Sieben Soldaten und ein Todesfall
Der Titel von Manfried Rauchensteiners neuestem Buch lehnt sich an den britischen Erfolgsfilm „Four weddings and a funeral“ aus 1994 an. Hauptprotagonisten seines Werkes sind jedoch nicht Hugh Grant, Rowan Atkinson und Kristin Scott Thomas, sondern die bereits verstorbenen Verteidigungsminister der 2. Republik Österreich angefangen mit Staatssekretär Franz Winterer, über Ferdinand Graf, Karl Schleinzer und Josef Prader sowie Johann Freihsler, Karl Lütgendorf und Otto Rösch. Dass der am 25. April 2024 verstorbene Robert Lichal nicht mehr in den Reigen aufgenommen wurde, hat den Grund, dass der Autor nur Minister bearbeitete, die auch in der Deutschen Wehrmacht dienten.
Rauchensteiner legt mit diesem Werk keine bloße Ansammlung von Biographien vor, sondern verknüpft mit eigenen kurzen Kapiteln diese einerseits mit der Politischen Geschichte Österreichs und der des Österreichischen Bundesheeres sowie dessen Vorgängerorganisationen, dem „Heeresamt 1945/46“ und den „Gendarmerie(grund)schulen“ – vulgo „B-Gendarmerie“ 1952 bis 1955. Die Grundlage sind seine Ministerbiographien, die zwischen 2019 und 2022 in der Österreichischen Militärischen Zeitschrift (ÖMZ) veröffentlicht worden waren.
Der einstige Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums (HGM; von 1992 bis 2005) unterzieht alle sieben Protagonisten einem kritischen Blick. Wie standen sie zur österreichischen Vergangenheit zwischen 1933 und 1945? Wer gilt als dezidierter Gegner des NS-Unrechtsregimes, wer diente sich an? Wie legten sie ihre Ämter an? Wer war ein „[…] Idealist, ein Karrierist, ein Parteisoldat [...]“? Zusätzlich ziehen sich die Darstellung ihrer politischen – und damit verbundenen finanziellen – Möglichkeiten wie ein roter Faden durch ihre Biografien. Tatsächlich war die Absicht, das seit seiner Gründung chronisch unterfinanzierte Heer zu verändern und ansprechend auszustatten ein Umstand, an denen die meisten von ihnen – trotz bester Absichten – scheiterten, ja scheitern mussten. Auch wenn viele von ihnen vorher oder nachher andere politische und/ oder wirtschaftliche Karrieren anstrebten, so liegt der Hauptfokus des Autors immer ihre Karriere als Verteidigungsminister.
Das Buch zeichnet ebenfalls aus, dass sich Manfried Rauchensteiner – selbst Absolvent des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung IÖG und Professor an der Universität Wien –nicht auf die bereits veröffentlichte Literatur verlässt. Vielmehr hat er eine ausgiebige Quellenforschung im Österreichischen Staatsarchiv (Abt. Kriegsarchiv und Archiv der Republik), in mehreren Landesarchiven, dem Dokumentationarchiv des Österreichischen Widerstandes (DOEW), im Parlamentsarchiv und den beiden Parteiarchiven (ÖVP – Karl von Vogelsang-Institut KVVI, SPÖ – Archiv des Vereines der Geschichte der Arbeiterbewegung VGA) bis in das Deutsche Bundesarchiv betrieben und sogar mit den Nachkommen einzelner Minister gesprochen. Das ist die Basis für einen sehr gut lesbaren Text mit fundiertem Inhalt, der viele neue Einsichten und Interpretationen bringt. Hinzu kommt ein ausgewählter Anhang mit 31 Dokumenten, auf die sich Rauchensteiner bezieht. Wie es schon der Direktor des deutschen Panzermuseums in Munster in Bezug auf das Standardwerk von Markus Pöhlmann („Der Panzer und die Mechanisierung des Krieges“) sinngemäß postulierte: Wer das Österreichische Bundesheer beforscht, von dem gilt es zu verlangen, dass er dieses Buch gelesen hat!
-mpr-

Manfried Rauchensteiner
Sieben Soldaten und ein Todesfall
Schriftenreihe für politisch-historische Studien der Dr. Wilfried Haslauer-Bibliothek Salzburg Band 91
böhlau Verlag, 2026
ISBN: 978-205-224372
306 Seiten, 44 s/w-Abb.
€ 35,00