Risorgimento! Italiens Kampf um die Einheit im 19. Jahrhundert

Rezension
Klaus-Jürgen Bremm

Seit dem Ende der Spätantike hatte es auf der Apenninenhalbinsel kein einheitliches Staatswesen gegeben. Im Mittelalter und der Neuzeit gab es von den Westalpen bis nach Sizilien eine Vielzahl von Monarchien und Stadtstaaten sowie den Kirchenstaat – selbst die von Napoleons Gnaden ausgerufene „Republik Italien (Repubblica Cisalpina, 1797-1802)“ und das ihr nachfolgende Königreich Italien („Regno d´Italia“, 1805-1814) umfassten nie das gesamte Gebiet aller italienischsprechenden Menschen auf der Halbinsel.

In der Zeit des Vormärzes entwickelten sich Bewegungen, die mit den Mitteln der Gewalt und der Verschwörung nach einem Einheitsstaat Italien strebten, ohne jedoch die gesamte Bevölkerung dafür begeistern zu können. Diese Epoche der Entwicklung des italienischen Einheitsstaates nennt die Forschung „Risorgimento“ (Wiedergeburt, Wiederauferstehung), abgeleitet vom italienischen Verb risorgere (auferstehen), die in die Zeit zwischen 1815 und 1870 fällt. Diese Einteilung ist umstritten, einige Historiker sehen ihren Beginn schon um 1770 (z. B. Gabriele B. Clemens, Universität des Saarlands) und erst mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und des Friedensvertrages von St. Germain-en-Leye 1919 vollendet – jedoch mit dem Schönheitsfehler, dass auch das deutsch- und ladinischsprechende Südtirol mit Gewalt einbezogen wurde. 

Blickt man auf das Inhaltsverzeichnis des Buches, so findet man in chronologisch eingeteilten elf Kapiteln – inklusive Einleitung und Fazit – die Entwicklung des Risorgimento ab 1815 bis zur Einnahme Roms und des Kirchenstaates 1870 durch die Truppen des Königreiches Italien. Der Autor beginnt mit der Zeit nach dem Wiener Kongress, über die (niedergeschlagenen) Revolutionen des Jahres 1848 und dem Aufstieg des Königreiches Sardinien-Piemont, dem es mit französischer – und preußischer – Hilfe gelang, Österreich aus Teilen Norditaliens zu vertreiben (1859, 1866). Neben den Protagonisten aus Piemont – König Vittorio Emanuele II. und Camillo Benso Conte di Cavour – rückt vor allem der Revolutionär Giuseppe Garibaldi und seine (fehlgeschlagenen) Eroberungen in den Mittelpunkt. Das Ende des Buches widmet sich der Eroberung des Kirchenstaates durch das Königreich Italien mit seiner damaligen Hauptstadt Florenz.

Im Mittelpunkt stehen immer die politische Geschichte sowie die politische Ideengeschichte und ihr Ablauf, wobei der Autor jedes Kapitel mit einem Zitat einleitet. Die wichtigsten Protagonisten – unter anderem Mazzini, Manin, Cavour, Garibaldi, Papst Pius IX. sowie die Könige Vittorio Emanuele II. und Umberto I. –  und ihr Wirken für – oder wie bei Pio Nono – gegen einen italienischen Nationalstaat nehmen einen wichtigen Platz ein. Sie werden jedoch einer teils (berechtigten) harten Kritik unterzogen, wie etwa das römische Kirchenoberhaupt, dem Klaus-Jürgen Bremm kindlichen Starrsinn und Tatsachenverweigerung nach der Eroberung des Kirchenstaates vorwirft. Auch den national verklärten Blick eines aus der Taufe gehobenen Einheitsstaates weist der Autor in die Sphäre der Legende. Das teils allzu harte Vorgehen des neuen Staates in Süditalien und Sizilien vermochten nicht alle dort lebenden Bewohner für das neue Königreich einzunehmen wie der Bruch mancher Versprechen, was zu einem Massenexodus (etwa 6 Millionen) an den neuen Staatsbürgern in die Neue Welt führte. Auch die mühevolle Arbeit aus der Ewigen Stadt die moderne Hauptstadt eines Nationalstaates zu formen gelang laut Bremm nur mühevoll.

Wirft man einen Blick in die Quellen- und Literaturliste, findet man zahlreiche Quelleneditionen sowie einen guten Überblick über die ältere und neue Literatur mit einem Schwerpunkt in deutscher Sprache. Das ist ungewöhnlich, denn die italienische Historiographie ist in diesem Bereich sehr reichhaltig. Dass Bremm keine Archivquellen heranzieht, ist für ein Überblickswerk in Ordnung. Was jedoch fehlt, ist ein genaueres Eingehen auf wirtschafts- und gesellschaftshistorische Abläufe, denn gerade das Italien von 1815 bis 1870 ist von großen Umgestaltungen geprägt, die bis heute zu bemerken sind – etwa in Süditalien und Sizilien. Stilistisch einprägsam geschrieben, doch wie schon Jan Markert in seiner Rezension bei HSozKult zu Klaus-Jürgen Bremms Buch „1864. Bismarcks erster Krieg“ vermerkte, „[…] simplifiziere der Autor wiederholt auf eine Art und Weise […]“ – hier indem er die Geschichte des Risorgimento zu stark an die Biographien der wichtigsten Protagonisten knüpft und den wirtschafts-, gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Abläufen zu wenig Platz einräumt. Darum: lesenswert, ja, aber nicht von gleichem Tiefgang wie das Werk von Gabriel B. Clemens: „Geschichte des Risorgimento. Italiens Weg in die Moderne (1770-1870)“. 

-mpr-

Link zum Buch

Klaus-Jürgen Bremm

Risorgimento! Italiens Kampf um die Einheit im 19. Jahrhundert

WBG Theiss: Freiburg/ Basel/ Wien 2025

320 Seiten, 4 Karten, 19 s/w-Abb.

ISBN: 978-3-534-61075-4

28,00 €