Smart Advice 2025
Atomare, biologische und chemische (ABC) Bedrohungen müssen zeitgerecht erkannt, bewertet und in geeignete Handlungsanweisungen überführt werden. Das setzt ein aktuelles, belastbares und in Echtzeit verfügbares ABC-Lagebild voraus. Daher überprüfte das ABC-Abwehrzentrum in Korneuburg bei der internationalen Übung SMART ADVICE 2025 spezifische Führungsmittel und -prozesse der ABC-Abwehr unter realitätsnahen Bedingungen.
Multinationale ABC-Abwehrübung
Das moderne Gefechtsfeld ist zunehmend durch das gleichzeitige Wirken unterschiedlicher Domänen geprägt. Land-, Luft-, See-, Informations- und Cyberraum können nicht mehr isoliert betrachtet werden, da die Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen stetig zunehmen. Führungsinformationssysteme unterstützen dabei die Planung und Führung militärischer Operationen, indem sie unterschiedliche Informationsbedarfe zusammenführen und lageabhängig auf den jeweiligen Führungsebenen verfügbar machen. Aus der Überlagerung verschieden dimensionierter Lagebilder ergeben sich unmittelbare Folgerungen für die Einsatzführung.
Ein Lagebild, das in besonderem Maße mit allen genannten Domänen in Wechselwirkung steht, ist jenes der Atomaren, Biologischen und Chemischen Abwehr (ABC-Abwehr). Während ABC-Aspekte im taktischen Führungsverfahren traditionell bei der Beurteilung gegnerischer Fähigkeiten und des Geländes berücksichtigt werden, kommt der zeitlichen Dynamik der ABC-Lage eine zunehmend unmittelbare Bedeutung zu. Ihre Auswirkungen müssen rasch erkannt und ohne Verzögerung in das Führungsverfahren integriert werden.
Die multinationale Übungsserie SMART ADVICE dient seit 2022 dazu, genau diese Fähigkeit unter realitätsnahen Bedingungen zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Nach einjähriger Unterbrechung wurde die Übung im Dezember 2025 im ABC-Abwehrzentrum Korneuburg fortgesetzt. In ihrer dritten Auflage war SMART ADVICE erstmals in eine Angriffslage eingebettet und Teil der Operationsphase SMART TRIDENT. Insgesamt nahmen 131 Soldatinnen und Soldaten aus Belgien, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Tschechien, Polen und Österreich an der Übung teil. Ziel war es, ABC-Abwehrfachberatung im multinationalen Umfeld unter Einsatz moderner Führungs- und Informationssysteme zu trainieren und weiter zu harmonisieren.
Zielsetzung und Ausbildungsansatz
SMART ADVICE ist als Fachberatungsübung konzipiert. Im Mittelpunkt stehen der systematische Aufbau sowie die Weiterentwicklung fachlicher, methodischer und kommunikativer Kompetenzen der ABC-Abwehrfachdienste. Die Übung befähigt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, komplexe Lageentwicklungen im ABC-Abwehrbereich eigenständig zu analysieren, fachlich zu bewerten und in einer für Entscheidungsträger verwertbaren Form aufzubereiten.
Damit wird sichergestellt, dass taktische Kommandanten auf Ebene kleiner und großer Verbände ihre Entscheidungen auf einer belastbaren ABC-Abwehrfachberatung treffen und notwendige Schutz- und Gegenmaßnahmen rechtzeitig anordnen können. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der zeitlichen Relevanz der ABC-Lage, deren Auswirkungen unmittelbar in das taktische Führungsverfahren einfließen müssen.

Szenario
Grundlage der Übung bildete die vom ABC-Abwehrzentrum entwickelte fiktive Lage „Mutschikistan“. Das Szenario beschreibt die Destabilisierung eines Nachbarstaates infolge eines politischen Machtwechsels. Im weiteren Verlauf wird ein Mitgliedstaat der Europäischen Union angegriffen, wodurch gemäß Artikel 42 Absatz 7 des Vertrags über die Europäische Union ein EU-Bündnisfall eintritt.
Eine Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen verpflichtet auch Österreich zur Beteiligung an der multinationalen Operation. Da der angegriffene Staat zugleich Mitglied der NATO ist, kommt es parallel zum EU-Bündnisfall zu einem Einsatz nach Artikel 5 des NATO-Vertrages.
Österreich fungiert in der Übungslage als Aufmarschraum für die multinationale „Mutshikistan Force“ (MFOR) und nimmt damit eine wichtige Rolle als geografischer und sicherheitspolitischer Knotenpunkt ein. Ziel der vierphasigen Operation SMART TRITON ist es, den europäischen Raum zu schützen und durch militärische Maßnahmen im Aggressorstaat die Voraussetzungen für die Wiederherstellung einer demokratischen Ordnung zu schaffen.
Einbindung der ABC-Abwehrzellen
Im Rahmen der dritten Übungsphase lag der Schwerpunkt auf dem Angriff gegen „Mutschikistan“. Insgesamt 19 ABC-Abwehrzellen aus sieben Nationen stellten die ABC-Fachberatung für die im Schwerpunkt eingesetzte 8. Panzergrenadierbrigade sowie dem ihr unterstellten 38. motorisierten Infanteriebataillon und dem im selben Raum befindlichen Luftunterstützungsregiment „Süd“ sicher. Somit konnte ABC-Abwehrfachpersonal sowohl der Land- als auch der Luftstreitkräfte beübt werden. Österreich stellte heuer erstmals eine eigene Zelle aus dem Bereich Luft.
Eingebettet in eine durch die Übungsleitung dargestellte multinationale Division war es Aufgabe der ABC-Abwehrzellen, aus der laufenden Lageentwicklung geeignete ABC-Abwehrmaßnahmen abzuleiten, um die Angriffshandlungen aufrechtzuerhalten. Ziel war es, die gegnerischen Kräfte in ihrer Hauptstadt Bratislava zu schlagen und diese in den östlichen Raum „Mutschikistans“ zurückzudrängen. Mit dem erfolgreichen Abschluss dieser Phase wurden die Voraussetzungen für die vierte und letzte Übungsphase geschaffen, die für 2027 geplant ist und die Durchführung freier Wahlen vorsieht.
Führungs- und Informationssysteme
Ein wesentlicher Übungsschwerpunkt lag auf der Nutzung und Erprobung moderner Führungs- und Informationssysteme. Die Deutsche Bundeswehr stellte 24 SitaWare-Server zur Verfügung und nutzte die Übungsanlage gleichzeitig zur Ausbildung eigener IKT-Kräfte im Aufbau und in der Administration einer Divisionsausstattung.
Durch diese technische Ausstattung konnten sämtliche ABC-Abwehrzellen mit dem Führungsinformationssystem (FüIS SitaWare Headquaters) beziehungsweise dem Battlefield-Management-System (BMS SitaWare Frontline) arbeiten. Das taktische Lagebild ließ sich dadurch unmittelbar mit dem ABC-Lagebild verknüpfen, wodurch Auswirkungen von ABC-Freisetzungen direkt visualisiert und in das Führungsverfahren integriert werden konnten. Zusätzlich wurden neu entwickelte Schnittstellen zwischen dem deutschen ABC-Informationssystem NEWS, SitaWare Headquarters und SitaWare Frontline erprobt.
Für die beim Österreichischen Bundesheer eingesetzte SitaWare-Lösung steht derzeit noch keine vollständig integrierte Anbindung an ein nationales ABC-Informationssystem zur Verfügung. Die Abbildung und Verarbeitung ABC-spezifischer Meldungen erfolgte für die Übung über die deutsche ABC-Software. Die Entwicklung einer direkten, durchgängigen Integration eines ABC-Informationssystems in SitaWare stellt somit einen wesentlichen zukünftigen Entwicklungsschritt dar, um die zeitkritische ABC-Lage auch in Österreich in das taktische Führungsverfahren einbinden zu können. Die in Deutschland entwickelten Schnittstellen ermöglichen bereits unter anderem automatisierte Alarmierungen bei ABC-Freisetzungen sowie Warnungen beim Annähern an kontaminierte oder gefährdete Bereiche.
Nahezu alle in der NATO gebräuchlichen ABC-Auswertesoftwareprodukte waren während der Übung vertreten. Neben der dänischen Übung BRAVE BEDUIN bot SMART ADVICE damit eine weitere Möglichkeit, die Interoperabilität zwischen unterschiedlichen nationalen Systemen zu testen. Durch den Einsatz der aktuellen Version des österreichischen ABC-Informationssystems ABC-IS (Version 9.3.2) traten im Vergleich zu früheren Durchgängen keine nennenswerten Interoperabilitätsprobleme auf; der Meldungsaustausch mit NATO-Partnern verlief störungsfrei.

Intelligence und ABC-Lage
Wie bereits in den vorangegangenen Übungsdurchgängen stellte die Integration von Intelligence-Erkenntnissen in das ABC-Lagebild eine besondere Herausforderung dar. Drohnen- und Luftbilder, Ergebnisse der Gesprächsaufklärung sowie Auswertungen aus offenen Quellen mussten ABC-abwehrfachlich analysiert und in ein konsistentes Gesamtlagbild überführt werden.
Diese multidimensionale Auswertung war Voraussetzung dafür, die Absichten der Konfliktparteien realistisch einschätzen und präventive sowie reaktive ABC-Abwehrmaßnahmen frühzeitig planen zu können. Die Übung unterstrich damit die Notwendigkeit einer engen Verzahnung zwischen Aufklärung, Auswertung und fachlicher Beratung.
Stabsarbeit und Beratung
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Stabsarbeit der ABC-Abwehrzellen. Die Teilnehmer waren gefordert, ihre fachlichen Bewertungen in präzise Stabsbeiträge zu überführen und diese adressatenorientiert sowie zielgerichtet zu präsentieren. Ein eigenes Evaluierungsteam übernahm dabei die Rolle der jeweils zu beratenden Kommandanten und gab unmittelbares Feedback zur Verständlichkeit, Relevanz und Entscheidungsunterstützung der vorgetragenen Inhalte.
Dieses Feedback wurde im Verlauf der Übung zunehmend umgesetzt, was zu einer messbaren Steigerung der Effizienz und Qualität der ABC-Abwehrfachberatung führte. Darüber hinaus konnte die neu erstellte NATO-Publikation ATP-3.8.3.1 „CBRN Advice“ unter realitätsnahen Bedingungen erprobt und ihre Anwendbarkeit im multinationalen Stabsumfeld überprüft werden. Österreich leistet damit einen aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung von Fähigkeiten im Rahmen der NATO Capability Development Group.
Schlussbetrachtung
SMART ADVICE 2025 bestätigte den hohen Stellenwert einer zeitgerechten, interoperablen und fachlich fundierten ABC-Abwehrberatung für die Einsatzführung in multinationalen Operationen. Die Übung zeigte, dass moderne Führungs- und Informationssysteme, verlässliche Schnittstellen sowie gut ausgebildete Fachberater wesentliche Voraussetzungen für die Bewältigung komplexer ABC-Bedrohungslagen darstellen.
Durch die sachorientierte Weiterentwicklung von Verfahren, die enge internationale Zusammenarbeit und den konsequenten Kompetenzaufbau trägt SMART ADVICE nachhaltig zur Einsatzbereitschaft im Bereich der ABC-Abwehr bei. Für das Jahr 2027 ist mit SMART ATHENE die Abschlussphase der Übungsserie vorgesehen. Bis dahin beabsichtigt das ABC-Abwehrzentrum, in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Entwicklungsgruppen im ÖBH die erforderlichen Integrationsschritte umzusetzen und die Fähigkeit zur eigenständigen Bereitstellung und Sicherstellung der notwendigen IKT-Architektur weiter auszubauen.


Autor
Oberstleutnant Christof Stranner, BA
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