Besondere Elemente der Gefechtsordnung
Die vorangegangenen Artikel handelten vom Übungsgegner Rot in den Einsatzarten Angriff und Verteidigung mit dem Fokus auf die erste und zweite Staffel. Nun erfolgt eine vertiefende Betrachtung jener Elemente der Gefechtsordnung, die der Übungsgegner Rot zusätzlich zur ersten und zweiten Staffel bildet, um seinen Auftrag im Gefecht zu erfüllen.
ECKPFEILER DER GEFECHTSORDNUNG
Den Ausgangspunkt für die nachfolgende Betrachtung bilden die Eckpfeiler der Gefechtsordnung des Übungsgegners Rot – die erste und zweite Staffel. Diese sind neben den Elementen der Feuerunterstützung, die den Kampf mit Feuer führen, die Träger des Kampfes in den Einsatzarten Angriff und Verteidigung.
Die erste Staffel ist im Angriff und in der Verteidigung jenes Element, das als Erstes in das Gefecht eintritt und in der Regel die Hauptaufgabe im Gefecht erfüllen soll. Demnach umfasst sie grundsätzlich den Großteil der Kräfte eines Verbandes. Im Angriff hat sie die Aufgabe, in das Verteidigungsdispositiv einzubrechen, die gegenüberstehenden feindlichen Gruppierungen zu zerschlagen, die nächste Aufgabe zu erfüllen und danach den Angriff fortzusetzen. In der Verteidigung ist es die Aufgabe der ersten Staffel, den Angriff des Feindes abzuwehren sowie Linien, Räume und Objekte zu halten. Bei einem Einbruch in das Verteidigungsdispositiv schafft die erste Staffel die Voraussetzungen für die Zerschlagung des Feindes durch einen Gegenangriff.
Die zweite Staffel eines Verbandes ist ein Element der Gefechtsordnung, die dazu bestimmt ist, die Anstrengungen im Laufe des Gefechts zu verstärken. Im Angriff soll die zweite Staffel auf den Erfolg der ersten Staffel aufbauen und mit ihr gemeinsam die weitere Aufgabe erfüllen. Darüber hinaus kann die zweite Staffel im Angriff zur Abwehr von Gegenangriffen, zur Sicherung in Besitz genommener Geländeteile oder zur Verfolgung eines ausweichenden Feindes eingesetzt werden. In der Verteidigung hat die zweite Staffel die Aufgabe, die Verteidigungsanstrengungen zu verstärken, die Linien, Stellungen und Räume in der Tiefe der Verteidigung zu halten, den in das Verteidigungsdispositiv eingedrungenen Feind zu vernichten und jene Kräfte der ersten Staffel, die ihre Kampfkraft verloren haben, zu ersetzen.
Abseits der ersten und zweiten Staffel bildet der Übungsgegner Rot auch andere Elemente in der Gefechtsordnung, die eine erfolgreiche Einsatzführung unterstützen sollen. Gedanklich können diese besonderen Elemente in drei Kategorien zusammengefasst werden, und zwar in
- Elemente der Reservenbildung;
- Elemente der Pionierkampfunterstützung;
- Elemente, denen eine spezielle Aufgabenerfüllung innerhalb des vorgesetzten Verbandes zukommt.

ELEMENTE DER RESERVENBILDUNG
Allgemeine Reserve
Die Allgemeine Reserve soll die Kräfte der ersten und zweiten Staffel verstärken oder ersetzen, Gegenangriffe abwehren oder eigene Gegenangriffe durchführen, offene Flanken und Lücken schließen und andere unvorhergesehene Aufgaben erfüllen. Die Zusammensetzung sowie Stärke der Allgemeinen Reserve wird durch den Kommandanten festgelegt und ist vom Gefechtsauftrag des Verbandes abhängig. In der Regel umfasst sie motorisierte Schützen- und Panzerkräfte, wodurch sie befähigt ist, ein breites Spektrum an Aufgaben abzudecken. Im Angriff wird die Allgemeine Reserve in der Regel hinter den Kräften der ersten oder der zweiten Staffel bereitgehalten. Die Allgemeine Reserve wird in der Verteidigung hinter der zweiten Staffel in den feindlichen Stoßrichtungen bereitgehalten, wobei einzelne Elemente auch Räume hinter Kräften der ersten Staffel besetzen können.


Panzerabwehrreserve
Ein weiteres Element der Gefechtsordnung auf Bataillons-, Regiments-, Brigade- und Divisionsebene, das sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung gebildet wird, ist die Panzerabwehrreserve. Sie dient
- der Bekämpfung von Gegenangriffen des Feindes,
- der Verstärkung der Panzerabwehr an bedrohten Linien,
- dem Schutz von Flanken oder beispielsweise
- der Sicherstellung der Einführung der zweiten Staffel in das Gefecht.
Im Angriff folgt die Panzerabwehrreserve für gewöhnlich der ersten Staffel. In der Verteidigung wird sie geschlossen hinter der ersten Staffel bereitgehalten, um in Riegelstellungen eingesetzt zu werden. Die Panzerabwehrreserve umfasst die organischen und die unterstellten Panzerabwehrkräfte (Panzerabwehrkanonen und Panzerabwehrlenkwaffen). Bei Bedarf können ebenfalls Panzerkräfte und angegliederte Einheiten der Heeresflieger als Panzerabwehrreserve eingesetzt werden.

Mobile Reserve
Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen dargestellten Reserven ist die Mobile Reserve ein Element der oberen taktischen Führung. Sie wird beispielsweise auf Ebene der Armee gebildet. Ihr Zweck ist es, auf den Angriffserfolg der Hauptkräfte aufzubauen und hochbewegliche Kampfhandlungen 50 bis 80 Kilometer in der Tiefe der feindlichen Verteidigung durchzuführen. Sie umfasst in der Regel eine selbstständige Brigade und in Ausnahmefällen eine Division. Die vorhandenen Kräfte und Mittel müssen die Mobile Reserve zum selbstständigen Handeln vorwärts der Hauptkräfte befähigen. Die Mobile Reserve folgt dabei dem Konzept der Operativen Manövergruppe. Diese war in der Doktrin des Warschauer Paktes dazu bestimmt, in der Tiefe der gegnerischen Verteidigung bis zu 200 Kilometer vor den Hauptkräften eine dynamische Front zu eröffnen. Der wesentlichste Unterschied zu den ehemaligen Operativen Manövergruppen ist der deutlich geringere Kräfteumfang einer Mobilen Reserve und damit verbunden die deutlich kürzer gesteckten Gefechtsaufgaben.

ELEMENTE DER PIONIER-KAMPFUNTERSTÜTZUNG
Bewegliche Sperrabteilung
Die Bewegliche Sperrabteilung hat die Aufgabe, in die erkannten Richtungen feindlicher Gegenangriffe Sperren zu errichten, offene Flanken und Lücken in der Gefechtsordnung mit Sperren abzusichern und die motorisierten Schützen beim Stellungsbau zu unterstützen. Um dies umzusetzen, besteht die Bewegliche Sperrabteilung in ihrem Kern aus Pionierkräften mit Minenlegern beziehungsweise Minenwerfern. Sie handelt selbstständig oder in Verbindung mit Elementen der Panzerabwehr, der Artillerie und der Heeresflieger. Beim Einsatz im Infanteriegelände kann sie zudem durch motorisierte Schützen verstärkt werden. Im Angriff und in der Verteidigung orientiert sich die Bewegliche Sperrabteilung an wahrscheinlichen Stoßrichtungen feindlicher Panzerangriffe sowie an den Flanken des vorgesetzten Verbandes.


Abteilung zur Sicherstellung der Bewegung
Zur unmittelbaren Unterstützung der Bewegung von militärischen Verbänden dienen die so genannten Abteilungen zur Sicherstellung der Bewegung. Sie bestehen grundsätzlich aus Pionier- und Aufklärungskräften. Die Abteilung zur Sicherstellung der Bewegung erkundet im Angriff den Marschweg pioniertechnisch, setzt beschädigte Straßenabschnitte wieder instand und ist in der Lage, Übergänge über Gewässerhindernisse zu errichten. Einzelne Minen oder Sprengfallen werden durch Sprengung oder Beschuss entschärft. Verminte Straßen oder Geländeabschnitte werden erkundet und umgangen. Ist ein Umgehen nicht möglich, errichtet die Abteilung eine Gasse durch die Minensperre. Im Angriff befindet sie sich direkt hinter den Verbänden der ersten Staffel. Stehen dem angreifenden Verband mehrere Abteilungen zur Sicherstellung der Bewegung zur Verfügung, können diese den Verbänden der ersten Staffel unterstellt werden. In der Verteidigung hält der Übungsgegner Rot die Abteilung mit Priorität bei den Reserven oder den Gegenangriffskräften.

ELEMENTE MIT SPEZIELLEN AUFGABEN
Vorausabteilung
Die Vorausabteilung hat die Aufgabe, vorwärts der Hauptkräfte Gefechtsaufgaben zu erfüllen, um dadurch die Voraussetzungen für die Auftragserfüllung eines Verbandes zu schaffen. Dafür besteht sie aus motorisierten Schützen- und Panzerkräften, die durch Artillerie, Flugabwehr und Pioniere verstärkt werden. Im Angriff hat die Vorausabteilung die Aufgabe, dem Feind bei der Einnahme von günstigem Gelände, Brücken und Übergängen zuvorzukommen und diese bis zum Eintreffen der Hauptkräfte zu halten. Die Vorausabteilung versucht so rasch wie möglich zum Angriffsziel vorzustoßen und vermeidet dabei den Kampf. Falls erforderlich, werden kleinere feindliche Gruppierungen oder Einrichtungen im Vormarsch vernichtet. Stößt die Vorausabteilung während des Vormarsches auf stärkere feindliche Kräfte, kann sie diese auf Befehl des vorgesetzten Kommandanten angreifen, um die Annäherung und den Einsatz der Hauptkräfte des Übungsgegners Rot sicherzustellen. In der Verteidigung hat die Vorausabteilung die Aufgabe, in der vorgeschobenen Stellung Manöver und Hinterhalte durchzuführen, den Feind über die Stellungen der ersten Staffel zu täuschen, die feindlichen Angriffsspitzen anzuschießen und den Feind zu einer frühzeitigen Entfaltung zu zwingen.

Streifzugabteilung
Eine ähnliche kräftemäßige Zusammensetzung wie die Vorausabteilung hat die so genannte Streifzugabteilung. Auch sie wird auf Basis von motorisierten Schützen- und Panzerkräften gebildet und mit einer Vielzahl an Elementen der Kampfunterstützung verstärkt. Die Streifzugabteilung dient aber primär der Durchführung von beweglichen, aktiven und selbstständigen Gefechtshandlungen im Rücken des Feindes. Sie nutzt dabei offene Flanken, Lücken und Schwachstellen in der feindlichen Verteidigung, um zu den ausgewählten Zielen im rückwärtigen Raum des Feindes vorzustoßen. Während des Vormarsches werden langwierige Kämpfe mit feindlichen Kräften vermieden. Angriffsziele der Streifzugabteilung können Gefechtsstände, Artillerie- und Flugabwehrstellungen, Logistikeinrichtungen oder im Heranführen begriffene Reserven sein. In der Verteidigung können Kräfte, die als Streifzugabteilung handeln sollen, absichtlich in speziell vorbereiteten Räumen zurückgelassen werden. Im Angriff und in der Verteidigung verfolgt der Einsatz einer Streifzugabteilung auch das Ziel, feindliche Kräfte von ihrer eigentlichen Hauptaufgabe abzulenken und sie in der Gesamtheit ihrer Einsatzführung zu stören.
Sturmabteilung
Gilt es für den Übungsgegner Rot feindliche Stützpunkte in befestigten Räumen oder urbane Räume zu erstürmen, kann eine so genannte Sturmabteilung gebildet werden. Eine Sturmabteilung besteht in der Regel aus einem motorisierten Schützenbataillon, das durch Panzer, Artillerie, Flammenwerfer, Panzerabwehrlenkwaffen, Flugabwehr und eine Pionierkompanie verstärkt ist. Darüber hinaus sind die Sturmabteilungen mit zusätzlichen Spreng- und Nebelmitteln sowie mit Brandwaffen ausgerüstet.

Zusammenfassung
Mit der Betrachtung besonderer Elemente der Gefechtsordnung wird deutlich, dass dem Übungsgegner Rot doktrinär eine Vielzahl an Möglichkeiten bereitstehen, um den Einsatz seiner Hauptkräfte zu unterstützen. Im Unterschied zur Truppenführung im Bundesheer wird eine stärkere Detaillierung hinsichtlich der Gefechtsaufgaben und der vorzusehenden Gliederung dieser Elemente wahrgenommen. Ein Grund dafür ist die Anwendung des Führungsprinzips der Befehlstaktik, wodurch sich der Übungsgegner Rot veranlasst sieht, mehr ins Detail zu gehen und den Handlungsrahmen seiner militärischen Führer enger abzustecken.
Fest steht, dass bei der Beurteilung der Möglichkeiten des Übungsgegners Rot diese besonderen Elemente der Gefechtsordnung stets berücksichtigt werden müssen. Dies betrifft weniger ein zwanghaftes Herbeibeurteilen dieser Elemente – vielmehr bedarf es des Bewusstseins und des Wissens über die mögliche Rolle dieser Elemente in der Gefechtsordnung. Nur so kann bei einer taktischen Lagebeurteilung die Frage beantwortet werden, ob das Bilden der beschriebenen Elemente die Einsatzführung des Übungsgegners Rot auf zweckmäßige Art und Weise unterstützen kann.

Autoren
Oberstleutnant dG Alexander Baumann, BA MA
Oberstleutnant dG Christopher Stuk, BA MA
Publikationen