• Veröffentlichungsdatum: 29.03.2022
  • – Letztes Update: 31.03.2022

  • 3 Min -
  • 571 Wörter
  • - 1 Bilder

Die Heimwehren und die österreichische Politik 1927 - 1936

Lothar Höbelt

Lothar Höbelt

Die Heimwehren und die österreichische Politik 1927 - 1936: Vom politischen "Kettenhund" zum "Austro-Fascismus"?

456 Seiten, zahlreiche s/w Bilder aus dem Archiv von Mario Strigl

auch als E-Book erhältlich

ISBN: 978-3-9908109-1-0

€ 34,90

Ares Verlag

Die Heimwehren (eigentlich Heimatschutz bzw. Heimatschutzverbände) sind – bei jenen, die diese Organisation heute noch kennen – als paramilitärische Formation der Christlichsozialen Partei bekannt. Obwohl diese Aussage nicht unbedingt stimmt, ist sie auch nicht gänzlich falsch. Wie aber lässt sich der Charakter der Heimwehr beschreiben? Dieses Buch gibt darauf eine Antwort, wenngleich diese nicht in einem Satz zusammengefasst formuliert ist. Vielmehr zeichnet Autor Lothar Höbelt, a. o. Univ.-Professor und Experte für österreichische Geschichte seit 1948, die Entwicklung der Heimatschutzverbände – besser bekannt als Heimwehr – nach.

Diese Darstellung gelingt Höbelt mit einer detaillierten Beschreibung, in der die Akteure (hier Personen) eine zentrale Rolle einnehmen. Zugegeben, dieser Ansatz ist oft schwierig nachvollziehbar, da diese Personen heute kaum noch bekannt sind. Er macht jedoch deutlich, wie schwierig es ist den Charakter der Heimwehr zu erfassen und mit welchen Intrigen, Machtspielen und persönlichen Befindlichkeiten ihre Historie verbunden sind. Das zeigt auch etwas, dass man in der heutigen Zeit mit ihrem Hang zu einfachen – und damit häufig falschen oder nur unzureichenden – Antworten, nicht gerne hört oder liest: „Die Dinge“ sind immer komplizierter als sie auf dem ersten Blick erscheinen mögen und de facto nie schwarz oder weiß. So gibt es auch keine homogenen Bewegungen, Organisationen oder Parteien, in denen alle gleich ticken, denken und handeln. Vielmehr sind diese heterogen und dem Einfluss von Teilorganisationen oder Machtzirkeln unterworfen, die (häufig unter dem Deckmantel eines höheren Zieles) oft persönliche Interessen verfolgen.

Was heißt das nun für die Heimwehr und deren Beschreibung im vorliegenden Werk? Sie wird darin – wenn auch nicht explizit – als eine metamorphose Organisation beschrieben, die

  • als militantes Element der Zivilgesellschaft auftrat,
  • konservativ-national-katholisch geprägt war (wodurch bereits ein konzeptioneller Widerspruch beschrieben ist),
  • eine streng antimarxistische, antisozialistische und antibolschewistische Ausrichtung hatte,
  • einen totalitär autokratisch-(pseudo)faschistischen Ansatz verfolgte,
  • ihre Führerelite aus dem Adel (ein weiterer Widerspruch zu ihrem eigentlichen Konzept) und dem gehobenen Bürgertum rekrutierte,
  • den Kern einer, nicht einmal von ihren eigenen Führern unbedingt, gewünschten Partei bildete,
  • (als Partei und Organisation) ein wesentliches Element zur Etablierung des autokratischen Systems unter Dollfuß und eine Stütze der Vaterländischen Front war,
  • von den politischen Entwicklungen innerhalb Österreichs rasch überholt wurde, da sie beinahe immer (aufgrund interner Intrigen, Querelen und Machtkämpfen) zwischen den Stühlen saß,
  • auch wegen ihrer fehlenden Homogenität, kaum eine greifbare politische oder organisatorische Strategie bzw. umfassende Agenda hatte.

Das Buch besticht mit seinen vielen Details sowie den genauen und facettenreichen Darstellungen zu historischen Ereignissen mitsamt ihren Hintergründen, die weit über das eigentliche Thema hinausgehen. Damit bietet es nicht nur einen Einblick in das Wesen des politischen Spektrums rechts der Mitte bis zum Anschluss 1938, sondern auch in deren Schwierigkeit, gegensätzliche Strömungen in eine Position zu gießen – ein Umstand der eigentlich bis heute gilt.

Das vorliegende Buch ist jedoch nicht dafür geeignet, „so nebenbei“ gelesen zu werden, oder als leichte erfassbare Quelle für einfache und schnelle Antworten bzw. Informationen über die Heimwehr oder die österreichische Politik der Zwischenkriegszeit. Vielmehr ist es ein Werk für Fortgeschrittene, dessen Inhalt ohne fundiertes Wissen über die österreichische Geschichte der Zwischenkriegszeit vermutlich nur schwer erfassbar ist. Für jemanden, der dieses Wissen jedoch aufweist und sich vertieft mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, ist es eine empfehlenswerte Lektüre, die viele neue Einsichten bietet

-keu-

 

Ihre Meinung

Meinungen (0)