Vom Joystick zum Steuerknüppel
Zwei Triebwerke, ein digitales Cockpit und ein Flightmanagementsystem: Der Hubschrauber AW169 „Lion“ stellt neue Anforderungen an künftige Piloten. Die Ausbildung findet vermehrt mit Simulationssystemen statt.
Ausbildung zum "Löwen"-Piloten
Die Hubschraubertypen Bell OH-58 „Kiowa“ (O58) und Aérospatiale SA.319 „Alouette“ III (Al3) waren in die Jahre gekommene „aging aircrafts“, bei denen die Ausbildung über viele Jahre hinweg nur direkt am Luftfahrzeug möglich war. Der leichte Mehrzweckhubschrauber Leonardo AW169 M „Lion“ soll künftig die bisherigen Aufgaben des „Kiowa“ und der „Alouette“ übernehmen. Dadurch ändert sich die Ausbildung der Militärluftfahrer (MilLuFa) wesentlich.
Die Hubschraubergrundausbildung an der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule (FlFlATS) bis zum Co-Piloten findet nach der praktischen fliegerischen Selektion und dem Militärpilotenlehrgang auf Pilatus „Company 7“ (PC-7) statt. Die Ernennung zum Kapitän bzw. „Captain“ erfolgt auf Basis geleisteter Flugstunden und der dabei gezeigten Performance. Die gesamte Ausbildung gründet auf standardisierten E-Learning-Programmen und stützt sich auf Simulationssysteme ab. Auch Rotten-, Staffel- und Geschwaderkommandanten absolvieren eine simulatorgestützte, gefechtstechnische und taktische Aus- und Fortbildung. Um einen international vergleichbaren Ausbildungsstand sicherzustellen, wird diese Ausbildung durch internationale Kooperationen weiterentwickelt.
Die Einführung der „European Military Airworthiness Requirements“ (EMAR) schaffte neue Ausbildungsinhalte. Das duale Ausbildungssystem, das an der FlFlATS und in der Typen-Werft stattfindet, bleibt bestehen. Die Ausbildung wird dabei a priori im Bereich Flugwerk und Triebwerk bzw. Bordausrüstung gemäß der European Union Aviation Safety Agency (EASA) ausgerichtet werden. Damit ist eine Verkürzung der Ausbildungszeit auf ca. drei Jahre möglich. Gegebenenfalls muss die praktische Ausbildung zur zeitlichen Optimierung an der Leonardo Training Academy (LTA) im norditalienischen Sesto Calende fortgesetzt werden, weil bestimmte Ausbildungsmittel und Simulatoren nur dort verfügbar sind. Der Beginn der Ausbildung von Flugschülern zu Co-Piloten für den AW169 hat in Österreich im Frühjahr 2026 begonnen. Das Simulationszentrum 169 auf dem Fliegerhorst Leopold Figl ist die erste Einrichtung dieser Art. Sie besteht aus vier Simulationssystemen und verfügt über eine EASA-Zertifizierung.

E-Learning
Das „Branded Learning Management System” (BLMS) stellt Online-Lehrmaterialien - einschließlich firmeneigener Schulungsmaterialien - und Lernerfahrungen in einer kollaborativen Umgebung bereit. Die Flugschüler können in Foren zusammenarbeiten und dabei Wikis, Glossare, E-Learning-Pakete und vieles mehr nutzen. Das Ausbildungspersonal und die Flugschüler verfolgen ihre Fortschritte und den Abschluss von Kursen mithilfe verschiedener Optionen zur Nachverfolgung einzelner Aktivitäten oder Ressourcen. Das LMS-Portal gründet auf einer webbasierten Architektur. Es ermöglicht mehreren Nutzern, gleichzeitig und von verschiedenen Arbeitsplätzen aus in einer modernen Lernumgebung zu interagieren.
Das moderne Layout erleichtert es den Nutzern, komplexe Vorgänge intuitiv per „Drag and Drop“ durchzuführen, wodurch sich diese schnell mit der Benutzeroberfläche vertraut machen. Das bedingt einen einheitlichen Schulungsstandard, unabhängig von den Fähigkeiten und der Erfahrung der Lehrer bei der Kontinuität und Standardisierung der Informationsvermittlung, orts- und zeitunabhängigem Zugriff auf Informationen, selbstgesteuertem Lernen, kontinuierlichem Feedback zur Leistung. Es bildet mithin maßgeschneiderte Schulungsprozesse mit effizienten Methoden ab.
Auf dem Moodle-basierten BMLS laufen E-Learning Programme, die sich ideal zur Unterstützung und Ergänzung von Präsenzschulungen und für das Selbststudium eignen. Diese Art des E-Learnings wurde von einem Expertenteam von Leonardo Helicopters, das sich der kontinuierlichen Verbesserung der didaktischen Ansätze und der Optimierung des Lernerlebnisses verschrieben hat, entwickelt. Es umfasst zudem multimediale Auffrischungskurse für Piloten und Schulungen für Militärluftfahrttechniker. Die Nutzer erwerben Wissen durch ein intensives und interaktives Lernerlebnis mit Videos, Audios, Grafiken und Animationen oder durch eine Kombination daraus. Das E-Learning basiert auf den Webdesign-Standards HTML/XML und ist auf freigegebenen SMN-Rechnern des Bundesheeres intern nutzbar.
Virtual Desk
Der Virtual Desk (V-Desk) ist eine Basistrainingsgerät. Es veranschaulicht die Bedienungsumgebung des AW169 und dient in der Ausbildung der Systemeinführung. Die Flugschüler können sich mit den plattformspezifischen Cockpitelementen und ihren Funktionen vertraut machen und sich so rasch an ihr künftiges Cockpit und an die grundlegenden Verfahren der Instrumentenflugregeln (IFR) gewöhnen.
Mit dem V-Desk werden Vor- bzw. Nachflugvorgänge ebenso dargestellt wie Bodenvorgänge (z. B. Triebwerksstart, Triebwerksabschaltung usw.) oder das Triebwerksmanagement. Besondere Bedeutung kommt der Anzeigensymbolik, dem Flugmanagementsystem und dem Autopiloten aufgrund der jeweiligen Athentizität zu. Zudem stellt der V-Desk unterschiedliche Übungsszenarien wie Avionik oder Systemstörungen dar, auf die die Flugschüler richtig reagieren müssen.

Lernen durch Tun
Das Enhanced Training Device Lite-4 (ETD Lite-4) ist das kostengünstigste qualifizierte luftfahrtspezifische Trainingsgerät. Es entspricht gemäß EASA einem „Other Training Device“ (OTD) bzw. nahezu einem „Flight and Navigation Procedure Trainer“ (FNPT) und dient vor allem dem Lernen durch Tun. Basierend auf dem Datenpaket des Originalgeräteherstellers ist es aufgrund seiner kompakten Abmessungen einfach zu transportieren. Dennoch kann das ETD Lite-4 Bodenvorgänge, Vor- und Nachflugvorgänge, Normverfahren und Notfallverfahren, das Bedienen der Notfallsysteme und vor allem das Instrumentenflugtraining darstellen.
Im Cockpit
Das Enhanced Training Device Lite-5 (ETD Lite-5) umfasst eine generische Cockpit-Kabine, wie sie typisch für Hubschrauber ist. Sie beinhaltet eine physikalische Nachbildung der wichtigsten Instrumente, Geräte, Panels und Bedienelemente. Mit Geodaten des Bundesheeres können Flüge im heimischen Gelände simuliert werden. Dabei werden die Flugdynamik und die Leistung des AW169 präzise dargestellt. Diese Darstellung ermöglicht realistische Boden- und Flugoperationen mit der vollständigen Leistungsfähigkeit der installierten Systeme.
Das ETD Lite-5 erfüllt die Qualifikationsanforderungen der EASA und bietet ein umfassendes Training für den normalen Flugbetrieb, Notfallverfahren, Instrumentenflugregeln (IFR) und Multi-Crew Cooperation in einer realistischen Umgebung. Zusätzlich zu den Eigenschaften der o.a. Systeme bietet es eine Vielzahl von Upgrades (z. B. visuelles System, eine Heckbesatzung, „Forward Looking Infrared“ (FLIR) – Erweiterungsmöglichkeiten).

Virtueller Flug
Das Enhanced Training Device-3 Plus (ETD-3) Plus verfügt über eine originalgetreue Nachbildung des AW169 Cockpits inklusive einer vollständigen Nachbildung der Flugzeuginstrumente, -ausrüstung, -panels und sonstiger Bedienelemente. Mithin gewährleistet es ein hochrealistisches Training basierend auf Full-Flight-Simulation. Diese simuliert die Flugdynamik und Leistung des AW169B präzise und ermöglicht dadurch das Training realistischer Boden- und Flugoperationen.
Der Simulator gewährleistet eine Einsparung von bis zu 70 Prozent der bislang für das Training erforderlichen Hubschrauberflugstunden. Er bietet ein umfassendes Ausbildungsangebot, das von der Grundausbildung über die Musterumschulung bis hin zu Auffrischungsschulungen reicht. Das ETD-3 Plus erhöht die Flugsicherheit, da Piloten ihre Fähigkeiten – einschließlich des Trainings von Normal- und Notfallverfahren – in einer geschützten Umgebung entwickeln und festigen können. Darüber hinaus können Trainingsplattformen miteinander vernetzt werden. Dieses Multiplattform-Training ist insbesondere für die gefechtstechnische und taktische Ausbildung von großem Vorteil.
Das ETD 3 Plus ermöglicht ein umfassendes Training für den normalen Flugbetrieb, für Notfallverfahren und für die Musterberechtigungsausbildung in einer simulierten Umgebung. Zudem können sämtliche Ausbildungsmaßnahmen, Wiederholungstrainings (Recurrencies) und Checkflüge damit durchgeführt werden. Gemäß der Beurteilung der „Leonardo Training Academy“ (LTA) und als Ergebnis einiger Studien ist der Unterschied des ETD-3 Plus zu „Full Flight Simulatoren“ (FFS) - das sind Simulatoren mit einer Bewegungsplattform - nicht signifikant für den Ausbildungserfolg. Daher verzichtete die FlFlATS auf eine Bewegungsplattform. Ausschlaggebend dafür war der Kostenunterschied in der Höhe von mehreren Millionen Euro.
Aufgaben im Training
Das ETD 3 Plus bietet umfangreiche Trainingsmöglichkeiten. Im Detail umfasst das Programm zusätzliche Ausbildungsinhalte wie
- Schweben,
- Rollen in der Luft,
- Start,
- Steigflug,
- Reiseflug,
- Sinkflug sowie Anflüge nach Sicht- und Instrumentenflugregeln.
Diese können vollständig veranschaulicht werden. Darüber hinaus ist das komplette Systemmanagement einschließlich möglicher Notfallmaßnahmen darstellbar. Damit können Musterberechtigungstrainings und -prüfungen, Auffrischungstrainings sowie die Verlängerung der Instrumentenflugberechtigung mit dem Simulator absolviert werden. Auch die Zusammenarbeit mehrerer Besatzungsmitglieder sowie Sicherheitsübungen werden so realitätsnah trainiert.
Das Einsatztraining umfasst unter anderem Luftrettungseinsätze, beispielsweise im Offshore-Bereich in Zusammenarbeit mit Ölplattformen und Schiffen, Nachtflugtraining und Einsätze mit Nachtsichtgeräten. Ebenso können Verfahren in beengten Räumen oder Transitflüge zu jeder simulierten Tages- und Nachtzeit geübt werden. Diese Möglichkeiten beinhalten auch Szenarien wie das Verhalten der Besatzung bei sich verschlechternden Wetterbedingungen oder zunehmendem Treibstoffverbrauch sowie Landungen auf Plattformen und Dächern. Das Bundesheer kann sowohl im ETD Lite-5 als auch im ETD 3 Plus eigenständig Objekt- und Geländedaten erstellen und importieren. Dadurch wird eine lageangepasste Ausbildung ermöglicht, einschließlich simulierter Flüge in vertrauter Umgebung.

Zusammenfassung
Das Simulationszentrum AW169 am Fliegerhorst „Leopold Figl“ bietet umfassende Möglichkeiten, zukünftige Simulationstrainings als wesentliche Voraussetzung für die Pilotenausbildung sicherzustellen. Simulatorentraining erfordert hinsichtlich der Zusammenarbeit von Hubschraubern in taktischer und gefechtstechnischer Hinsicht noch einen weiteren Ausbau. Dafür ist die Entwicklung eines Taktik-Simulators notwendig. Durch die Beschaffung unterschiedlicher Luftfahrtsysteme wird das Ausbildungs- und Simulationszentrum künftig als vernetzter Simulationsverbund der Luftstreitkräfte an Bedeutung gewinnen.
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