Soldatische Selbstvertändlichkeit

Psychologie
C. Langer
(Foto: Bundesheer)
(Foto: Bundesheer)

In den vielen Jahrzehnten der Auslandsmissionen des Bundesheeres wird es mit Sicherheit zahlreiche Soldatinnen und Soldaten gegeben haben, die Situationen vorfanden, in denen Hilfe und Unterstützung – z. B. gegen Gewalt an Kindern und Frauen – das Gebot eines persönlichen Wertekompasses gewesen wären, diese Hilfe aber nicht gewährt werden durfte. Sei es, dass dies durch die Rules of Engagement oder durch Befehle von Vorgesetzten festgelegt worden war. Diese empfundene Unterlassung einer Handlung hätte in krassem Widerspruch zu den eigenen moralischen Überzeugungen und Erwartungen stehen können.

Wer kennt nicht die Diskussionen über den Einsatz der Waffe gegenüber „verdächtigen Zivilisten“ zur vermeintlichen Schadensabwehr, über das Inkaufnehmen von Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung und an der Infrastruktur zum Erreichen militärischer Ziele oder über das bewusste Erzeugen von Leid und Entbehrungen in der Zivilbevölkerung zur Erosion von Moral.

Werden Verhaltensweisen gezeigt – z. B. durch Unterlassung, Mitansehen oder Ausführung von Handlungen –, die im Widerspruch zu den persönlichen Überzeugungen stehen, entsteht innerlich eine kognitive Dissonanz, die umso stärker ist, desto schwächer die Rechtfertigung für eine Handlung ausfällt. Dies wiederum erzeugt einen enormen Spannungszustand, der die Motivation fördert, entweder sein öffentliches Verhalten zu ändern oder aber seine Werthaltungen und Überzeugungen. Durch Rationalisierungen wird versucht, diese Diskrepanz zu reduzieren und teilweise unmoralisches Verhalten durch das Suchen von Erklärungen erträglich zu machen.

Faktoren wie das Gesamtumfeld, das Verhalten von Kameradinnen und Kameraden oder die Haltung von Führungspersonen haben hier einen wesentlichen Einfluss darauf, ob es zu generalisierten Bewertungen und Überzeugungen kommt – etwa, dass bestimmte Menschen, Kulturen oder Völker generell böse und/oder minderwertig seien. Durch das Absprechen von Gefühlen, Gedanken, Werthaltungen und Bedürfnissen bestimmter Personen in Verbindung mit Konformitätsdruck bzw. dem Bedürfnis nach sozialer Billigung – also in der Gruppe gemocht, akzeptiert und respektiert zu werden – kann es zu unmoralischen Handlungen aus „Überzeugung“ kommen.

Werte sind handlungsleitende Überzeugungen, die das Verhalten maßgeblich bestimmen und Vorgehensweisen sowie Zielzustände festlegen. Jonathan Shay, Psychiater der US-Armee, prägte 1998 erstmals den Begriff der moralischen Verletzung (MV; englisch moral injury), als er bei Vietnamveteranen feststellte, dass diese nicht nur schwer traumatisiert waren, sondern auch zutiefst erschüttert in ihrem Vertrauen in die militärische Führung, in die Kameradschaft und in ihr eigenes moralisches Handeln. So ging etwa ein Drittel der Symptome einer kampfbedingten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auf die Konfrontation mit einem moralisch verletzenden Ereignis zurück.

Die PTBS wie auch die MV können – abhängig vom erlebten Ereignis – gemeinsam auftreten, allerdings unterscheiden sie sich in der Ursache, im inneren Erleben und in der gedanklichen Verarbeitung. Während bei der PTBS die eigene Sicherheit bedroht ist, zumeist Gefühle von Angst und Hilflosigkeit im Vordergrund stehen, äußere Gewalteinwirkungen relevant erscheinen und der Aspekt der Sicherheit und der Kontrolle dominiert, geht es bei der MV um den Bruch moralischer Überzeugungen, um die Emotionen Schuld, Scham und Wut, verursacht durch ein moralisches Dilemma, mit dem Ziel der Wiederherstellung moralischer Integrität.

Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand „Täter/Täterin“ oder „Beobachterin bzw. Beobachter/Zeuge bzw. Zeugin“ einer MV ist, ob sich Geschehnisse willentlich ereignen oder eher zufällig entwickeln und ob eine Handlung verhinderbar ist oder nicht. Einerseits scheinen Werte wie Tradition und Konformität die Entwicklung von Symptomen reduzieren zu können, andererseits fördern biografische und persönlichkeitsbezogene Faktoren wie geringes Selbstwertgefühl oder ausgeprägte Generalisierungstendenzen die Krankheitsentstehung.

Wird das eigene Selbst- und Weltbild massiv erschüttert, resultieren im Falle einer MV sehr ähnliche Krankheitsbilder und Symptome wie bei einer PTBS – nämlich Depressionen, Angsterkrankungen, emotionale Instabilität, Schlafstörungen etc. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Behandlungsmodelle für die PTBS auch bei 
der Behandlung einer MV hilfreich angewendet werden können. 

Die Charakteristika derzeit erlebter Kriegsführungen lassen den Schluss zu, dass der Nährboden für MV besonders ergiebig ist, was sich vermutlich z. B. in den enormen Zahlen traumatisierter israelischer Soldatinnen und Soldaten zeigt. Auch wenn es einen ethisch-moralischen Kompass durch das humanitäre Völkerrecht – mit unter anderem der Genfer Konvention oder der Haager Landkriegsordnung – gibt, zeigen die jüngsten Erfahrungen doch, dass ein Anspruch darauf keine valide Grundlage darstellt. Daher neige ich dazu, die Existenz und die Unabdingbarkeit einer MV als soldatische Selbstverständlichkeit anzusehen – mit allen Konsequenzen für Ausbildung, Einsatz, Behandlung und Wiedereingliederung.
 


Autor

Brigadier Mag. Christian Langer

Brigadier Mag. Christian Langer

Leiter Heerespsychologischer Dienst

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:
Titelbild Feuerzauber

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