Österreich – Die ganze Geschichte 3. Teil
Mit dem dritten und abschließenden Band der Reihe „Österreich – Die ganze Geschichte“ legen die Herausgeber Mariella Gittler, Andreas Pfeifer und Peter Schöber ein eindrucksvolles Werk vor, das die österreichische Geschichte im 20. Jahrhundert von den Anfängen der Ersten Republik bis zu dessen aktueller Rolle im Herzen Europas nachzeichnet. Im Zentrum dieses Buches steht die Phase zwischen 1918 und der Gegenwart.
Nach dem Ende der Habsburger Monarchie, dem Zerfall der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und der Ausrufung der Ersten Republik schildern die Autoren die Herausforderungen, vor denen das junge Staatswesen stand: Inflation, politische Spannungen und das Ringen um Identität prägten die turbulenten Anfangsjahre. Ein Schwerpunkt des Bandes liegt auf der Zwischenkriegszeit und dem Aufstieg extremistischer Bewegungen, die Österreich zum Austrofaschismus und zum Nationalsozialismus führten. Die Autoren schildern, wie politische Radikalisierung, wirtschaftliche Not und gesellschaftliche Polarisierung den Staat destabilisierten und schließlich in den Zweiten Weltkrieg mündeten.
Nach 1945 widmet sich das Buch dem schwierigen Wiederaufbau des Staates, der Besatzungszeit und dem schrittweisen Weg zu einem dauerhaften Frieden. Die Verankerung Österreichs als neutraler Staat in der Nachkriegsordnung, der wirtschaftliche Wiederaufstieg und die spätere Integration in die Europäische Union werden nicht nur als politische Ereignisse, sondern als tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen dargestellt, die entscheidend zur gegenwärtigen Identität des Staates beigetragen haben.
Was diesen Band prägt, ist die enge Verknüpfung mit der ORF-Doku-Reihe „Österreich – Die ganze Geschichte“. Die Fernsehdokumentation, eine der umfangreichsten historischen Serien im deutschsprachigen Raum, erzählt in vier Staffeln und 40 Folgen die Geschichte Österreichs von den Anfängen bis in die Gegenwart. Sie verbindet historische Forschung mit zeitgenössischer Medienästhetik, zeigt historische Figuren und Schauplätze in lebendigen Spielszenen und nutzt moderne Techniken wie animierte Grafiken und Augmented Reality, um die Vergangenheit lebendig zu machen.
Der Buchband spiegelt diesen medienübergreifenden Ansatz: Er ist nicht nur eine Sammlung von Fakten, sondern eine narrative, erzählerisch dichte Darstellung, die den Lesern hilft, die historischen Dynamiken zu verstehen, über die im Fernsehen berichtet wird. Die Kapitel bauen ebenso wie die Filmpassagen auf zentralen Themen und Schlüsselmomenten der Geschichte auf. Sprachlich ist der Band durchgehend klar und gut verständlich gehalten. Komplexe Zusammenhänge werden sachlich, aber nicht trocken dargestellt. Historische Ereignisse werden oft aus der Perspektive der Menschen erzählt, die sie erlebt haben, was dem Text eine lebendige und manchmal geradezu erzählerische Qualität verleiht.
Einziger (kleiner) Kritikpunkt ist, dass die thematische Dichte des Buches an manchen Stellen ein Vorwissen über Geschichte voraussetzt. Für absolute Einsteiger in die Materie könnte die Fülle an Ereignissen und Personen zunächst etwas überwältigend erscheinen. Dennoch lässt sich dieser Band sehr gut als Begleittext zur ORF-Dokumentationsreihe verwenden, aber auch eigenständig lesen, wenn man ein Interesse an Österreichs 20. Jahrhundert hat.
Fazit: Der 3. Band von „Österreich – Die ganze Geschichte“ ist ein gelungenes, facettenreiches Werk, das die österreichische Geschichte am Übergang zur Moderne eindrucksvoll erzählt und dabei die Verknüpfung von Buch und Fernsehdokumentation produktiv nutzt. Es eignet sich gleichermaßen für historisch interessierte Laien wie für Leser, die bereits einen tieferen Zugang zur europäischen Geschichte haben.
-eg-

Mariella Gittler, Andreas Pfeifer, Peter Schöber (Hg.)
Österreich – Die ganze Geschichte 3. Teil
Molden Verlag
Seiten: 320
ISBN: 978-3-222-15155-2
38,00 €