Vergessene chemische Kampfstoffe und ihr verbotener Einsatz
Aktuelle Kriege und Anschläge zeigen, dass „alte“ und kaum regulierte Chemikalien militärische und hybride Gefahren in sich bergen. KI-gestütztes Wissen und Drohnen erhöhen das Risiko ihres Einsatzes. Lückenhafte Kontrollen und mangelnde forensische Kapazitäten erschweren die Aufklärung. Streitkräfte wie das Bundesheer sind gefordert, ihre ABC-Abwehr weiterzuentwickeln.
In bewaffneten Konflikten und in der hybriden Kriegsführung ist es möglich, dass chemische Kampfstoffe zum Erreichen militärischer oder politischer Ziele verwendet werden. Vor allem durch das direkte Anwenden auf dem Gefechtsfeld, aber auch in hybrider Form durch die Kontamination der Kritischen Infrastruktur, das Vergiften von Nahrungsmitteln oder das gezielte Töten von Einzelpersonen. Daneben wurden Kampfstoffe auch für terroristische Zwecke eingesetzt, insbesondere durch den so genannten Islamischen Staat (IS) in Syrien und im Irak. Die leichte Verfügbarkeit von Ausbreitungsmitteln wie Drohnen und UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) hat die Gefahr eines Einsatzes von chemischen Kampfstoffen maßgeblich erhöht. Das Risikobild von 2023 spiegelt den terroristischen Aspekt und den Blickpunkt auf bewaffnete und hybride Konflikte wider.
Für die gängigen chemischen Kampfstoffe existieren relativ gute Mechanismen zur Proliferationskontrolle der Vorläuferstoffe. Die „Designierten Laboratorien“ (DL) der „Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons“ (OPCW) sind auf diese Kampfstoff-Klassiker gut vorbereitet, weil regelmäßig PT (Proficiency Tests) mit den Substanzen durchgeführt werden. Auch die Symptomatik nach Vergiftungen ist in den meisten Fällen relativ eindeutig.
Wie sieht es jedoch bei weniger bekannten Kampfstoffen aus? Bei diesen greift die Proliferationskontrolle wesentlich schlechter bis gar nicht, weil einige – darunter sogar extrem giftige – Kampfstoffe nicht in der Chemiewaffenkonvention gelistet sind. Der Zugang zu solchen Stoffen gestaltet sich daher einfacher, was ihre Verwendung für den Terrorismus oder die hybride Kriegsführung, bei der Ursprung und Urheber verschleiert werden sollen, attraktiv macht.

Neben der hybriden Bedrohung wird in diesem Text besonders die Bedeutung chemischer Kampfstoffe in bewaffneten Konflikten analysiert und dargestellt, welche Schlussfolgerungen sich daraus für das Bundesheer ergeben. Es werden zwei Kategorien „vergessener“ chemischer Kampfstoffe vorgestellt, die in einem modernen bewaffneten Konflikt eine entscheidende Rolle spielen können.
Die erste Kategorie umfasst Kampfstoffe, deren Verwendung beinahe im Dunkel der Vergangenheit verschwunden ist, die jedoch im Ukraine-Krieg wiederentdeckt wurde. Die zweite Kategorie betrifft vergessene und sich kaum noch im Fokus des Militärs befindliche chemische Kampfstoffe, die in der Chemiewaffenkonvention nicht gelistet sind, aber trotzdem enorme Schäden verursachen können.
Die Künstliche Intelligenz (KI) und andere Tools können dazu beitragen, dass Waffen dieser Art und ihre Herstellung wieder in den Fokus rücken. Es wäre daher notwendig, dass sich Proliferationskontrollmaßnahmen auch auf diese Stoffe erstrecken. Zusätzlich wird auf die notwendige Fähigkeit hingewiesen, einen rechtswidrigen Angriff mit chemischen Kampfstoffen nachweisen zu können. Das spielt nicht nur bei staatlichen Akteuren und Gegnern im Zusammenhang mit der hybriden Kriegsführung eine Rolle, bei der ein Gegner oft unerkannt bleiben will, sondern auch im Zusammenhang mit terroristischen Angriffen nicht-staatlicher Akteure.
Wiederentdeckte Kampfstoffe
Reizstoffe, auch als RCA („Riot Control Agents“) bezeichnet, erfahren eine Renaissance in der Kriegsführung. Der Grund dafür ist, dass sie eine ungeschützte Truppe effektiv kampfunfähig machen können. Diese Kampfunfähigkeit hält etwa 30 Minuten an. Das genügt, um Luftlandungen vorzubereiten, in Grabensysteme einzudringen oder Tunnels zu stürmen. Diese Stoffe sind auch dazu geeignet, dem Gegner kurzfristig Zugewinne des Geländes zu verwehren (area denial).
Bei dem Einsatz gegen schlecht ausgerüstete Kräfte haben sich diese chemischen Verbindungen daher als äußerst wirksam erwiesen. Die Verwendung von Reizstoffen als Waffe gemäß Chemiewaffenkonvention (CWK) ist jedoch verboten. Ein legitimer Einsatz von RCA ist beim „law enforcement“, wenn verhältnismäßig, erlaubt. In militärischen Szenarien ist beim „Ordnungseinsatz“ die Anwendung gegen Demonstranten, die die Sicherheit der Soldaten gefährden, zulässig.
Reizstoffe wurden bereits im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Rudolf Hanslian hatte 1927 aus den Erfahrungen dieses Krieges gelernt und vermerkte in seinem Buch „Der Chemische Krieg“: „Will man also lediglich den Feind unter seine Gasschutzmaske zwingen und ihn womöglich durch tagelang anhaltende Gaswirkung darin erschöpfen, so ist der Einsatz von Tränengas (CS) jedem anderen Gaskampfmittel vorzuziehen“.
Man benötigt im Vergleich zu anderen Kampfstoffen nur geringe Mengen, um eine Kampfunfähigkeit herbeizuführen und den Soldaten zum ABC-Schutz zu zwingen. Oft reicht die Konzentration eines hochwirksamen Reizstoffes von weniger als zehn mg/m³. Hanslian bezeichnete den bereits damals bekannten Reizstoff Chloracetophenon (CN) als „Kampfstoff der Zukunft“. Damit lag er nicht falsch, wenn man das ähnlich wirksame CS und seinen Einsatz in Vietnam oder in der Ukraine betrachtet. Dass Reizstoffe nicht zu unterschätzen sind, zeigt folgendes Zitat von Hanslian: „Reizstoffe im militärischen Sinn sind chemische Kampfmittel, bei denen eine nachhaltige oder gar todbringende Schädigung nur deshalb nicht in Erscheinung tritt, weil sie durch ihre sofort oder sehr bald eintretende Reizwirkung den Gegner zwingen, sich ihnen zu entziehen. Ist der Gegner dazu nicht in der Lage, so können sie auch tödlich wirken“.
Vor Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention 1997 wurden Reizstoffe im großen Stil im Vietnamkrieg eingesetzt. Eine Methode der US-Truppen war es, mit CS gefüllte Fassbomben aus Hubschraubern abzuwerfen. Aufgrund der Geschwindigkeit von mindestens 100 km/h und einer geplanten Zündung etwa 15 Meter über dem Grund wurde eine weitreichende Wolke aus fein verteilten Reizstoffen erzeugt, die sich in Windrichtung absetzt und eine wirksame Sperrzone bildet, die für ungeschützte Personen nur schwer zu durchdringen war.



Reizstoffe im Ukraine-Krieg
Informationen aus der Ukraine geben an, dass dort bis dato in etwa 10.000 chemische Angriffe gezählt wurden. Dies machte eine enorme Aufrüstung ukrainischer Einsatzkräfte mit ABC-Schutzausrüstung, wesentlich unterstützt durch die Europäische Union, notwendig. Im November 2024 bestätigte die OPCW – erstmals durch einen Technical Assistance Visit (TAV) – einen Angriff mit CS offiziell.
Einer der Gründe für diesen späten Nachweis im Konflikt nach über zwei Jahren war die mangelnde Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte hinsichtlich der ABC-Probenahme und Dokumentation. Die Ukraine verfügt zudem über kein von der OPCW akkreditiertes Designiertes Laboratorium, das auch für operative Zwecke eine große Hilfe wäre. Durch eine intensive Unterstützung befreundeter westlicher Staaten konnte jedoch erstmals eine ABC-Probenahme in der notwendigen Qualität sichergestellt werden. Die Probenahme war brauchbar, wenn auch nicht perfekt, weil die Blindprobe (die idealerweise keinen Kampfstoff enthalten sollte) zu nahe am Einschlagsort der Granate genommen wurde.
Die Proben wurden den Inspektoren der OPCW zur weiteren Analyse in zwei der weltweit vorhandenen ca. 20 designierten Laboratorien übergeben. Diese bestätigten, dass es sich um eine CS-Granate gehandelt hatte. Der Einsatz von Chlorpikrin wurde ebenfalls berichtet, bisher jedoch noch nicht offiziell bestätigt. Die Tatsache, dass dieser Kampfstoff in Staaten der ehemaligen Sowjetunion immer noch tonnenweise vorhanden ist, macht einen möglichen Einsatz im Kriegsgebiet äußerst wahrscheinlich. Der Lungenkampfstoff Chlorpikrin ist noch giftiger als Chlor und wirkt sofort massiv auf Schleimhäute und Augen, was zu einer raschen Kampfunfähigkeit führt.


Maskenbrecher, Lungen- und Hautkampfstoffe
Es existiert eine Reihe von chemischen Kampfstoffen, die zwar in allgemeine Vergessenheit geraten, Fachleuten aber durchaus bekannt sind. Zudem besteht für Laien die Möglichkeit, sich durch Internetrecherche oder mittels KI-Tools, das Wissen über solche Kampfstoffe und ihre Produktion anzueignen. Besonders brisant ist die Tatsache, dass manche tödlich wirkenden Kampfstoffe nicht in der Chemiewaffenkonvention gelistet sind und viele Staaten daher keine dahingehenden Proliferationsmaßnahmen vorgesehen haben.
Adamsit
Eine Auswahl an Stoffen wird hier dargestellt, beginnend mit Nasen- und Rachenreizstoffen wie Adamsit. Diese führen zu einer längeren Kampfunfähigkeit als CS und sind auch weitaus toxischer. Adamsit ist, je nach Reinheit, ein gelber bis dunkelgrüner Feststoff, der bei 195°C schmilzt und erstmals 1915 vom deutschen Chemiker und Nobelpreisträger Heinrich Otto Wieland synthetisiert wurde. Namensgeber war der US-Amerikaner Roger Adams, der den Stoff 1918 unabhängig von Wieland herstellte. Die Wirkung von Adamsit erfolgt oft verzögert und erzeugt innerhalb von etwa fünf Minuten Niesen, brennende Schmerzen in der Brust, im Rachen, in der Nase und im Zahnfleisch.
Die Reizwirkung nimmt an der frischen Luft nicht ab, im Gegenteil, sie verstärkt sich noch für mehrere Minuten und klingt nach 20 bis 30 Minuten ab. Das Problem ist, dass neue Symptome entstehen, wenn der Kontakt mit dem Kampfstoff beendet ist: Die systemischen Wirkungen beginnen erst nach etwa 30 Minuten mit Kopfschmerzen, Schwitzen, Speichelfluss, Schüttelfrost, Übelkeit, Erbrechen sowie Krämpfen und können mehrere Stunden anhalten. Das bedeutet, dass Adamsit heute noch als Maskenbrecher, trotz des vorhandenen Partikelfilters im Filter der ABC-Schutzmaske, angesehen werden kann, weil der Brechreiz und das eventuell aus diesem resultierende Erbrechen zum Abnehmen der Schutzmaske führen können. Im Vergleich zu CS wird die kampfunfähig machende Wirkung dadurch wesentlich verlängert.
Adamsit wurde früher in einigen Ländern als „Riot Control Agent“ eingesetzt. Aufgrund seiner Giftigkeit erfüllt es jedoch laut Beurteilung des Scientific Advisory Board der OPCW nicht die Kriterien eines „Riot Control Agents“. Vor allem in abgeschlossenen Räumen kam es bereits zu Todesfällen. Adamsit ist nicht in der Chemiewaffenkonvention gelistet.
Den Stellenwert dieses Stoffes zeigt folgendes Beispiel: Im Jahr 2003 wurden in Belgien mehrere Briefe mit chemischer Beiladung an Botschaften, an den Premierminister und andere Institutionen verschickt. Mindestens zwei Mitarbeiter der Post und fünf Polizisten wurden dabei vergiftet. Der Absender war mit „The International Islamic Society“ angegeben. Bei den Chemikalien handelte es sich um Adamsit.
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Diphosgen und Phosgenoxim
Zwei weitere chemische Kampfstoffe sind Diphosgen und Phosgenoxim. Beide zählen zu den letalen Kampfstoffen, die schwer verletzen oder tödlich sein können. Diphosgen zerfällt bei höheren Temperaturen zu Phosgen und erzielt eine identische Wirkung. Phosgen ist ein flüchtiger Lungenkampfstoff und für einen Großteil der Todesfälle im Ersten Weltkrieg verantwortlich. Die Wirkung setzt verzögert nach etwa 30 Minuten oder wenigen Stunden ein. Innerhalb dieser Zeit können bereits unbemerkt letale Mengen eingeatmet worden sein. Es führt zu massiven Entzündungserscheinungen und zu schweren Schäden in der Lunge, die in vielen Fällen tödlich enden. Anfangssymptome sind Husten, Erstickungs- und Engegefühl in der Brust, Übelkeit, Kopfschmerzen, Tränenfluss gefolgt von Kurzatmigkeit, Atemnot, blauroter Färbung der Haut (Zyanose), Rasselgeräuschen in der Lunge, rötlichem Schaum aus Mund und Nase sowie Bewusstlosigkeit.
Weltweit wird Phosgen immer noch von der chemischen Industrie, insbesondere für die Produktion von Pestiziden, verwendet (siehe TD-Heft 1/2025; Agent Orange & Co.). Um Unfälle beim Transport zu verhindern, wird der Stoff, zumindest in Europa, fast immer direkt am Verwendungsort produziert und direkt in den Produktionsprozess eingeleitet. Die „Eigenproduktion“ von Phosgen ist jedoch mit leicht erhältlichen Vorläuferstoffen möglich und damit nur schlecht kontrollierbar.
Ein weiterer den meisten Leuten unbekannter Stoff, der trotz enormer Giftwirkung nicht in der Chemiewaffenkonvention gelistet ist, ist Phosgenoxim (CX). CX wird von Experten ebenfalls als „vergessene Chemiewaffe“ bezeichnet, die als neu auftauchende Bedrohung angesehen wird. Phosgenoxim ist ein Nesselstoff, der von allen Hautkampfstoffen die heftigsten Schmerzen erzeugt und Textilien und Gummi äußerst schnell durchdringt.


CX-Wirkung
Die Wirkung auf der Haut tritt ohne Latenzzeit ein und äußert sich durch Brennen und Quaddelbildung (Quaddel: juckende Anschwellung der Haut), vergleichbar mit der Reaktion auf Brennnesselkontakt, allerdings bedeutend heftiger. Es kommt zu Schwellungen und Entzündungen. Schwere Zerstörungen komplettieren die Hautschädigungen. Die Heilung der entstehenden Wunden verläuft unzureichend und sie sind ein Herd für sekundäre Infektionen. Die Behandlung kann mehrere Wochen in Anspruch nehmen.
Die Nesselwirkung kann größere Bereiche erfassen und sich von der Kontaktstelle aus über den ganzen Körper ausbreiten. Das Nesseln ist schon bei dem Auftreffen von Aerosolpartikeln auf Händen und Gesicht so intensiv und unangenehm, dass es bei den Geschädigten zur Handlungsunfähigkeit führt. Durch Resorption der Halogenoxime, zu denen Phosgenoxim gehört, treten bei Hautschädigungen allgemeine Vergiftungserscheinungen wie Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und allgemeine Schwäche auf. Die Augen werden ebenso geschädigt. Die Folgen der Augenreizungen sind ein sofortiger starker Tränenfluss, Augenschmerzen, Binde- und Hornhautentzündungen, eine Beeinträchtigung der Sehschärfe und bei starken Schädigungen zeitweilige Blindheit. Geringste Konzentrationen von Dämpfen und Aerosolen der Halogenoxime reizen die oberen Atemwege. Es treten sofort Hustenanfälle und Schmerzen im oberen Atemtrakt auf.
Als Inhalationsgift ist die Wirkung mit Phosgen vergleichbar mit den bekannten Folgen wie der Entstehung von Lungenödemen. Schwere Vergiftungen führen zur Störung des Zentralnervensystems. Phosgenoxim ist chemisch instabil, eignet sich aber aufgrund des sofortigen Wirkungseintrittes und als nicht-persistenter Kampfstoff besonders für Überraschungsmomente im Angriff, im Hinterhalt oder für Sabotageaktionen. Durch die hohe korrosive Wirkung ist eine langfristige Lagerung für militärische Zwecke schwierig. Für terroristische oder andere kriminelle Akte geht eine hohe Bedrohung von dieser Substanz aus. Ein Fall, in dem dieser eher exotische chemische Kampfstoff auftauchte, ereignete sich im März 2019. Damals nahm das FBI in Oklahoma (USA) einen Verdächtigen fest, bei dem neben Home Made Explosives (HME) selbst synthetisiertes CX aufgefunden wurde.
Ein weiteres Beispiel ist die mutmaßliche Vergiftung von Roman Abramowitsch (ein Oligarch von russisch-israelischer Herkunft): Abramowitsch und drei weitere Männer saßen am Abend des 2. März 2022 nach einem Verhandlungstermin in Kiew bis etwa 2200 Uhr zusammen, aßen Schokolade, tranken Wasser und Alkohol. Rund zwei Stunden später traten bei Abramowitsch und zwei weiteren Männern Beschwerden auf: Die Haut im Gesicht und an den Händen hätte gebrannt, Schleimhäute in Augen und Mund sogar „unerträglich“. Der deutsche Chemiewaffenexperte Marc-Michael Blum meinte, dass es „sehr wahrscheinlich“ sei, dass die Männer gezielt Giftstoffen ausgesetzt gewesen waren. Die Symptome der Männer würden zu jenen passen, die von Chlorpikrin und CX hervorgerufen werden, sagte Blum.
Zitat aus einem US-Dokument: „Kein anderer chemischer Kampfstoff verursacht einen derart unmittelbar schmerzhaften Wirkungseintritt, dem eine rasche Gewebenekrose folgt. Insbesondere die Hautläsionen ähneln denen, die durch eine starke Säure hervorgerufen werden. Die schnelle Schädigung der Haut macht diese anfälliger für einen zweiten Typ von Kampfstoff. Auf der Haut befindliche Tröpfchen sind potenziell tödlich.“
Giftige Industriechemikalien
Im Ersten Weltkrieg wurden hunderte giftige und korrosive Industriechemikalien für Kriegszwecke getestet und vielfach eingesetzt. Die mögliche Auswahl ist durch die vielfältige Verwendung von Chemikalien in der Industrie groß. Durch bewusste Angriffe auf Industrieanlagen mit giftigen Chemikalien, Sabotage oder Entwendung solcher Substanzen besteht neben der Gefahr einer Freisetzung jene einer missbräuchlichen Verwendung. Typische Chemikalien mit entsprechender Wirkung sind z. B. Flusssäure, flüchtige Säuren und Laugen sowie Flüssigkeiten, die beim Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit korrosive oder giftige Gase bilden, wie Thionylchlorid. Industriell genutzte giftige Gase wie Chlor oder solche, die als Zwischenprodukt in manchen Prozessen erzeugt werden, wie Schwefelwasserstoff, haben ebenfalls ein hohes Bedrohungspotenzial.
Die Sicherheitsvorkehrungen von Betrieben, die mit diesen Stoffen arbeiten, ist in Österreich hoch, weil die Seveso-III-Richtlinien eingehalten werden. Im von dem Betreiber zu erstellenden Sicherheitsbericht sind mögliche Szenarien schwerer Unfälle und Risikoanalysen enthalten, um der Gefahr solcher Unfälle vorzubeugen bzw. diese zu verringern. Schwer zu berücksichtigen sind jedoch Freisetzungen in bewaffneten Konflikten durch Kollateralschäden, Sabotage oder Terrorangriffe.



ABC-Probenahme und -Analyse
Bei der Verwendung jeglicher Chemikalien als Waffe spielen die ABC-Probenahme und Analysefähigkeit eine große Rolle. Chemische Forensik bedeutet die Fähigkeit, durch Spurenanalyse, Isotopenanalyse und ähnliche Methoden, den „chemischen Fingerabdruck“ einer Substanz festzustellen. Das ermöglicht eine Zuordnung zu anderen Ereignissen, die Bestimmung der Herkunft einer Chemikalie oder die Art der Lagerung. Auch die Art der Produktion und des Syntheseweges sind so ermittelbar, wodurch Rückschlüsse auf die technischen Fähigkeiten des Gegners gezogen werden können.
Die Relevanz chemischer Forensik zeigt sich dadurch, dass für den Zeitraum 2024/2025 eine temporäre Arbeitsgruppe des Scientific Advisory Board der OPCW zum Thema „Chemical Forensics“ eingerichtet wurde. Der sinnvolle Einsatz von KI und Machine Learning Tools wird dabei ebenfalls ermittelt. KI spielt eine so große Rolle, dass sich dort seit Anfang 2025 eine Arbeitsgruppe mit diesem Thema beschäftigt.
In den meisten Staaten der weltweit knapp über 20 designierten Laboratorien der OPCW ist die Fähigkeit der chemischen Forensik dem Militär zugeordnet. Ein Vertreter des Wehrwissenschaftlichen Institutes für Schutztechnologien (WIS) Munster, das bei der Deutschen Bundeswehr ein designiertes Laboratorium betreibt, hat die Wichtigkeit dieser Fähigkeit für bewaffnete Konflikte betont. Bei einem Side Event der Vertragsstaatenkonferenz in Den Haag 2024 wurde der Erfolg Algeriens präsentiert, mit der Unterstützung von Finnland und Deutschland, innerhalb von zehn Jahren ein Labor aufzubauen.
Für ein Labor ergeben sich viele militärische Anwendungen: von der Analyse von Umweltproben nach hybriden Angriffen oder von Körperflüssigkeiten nach der Vergiftung von Einzelpersonen, die oft unentdeckt bleiben, bis hin zur chemischen Forensik zur Feststellung der Herkunft eines Kampfstoffes und der technischen Fähigkeiten des Gegners. Diese können ohne ein Labor weder beschrieben noch identifiziert werden. Auch die Analyse chemischer Altlasten und andere zivile Anwendungen können durch ein solches Labor unterstützt werden. Zudem könnten sich wertvolle Partnerschaften mit anderen designierten Laboren in Europa, wie mit dem WIS Munster, dem Labor Spiez in der Schweiz, dem FOI in Schweden, dem VERIFIN in Finnland oder dem TNO in den Niederlanden ergeben. Die nächste gesamtstaatliche Sicherheitsstrategie sollte demnach den Aufbau eines solchen Labors beinhalten.

Schlussfolgerungen
Aus dem Ukraine-Krieg ergeben sich zwei wesentliche Schlussfolgerungen für das Bundesheer: Die ABC-Abwehr aller Truppen ist mehr denn je als kritische Fähigkeit anzusehen, deren hohe Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. Neben der raschen Detektionsfähigkeit von chemischen Kampfstoffen sind vor allem die Verfügbarkeit einer ABC-Schutzausrüstung für alle, das rasche und korrekte Anlegen dieser und das Erfüllen des militärischen Auftrages auch unter ABC-Bedingungen entscheidend. Das Bundesheer hat durch die breit ausgerollte Einführung des mittleren Schutzanzuges einen wichtigen Schritt gesetzt, um diese Fähigkeit zu erfüllen. Der ehemalige „Schutzanzug leicht“ war lediglich als „Fluchtanzug“ gedacht und ist nicht dafür geeignet, den militärischen Auftrag unter ABC-Bedingungen durchzuführen. Für die Zukunft ist es wichtig, regelmäßig mit der neuen ABC-Schutzausrüstung zu üben, um eine permanente Verbesserung bei entsprechenden Einsätzen zu erzielen.
Für die ABC-Abwehrtruppe und ihre Labore sind weitere Fähigkeiten erforderlich. Um einen rechtswidrigen Angriff nicht nur mit „vergessenen“, sondern auch mit sämtlichen chemischen Kampfstoffen nachweisen und den tatsächlichen Urheber feststellen zu können, sind eine professionelle Probenahme und eine entsprechende Analytik erforderlich.
Die ABC-Probenahme betreffend hat das Bundesheer einen guten Ruf, der durch eine jahrzehntelange, erfolgreiche Teilnahme an internationalen Übungen vor allem mit echten chemischen Kampfstoffen (Live Agent Training) in Kanada, der Slowakei, Tschechien und seit wenigen Jahren auch in Österreich, begründet ist. Sogar die forensische ABC-Probenahme-Fähigkeit ist im Bundesheer, insbesondere am ABC-Abwehrzentrum, vorhanden. Die notwendigen Fähigkeiten für chemische Forensik sind jedoch unterentwickelt.
Autor
Oberst dhmtD Dip.-Ing. Günter Povoden
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