Geschichte Österreichs

Rezension
Christian Lackner, Brigitte Mazohl, Walter Pohl, Oliver Rathkolb und Thomas Winkelbauer (Hg.)

Von den in den letzten Jahren herausgekommenen einbändigen Geschichten unseres Landes ragt dieses Kompendium, das bereits in der fünften Auflage gedruckt wurde, eindeutig hervor. Anders als etwa bei dem Werk von Karl Vocelka („Österreichs Geschichte. Kultur-Gesellschaft- Politik“, „Österreichische Geschichte“ aus der Beck´schen Reihe) oder jenem von Ernst Bruckmüller („Österreichische Geschichte. Von der Urgeschichte bis zur Gegenwart“) wirkten an diesem Band fünf Historiker mit. Der Großteil ist an der Universität Wien tätig, Brigitte Mazohl an der Universität Innsbruck; drei von ihnen – Lackner, Pohl und Winkelbauer – sind Absolventen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung.

Blickt man auf den Aufbau des Werkes, so folgen nach der Einleitung („Was heißt ´Österreich`und ´österreichische Geschichte?´“) nach Epochen aufgebaute Überblicke beginnend vom Römischen Österreich, über Früh- und Hochmittelalter, Spätmittelalter, zwei Kapitel zur Frühen Neuzeit (1519 bis 1740, 1740 bis 1815), das lange 19. Jahrhundert in drei Abschnitten bis hin zur zweigeteilten Österreichischen Zeitgeschichte. Mit Ausnahme der Einleitung gibt es in jedem von ihnen einen gleichbleibenden Aufbau, der mit einem Epochenüberblick beginnt und dann für die Austria Romana und das Mittelalter chronologisch vorgeht. Dieses System wird ab dem nachfolgenden Kapitel aufgelöst. Hier werden spezielle Entwicklungen wie etwa Reformation/Gegenreformation oder der Dreißigjährige Krieg in eigenen Unterkapiteln bearbeitet sowie mehr wirtschafts-, sozial- oder kulturgeschichtliche Zeitabschnitte („Stadt und Land“, „Kaiserhof und Landstände“) behandelt. Diese werden ab 1519 – zwangsweise – immer umfangreicher, bis sie im Jahr 2024 ankommen. Es sind auch die letzten Kapitel von Oliver Rathkolb, die neben kleinen „… Verbesserungen und Retuschen …“ in der fünften Auflage verlängert wurden. Abgeschlossen wird das Werk mit einer modernen Bibliografie und einem Index. 

Was bei den einzelnen Stilen der Bearbeiter auffällt, ist, dass Zitate aus Originalquellen erst in den Kapiteln von Thomas Winkelbauer beginnen und bei Oliver Rathkolb verstärkt – wie auch zeitgenössische Umfragen oder Budgetzahlen – auftauchen. Vor 1918 werden immer wieder Kapitel den „nichtdeutschen“ Teilen der Habsburgermonarchie gewidmet, wie Böhmen, Ungarn, Siebenbürgen oder etwa Kroatien. Bedauerlicherweise, aber vermutlich dem Umfang des Gesamtwerkes geschuldet, fehlt die Urgeschichte. Im Zentrum steht zumeist der Gesamtstaat, die Länder der Babenberger und Habsburger, eigene Kapitel zum Land vor dem Arlberg wie zu Südtirol (seit 1918 ein Teil Italiens) oder den deutschen Gebieten der Tschechoslowakei fehlen.

 Aus Sicht eines Militärhistorikers ist zu sagen, dass die Streitkräfte der Habsburger vor allem in den Kapiteln von Thomas Winkelbauer und Brigitte Mazohl erwähnt werden, die in jenen von Oliver Rathkolb nach 1918 (I. Bundesheer, Gendarmerie(grund)schulen vulgo „B-Gendarmerie, Zweites Bundesheer) wenig Beachtung finden. Im Kapitel zum Ersten Weltkrieg haben sich jedoch zwei Fehler eingeschlichen, denn der italienischen Seite gelangen im August 1915 keinerlei „… entscheidende Durchbrüche … (S. 445)“, im Gegenteil, weder im heutigen Trentino noch am Isonzo konnte die italienische Armee die rasch aufgebauten österreichisch-ungarischen Linien durchbrechen und die Geländegewinne im Trentino und im Isonzotal blieben trotz Übermacht äußerst bescheiden. Auch erfolgte die Kriegserklärung Italiens an das Deutsche Reich nicht wie geschrieben 1915, sondern erst am 26. August 1916 („… Trotz der Bemühungen im die Neutralität des italienischen Dreibundpartners erfolgte am 23. Mai 1915 die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarns, gefolgt im August von der Kriegserklärung an das Deutsche Reich …“). 

Die Autoren unter der Herausgeberschaft von Thomas Winkelbauer haben ein neues, sehr gut lesbares Standardwerk zur Geschichte unseres Staates geschaffen, das nicht nur für Studenten der Geschichte ein wichtiges Handbuch darstellt, sondern auch für jene gut eignet, die sich einen Überblick über Österreichs Geschichte verschaffen wollen. Mit Hilfe der Bibliografie kann sich der Leser weiter in die Kapitel vertiefen, die ihn interessieren. Besonders erwähnenswert ist die Ortsnamenkonkordanz, die fremdsprachige topografische Namen in verschiedenen Sprachen auflistet. 

-mpr-

Link zum Buch

Christian Lackner, Brigitte Mazohl, Walter Pohl, Oliver Rathkolb und Thomas Winkelbauer (Hg.) 

Geschichte Österreichs  

Reclam Stuttgart 2024, 5. aktualisierte Auflage

Hardcover, 675 Seiten, 9 Karten

ISBN: 978-3-15-011500-8

€ 30,-