Gemeinsam stark!

Allgemein
Klaus Klingenschmid
Foto: Bundesheer/Robert Gießauf
Foto: Bundesheer/Robert Gießauf

Im Bundesheer gibt es keine verbindlichen Definitionen der Begriffe „Offizier“ und „Unteroffizier“: Wie kommt man zu einer gültigen, zeitgemäßen Definition? Welche Rolle hat der Unteroffizier, welche der Offizier? Wer macht was und was bedeutet das?

Tatsächlich ist eine Definition deshalb schwierig, weil hier nach der Essenz oder den Alleinstellungsmerkmalen der jeweiligen Personengruppe gesucht wird. Diese müssen dem Bedarf des Bundesheeres entsprechen. Sie sind jedoch auch für die Orientierung Einzelner wichtig, zumal das Erfüllen der organisatorischen Erwartungshaltung eine erfolgreiche Karriere ermöglichen sollte.

Gedankenexperiment

Erklären Sie mit eigenen Worten, was Unteroffiziere und Offiziere ausmacht. 

Folgende Regeln gelten:

  • Vermeiden Sie in Ihrer Erklärung allgemeine Kennzeichen von Soldaten, zumal selbige auch für Mannschaftsfunktionen gültig sind.
  • Vermeiden Sie Aspekte, die allgemein für militärische Führungskräfte – also Offiziere und Unteroffiziere gleichermaßen – anwendbar sind.
  • Vermeiden Sie „indirekte Zielansprachen“, wie „Unteroffiziere sind das Bindeglied zwischen Offizieren und Mannschaften“ oder eine Bildsprache wie „Unteroffiziere sind Herz, Hand und Seele“, fallweise auch das „Rückgrat der Armee“.

Wie lauten Ihre Definitionen?

Unteroffiziere arbeiten überwiegend auf der gefechtstechnischen Führungsebene. (Foto: Bundesheer/Rainer Zisser)
Unteroffiziere arbeiten überwiegend auf der gefechtstechnischen Führungsebene. Die dort ausgeprägte Standardisierung verlangt von ihnen die Fähigkeit, einen vorgegebenen Prozess kontinuierlich bis zur Perfektion zu verbessern. (Foto: Bundesheer/Rainer Zisser)

Organisatorischer Bedarf

Um die militärische Führung im Bundesheer sicherzustellen, kombiniert es Offiziere und Unteroffiziere mit unterschiedlicher Ausbildung, beispielsweise in einer Einheit oder einer Stabsabteilung. Die Führungsorganisation wie ein Kompanie- oder Bataillonskommando ist für die Steuerung der Leistungserbringung der Gesamtorganisation Bundesheer verantwortlich. Schließlich ist eine Organisation die dauerhafte Ordnung von Personal, Material und Aufgaben in einem Aufbau- und Ablaufzusammenhang.

Organisatorische Ziele
Die organisatorischen Ziele  („Was wollen wir erreichen?“) sind 

  • Effizienz, „die Dinge richtig tun“ im Sinne standardisierter Abläufe in weitgehend gleichbleibenden Rahmenbedingungen, 
  • Effektivität, „die richtigen Dinge tun“ im Sinne der Anpassung bestehender Abläufe an geänderte Rahmenbedingungen, 
  • Sicherheit im Sinne von Stabilität, die Abwesenheit von Ungewissheit und neuartigen Problemstellungen und 
  • Selbstständigkeit, die Möglichkeit des Handelns nach eigenem Ermessen.

Organisatorische Instrumente
Die organisatorischen Instrumente („Wie erreichen wir das?“) zur Verwirklichung der vorangestellten Ziele sind

  • Dezentralisation, das Bilden unabhängiger Teileinheiten mit weitreichender Handlungskompetenz,
  • Teilhabe in Form des Einbeziehens untergeordneter Ebenen in die Entscheidungsfindung,
  • Funktionalisierung im Sinne einer „Jobspezialisierung“, vor allem im Bereich von Führungsfunktionen,
  • Delegation, das Übertragen von Verantwortung auf eine untergeordnete Ebene in der Entscheidungsfindung,
  • Standardisierung, die Routinisierung von Aktivitätsfolgen und
  • Arbeitszerlegung, die Arbeitsteilung zur Bildung einfacher, leicht erlern- und ausführbarer Schritte.
     

Unteroffiziersausbildung

Unteroffiziere arbeiten überwiegend auf der gefechtstechnischen Führungsebene, für die sie ausgebildet werden. Eine Gefechtstechnik ist ein standardisiertes, drillmäßig erlerntes Verfahren zur Einsatzoptimierung militärischer Mittel. Sie wird auf den Führungsebenen Trupp, Gruppe, Teileinheit und teilweise Einheit aufgrund einfacher Wahlkriterien reaktionsschnell angewendet.

In diesem Fall steht Effizienz und damit das „Wie“ im Vordergrund. Sicherheit wird durch einen hohen Standardisierungsgrad und eine hohe „Jobspezialisierung“ erreicht. Eine wesentliche Leistung ist die korrekte, sichere und reaktionsschnelle Ausführung von Tätigkeiten. Von Unteroffizieren wird somit im Sinne der Reaktionsschnelligkeit nicht die Entwicklung von Lösungen für neue Problemstellungen erwartet. Sie greifen auf eine Palette verfügbarer, standardisierter Verfahren zurück, die – wie das komplette Spektrum verwendeter technischer Hilfsmittel – im Detail beherrscht werden müssen.

Die Kommunikation mittels standardisierter grafischer Darstellungen, meist auf Basis von Karten, müssen Unteroffiziere wie Offiziere beherrschen. (Foto: Bundesheer/Gunter Pusch)
Die Kommunikation mittels standardisierter grafischer Darstellungen, meist auf Basis von Karten, müssen Unteroffiziere wie Offiziere beherrschen. (Foto: Bundesheer/Gunter Pusch)

» Routine und Detailkenntnisse befähigen Unteroffiziere besonders zum Ausbilder von Mannschaften und Kaderanwärtern. «

Die ausgeprägte Standardisierung verlangt von Unteroffizieren ein hohes Routinisierungspotenzial, also die Fähigkeit, einen vorgegebenen Prozess bis zur Perfektion zu verbessern. Damit geht eine starke organisatorische Innenorientierung einher. Routine und Detailkenntnisse befähigen Unteroffiziere besonders zum Ausbilder von Mannschaften und Kaderanwärtern. Hier bleibt der Faktor Mensch in Gestalt unerfahrener, wenig selbstständiger Mannschaften eine wesentliche Variable, welche die Steuerung zwischenmenschlicher Beziehungen oft aufwändig und intensiv gestaltet. 

Reaktionsschnelligkeit in Einsatzaufgaben erfordert knappe, auf das Notwendigste verkürzte Befehle und Kommandos oder Führungszeichen. Die Informationsweitergabe erfolgt überwiegend mündlich. Schriftliche Führungsunterlagen sind in der Regel die Ausnahme und – soweit nötig – stark formalisiert und reduziert (Skizzen, standardisierte Meldeformate, grafische Befehle). Die Standardisierung von Einsatzverfahren erfolgt durch ein drillmäßiges Erlernen und lebt damit von der hohen Wiederholungszahl. Dabei stellt jede weitere Wiederholung auch eine Verbesserungsmöglichkeit im Sinne der Perfektionierung des Ablaufes dar.

Die Ausbildung verfolgt bei Unteroffizieren folgenden Prägungseffekt: Im Sinne einer organisatorischen Effizienz werden Unteroffiziere hierarchisch stark nach „unten“ auf die ihnen anvertrauten Soldaten, organisatorisch nach „innen““, beispielsweise in die eigene Einheit orientiert. Damit verfügen sie in der Regel über intensive persönliche Beziehungen, lernen durch die Reflexion praktischer Beobachtungen oder Erlebnisse, kommunizieren überwiegend mündlich und führen in der Regel unmittelbar sowie körperlich.

Im Anwenden von Gefechtstechnik ist oft körperlicher Einsatz gemeinsam mit Mannschaften erforderlich. Dabei entsteht  über längere Zeiträume hinweg oft intensiver persönlicher Zusammenhalt.
Im Anwenden von Gefechtstechnik ist oft körperlicher Einsatz gemeinsam mit Mannschaften erforderlich. Dabei entsteht über längere Zeiträume hinweg oft intensiver persönlicher Zusammenhalt. (Foto: Bundesheer/Rainer Zisser)

» Unteroffiziere kommunizieren überwiegend mündlich und führen in der Regel unmittelbar und körperlich. «

Die von Offizieren erwartete Führungsarbeit ist für längere Planungs- und Befehlsreichweiten ausgelegt.
Arbeitszerlegung im Einsatzkontext bedeutet das Auflösen der funktionellen, räumlichen und zeitlichen Aufgabenteilung in Standardverfahren durch Offiziere für in der Regel durch Unteroffiziere geführte Organisationselemente. (Foto: Bundesheer)

Offiziersausbildung

Offiziere werden bereits in der Grundausbildung an der Theresianischen Militärakademie für Aufgaben der taktischen Führungsebene vorbereitet. Die Taktik ist der Gebrauch militärisch verbundener Kräfte zur Erfüllung eines Auftrages im Gefecht oder in Einsätzen, in denen vorrangig nicht mit einem Kampf zu rechnen ist. Offiziere müssen damit unterschiedliche, aber militärisch verbundene Kräfte räumlich, zeitlich und mit der relevanten Information versorgt, zum Zusammenwirken bringen. Das ist aufgrund mehrerer Variablen und unterschiedlicher Handlungsoptionen trotz standardisiertem Führungsverfahren eine qualitative Planungsaufgabe mit geringem Standardisierungsgrad. Hier steht folgerichtig die Produktivität zweiter Ordnung im Vordergrund. Die Sicherheit wird primär durch die Lösungskompetenz für neuartige Probleme sowie das Beherrschen einer sich ändernden Umwelt und nur sekundär durch standardisierte Grundsätze sowie Parameter – beispielsweise gemäß „Handakt Taktik“ – erreicht. Diese Aufgabe erfordert primär ein Überblickswissen und damit eine geringere Jobspezialisierung, die beispielsweise nach Abschluss der Grundausbildung ein rasches Fortschreiten auf die Einheitsebene ermöglicht.

Offiziere sind in der Führungsaufgabe im Einsatz Träger interdisziplinärer Prozesse wie der Koordination von Kampf-, Einsatz- und Führungsunterstützung. Das setzt sich in der interdisziplinären akademischen Bildung fort. Diese muss Offiziere befähigen, im Spektrum der Militärwissenschaften Lösungen für neuartige Probleme oder geänderte Umweltbedingungen zu entwickeln (siehe Info-Box „Kriegserfahrung“). Das 
erfordert eine organisatorische Außenorientierung.

» Offiziere lernen vorrangig durch Reflexion schriftlicher Ausarbeitungen und geben Erkenntnisfortschritte häufig schriftlich weiter. «

Die von Offizieren erwartete Führungsarbeit ist für längere Planungs- und Befehlsreichweiten ausgelegt.
Die von Offizieren erwartete Führungsarbeit ist für längere Planungs- und Befehlsreichweiten ausgelegt. Die Informationsweitergabe erfolgt deshalb mehrheitlich schriftlich-grafisch über standardisierte Befehlswerke, die im Kern räumliche und zeitliche Zusammenhänge darstellen. (Foto: Bundesheer)

Mit dem Vermitteln des taktischen Führungsverfahrens in der Grundausbildung erfolgt bei Offizieren eine frühzeitige hierarchische Orientierung nach „oben“ in das gleiche taktische Führungsverfahren, das Bataillons- oder Brigadekommandanten anwenden. Die eingeschränkte Verfügbarkeit und größere räumliche Distanz zu wichtigen Ansprechpersonen, wie zu einem Bataillonskommandanten bzw. anderen Einheitskommandanten oder „Enablern“, ein oft kartengestütztes, grafisch und schriftliches Verfahren, sowie die häufige Anonymität des konkreten Leistungserbringers prägen – verglichen mit Unteroffizieren – formalere, distanziertere Beziehungen.

Die von Offizieren erwartete Führungsarbeit ist für längere Planungs- und Befehlsreichweiten ausgelegt. Die Informationsweitergabe erfolgt deshalb mehrheitlich schriftlich oder grafisch über standardisierte Befehlswerke, die im Kern räumliche und zeitliche Zusammenhänge darstellen oder in An- und Beilagen Führungsinformation für Fachbereiche oder Prozesse (z. B. Targeting) detaillieren. Die Weitergabe wissenschaftlich erarbeiteter Erkenntnisse erfolgt in der Regel schriftlich. Daher müssen Offiziere über eine schriftliche Ausdrucksfähigkeit verfügen.

Die Offiziersausbildung weist damit folgende Aspekte auf: Sie stellt vorrangig auf die Effektivität durch eine starke hierarchische Orientierung nach „oben“ und eine organisatorische Ausrichtung in das Umfeld des eigenen Verantwortungsbereiches, also nach „außen“, ab. Offiziere unterhalten vermehrt formale, distanzierte Beziehungen, lernen vorrangig durch die Reflexion schriftlicher Ausarbeitungen und geben Erkenntnisfortschritte häufig ebenso schriftlich weiter. Sie führen durch den Umfang und die Ausdehnung zugeordneter Kräfte weitestgehend indirekt und mittelbar. Bei Offizieren stehen das Verständnis von Zusammenhängen und die Planungsfähigkeit im Vordergrund. Sie brauchen eine Lösungskompetenz für neuartige Problemstellungen unter Berücksichtigung unterschiedlicher Disziplinen, Waffengattungen und Fachbereiche.

Führungsbeziehung

Die Führungsbeziehung zwischen Unteroffizieren und Offizieren muss die Frage „Wer macht was?“ auflösen: 

Die Mannschaften erwarten sich von Unteroffizieren und Offizieren klare Befehle. Wer als Führungskraft unmissverständlich kommandiert, kann mit der korrekten Ausführung von Anweisungen rechnen.
Die Mannschaften erwarten sich von Unteroffizieren und Offizieren klare Befehle. Wer als Führungskraft unmissverständlich kommandiert, kann grundsätzlich mit der korrekten Ausführung von Anweisungen rechnen. (Foto: Bundesheer)

» Das funktionelle Zusammenspiel zwischen Unteroffizieren und Offizieren ist ein wesentliches Leistungsmerkmal eines funktionierenden Bundesheeres. «

Fazit

Das funktionelle Zusammenspiel zwischen Unteroffizieren und Offizieren ist ein wesentliches Leistungsmerkmal eines funktionierenden Bundesheeres. Es wird durch die Ausbildung vorbereitet und sollte von allen Beteiligten verstanden und berücksichtigt werden. Es ist angesichts latent überqualifizierter Unteroffiziere bei gleichzeitigem Offiziersmangel verführerisch, Unteroffiziere dauerhaft „vorübergehend höherwertig“ für Offiziersaufgaben heranzuziehen. Das ist problematisch, weil die zeitgleiche Besetzung beider Rollen schwer umsetzbar ist und die Führungsorganisation damit – bei allem Pragmatismus – große Risiken und potenzielle Nachteile in Kauf nimmt.

Die Ausbildung von Unteroffizieren und Offizieren muss damit die Ausgestaltung guter Führungsbeziehungen auf der Grundlage eines soliden Verständnisses der jeweiligen Prägung und Rolle sicherstellen. Das Verständnis von Führungsbeziehungen ist ein wichtiger Ausbildungsgegenstand bei beiden Gruppen. Spätestens beim Wiederherstellen der Übungsfähigkeit und Truppenausbildung wird dieses Thema auch in einer größeren Breite wieder praxisrelevant und entscheidend für den Erfolg.

Das gilt ebenso für die Ausgestaltung der Handlungsfelder des „Aufbauplans 2032+“, nämlich Kampfkraft, Reaktionsfähigkeit, Führungsüberlegenheit und Durchhaltefähigkeit. Diese Begriffe sind für Offiziere und Unteroffiziere gleichermaßen relevant, erfordern unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Rolle unterschiedliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen zum funktionellen Zusammenspiel. Gestalten und gewinnen können Offiziere und Unteroffiziere nur gemeinsam – jeder am richtigen Platz und in der richtigen Rolle.


Autor

Brigadier Mag.(FH) Mag. Klaus Klingenschmid, MSS

Kommandant der Heeresunteroffiziersakademie

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 02/2026 (409): Hybrider Krieg

Die internationale Sicherheitslage bleibt angespannt. Der Krieg in der Ukraine dauert an, neue Konflikte verschärfen die globale Unsicherheit, und moderne Kriege wirken längst weit über das Gefechtsfeld hinaus. Neben militärischen Auseinandersetzungen prägen Desinformation, hybride Bedrohungen und…