THINK CBRN 2026 – 40 Jahre Tschernobyl

Allgemein
E. Richter
Ein Hubschrauber versprüht im Juni 1986 Chemikalien im Bereich des zerstörten Reaktors von Tschernobyl ab. (Foto: USFCRFC; CA BY-SA 2.0)
Ein Hubschrauber versprüht im Juni 1986 Chemikalien im Bereich des zerstörten Reaktors von Tschernobyl ab. (Foto: USFCRFC; CA BY-SA 2.0)

Das wehrwissenschaftliche Symposium der ABC-Abwehr widmete sich anlässlich 40 Jahre Tschernobyl den Lehren und Erfahrungen dieser Katastrophe. Diese sind auch vier Jahrzehnte später relevant, da die Kernkraft noch lange nicht ausgedient hat.

Unter dem Titel „THINK CBRN“ findet einmal jährlich am ABC-Abwehrzentrum ein wehrwissenschaftliches Symposium statt, das sich mit breit gefächerten Themen der ABC-Abwehr auseinandersetzt: Themen wie ABC-Bedrohungsbild, Nuklearwaffen, biologische Kriegsführung, chemische Kampfstoffe, Wasseraufbereitung, Retten und Bergen unter ABC-Bedingungen, Strahlenschutz und viele mehr werden unter verschiedenen Aspekten von namhaften Experten aus dem BMLV, anderen Ressorts und Organisationen aus dem In- und Ausland dargestellt. 

Mit seinen Inhalten richtet sich das Symposium an die politische und militärische Führung, an wissenschaftliche Einrichtungen, an Stakeholder im ABC-Abwehrbereich, an Einsatzorganisationen und Institutionen, die im weitesten Sinn mit verwandten Themenbereichen zu tun haben aber auch an interessierte Personen, die mehr über die Belange der ABC-Abwehr erfahren wollen. 2026 stand der sich vor 40 Jahren ereignete Kernkraftwerksunfall in Tschernobyl im Fokus – aber nicht aus historischer Sicht, vielmehr ging das Symposium der Frage nach, was sich seither auf den Gebieten der Kernenergie, des Strahlenschutzes und des Schutzes der Zivilbevölkerung getan hat.

Der Unfall

Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat in der Ukraine im Block 4 des Kernkraftwerks einer der bislang größten Unfälle in einem Kernkraftwerk. Er gilt chronologisch als die zweitschwerste nukleare Havarie nach der Katastrophe im Chemiekombinat Majak in Russland. 25 Jahre nach Tschernobyl, im Jahr 2011, ereignete sich der nächste GAU (Größter anzunehmender Unfall) im Kernkraftwerk von Fukushima.

Durch die Explosion des Reaktors in Tschernobyl kam es als Folge des Unfalls zur Bildung und Freisetzung von „heißen Teilchen“ (mikroskopisch kleine Partikel bestehend aus einem Gemisch radioaktiver Nuklide). Die Art der Freisetzung führte zu einer ungleichmäßigen Belastung sowohl bei der Einatmung als auch bei der Ablagerung am Boden. Wegen der Größe der Partikel wurden die meisten in unmittelbarer Nähe des havarierten Reaktors bis zu einer Entfernung von einigen Kilometern abgelagert. In größerer Entfernung, insbesondere in Mitteleuropa, wurden nur noch vereinzelt „heiße Teilchen“ gefunden. Die freigesetzten Radionuklide (vor allem Jod-131 und Cäsium-137) blieben als Aerosol lange in der Atmosphäre und zogen als „Wolke“ zunächst nach Nordwesten mit Kurs auf Skandinavien. In Schweden wurden die ersten erhöhten Messwerte festgestellt. Über der Ostsee wechselte die Wolke ihre Richtung und zog nach Südwesten über Polen, Tschechien nach Süddeutschland sowie Österreich und dann wieder nach Nordwesten über die Niederlande auf die Nordsee zu.

Die radioaktive Wolke erreichte Österreich am Nachmittag des 29. April 1986, weitere stark belastete Luftmassen überquerten das Bundesgebiet am 30. April und am 1. Mai. Am 3., 6. und 7. Mai 1986 wurden weitere Anstiege der Luftradioaktivität verzeichnet. Von den insgesamt etwa 70 PBq Cäsium-137 (1 Peta-Becquerel entspricht 1015 Becquerel), die schätzungsweise in Tschernobyl freigesetzt worden waren, wurden etwa 1,76 PBq, also etwas mehr als zwei Prozent, in Österreich abgelagert. Die mittlere Flächenbelastung Österreichs mit Cäsium-137 betrug etwa 21 kBq/m2. Von Jod-131, das sich in der Schilddrüse anlagert, ging in den ersten Wochen die größte Gefahr aus. Diese dauerte aufgrund der kurzen Halbwertszeit des Radionuklids nur wenige Wochen an. In Regengebieten wurden die radioaktiven Substanzen aus der Luft gewaschen und gelangten auf und in den Boden, wo sie so genannte „Hot Spots“ bildeten. Die Freisetzung des spaltbaren Materials aus dem Kernkraftwerk Tschernobyl führte zu einer Verstrahlung von weiten Teilen Europas, unter anderem von Österreich.

Der zerstörte Reaktors des Kernkraftwerks von Tschernobyl kurz nach der Katastrophe. (Foto: USFCRFC; CA BY-SA 2.0)
Der zerstörte Reaktors des Kernkraftwerks von Tschernobyl kurz nach der Katastrophe. (Foto: USFCRFC; CA BY-SA 2.0)

Österreich war vorbereitet

Österreich war bei dem Kernkraftwerksunfall in Tschernobyl in einer eher guten Ausgangssituation: Das Strahlenfrühwarnsystem des Bundes mit insgesamt 336 Messstationen über das gesamte Bundesgebiet war installiert und zeigte die aktuelle Verstrahlungssituation an. Dazu gab es eine ausreichende Zahl von Niedrigstaktivitätsmessgeräten. Insgesamt haben die staatlichen oder staatlich autorisierten Messstellen in Österreich etwa 100.000 Lebensmittelproben auf Strahlung nach Kontamination überprüft. Für den Probentransport stand eine ausreichende Kapazität an Transportmitteln zur Verfügung. 

Hinzu kam eine große Zahl an ausgebildeten Spürtrupps: Etwa 700 ausgebildete, mobile Spürtrupps des Österreichischen Bundesheeres, der Exekutive und anderer Einsatzorganisationen standen zur Messung von großräumigen Kontaminationen zur Verfügung. Diese Spürtrupps waren vor allem zur Messdatenverdichtung bei jenen „Hot Spots“ wichtig, wo keine Strahlenfrühwarnsystemstation vorhanden war. Außerdem wurden einige dieser Spürtrupps an Grenzübertrittstellen zum Einsatz gebracht, wo nach dem Abspüren von Personen, Fahrzeugen und Zügen durch Dekontaminationsmaßnahmen die Kontaminationsverschleppung auf österreichisches Staatsgebiet minimiert wurde. Die zivilen Einsatzorganisationen, deren Auftrag der Strahlenschutz der Bevölkerung war, leisteten hervorragende Arbeit. Die Kapazitäten reichten jedoch nicht für einen großräumigen Kontaminationsfall aus. Das Österreichische Bundesheer wurde zur Assistenzleistung und damit zur Unterstützung der zivilen Einsatzorganisationen herangezogen.

Spürtrupp des Bundesheeres. (Archivfoto: Bundesheer)
Spürtrupp des Bundesheeres. (Archivfoto: Bundesheer)

Der Einsatz

Das Österreichische Bundesheer verfügte zu jener Zeit über ABC-Abwehrzüge in den territorial verantwortlichen Militärkommanden, in den drei Panzergrenadierbrigaden und an der ABC-Abwehrschule. Hinzu kamen in jeder Einheit Spürtrupps der Truppen-ABC-Abwehr. An ABC-Geräten standen für die Strahlenmessung das damals eingeführte EMB-3 (für Messungen im Niedrigstaktivitätsbereich nur bedingt verwendbar) und das SV-500 zur Verfügung. Für das SV-500, dessen Anzeigewerte in Impulsen/ Zeiteinheit gemessen wurden, mussten eigene Umrechnungstabellen erstellt werden. Absolut neu waren die Dekontaminationsfahrzeuge der ABC-Abwehrtruppe, die wegen des Einsatzes unverzüglich an die Truppe ausgeliefert wurden.

Am 30. April 1986 fand im Lauf des Vormittags die erste Koordinierungssitzung im Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz (BMGU) statt. Um 1500 Uhr erhielt das Bundesministerium für Landesverteidigung das Aviso, dass Maßnahmen gemäß dem Strahlenschutzgesetz im Bereich des Möglichen liegen. Mit der Durchführung der Maßnahmen wurde der ABC-Abwehroffizier im Armeekommando betraut. Um 1900 Uhr erfolgte der Armeebefehl Nr. 1 zur Sicherstellung von ABC-Abwehrmaßnahmen nach dem Kernkraftwerksunfall bzw. für Maßnahmen gemäß dem geltenden Strahlenschutzgesetz.

Am 1. Mai 1986 erging ein mündliches Assistenzersuchen durch Bundesminister Kreuzer an das BMLV (die schriftliche Bestätigung des Assistenzansuchens folgte am 5. Mai nachmittags). Bereits in den Abendstunden wurden Zolldienststellen durch die Kräfte des Österreichischen Bundesheeres bei Spür- und Dekontaminationsmaßnahmen unterstützt. Um 22.00 Uhr erging der Armeebefehl Nr. 2 zur Sicherstellung von ABC-Abwehrmaßnahmen, der die eingesetzten ABC-Abwehrzüge des Burgenlandes, Niederösterreichs und Oberösterreichs mit je einem mobilen Dekontaminationstrupp verstärkte. Für den Transport von Lebensmittelproben wurde ein täglicher Transportflug aus Hohenems, Innsbruck und Linz sowie aus Klagenfurt und Graz eingerichtet. Die Proben wurden nach Seibersdorf zur Auswertung gebracht. Ab 3. Mai wurde die Transportlinie von Klagenfurt und Graz auf Lienz ausgeweitet. Der Lufttransport begann am 2. Mai. 

Währenddessen erfolgte die Übernahme der Dekontaminationsfahrzeuge durch die ABC-Abwehrtruppe und die nötige Einweisung. Das BMGU gab jene Grenzübertrittstellen in Niederösterreich, Oberösterreich und im Burgenland bekannt, an denen ABC-Abwehrkräfte zum Assistenzeinsatz gebracht werden sollten. Mit dem Armeebefehl Nr. 3 vom 3. Mai 1986 wurden nach erfolgter Veranlassung der Strahlenüberwachung Spür- und Dekontaminationselemente der ABC-Abwehrtruppe zur Verkürzung der Reaktionszeit in Verfügungsräume verlegt, um Spür- und Dekontaminationseinsätze über Anforderung der jeweiligen Landeswarnzentralen durchzuführen.

Aufgrund der Steigerung des Verkehrsaufkommens an der Grenze mussten ab 4. Mai 1986 die Dekontaminationskapazitäten erhöht werden und je ein verstärkter mobiler Dekontaminationstrupp mit Spürelementen nach Oberwart, Eisenstadt und Mistelbach vorverlegt werden. Sie bereiteten sich auf Spür- und Dekontaminationsmaßnahmen auf den grenzüberschreitenden Eisenbahnlinien vor. Gemäß Weisung des BMGU wurden der Grenzwert für Dekontaminationsmaßnahmen am 6. Mai 1986 mit 0,5 mR/h (5 µSv/h), am Tag darauf auf 1 mR/h (10 µSv/h) und die Einsatzdauer der Kräfte des Österreichischen Bundesheeres bis voraussichtlich 15. Mai festgelegt. Gleichzeitig wurden die Spürtätigkeiten in Tirol aufgenommen. Schließlich wurde mit einem Gesamtbefehl der Assistenzeinsatz von Teilen der Armee sowie Maßnahmen im Bereich der Ausbildung und des allgemeinen Dienstbetriebes geregelt. „Die Armee beabsichtigt, allen Assistenzanforderungen nach Möglichkeit Genüge zu leisten, (…) auch auf militärischen Liegenschaften ABC-Kräfte zum Einsatz zu bringen (…) um eine eingeschränkte Ausbildung unter Anwendung von ABC-Schutzmaßnahmen zur Vermeidung möglicher Spätfolgen durchführen zu können.“ 

Bisher ergangene Befehle wurden zusammengefasst, die Lage und die Auswirkungen auf die Republik Österreich dargestellt, die Maßnahmen im zivilen Bereich beschrieben und für die Ausbildung die Weisung gegeben, dass die massive Inkorporation radioaktiver Teilchen zu vermeiden ist, und dass nach Ausbildungsgängen im Freien Dekontaminationsmaßnahmen durchzuführen sind. Für gepanzerte Kampf- und Bergefahrzeuge, Großgerät und Waffen wurde ein Kontaminationsgrenzwert von 1 mR/h angeordnet und Schanztätigkeiten, Leben im Felde und Körperausbildung im Freien wurden vorerst verboten. Mit demselben Befehl ergingen auch wirtschaftliche Weisungen hinsichtlich Verpflegung, Bekleidung und Ausrüstung sowie allfällige Schutzmaßnahmen im Veterinärwesen.

In weiterer Folge wurden ABC-Abwehrexperten zur Beratung an verschiedene Einrichtungen abgestellt (z. B. an das Umweltbundesamt, die Stadtinformation Wien, die Technische Universität (TU) Graz und an die Lebensmitteluntersuchungsanstalt Wien). Im Rahmen einer Lagebesprechung im BMGU am 14. Mai 1986 wurde bekannt gegeben, dass man beabsichtige, die Spürtätigkeiten aufgrund der abklingenden Werte zu reduzieren, sodass am 15. Mai der Befehl zur Aufhebung der Ausbildungsbeschränkungen ab 20. Mai 1986 und zur Rücknahme von Spürkräften bei Ersatz durch zivile Kräfte und die Fortsetzung der Probentransporte und der Personalabstellungen erfolgen konnte. Am 22. Mai 1986 wurde der Einsatz der ABC-Abwehrkräfte beendet, und am 11. Juni erfolgte die Einstellung der Lufttransporte. Am 28. Juli 1986 endeten die Transportunterstützung des Bundesheeres und sämtliche Personalabstellungen. Der Assistenzeinsatz des Österreichischen Bundesheeres (ABC-Abwehr, Logistik und Luftstreitkräfte) trug erheblich zur Reduktion der Auswirkungen des Reaktorunfalls in Österreich bei.

(Symbolfoto: Bundesheer/Erwin Richter)
(Symbolfoto: Bundesheer/Erwin Richter)

Lehren und Erfahrungen

Im Zuge des Symposiums hielten Experten des BMLV, anderer Ressorts und Organisationen aus dem In- und Ausland Fachvorträge, in denen sie ein weites Spektrum von Themen der ABC-Abwehr abdeckten:

  • 40 Jahre danach analysierte Univ.-Prof. DI Dr. Franz Josef Maringer (BOKU Wien) die bisherigen Lehren und Erfahrungen für die Republik Österreich. Die Besorgnis der Bevölkerung hinsichtlich Radioaktivität und Strahlung war und bleibt groß, eine empathische Kommunikation ist notwendig. Seit dem Unfall in Tschernobyl hat sich die Situationsanalyse aufgrund neuer Ausbreitungsmodelle (Geosphere Austria) und Optimierungen des Strahlenfrühwarnsystems verbessert. 
  • Über die radiologische Notfallvorsorge, neue rechtliche Grundlagen, die aktuelle Gefährdungsanalyse und die internationale und nationale Zusammenarbeit im Bereich des Strahlenschutzes referierte Dr. Peter Hofer (BMLUK). 
  • Mag. Dr. Nikolaus Müllner (Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften/BOKU Wien) zeigte daraufhin die Entwicklungen im Bereich der Kernreaktoren und ihre Sicherheit auf. Das durchschnittliche Alter heutiger Kernkraftwerke (KKW) beträgt um die 40 Jahre. Jeder Reaktor ist einzigartig, weil die Anforderungen an ihn und allfällige Nachrüstungsschritte unterschiedlich sind. Nachdem die Sicherheitserfordernisse jeweils unterschiedlich sind, wären auch allfällige Unfallfolgen gänzlich unterschiedlich. 
  • Zum Schutz der Zivilbevölkerung stellten der Geschäftsführer des Österreichischen Zivilschutzverbandes Josef Farda und MA Almira Geosev die neue Zivilschutz-App ZIVA (Zivilschutz-Information, Vorsorge & Alarmierung) vor, die dem Leser empfohlen werden darf. 
  • Welche Rolle bei einem KKW-Unfall die Notfallzentrale der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zukommt, beleuchtete DI Günther Winkler.
  • Ao. Univ.-Prof. Dr. Helmuth Böck (TU Wien) stellte sich der Frage, wie die Zukunft der Kernenergie aussehen könnte. Klimawandel mit Temperaturanstieg, die politische Lage und der ständig steigende Energiebedarf sind Faktoren, die eine vermehrte Nutzung von Kernkraft erwirken. 
  • Die Energie kann auch durch kleine Reaktoren (Small Modular Reactors) erzeugt werden, wie ObstltdhmtD DI Michael Schrenk (ABCAbwZ) ausführte. 
  • Dr. Sarah Case Lackner (Vienna Center for Disarmament and Nonproliferation) widmete sich abschließend der Frage, welche Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) bei der Sicherung von Kernmaterial und nuklearen Anlagen zukommt. 

Als „krönender Abschluss“ konnten die Teilnehmer die neu errichtete „AFDRU Home.Base.“, ein völlig neuartiges Mobilmachungslager für die nationale und internationale Katastrophenhilfe, besichtigen. Interessierte können die von den Präsentatoren freigegebenen Präsentationen auf der Webseite des Forums ABC-Abwehr (www.forumabcabwehr.at) einsehen.


Autor

Oberrat Oberst dhmfD Erwin Richter, MA

Leiter des Referates höhere Fachausbildung & Wissensmanagement am ABC-Abwehrzentrum