Deutsche Freikorps. Sozialgeschichte und Kontinuitäten (para)militärischer Gewalt zwischen Weltkrieg, Revolution und Nationalsozialismus

Rezension
Jan-Philipp Pomplun

Die Institution „Freikorps“ ist in (Deutsch-)Österreich im Gegensatz zum Deutschen Reich stets ein Randphänomen geblieben. Schließlich gelang es der neuen demokratischen Regierung nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns schnell, mit der Volkswehr eine republiktreue Streitmacht aufzustellen, die den Übergang von der zerfallenden Monarchie zur Republik unterstützte. Einzig im „Kärntner Abwehrkampf“ gegen eine Annexion von Teilen von Österreichs südlichstem Bundesland standen Freiwilligenverbände im Einsatz, die sich in wenigen Fällen als Freikorps bezeichneten.

Im Gegensatz dazu etablierten sich nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches zahlreiche Freikorps, die die nun demokratische Regierung gegen Umsturzversuche oder Gebietsansprüche (Schlesien) neuer Nachbarn unterstützten, aber auch Revolten gegen die Staatsgewalt vornahmen – etwa den „Kapp-Putsch“ 1920. Zu diesem Phänomen „Freikorps“ gibt es eine stattliche Anzahl an Studien, doch noch keine ausführliche systematische sozialhistorische Arbeit über deren Mitglieder. Der Autor erarbeitet hier nach einer Einleitung, die die Geschichte der Freikorps in knapp sechzig Seiten zusammenfasst, anhand einer Auswahl an süddeutschen Freikorps – Archivverluste ermöglichen dies für andere Teile des Deutschen Reiches nicht in diesem Umfang – eine Analyse anhand der sozialen Zusammensetzung bzw. Gewalterfahrung und –handeln und analysiert personelle Kontinuitäten hin zur NSDAP, SA und SS. 

Anhand statistischer Berechnungen gelingt es Pomplun mehrere bis heute tradierte Prämissen zu entkräften, die andere Autoren oft aus der Freikorpsliteratur der Zwischenkriegszeit ungeprüft übernommen haben. So entstammen nicht, wie oft kolportiert, die meisten Mitglieder dieser paramilitärischen Verbände aus den Reihen der deutschen Studenten oder Offiziere, sondern aus der Arbeiterschaft. Die Offiziere der Freikorps unterschieden sich dabei deutlich vom Offizierskorps der aufgelösten deutschen Reichsarmee. Was die nationalsozialistische Bewegung betrifft, die sich gerne auf die Freikorps und ihr Handeln bezogen hat, stellt der Autor fest, dass „[…] die These von den Freikorps als Vorläufer der Nationalsozialisten viel diskutiert, aber nie empirisch überprüft worden ist […]“. 

Anhand von statistischen Berechnungen kann er in seinem Resümee deutlich darlegen, dass sich „[…] dennoch in der vorliegenden Arbeit zahlenmäßig keine Kontinuitäten in einer Größenordnung nachweisen [lassen], wie sie angesichts dieser engen Verflechtungen zu erwarten gewesen wäre […]“. Dagegen spricht auch nicht die Tatsache, dass sich in den Reihen der SA-Führung, vor allem in der Schutzstaffel, zahlreiche ehemalige Freikorpskämpfer – wie Heinrich Himmler, Kurt Daluege, Paul Hausser oder Sepp Dietrich – befanden. 

Das vorliegende Buch von Jan Philipp Pomplun ist eine ausgezeichnete, kompakte sozialhistorische Studie, die wichtige datenbasierte Ergebnisse zum Thema liefert. Sie wendet sich an ein Fachpublikum, das Pompluns Forschungsergebnisse weiterverarbeiten und vertiefen sollte, jedoch nicht an den interessierten historischen Laien. Dieses müsste sich für die Lektüre vorab ein größeres Wissen zum Thema Sozialgeschichte und die Freikorps angeeignet haben, das weit über Wikipedia-Artikel oder „Youtubefilmchen" hinausgeht. Für die österreichische Forschung wäre dieses Werk ein guter Ansporn, sich statistisch und sozialhistorisch genauer mit den Freiwilligenverbänden im Kärntner Abwehrkampf oder mit den heterogenen Heimwehren zu beschäftigen.

-mpr- 

Link zum Buch

Jan-Philipp Pomplun

Deutsche Freikorps. Sozialgeschichte und Kontinuitäten (para)militärischer Gewalt zwischen Weltkrieg, Revolution und Nationalsozialismus

Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 244

Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2023

ISBN: 978-3-525-31146-2

354 Seiten, 4 Abbildungen, 29 Tabellen

69,00 €