Verteidigung neu denken

Allgemein
J. Ginthör, M. Seidinger
Ein Soldat ist in einer Stellung und zielt mit dem Sturmgewehr.
Ein Soldat ist in einer Stellung und zielt mit dem Sturmgewehr.

Die Einsatzart Verteidigung unterliegt tiefgreifenden Veränderungen. Besonders der Krieg in der Ukraine zeigt, dass klassische Ansichten, etwa zum Raumbedarf, Führungsprozess oder Stellungsausbau, kritisch hinterfragt, zum Teil neu gedacht und erneuert werden müssen.

Das Gefechtsfeld des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich grundlegend von den Doktrinen des Kalten Krieges. Es ist geprägt durch

Diese Rahmenbedingungen beeinflussen die Bewertung von Kraft, Raum, Zeit und Information und damit die Handlungen auf der gefechtstechnischen und unteren taktischen Ebene.
Das Bataillon steht vor der Herausforderung, unter einer hohen gegnerischen Beweglichkeit und Wirkungsintensität zu verteidigen. Es muss

Daraus ergeben sich zentrale Fragen:

Das Gefechtsfeld des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich in vier  wesentlichen Elementen von jenem aus der Zeit des Kalten Krieges.
Das Gefechtsfeld des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich in vier wesentlichen Elementen von jenem aus der Zeit des Kalten Krieges.
© Johannes Ginthör, Martin Seidinger

Vorbereitung

Der klassische Idealverlauf für die Vorbereitung der Verteidigung auf Bataillonsebene – Planen, Erkunden, Einrichten, Vorüben – stößt zunehmend an seine Grenzen. Zwar erfolgt meist eine erste Erkundung, doch fehlt oft die Zeit für den Stellungsausbau oder das Vorüben. Historisch wurde in der Fachliteratur der Ausbau von Verteidigungsstellungen mit Stunden bis Wochen veranschlagt. Das Merkblatt „Handakt Taktik“ fordert mindestens sechs Stunden – eine drastische Verkürzung gegenüber den früheren 72 Stunden. Doch selbst 72 Stunden sind knapp bemessen. Ein Artikel in der Zeitschrift für Militärgeschichte „Pallasch“ fordert – gestützt auf Erfahrungen der israelischen Streitkräfte – 14 Tage für den Ausbau eines Stützpunktes.

Aktuelle Beispiele aus dem Ukraine-Krieg, wie die Verteidigung an der Linie des Flusses Dnepr oder bei den Wäldern um Donezk zeigen, dass ein günstiges Gelände umfassend verstärkt und ausgebaut werden muss. Entscheidend ist die vollständige Einbindung aller unterstützenden Elemente – Pioniere, Logistiker, Fernmelder – über den gesamten Zeitraum hinweg. Der Verteidigungsaufbau ist ein synchronisierter Gesamtprozess, dessen Ablauf idealerweise einem strukturierten Zeitstrahl folgt.
 

Die Vorbereitung zur Verteidigung folgt einer vorgegebenen Abfolge von einzelnen Maßnahmen.
Die Vorbereitung zur Verteidigung folgt einer vorgegebenen Abfolge von einzelnen Maßnahmen.
© Johannes Ginthör, Martin Seidinger

Folgerungen gefechtstechnische Ebene

Welche  Folgerungen  lassen sich auf der gefechtstechnischen Ebene erkennen? Gefechtstechnisch ergibt sich eine klare Priorisierung in dieser Reihenfolge: Der Wirkungsraum gegen den Panzerfeind, kanalisierende Sperren, der Infanterieschutz, die vorgeschobene Beobachtung, redundante Verbindungen und der Schutz durch Unterstände bilden die Kernbausteine.
 

Wirkungsraum

Ein Ziel in der Verteidigung ist es, die gegnerischen Gefechtsfahrzeuge zum Stehen zu bringen und zu vernichten. Der Einsatzraum, das Schussfeld mit Reichweite (Nacht- und Nebelaufstellung), die Deckung und die Führbarkeit sind die bestimmenden Rahmenbedingungen bei der Auswahl des richtigen Geländes. Gut beurteilte Wirkungsräume ermöglichen einen konzentrierten Feuerkampf aus Wechsel- und Ergänzungsstellungen, in wiederholter Vorlage vor dem Gegner.
 

Sperren hemmen die feindliche Bewegung und müssen durch Feuer überwacht werden. Hier zwei Panzergräben (li.) und „Drachenzähne“ aus Beton (re.) im Ukraine-Krieg.
Sperren hemmen die feindliche Bewegung und müssen durch Feuer überwacht werden. Hier zwei Panzergräben (li.) und „Drachenzähne“ aus Beton (re.) im Ukraine-Krieg.
© Foto: 23 Ipp zsu, cc by 4.0

Sperren

Sperren dienen in der Verteidigung primär dazu, gegnerische Gefechtsfahrzeuge in den zuvor definierten Wirkungsraum zu lenken oder dort zum Stehen zu bringen. Sie sind kein Selbstzweck, sondern ein notwendiges Mittel, um die gegnerische Bewegung zu kanalisieren und zu hemmen. Die Beurteilung von Sperren muss daher eng mit der Festlegung des Wirkungsraumes abgestimmt sein. Dabei gilt: Sperren wirken nur im Feuer. Das heißt, sie müssen unter der eigenen (auch vorgeschobenen) Beobachtung und Wirkung liegen, um ihre Funktion zu erfüllen.
 

Feuer

Das Feuer in der Verteidigung muss unter den Bedingungen der modernen Kriegsführung neu gedacht werden. Verteidigung bedeutet den Kampf gegen feindliche Gefechtsfahrzeuge mit direkten (z. B. Maschinenkanone, Panzerabwehrrohr, Panzerkanone) und indirekten (Steilfeuer, Drohnen, Loitering-Ammunition, Luftunterstützung) Wirkmitteln. Direkt wirkende Waffen können aus ihren ausgebauten Stellungen aufgrund der allgegenwärtigen Beobachtung und Wirkung oft erst unmittelbar vor dem Feuerkampf eingesetzt werden. Wirkung geht vor Deckung. Doch wer zu lange steht, wird bekämpft.

Die klassische Reaktionszeit der Artillerie von rund acht Minuten ist angesichts hochmobiler Gegner nicht mehr zeitgemäß. Diese agieren schnell, wechseln rasch die Richtung und nutzen kurze Zeitfenster für Angriffe. Eine träge Feuerunterstützung ist in diesem Zusammenhang nicht duellfähig. Die Artillerie, Panzerabwehrlenkwaffen mittlerer und hoher Reichweite, Granatwerfer und andere Systeme müssen daher, zeitlich und räumlich abgestimmt, zusammenwirken. Digitale Führungsmittel, die automatisierte Zielzuweisung und die Integration von Drohnen zur Zielaufklärung sind entscheidend. Das zeigen die Erfahrungen aus der Ukraine.

Infanterieschutz

Die Infanterie sichert die Panzerabwehr durch Flankenschutz, Vorfeldbeobachtung und das Halten wichtiger Geländeteile. Nur der synchronisierte Einsatz schafft einen effektiven Verteidigungsverbund, ähnlich dem Kampf der verbundenen Waffen im Kleinen.

Beobachtung

Die Beobachtung ist ein zentraler Bestandteil der Verteidigung – sowohl in der feindlichen Tiefe als auch im Nahbereich. Eine weitreichende Beobachtung dient der frühzeitigen Erkennung gegnerischer Bewegungen, der Zielzuweisung für Feuerunterstützung und der Beurteilung der feindlichen Absicht. Sie erfolgt idealerweise durch technische Mittel wie Drohnen, Sensorik und/oder vorgeschobene Beobachtungsstellen. Aufgrund einer erhöhten räumlichen Ausdehnung muss die Beobachtung redundant angelegt werden.

Nicht vermeidbare sichttote Räume müssen erkannt werden, und es ist auch dort eine Beobachtung sicherzustellen, um die Initiative auch in der Verteidigung zu erlangen. Ein oft vernachlässigter Aspekt der Verteidigung ist das Verhalten nach einem Abwehrerfolg. Vor allem nach einem solchen ist es entscheidend, die Fühlung zum Gegner nicht zu verlieren. Die eigene (Gefechts-)Aufklärung muss angesetzt werden, um gegnerische Reaktionen zu erkennen. Das Prinzip der unverzüglichen Wiederaufnahme der Beobachtung nach erfolgreicher Abwehr bleibt weiterhin bestehen.

Ein „Toter Briefkasten“ stellt noch immer eine Möglichkeit der  Kommunikation dar.
Ein „Toter Briefkasten“ stellt noch immer eine Möglichkeit der Kommunikation dar.
© Foto: 23 ipp zsu, cc by 4.0

Verbindung

Die Führungsfähigkeit ist in der Verteidigung nur dann gewährleistet, wenn die Verbindungen redundant und robust aufgebaut ist. Ein einzelnes Kommunikationsmittel reicht nicht aus. Vielmehr muss ein System aus mehreren, sich ergänzenden Mitteln bestehen: Feldtelefon, Funk, Melder (siehe TD 02/2025), tote Briefkästen sowie optische Signale wie Flaggen, Knicklichter oder Schießleuchten.

Die Vielfalt der Verbindungsmittel schafft nicht nur Ausfallsicherheit, sondern ermöglicht auch die Anpassung an unterschiedliche Gefechtssituationen – etwa Funkstille, Störungen oder Nacht. Vor allem unter einer hohen Belastung und in dynamischen Lagen ist eine verlässliche Verbindung der Schlüssel zur Führung, Koordination und zum Erhalt der Kampfkraft.
 

Geländeverstärkung

Die Geländeverstärkung ist unter den Bedingungen moderner Gefechtsfelder eine Herausforderung – und zugleich überlebenswichtig. Ein besonderer Fokus liegt auf der Täuschung und der Tarnung, weil präzise gegnerische Aufklärungsmittel jede Schwachstelle aufdecken können. Scheinsperren, die Wärmebildgerät-Tarnung oder vorgetäuschte Wärmequellen zur Irreführung des Feindes sind essenzielle Elemente.

Der Ausbau von Stellungen wird durch die Bedrohungslage massiv erschwert. Schanz- und Sperrarbeiten können oft nur nachts erfolgen, wodurch die verfügbare Zeit faktisch halbiert wird. Die Geländeverstärkung muss daher unter Nutzung aller verfügbaren Mittel effizient, kreativ sowie angepasst und mit klarer Priorisierung erfolgen. In Zusammenschau mit der Dominanz des Feuers ergibt sich der Merksatz: Ich halte aus oder ich weiche aus. Die Geländeverstärkung steht in dieser Reihenfolge am Ende der Beurteilung, weil sie sich erst aus den anderen Schritten ergibt.
 

» Der Ukraine-Krieg zeigt deutlich, dass klassische Verteidigungsvorstellungen nur bedingt auf zeitgemäße Szenarien
übertragbar sind «

Folgerungen untere taktische Ebene

Welche Folgerungen lassen sich auf unterer taktischer Ebene erkennen? Ein russisches Zitat besagt: „Die Taktik ist das dynamischste Gebiet der Kriegskunst.“ Moderne Gefechtsfelder erfordern eine Neubeurteilung taktischer Normen. Der Ukraine-Krieg zeigt deutlich, dass klassische Verteidigungsvorstellungen nur bedingt auf zeitgemäße Szenarien übertragbar sind. Eine permanente Aufklärung, präzise Wirkmittel und ein hohes Tempo machen standardisierte Doktrinen zunehmend untauglich.

Aus Sicht der Autoren ist die untere taktische Ebene – das Bataillon als Garant für die Auftragserfüllung der Kompanien und Züge – heutzutage stärker gefordert als je zuvor. Sie trägt die unmittelbare Last moderner Gefechte, die in hoher Geschwindigkeit, unter ständiger gegnerischer Informationsgewinnung, im gesamten Spektrum und oftmals ohne umfassendes Lagebild geführt werden. In diesem Umfeld genügt es nicht mehr, klassische Einsatzarten, Doktrinen und Parameter standardisiert anzuwenden. Vielmehr bedarf es einer dynamischen Denkweise, die Verzögerung und Verteidigung als ineinandergreifende Komponenten eines einheitlichen Verteidigungssystems versteht und die vier taktischen Faktoren – Kraft, Raum, Zeit und Information – überdenkt.
 

In der Verteidigung sind ausgebaute Stellungen noch immer notwendig, um sich vor der feindlichen Waffenwirkung zu schützen.
In der Verteidigung sind ausgebaute Stellungen noch immer notwendig, um sich vor der feindlichen Waffenwirkung zu schützen.
© foto: 23 ipp zsu, cc by 4.0

Integration von Verzögerung und Verteidigung

Das österreichische Verständnis der Einsatzarten unterscheidet traditionellerweise klar zwischen Verzögerung und Verteidigung auf der Ebene des kleinen Verbandes. Die aktuelle NATO-Doktrin hingegen sieht beide Einsatzarten als kombinierbare Handlungen innerhalb eines defensiven Verfahrens – ohne feste Zuordnung zu einer Ebene. Die Verzögerung wird nicht nur zur Zeitgewinnung genutzt, sondern als beweglicher Bestandteil der Verteidigung verstanden. Diese Kategorisierung verlangt, Verzögerungselemente aktiv in die Verteidigungsstruktur einzubetten – auch auf Bataillonsebene.

Das Ziel dabei ist es, die gegnerische Synchronisation zu stören und die eigene Handlungsfreiheit zu erhöhen, wie im TD-Taschenbuch „Taktik & Ausbildung“ treffend formuliert ist: „Ziel ist die möglichst frühzeitige Abnützung des angreifenden mechanisierten Verbandes.“ Verzögerung und Verteidigung sind heute als zwei Seiten derselben taktischen Medaille zu begreifen: Der eine Teil schafft Bedingungen und Voraussetzungen, der andere nutzt sie. Selbstverständlich bleibt als einzig entscheidungsbringendes Element noch der Angriff. Diese Betrachtung stellt einen Vergleich dar, der sich sowohl an den Grundsätzen der modernen NATO-Doktrin, insbesondere der Allied Tactical Publication (ATP) 3.2.1.1, und an den Beobachtungen am Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr orientiert und diese an die Seite von aktuellen Gefechtsanalysen stellt.
 

Kraft: Anwendung, Schutz und Erhalt von Kampfkraft

„Das Hauptelement in der Verteidigung ist das Feuer.“ Dieser Grundsatz bleibt gültig, doch seine praktische Umsetzung hat sich fundamental gewandelt. Kampfkraft entsteht nicht mehr allein aus Masse, Feuerkraft oder Panzerung, sondern aus der Fähigkeit, sie zu schützen, zu bewegen und unter widrigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Moderne Bedrohungen wie Drohnen, Steilfeuer und Loitering-Ammunition erzwingen eine Dislozierung der Kräfte. Zwei Prinzipien sind entscheidend:

Der Verzögerungskampf wirkt nicht nur, sondern schützt auch. Die bewegliche Einsatzführung reduziert die gegnerische Feuerwirkung. Ein alter, aber unverändert gültiger Lehrsatz aus der Allgemeinen Vorschrift Infanterie von 1962 bleibt in diesem Zusammenhang dazu weisend: „Zur Sicherung werden Gefechtsvorposten so weit vor den Vordersten Rand der Verteidigung (VRV) vorgeschoben, dass sie noch von der Artillerie und schweren Infanteriewaffen wirksam unterstützt werden können. Im Allgemeinen wird die Entfernung ein bis drei Kilometer betragen.“ Die Fähigkeit, die Vorfeldaufklärung und den -kampf unter Bedrohung aufrechtzuerhalten, ist überlebenswichtig. Mit heutigen Waffensystemen sind diese Distanzen deutlich größer zu denken – was zum Faktor Raum überleitet.

Raum: Tiefe, Funktionalität und Elastizität

„Die Breite des Gefechtsstreifens des Bataillons kann nicht schematisch festgelegt werden, weil sie immer von den Geländeverhältnissen abhängt.“ Während im Jahr 1962 ein Jägerbataillon mit drei bis vier Kilometern Breite und drei Kilometern Tiefe kämpfte, verlangen moderne Systeme eine Verteidigungstiefe von zehn und mehr Kilometern.
Ein „Raum in Schichten“ muss geografisch und funktional gegliedert sein: Unterstützungsräume, scheinbar genutzte Räume, Bereitstellungsräume und Wirkungsräume. Eine Parallele zur elastischen Verteidigung des Zweiten Weltkrieges ist offensichtlich: Vorstöße auffangen, die gegnerische Einsatzführung brechen und in vorbereitete Räume lenken.

Der Raum ist heute dynamisch zu verstehen – seine Tiefe und Elastizität entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Der Wechsel zwischen Verzögerung, zeitlich begrenzter Verteidigung, nachhaltiger Verteidigung und Angriff muss flexibel möglich sein. Der „Handakt Taktik“ bietet eine Orientierung, muss aber kritisch betrachtet werden. Bereits jetzt sind Systeme mit vier Kilometern Reichweite inkludiert, zukünftige Fähigkeitsträger werden darüber hinausgehen. Ein Raum von zehn mal zwölf Kilometer – etwa doppelt so groß wie bisher – bildet eine realistische Grundlage für zukünftige Einsätze.
 

Der Raumbedarf wird in Zukunft wesentlich größer sein als bisher angenommen.
Der Raumbedarf wird in Zukunft wesentlich größer sein als bisher angenommen.
© Johannes Ginthör, Martin Seidinger

Zeit: Vorbereiten und Durchhalten

„Defense is tough; not a minute can be wasted in the preparation.“ (aus dem Buch „The Defense of Hill 781“ von Colonel James R. McDonough). Die Zeit ist die härteste Währung der Verteidigung – ihre Bedeutung hat sich doppelt verschoben: Die Vorbereitung wird schwieriger, das Durchhalten fordernder. Eine permanente Aufklärung, ein hohes Tempo und eine präzise Feuerwirkung lassen kaum Spielraum für langwierige Stellungsbauten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Dauer des Widerstandes – unter konstantem Feuer und psychischem Druck, wie der Ukraine-Krieg zeigt. Das Zeitmanagement wird zur Schlüsselressource. Die effektive Synchronisation aller Bereiche (Aufklärung, Führung, Kampf- und Einsatzunterstützung) ist essenziell. Realistisch braucht der Ausbau eines Verteidigungsraumes mehrere Tage, idealerweise zwei Wochen.

Das Kommandantenhandbuch nennt 164 Stunden von der Kompanie bis zur Gruppe, Major Hans von Dach (Schweizer Milizoffizier und Autor des siebenbändigen Werkes „Gefechtstechnik“)  sogar mehrere Wochen. Der Ukraine-Krieg beweist: Die Verteidigungsvorbereitungen kennen nach oben hin keine Grenze. Die Realität erzwingt priorisierte Verfahren: den parallelen Ausbau von Wirkungs- und Schutzräumen, die Nutzung aller verfügbaren Ressourcen und das sofortige Herstellen einer minimalen Abwehrbereitschaft. In der Führung des Abwehrkampfes ist auch der Faktor Zeit entscheidend. Die Kunst der modernen Verteidigung liegt darin, das eigene Feuer und die Bewegung auf den Rhythmus des Gegners abzustimmen – um ihn zu stören und gleichzeitig die eigenen Kräfte zu schützen.

» Der „Handakt Taktik“ bietet eine Orientierung, muss aber kritisch betrachtet werden. «

Das klassische Tarnen wird weiterhin auf dem Gefechtsfeld eine Rolle spielen, um sich der feindlichen Sensorik und Waffenwirkung zu entziehen.
Das klassische Tarnen wird weiterhin auf dem Gefechtsfeld eine Rolle spielen, um sich der feindlichen Sensorik und Waffenwirkung zu entziehen.
© Foto: 23 psv 22, cc by 4.0

Information: Tarnen und Täuschen

Information ist heute der dominierende taktische Faktor. Das Gefechtsfeld ist „multidomain“ – erweitert um den Weltraum, das elektromagnetische Spektrum sowie um den Cyber- und Informationsraum. Jeder Impuls, jede Bewegung und jede Handybenutzung können zur Signatur und damit zum Ziel werden. Die Folgerungen dazu lauten: Bereits die unterste Ebene muss aktiv im Informationsraum agieren. Jeder ist Sensor, Effektor und Ziel. Zwar kann nicht allen Angriffsvektoren begegnet werden, doch durch Scheinstellungen, kontrollierte Emissionen, Tarnung, Eigenschutz und dahingehende Ausbildung lässt sich eine Erfolg versprechende Basis schaffen.

Auch aktive Maßnahmen sind möglich: Scheinangriffe oder irreführende Bewegungen beeinflussen das gegnerische Lagebild, wie etwa die ukrainischen Offensivvorbereitungen zeigen. Die eigene Informationsgewinnung muss redundant erfolgen, eingehende Lagemeldungen müssen kritisch geprüft werden. Der Kampf im Informationsraum beginnt bei den eigenen Truppen. Ziel, Zweck und Leistung müssen verstanden werden. Eine transparente Führung im Frieden bereitet auf den Einsatz vor. Der Wille zur Auftragserfüllung ist aus Sicht der Autoren das höchste Gut in der Verteidigung.
 

Beweglichkeit

Wie kann Beweglichkeit als Antwort auf Feuerüberlegenheit genutzt werden?
Moderne Waffensysteme – Panzerabwehrlenkwaffen, Kamikazedrohnen bzw. weitreichende Artillerie – wirken bis zu acht Kilometer und mehr. Klassische Normgrößen wie Stellungstiefe oder Sperrabstände basieren jedoch auf deutlich geringeren Reichweiten. Eine statische Verteidigung ist unter diesen Bedingungen kaum noch durchführbar. Die Raumüberdehnung im aktuellen Kriegsbild bedingt eine bewegliche Einsatzführung. Dabei entsteht ein Spannungsfeld: Die Bewegung ist notwendig, um dem gegnerischen Feuer zu entgehen, steht aber im Widerspruch zur Bedrohung durch die luftgestützte Aufklärung und Präzisionsschläge.

Der Schutz vor Steilfeuer gelingt heute nur durch Auflockerung und ständigen Stellungswechsel – die Bewegung wird damit zum Schutzmittel und taktischen Element der Verzögerung. Die Voraussetzung dafür ist das bewusste Einbeziehen des Geländes in die Planung. Die Beweglichkeit wird nur dort zum Vorteil, wo eine gedeckte Bewegung und das Zusammenwirken aller Kräfte möglich sind. Die Verteidigung muss als dynamisches Netzwerk verteidigungsfähiger Räume gedacht werden – nicht als starre Linie. Diese Wahrnehmung erfordert ein flexibles Denken, ein ständiges Reagieren und die Weiterentwicklung von Gefechtstechnik und Taktik (siehe Grafik unten).

Grundsätzlich erfolgt das Zusammenspiel der drei Bereiche folgendermaßen: Die Bedeutung des Faktors Raum nimmt ab und geht in die Bedeutung von Kraft und konzentrierter Wirkung gegen den Feind über.
 

Ein möglicher auszugsweiser Plan der  Durchführung für die Verteidigung.
Das Ziel in der Verteidigung ist nicht nur das eigene Gelände zu halten, sondern auch  feindliche Waffensysteme zu vernichten wie hier ein  in der Ukraine zerstörter  russischer Kampfpanzer.

» Das Hauptelement in der Verteidigung ist das Feuer «

Zusammenfassung

„Rehearse all movements, in gas masks, with no communications, and at night. Assume that confusion will reign at the moment of execution, and rehearse all procedures accordingly“ (aus dem Buch „The Defense of Hill 781“).
Betrachtet man diese Faktoren im Kontext des aktuellen Gefechtsbildes, ergeben sich auf der unteren taktischen Ebene folgende Kernaussagen:

Bei aller Beweglichkeit darf nicht vergessen werden, dass ein defensivgünstiges Gelände auch nachhaltig verteidigt werden muss. Die Einsatzführung kann gegnerzentriert stark beweglich erfolgen, aber ebenso geländezentriert und stationär geplant werden – abhängig von den taktischen Vorgaben. Nur eine adaptive, räumlich verteilte und auf Informationen gestützte Verteidigung kann unter den Bedingungen eines modernen Gefechtsfeldes bestehen. Sie sichert die Handlungsfreiheit und schafft die Voraussetzung für die entscheidungsbringende Einsatzart – den Angriff. Was der preußische Militärstratege Carl von Clausewitz schon in den 1830er-Jahren sinngemäß forderte, gilt noch heute: Das Ganze muss immer mitgedacht werden. Der Erfolg auf gefechtstechnischer und taktischer Ebene entsteht nicht durch Systeme, sondern durch den Kampf im Verbund. Dieser Verbund muss kritisch überdacht und weiterentwickelt werden – ganz im Sinne des eingangs zitierten (russischen) Gedankens zur dynamischen Natur der Taktik.


Autoren

Major des Generalstabes Johannes Ginthör, BA MA

Hauptlehroffizier Taktik & Versorgung, Institut 1, Theresianische Militärakademie

Oberstleutnant Mag.(FH) Martin Seidinger

Hauptlehroffizier Gefechtstechnik, Institut 1, Theresianische Militärakademie

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 02/2026 (409): Hybrider Krieg

Die internationale Sicherheitslage bleibt angespannt. Der Krieg in der Ukraine dauert an, neue Konflikte verschärfen die globale Unsicherheit, und moderne Kriege wirken längst weit über das Gefechtsfeld hinaus. Neben militärischen Auseinandersetzungen prägen Desinformation, hybride Bedrohungen und…