• Veröffentlichungsdatum : 27.06.2022
  • – Letztes Update : 29.06.2022

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Der Einsatz der ukrainischen Artillerie

Markus Reisner

Die ukrainischen Streitkräfte konnten im Krieg gegen Russland bisher zumindest Teilerfolge erzielen. Welche Fähigkeiten und Taktiken im Hintergrund sind verantwortlich für die effiziente Kriegsführung der Ukraine? Hier ist besonders der Einsatz der Artillerie hervorzuheben.

Um den Erfolg der ukrainischen Streitkräfte zu analysieren muss am Beginn des russischen Einmarsches am 24. Februar 2022 begonnen werden. Der russische Angriff erfolgte an vier Fronten – im Norden, Nordosten, Osten und Süden. So konnte Russland in den ersten beiden Wochen relativ rasch Geländegewinne erzielen. In der dritten Woche begannen jedoch bereits die ersten Herausforderungen. Ukrainische Spezialkräfte führten gezielte Angriffe auf russische Logistikkonvois und Gefechtsstände durch. Vor allem der Einsatz von Artillerie seitens der Ukraine führte dazu, dass Russland ab Ende der sechsten Kriegswoche entschied, sein Schwergewicht auf den Donbass zu verlegen und die Truppen im Norden abzuziehen. Seit Mai 2022 finden die Kämpfe vor allem im Osten der Ukraine statt. Die ukrainischen Streitkräfte versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie an anderen Frontlinien angreifen.

Seit Kriegsbeginn gibt es drei Faktoren, die für den Erfolg der Ukraine wesentlich waren:

  • Taktik: Als taktisch klug erwiesen sich die Angriffe auf die russischen Logistiklinien/Konvois, der Einsatz gezielter Artillerieschläge, aber auch der Einsatz der Spezialkräfte und die hohe Moral der ukrainischen Soldaten.
  • Waffenlieferungen: Die vom Ausland gelieferten Waffensysteme trugen vor allem zu Beginn des Krieges zur Abnützung der russischen Truppen bei.
  • Aufklärung: Die USA und die NATO übermitteln der Ukraine Aufklärungsdaten, die gezielte Einsätze ermöglichen.

Bei der Analyse der ukrainischen Einsatzführung sollte ein besonderer Fokus auf die Artillerie gelegt werden. Ihr Einsatz spielt eine besondere Rolle in diesem Konflikt.
 

Traditioneller Einsatz von Artillerie

Der traditionelle Einsatz von Artillerie läuft – sehr vereinfacht dargestellt – wie folgt ab: Ein Forward Observer (FO – Vorgeschobener Beobachter inklusive Sensoren) klärt zunächst ein Ziel, abgesessen oder mit einer Drohne, auf. Die generierten Daten werden dann über eine C2-Struktur (Commando and Control) an ein Steuerungs- und Führungselement übermittelt. Dieses gibt die Feueranforderungen an ein Wirksystem (z. B. eine BM-27-Batterie) weiter. Dieses Wirksystem befindet sich in einem definierten Stellungsraum, einer Position Area Artillery. Die Kommunikation funktioniert über ein Battle Management System (Führungsinformationssystem).

Wird ein Ziel erkannt und aufgeklärt, werden die Zieldaten weitergegeben. Anschließend kommt es, wenn nötig, zum Einsatz eines Wirkmittels auf das Ziel. In den vergangenen Jahren wurde der Zeitraum von der Zielerkennung bis zum Einsatz des Wirkmittels auf wenige Minuten optimiert. Aufgrund von Vorgaben des humanitären Völkerrechts wurde er jedoch wieder länger. Dabei geht es vor allem darum, die Gefahr eines Kollateralschadens bzw. die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit einer Anforderung zu prüfen.

Der traditionelle Einsatz von Artillerie birgt das Problem, dass ein bewirkter Gegner mit Gegenfeuer antworten kann. Im Ukraine-Krieg 2014 sah man beispielsweise, dass die russische Seite immer wieder mit weitreichenden BM-27 feuerten und für schwere Ausfälle auf ukrainischer Seite sorgten. So wurde z. B. im Juli 2014 bei Zelenopilja eine ganze ukrainische Brigade von den russischen Artilleriekräften zerschlagen. Zusätzlich ist zu beachten, dass die Kommunikation von der Zielerkennung bis zur Feueranforderung ebenfalls das Ziel von Störern ist. Ist die Kommunikation eingeschränkt, verlängert sich auch die Zeit bis zur Feueranforderung.

Betrachtet man die Ausfälle auf ukrainischer Seite seit Beginn des Konfliktes mit Russland im Jahr 2014, zeigt sich, dass ein Großteil der ukrainischen Kampffahrzeuge durch gegnerische Artilleriesysteme zerstört wurde. 45 Prozent der ausgefallenen gepanzerten Fahrzeuge und 65 Prozent der ausgefallenen Artilleriesysteme kamen so zu Schaden. Das ist ein klarer Indikator für den erfolgreichen Einsatz von Gegenfeuer durch die russischen Streitkräfte. Auf Basis dieser Erfahrungen änderte die Ukraine ihr Vorgehen.

Artillerie „Ukrainian Style“ 

Obwohl ihr artilleristisches System grundsätzlich das selbe blieb, änderten die ukrainischen Streitkräfte die Art und Weise des Einsatzes. Es gibt nach wie vor einen Beobachter, der ein Ziel erkennen kann. Der Feuerstellungsraum der Artillerie ist aber in einer aufgelockerten Form organisiert – im Stellungsraumverfahren. Dadurch sind die Geschütze bzw. Wirkmittel auf einem größeren Raum verteilt. Die Kommunikation erfolgt auf zwei Arten: Mit der ukrainischen Open-Source-App GIS ARTA oder mit dem US-Satellitennetzwerk Starlink.

Der Einsatz läuft wie folgt ab: Nach der Zielerkennung werden die Daten (Koordinaten) von Beobachtern aufgenommen und weitergegeben. Die Weitergabe der Daten erfolgt jedoch so, dass viele Stellungen in kurzer Zeit die Möglichkeit haben ihre Waffensysteme einzusetzen. Die GIS ARTA App ermöglicht es, Feueranforderungen innerhalb weniger Minuten durchzuführen. Dadurch können alle Systeme, die in der Nähe oder in der effektiven Reichweite sind, sofort wirksam werden. Dazu kommt, dass die eingesetzte Munition endphasengesteuert ist. Der Vorteil ist, dass die russische Seite nicht einfach mit Gegenfeuer antworten kann. Aufgrund des dezentralen Einsatzes der Batterie bzw. der Wirkmittel muss sich das Gegenfeuer auf mehrere Ziele konzentrieren. Die russischen Kräfte können deshalb nicht die Batterie als Ganzes vernichten. Zudem wird der Einsatz von Störern, die meist gegen Funkverkehr gerichtet sind, bei Satellitenkommunikation erschwert.
 

Kernelemente des Einsatzes der ukrainischen Artillerie

Der Erfolg der ukrainischen Artillerie lässt sich auf drei Kernelemente herunterbrechen: Die App GIS ARTA, das Satellitennetzwerk Starlink und die eingesetzte Munition.

GIS ARTA

Die Open-Source-App GIS ARTA wurde von ukrainischen Software-Ingenieuren entwickelt. Es handelt es sich um ein automatisiertes Befehls- und Kontrollsystem für die artilleristische Feuerleitung. GIS ARTA kann aufgrund seiner einfachen Benutzeroberfläche schnell und effektiv eingesetzt werden.

Starlink

Das US-Unternehmen SpaceX betreibt dieses Netzwerk, das Internetzugang über Satelliten bietet und eine wichtige Rolle für die Ukraine spielt. Die Benutzeroberfläche ist einfach und erlaubt die Kommunikation über mehr als 1.760 Satelliten in der Erdumlaufbahn. Außerdem ermöglicht das Starlink die Übertragung großer Datenmengen. Die russischen Streitkräfte haben seit Beginn des Krieges immer wieder versucht die Datenübertragung zu stören, bisher jedoch ohne Erfolg. Das ist entscheidend für die Ukraine, da diese Datenübertragung bzw. Kommunikation dazu beiträgt, dass sie ihre Artilleriesysteme überhaupt einsetzen kann. Das dezentrale Internet spielt also eine wichtige Rolle in diesem Konflikt.

Munition

Mit „Kvitnyk“ entwickelte die Ukraine endphasengesteuerte Artilleriegranaten auf Basis des russischen Systems „Krasnopol“. Endphasengesteuerte Munition erlaubt sehr gezielte Artillerie-Einschläge, bei denen oft bereits der erste Treffer das Ziel zerstört. „Precise Targeting“, dezentrale Kommunikation und der Umstand, rasch wirksam werden zu können, ist für die Einsatzführung der ukrainischen Artillerie wesentlich.

Beispiele für erfolgreichen Artillerie-Beschuss

Im Verlauf des Krieges gab es zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass die Ukraine beim Einsatz der Artillerie vieles „richtig“ macht. Im März 2022 beispielsweise gelang den russischen Kräften ein rascher Vorstoß aus dem Raum Sumy entlang einer zentral geführten Linie Richtung Kiew. Ein Video zeigt allerdings, wie ein russischer Konvoi durch Artillerie gezielt angegriffen wird und viele Fahrzeuge zerstört werden. Daran lässt sich der frühe Einsatz der Applikation GIS ARTA erkennen.

Ein Beispiel für effektives Gegenfeuer aus dem Süden des Landes fand im Februar 2022 statt. Es gab zu diesem Zeitpunkt immer wieder Artillerie-Duelle zwischen Mikolaew und Cherson von beiden Seiten. Ein dabei entstandenes Video zeigt eine gezogene russische Artilleriebatterie nach dem Gegenfeuer durch die ukrainische Seite, mit verheerender Wirkung. Das Artilleriefeuer der Russen wurde sofort von ukrainischer Seite lokalisiert und es gab ein effektives Gegenfeuer.

Im April 2022 war der Angriff der ukrainischen Artillerie auf die Führungskommunikation und Führungsstruktur der Russen wesentlich. Bis 20. Mai 2022 sind etwa 13 russische Generäle und vermutlich mehr als 20 Oberste gefallen. Grund dafür ist, dass die Ukraine gezielt versucht hat, die Gefechtsstände anzugreifen. Ein Beispiel dafür liefert ein Video aus dem Raum Isjum. Hier versuchten die russischen Streitkräfte während der Schlacht im Donbass die nördliche Zangenbewegung zu entwickeln. Am 30. April 2022 kam es zu einem Angriff auf Zabavne. Man nimmt an, dass der russische General Andrei Simonov, verantwortlich für EloKa, durch den gezielten Einsatz der ukrainischen Artillerie getötet wurde. Dies ist ein Beispiel für den Angriff auf High Value Targets mittels Artillerie.

In der Nähe von Bilhorivka, unweit von Sjewjerodonezk, versuchten die russischen Streitkräfte im Mai 2022 die Ukrainer durch mehrere Brückenschläge in der Tiefe zu umfassen. Das funktionierte am Beginn. Die russischen Truppen konnten den Fluss Siwerskyj Donez überqueren und stellten Kräfte am Ostufer bereit. Diese Kräfte wurden jedoch von den ukrainischen Soldaten zurückgedrängt. Daraufhin versuchten die Russen an anderer Stelle einen neuen Brückenschlag, waren dabei aber nicht erfolgreich. Während die Russen zum dritten Mal versuchten eine Brücke zu legen, führten die Ukrainer bis zum 10. Mai 2022 eigene Kräfte zusammen und stellten Artilleriesysteme bereit. Als die russischen Truppen erneut versuchten, den Fluss über diese beiden Pontonbrücken zu überqueren, kam es zu einem vernichtenden Abwehrfeuer. Es wird angenommen, dass dabei zwei bataillonstaktische Gruppen zerschlagen, wenn nicht sogar vernichtet, worden sind. Dieses Beispiel zeugt von der guten Koordination der ukrainischen Artillerie zur Erreichung eines gezielten Abwehrerfolges.
 

Fazit

Die ukrainischen Streitkräfte fanden eine gute Mischung zwischen zentraler und dezentraler Strategie und wenden diese auch an. Die Kombination aus innovativen sowie herkömmlichen Taktiken und Gefechtstechniken führte dazu, dass die ukrainische Seite in den ersten zwölf Wochen des Krieges, vor allem beim Einsatz der Artillerie, ihre Maßnahmen erfolgreich durchgeführt hat.

Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD; Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie.

 

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