auf ihre eigene Art beantwortet. In der Lesart der christlichsozialen Ideologie war das eine österreichisch-katholische Art des Deutschtums mit einer starken Anlehnung an das Deutsche Reich unter der Bewahrung einer (zumindest formalen) Selbstständigkeit. Für das sozialistische Lager war damit ein Schritt in Richtung einer klassen- und grenzenlosen Gesellschaft gemeint und auch (zumindest bis zur Machtergreifung Hitlers 1933) der Wunsch nach einem tatsächlichen Anschluss. Das deutschnational-nationalliberale Dritte Lager verstand den Anschluss als ihren ideologischen Dreh- und Angelpunkt ohne konkret auszuformulieren, was darunter zu verstehen ist und wie ein gemeinsames Reich genau aussehen könnte.

Wiltschegg stellt in akribischer Detailverliebtheit de facto jede Verbindung zwischen der Gesellschaft der Ersten Republik, von den Parteien über Berufsverbände, Vereine, Kulturschaffende und Künstler, Wissenschaftler etc. und ihren Bezug zum Deutschtum her. Hier ist seine Schlussfolgerung eindeutig: Die Identifikation mit dem Deutschtum war eine Selbstverständlichkeit. In diesem Teil des Buches gibt der Autor einen interessanten Einblick, wie die Strukturen der Macht in der Vorkriegszeit aussahen und welchen Verbindungen es gab, die bis in die Zweite Republik wirksam waren. Dabei gibt er (vermutlich unfreiwillig) Einblicke in die strukturellen Verbindungen, die manche lieber ausblenden würden. Ein Beispiel dazu ist jene zwischen der österreichischen katholischen Kirche und der extremen Rechten bzw. späteren Protagonisten des NS-Regimes. Das wird am Beispiel der Organisation des Katholikentages 1933 klar, an dem der spätere NS-Minister und Verbindungsmann zu Hitler Edmund Glaise-Horstenau sowie Taras Borodajkewycz (der als Universitäts-Professor wegen neonazistischer und antisemitische Aussagen zwangspensioniert wurde und 1969 eine großen politischen Skandal auslöste) tatkräftig mitwirkten. Wiltschegg beschreibt aber nicht nur die Verbindung des rechts-konservativen Lagers mit dem Anschlussgedanken. Sondern auch über das Liebäugeln der Sozialisten der Zwischenkriegszeit wird erörtert. Dabei wird die deutschnationale Einstellung der „Säulenheiligen“ der österreichischen SPÖ, Dr. Karl Renner, Viktor Adler und Otto Bauer an einer Vielzahl von Beispielen und Zitaten festgemacht. 

Dieses Werk ist keine leichte Kost, da die Vielzahl an Namen von Personen und Organisationen verwirren und der rote Faden in den Kapiteln manchmal sehr dünn wird. Darüber hinaus enthält das Buch zahlreiche normative Aussagen, und man erhält den Eindruck, dass der Autor seine Leser davon überzeugen möchte, dass früher alles doch „irgendwie besser“ war und ihm der kritische Blick für die Zeit aufgrund seiner eigenen Erfahrungen fehlt. Dieses Buch enthält jede Menge „politischen Zündstoff“ und ist für den geschichtlich Sattelfesten anregend. Für jemanden, der sich dem Thema nur oberflächlich nähern möchte, jedoch nicht zu empfehlen.  

-keu-

 

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