Russische Artillerie im Ukraine-Krieg

Waffensysteme
Matthias Wimmer
Russische 2S19-Haubitzen feuern (Foto: Ministry of Defence of the Russian Federation, CC BY 4.0, gemeinfrei)
Russische 2S19-Haubitzen feuern (Foto: Ministry of Defence of the Russian Federation, CC BY 4.0, gemeinfrei)

Die Artillerie ist das zentrale Element der russischen Landstreitkräfte. Russland passt seine Artilleriestrukturen an die aktuelle Kampfführung an. Die bisherige Doktrin war, die Feuerwalze über Feindstellungen und Städte rollen zu lassen und so eine verheerende physische und psychologische Wirkung zu erzeugen. Daraus lassen sich Lehren für das Bundesheer ziehen.

Spuren der Kriege: Serie im TRUPPENDIENST (Grafik: ChatGPT, KI-generiert)
"Spuren der Kriege": Serie im TRUPPENDIENST (Grafik: ChatGPT, KI-generiert)

Entwicklung in der Einsatzführung

Bereits im Jahr 1944 rückte Josef Stalin die Rolle der Artillerie bei einer Rede mit den Worten „Die Artillerie ist der Gott des Krieges“ in das Zentrum der Kriegsführung der Roten Armee. Während aller Kriege des 20. Jahrhunderts blieb Russland dieser Einordnung treu und setzte massiv auf diese Waffengattung. In der aktuellen Einsatzführung in der Ukraine sind Parallelen zum Ersten Weltkrieg zu erkennen: Bereits damals klärten Flugzeugbesatzungen auf, und Artilleriebeobachter leiteten das Feuer aus der Luft.

Während und nach jedem großen militärischen Konflikt kam es zu Anpassungen in der Einsatzführung und permanenten technischen Weiterentwicklungen aller Konfliktparteien. So wurden beispielsweise von den Sowjets  im Zweiten Weltkrieg die ersten funktionsfähigen Mehrfachraketenwerfer entwickelt und in großer Stückzahl eingesetzt.

Im Ukraine-Krieg kam und kommt es ebenfalls zu vielen doktrinären Änderungen und Neuentwicklungen. So wurden beispielsweise die vor der Invasion der Ukraine noch erfolgreichen und gefürchteten bataillonstaktischen Gruppen nach wenigen Wochen aufgelöst, die Kampftruppe wieder überwiegend in Regimenter zusammengefasst und taktische Artilleriegruppen gebildet.

Durch die hohe Anzahl an Granaten, die vor allem zu Beginn des Krieges verschossen wurde – täglich bis zu 60.000 –, konnten die russischen Streitkräfte ihre Stärke ausspielen, nämlich den Kampf mit dem Feuer, für die sie bekannt und seit jeher gefürchtet waren. Doch durch die Anpassung der ukrainischen Taktik und Gefechtstechnik sowie die Lieferung moderner westlicher Steilfeuersysteme mit hoher Reichweite und Präzision, mussten auch die taktischen Artilleriegruppen Russlands von ihrer üblichen, linearen Artilleriedoktrin abgehen. Auflockerung, Aufklärung, Präzision bei der Zielfestlegung und der Munition sowie hohe Mobilität wurden immer wichtiger. Der geringer werdende Munitionsvorrat des Angreifers und immer länger gewordene Versorgungswege beschleunigten den Prozess des Umdenkens beim Einsatz der Artillerie.
 

Lehre für Österreich

Für das Bundesheer, das mit der „Mission Vorwärts“ und dem „Aufbauplan 2032+“ nach Jahrzehnten des Kürzens wieder nachrüstet, gilt es, in Hinblick auf die Artillerie Lehren aus dem Ukraine-Krieg zu ziehen. So muss eine schlagkräftige Artillerie über eine möglichst hohe Reichweite, Präzision und Feuergeschwindigkeit – gepaart mit Mobilität sowie Panzerschutz – verfügen und mit allen Teilen der Kampfunterstützung wirken können.
 

Ukraine: Russlands Artillerie

Die Artillerie bleibt das Herzstück der russischen Landstreitkräfte. Zu Beginn der russischen Invasion in der Ukraine waren jeder bataillonstaktischen Gruppe (BTG) ein bis zwei Batterien Haubitzen, eine Batterie Mehrfachraketenwerfer sowie ein Flammenwerferzug zugeteilt. Die Zusammensetzung der BTG war vor dem Beginn der Invasion in die Ukraine zweckmäßig, weil sie nur für Einsätze mit begrenztem Ziel in Grenznähe zur Ukraine eingesetzt wurde, um eine unmittelbare militärische Konfrontation mit den ukrainischen Streitkräften zu vermeiden.

Ein Beispiel für einen solchen Einsatz und die Wirksamkeit der Artillerie, die diesen BTG für einen bestimmten Auftrag zugewiesen wurde, ist der massive russische Artillerieschlag am 11. Juli 2014 gegen ukrainische Streitkräfte, die sich im Raum Selenopillja in der Ostukraine in Bereitstellung befanden.  Durch das Zusammenspiel von Drohnenaufklärung, elektronischer Kampfführung und Raketenartillerie konnten binnen weniger Minuten ukrainische Truppen in der Stärke von etwa einem Bataillon vernichtet werden. Dies führte nicht nur zum Verlust von Soldaten, Waffen und Gefechtsfahrzeugen– auch die psychologischen Auswirkungen auf die Truppe waren enorm.

Die Gliederungen der einzelnen BTG – 2014 noch ein Garant für den Erfolg – erwiesen sich bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2022 als ineffektiv, weil diese nicht in der Lage waren, ihre Aufgaben zu erfüllen. Gründe waren die Überdehnung der Angriffsachsen, die unzureichende Aufstellung logistischer Truppen in der Truppeneinteilung – wodurch es zu einem Mangel an Treibstoff und Munition kam –, eine unzweckmäßige Zusammenstellung des führenden Kommandos sowie eine unzureichende Anzahl an  Infanteristen zum Schutz der russischen Versorgung. So gelang es den Artilleriekräften nicht die angestrebte Wirkung zu erzielen.

Daher fasste Russland ab der zweiten Jahreshälfte 2022 seine BTG in Regimentskampfgruppen zusammen. Die Artillerie wurde in Artilleriegruppen neu organisiert und der Einsatz fortan zentral geplant und geführt. Angriffe wurden nun wesentlich langsamer, dafür mit massivem Vorbereitungsfeuer durch die Artillerie durchgeführt. Russland verlegte dazu weitere Artilleriekräfte an die Front.

Zwei russische 2S19-Haubitzen feuern ihre 152-mm Granaten ab. (Foto: Ministry of Defence of the Russian Federation, CC BY 4.0, gemeinfrei)
Zwei russische 2S19-Haubitzen feuern ihre 152-mm Granaten ab. (Foto: Ministry of Defence of the Russian Federation, CC BY 4.0, gemeinfrei)

» Im Jahr 2022 lag der gesamte Munitionsverbrauch Russlands bei etwa zwölf Millionen Granaten, täglich zwischen 20.000 und 60.000 Schuss. «

Durch russisches Steilfeuer zerstörte Wohnhäuser im ukrainischen Lyssytschansk (Foto: Ліонкінг; CC BY-SA 4.0, gemeinfrei)
Durch russisches Steilfeuer zerstörte Wohnhäuser im ukrainischen Lyssytschansk: Die verheerende Wirkung der russischen Artillerie ist Folge eines bewusst gewählten Verfahrens, das schon im Ersten Weltkrieg angewendet wurde und als verheerende artilleristische Feuerwalze über Städte sowie Feindstellungen rollte. (Foto: Ліонкінг; CC BY-SA 4.0, gemeinfrei)

Die angreifenden Streitkräfte setzen seit 2022 wieder Artilleriegruppen auf verschiedenen Ebenen ein. Eine beträchtliche Anzahl an Batterien unterschiedlicher Kaliber und Reichweiten unterstützen die angreifenden Verbände. Sie werden durch den Artillerieführer des jeweiligen Verbandes eingesetzt. Einzelne Feuereinheiten, Rohr- und Raketensysteme mit großer Reichweite erhielten den Auftrag, sich für Artilleriegegenfeuer zum Kampf mit Feuer auf Hochwertziele in der Tiefe oder zur Unterstützung bei einer Schwergewichtsverlagerung bereit zu halten. Diese Einheiten oder Verbände unterstehen der direkten Befehlsgewalt des jeweiligen Kommandanten und werden unmittelbar geführt. Der Einsatz wird nur durch ihn freigegeben.

Da auf der unteren, mittleren und oberen taktischen Ebene Artilleriesysteme unterschiedlicher Reichweiten vorhanden sind, sehen die höheren Führungsebenen eine tempräre Unterstellung der Mittel mit geringerer Reichweite an die untergeordneten Verbände vor. Dadurch ist es möglich, zielgerichtet Artilleriegruppen mit den eigenen und den aufgenommenen Artillerieverbänden auf Ebene der Division (Divisionsartilleriegruppe – DAG), der Regimenter der (Regimentsartilleriegruppe – RAG) oder Brigaden (Brigadeartilleriegruppe – BAG) zu bilden, um so die Feuerüberlegenheit und damit die Dominanz des Feuers auf dem Gefechtsfeld zur Geltung zu bringen. 
Die Ebene Armee bildet aufgrund der zu geringen Reichweite der Waffensysteme der Artilleriebrigade keine Armeeartilleriegruppe mehr, sondern unterstellt sämtliche Artilleriesysteme an die Divisionen. Die Kurzstreckenraketen der Raketenartilleriebrigade des Typs „Iskander“ verbleiben jedoch unter der direkten Führung der Armee.

Weiterentwicklung seit Kriegsbeginn

Die Artillerie wird die zentrale Waffengattung in der Einsatzführung der russischen Streitkräfte bleiben. Bis zum Sommer 2022 wurde die Artillerie innerhalb der BTG zunächst wie zu Sowjetzeiten in geschlossenen Feuereinheiten eingesetzt. Erst nach der Zusammenführung erfolgte die Umstrukturierung zu taktischen Artilleriegruppen.  Artilleriebataillone wurden linear mit bis zu drei Batterien, wenig bis kaum aufgelockert, zum Einsatz gebracht. Von russischer Seite ging man davon aus, dass ein potenzieller Gegner nicht über die Fähigkeit verfüge, diese artilleristische Feuerüberlegenheit wirksam zu bekämpfen.

Im Jahr 2022 lag der gesamte Munitionsverbrauch Russlands bei etwa zwölf Millionen Granaten, täglich zwischen 20.000 und 60.000 Schuss. 2023  schwankte die russische Feuerrate zwischen 12.000 und 38.000 Schuss pro Tag. Im weiteren Verlauf des Krieges wurden Tage, an denen mehr als 24.000 Schuss abgegeben worden waren, seltener. Ziel ist es derzeit, eine Feuerrate von 15.000 Schuss pro Tag aufrechterhalten zu können.

Die russischen Streitkräfte bringen bei ihren Angriffen seit 2022 wieder Regiments-, Divisions- und Armee-Artilleriegruppen (RAG, DAG, AAG) zur Wirkung.
Die russischen Streitkräfte bringen bei ihren Angriffen seit 2022 wieder Regiments-, Divisions- und Armee-Artilleriegruppen (RAG, DAG, AAG) zur Wirkung. Zahlreiche Batterien unterschiedlicher Kaliber und Reichweiten unterstützen die angreifenden Verbände. (Grafik: Bundesheer)

Dieser Beitrag ist ein Auszug einer wissenschaftlichen Arbeit des Autors, die er zu seiner Ausbildung zum Bataillonskommandanten am Höheren Führungslehrgang an der Landesverteidigungsakademie verfasst hat.

Bemerkenswert ist, dass sich die verwendeten  Kaliber verändert haben. Die Menge an 152-mm-Artilleriegranaten hat 2024 deutlich abgenommen, während der Einsatz von 120-mm-Granatwerfern signifikant zunahm. Grund dafür ist, dass der prognostizierte Jahresbedarf von sieben Millionen Schuss Artilleriemunition die Produktionskapazität übersteigt. Russland ist derzeit in der Lage, etwa 2,5 Millionen Granaten pro Jahr herzustellen. Die russische Rüstungsindustrie versucht, die Produktionskapazität vor allem bei den Kalibern 122 mm, 152 mm und 203 mm auf bis zu 4,5 Millionen Stück pro Jahr zu erhöhen. Aufgrund von Engpässen bei Sprengstoffen für Granaten und Zünder sowie bei dem Treibladungspulver kann der Verbrauch bis dato noch nicht kompensiert werden. Diese Bestandteile fehlen, weil die Ukraine Munitionsfabriken und Zulieferer angreift. Daneben schränken Wirtschaftssanktionen gegen Russland die Beschaffung von chemischen Erzeugnissen ein. Daher beschafft Russland Artilleriemunition bei befreundeten Staaten wie von Nordkorea oder vom Iran. Vor allem Munition im Kaliber 122 mm und 152 mm wird im Ausland beschafft. Nach Schätzungen des estnischen Geheimdienstes hat Russland seit dem Jahr 2023 fünf bis sieben Millionen Geschoße importiert. 

In der zweiten Jahreshälfte das Jahres 2025 stammte etwa die Hälfe der eingesetzten Artilleriemunition aus Nordkorea. Mittlerweile hat die Verfügbarkeit von Munition einen maßgeblichen Einfluss auf den Einsatz der russischen Artillerie. Konnten im Jahr 2022 noch große Mengen an Munition direkt bei den Geschützen gelagert werden, änderte sich diese Art der Bereitstellung schlagartig mit der Lieferung der ersten „HIMARS“-Raketensysteme durch die USA und dem Einsatz präziser westlicher Haubitzen auf ukrainischer Seite. Das Verfahren der unmittelbaren Bereitstellung von Munition vor Ort wurde unhaltbar, weil durch Präzisionsangriffe in Verbindung mit der besseren ukrainischen Aufklärung große Mengen an Granaten vernichtet wurden.

Doch nicht nur Munition ging verloren. Verbündete der Ukraine lieferten panzerbrechende Geschoße und Präzisionsmunition mit großer Reichweite. Somit waren die ukrainischen Streitkräfte in der Lage, die russischen Geschütze und Raketenwerfer präzise zu bekämpfen. Auf russischer Seite begann ein Umdenken bei den gefechtstechnischen Verfahren der Artillerietruppe. Dieses führte zu neuen Artillerietaktiken. Die Wirkung des Feuers wird seither zeitlich präziser mit den Bewegungen der angreifenden Truppen abgestimmt. Somit versucht die russische Artillerie innerhalb kürzester Zeit die größtmögliche Wirkung durch Feuer zu erzielen. Anhaltender Dauerbeschuss aus den gleichen Stellungen, wie noch zu Beginn des Krieges, waren aufgrund der permanenten ukrainischen Drohnenaufklärung und der Detektion des russischen Artilleriefeuers durch Artillerieortungssysteme des Verteidigers mit entsprechendem Gegenfeuer nicht mehr möglich. Die russische Artillerie musste beweglicher werden. 

Das US-amerikanische Raketenartillerie-System M270 feuert eine Lenkwaffe ab. In Deutschland ist es als Mittleres Artillerie-Raketen-System (MARS) eingeführt.
Das US-amerikanische Raketenartillerie-System M270 feuert eine Lenkwaffe ab. In Deutschland ist es als Mittleres Artillerie-Raketen-System (MARS) eingeführt. Es kann Ziele – je nach Raketentyp – in über 100 Kilometern Entfernung zerstören. (Foto: U.S. Federal Government, gemeinfrei)

Gezogene Geschütze verlieren im Gegensatz zu Panzerhaubitzen immer mehr an Bedeutung. Die russischen Ausfälle bei gering mobilen Haubitzen und Kanonen waren enorm. Anstatt feste Feuerstellungen auszuheben, ziehen sich die Artilleriebatterien nunmehr in Waldstücke oder Windschutzgürtel zurück und wechseln nach Abschluss ihres Feuerauftrages die Positionen. Munition wird, wenn überhaupt, nur mehr in geringer Stückzahl in den Stellungen gelagert. Wird eine Stellung mit Gegenfeuer angegriffen, begeben sich die Kanoniere der gezogenen Geschütze in vorbereitete Bunker oder Unterstände. Mobile Systeme verlassen nach dem Feuerkampf augenblicklich ihre Stellung und beziehen neue Bereitschaftsstellungen.

Die russische Artillerie attackiert nicht nur ukrainische Verteidigungsstellungen, um sie sturmreif zu schießen, sie wird auch eingesetzt, um Angriffe von ukrainischer Seite zu verhindern oder zumindest abzuschwächen. Aufgeklärte ukrainische Bereitstellungsräume werden unverzüglich mit Artilleriefeuer belegt, um frühzeitig Ausfälle zu erzeugen.

Hochwertziele in den ukrainischen Bereitstellungen werden immer öfter mit lasergelenkten Hochpräzisionsgranaten des Typs „Krasnopol“ bekämpft. Um diese in ihr Ziel zu lenken, werden sie in Kombination mit der Aufklärungsdrohne „Orlan-30“, die über einen Lasermarkierer verfügt, eingesetzt. Weiters wurde beobachtet, dass russische Truppen bewusst Stellungen räumen und diese anschließend unverzüglich mit Steilfeuer beschießen, sobald ukrainische Soldaten diese einzunehmen versuchen – ein Verfahren, das seit dem Ersten Weltkrieg angewendet wird. Dafür setzen die russischen Streitkräfte immer wieder Hochpräzisionsmunition ein, um bei ihrem Gegner möglichst hohe Verluste an Soldaten und Gerät zu erzielen.


Russische Artillerie in den Weltkriegen

Russische Artillerie beim Beschuss Berlins 1945. Dabei zogen die Sowjets 10 000 Geschütze zusammen. Rechnerisch feuerte alle fünf Meter ein System auf die Hauptstadt des Dritten Reiches.
Russische Artillerie beim Beschuss Berlins 1945. Dabei zogen die Sowjets 10 000 Geschütze zusammen. Rechnerisch feuerte alle fünf Meter ein System auf die Hauptstadt des Dritten Reiches. (Foto: Deutsches Bundesarchiv, CC-BY-SA 3.0)

Russlands Artillerie wirkt sich am Gefechtsfeld tiefgreifend strategisch und psychologisch aus. Ihr Einsatz hat im Laufe der Geschichte die Entschlossenheit in der Kriegsführung des Landes signalisiert. Der heutige Einsatz von Artillerie in der Ukraine erinnert an diese vergangenen Zeiten. Nach jedem russischen Krieg des 20. Jahrhunderts kam es zu Umwälzungen im Einsatz dieser Waffengattung. Auch derzeit sind Änderungen erkennbar.

Erster Weltkrieg
Der Einsatz der russischen Artillerie auf taktischer und operativer Ebene im Ersten Weltkrieg spiegelt die aktuelle Entwicklung der Artilleriestrategie im Ukraine-Krieg wider. Waren die ehemaligen Kriegszeiten durch Engpässe bei großkalibrigen Geschützen und in der Versorgung mit Munition geprägt, so wurden bereits 1916 während der Brusilow-Offensive erste Aufklärungsflugzeuge eingesetzt. Dadurch konnte die Genauigkeit des russischen Steilfeuers erhöht und die Artillerie in die Lage versetzt werden, Truppenkonzentrationen zu erkennen und wichtige Ziele frühzeitig zu bekämpfen. Dieses Vorgehen hat starke Parallelen zum heutigen Einsatz von Drohnen zur Verbesserung der Zielidentifikation und Treffgenauigkeit der Artillerie.

Zweiter Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Artillerie in großem Umfang eingesetzt – nicht allein, um Verteidigungsanlagen zu zerstören und Truppen zu vernichten. In vielen Fällen machte Russland ganze Städte dem Erdboden gleich und schoss sie damit sturmreif.

Im Jahr 1941 entwickelte die Rote Armee eines der weltweit ersten Mehrfach-Raketenwerfersysteme,  bekannt als „Stalinorgel“. Dadurch konnte sie die Feuerrate massiv erhöhen und die Mobilität durch die Nutzung von LKW als Fahrgestelle im Vergleich zu gezogenen Artilleriesystemen steigern. Eine komplette Salve, die aus bis zu 48 Raketen bestand, wurde in sieben bis zehn Sekunden abgefeuert.
Die Bevorzugung der Artilleriekriegsführung hielt in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg an. Sie war bei den sowjetischen bzw. russischen Invasionen in Afghanistan, Tschetschenien und anderen postsowjetischen Staaten klar zu erkennen.

Eine weitere Entwicklung der sowjetischen Artilleriedoktrin im Zweiten Weltkrieg war die eingesetzte Anzahl der Geschütze und Granatwerfer pro Frontkilometer im Vergleich zu den Schätzungen vor dem Krieg. Sowjetische Experten hatten vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 75 bis 100 Geschütze pro Kilometer Front empfohlen, um Verteidigungsanlagen zu durchbrechen. Im weiteren Verlauf des Weltkrieges lag die sowjetische Geschützdichte bei Schwergewichtsbildungen jedoch bei 150 bis 200 Geschützen pro Kilometer. Diese Diskrepanz zeigt, wie sehr sich die Rote Armee auf ihre und amerikanische industrielle Leistungsfähigkeit verließ, um ihre Feinde durch übermächtiges Artilleriefeuer zu bezwingen. Stalin soll über die Rote Armee gesagt haben: „Quantität hat ihre ganz eigene Qualität“.

Für den Angriff auf Berlin zogen die Sowjets rund 10.000 Geschütze, Granat- und Raketenwerfer zusammen. Damit stand rechnerisch alle fünf Meter ein Steilfeuersystem. Bei diesem Angriff wurden bereits am ersten Tag etwa eine Million Granaten aus unterschiedlichen Waffensystemen abgefeuert.

War der Einsatz russischer Artillerie nicht so vernichtend wie die amerikanischen und britischen Bombenangriffe aus der Luft, so hatte er sich doch als äußerst effizient erwiesen. Die Bedeutung der Artillerie in der russischen Kriegsführung geht über ihre Effektivität auf dem Schlachtfeld hinaus. Sie ist ein sichtbarer Beweis für Russlands Entschlossenheit, seine Ziele zu erreichen, ungeachtet des Ausmaßes der Zerstörung oder der zivilen Opfer. Die verheerende psychologische Wirkung der russischen Artillerie ist Folge eines bewusst gewählten Verfahrens, das schon im Ersten Weltkrieg angewendet wurde und bei dem eine artilleristische Feuerwalze über Feindstellungen rollte.


Die M-109 A5Ö, Österreichs einzige Rohrartillerie, feuert maximal 28 Kilometer weit. Damit ist sie der reichweiten-stärkeren russischen Artillerie wie der 2S7M „Pion“ deutlich unterlegen.
Die M-109 A5Ö, Österreichs einzige Rohrartillerie, feuert maximal 28 Kilometer weit. Damit ist sie der reichweiten-stärkeren russischen Artillerie wie der 2S7M „Pion“ deutlich unterlegen. Das wäre in Artillerieduellen für die Bundesheerbesatzungen ein tödlicher Nachteil. (Foto: Bundesheer/Christian Kickenweiz)

Aufklärung und Wirkung

Was in Österreich als Aufklärungs- und Wirkungsverbund bezeichnet wird, nennt sich in Russland Aufklärungs-Feuer-Komplex. Permanent kreisen Aufklärungs- und Angriffsdrohnen (loitering ammunition) über dem Gefechtsfeld. Durch die Kombination von Schallmesssensoren und Artillerieortungs-Radarsystemen wird das russische Lagebild über die gegnerische Feuerunterstützung verdichtet. Dieser Mix aus Sensoren ermöglicht ständig mehrere Aufklärungsaktionen für Angriffe auf stationäre Einrichtungen, die Infrastruktur und Truppen, aber auch für Artilleriegegenfeuer, um in kurzer Zeit Wirkung auf die Ziele zu erzielen –
bis auf eine Entfernung von 500 Kilometern. Möglich machen das die Vereinfachung der Feuerleitabläufe, die verbesserte Kommunikation, unter anderem über Satelliten – lange Zeit ebenfalls über das von SpaceX betriebene System „Starlink“ –, ein einheitliches Feuerleitsystem als Ableitung aus den negativen Erfahrungen der ersten Kriegsmonate, als noch die starre Sowjetdoktrin angewendet wurde.

Taktische Lehren

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist – wie jeder große militärische Konflikt der vergangenen Jahrhunderte – von Innovationen und Entwicklungen hinsichtlich der Taktik und Technik geprägt. Man muss heute der Tatsache Rechnung tragen, dass sich die Technik noch nie in so hoher Geschwindigkeit entwickelt hat. Nahezu täglich treffen auf dem Gefechtsfeld neue Systeme ein. Vor allem im Bereich der Aufklärungs- und Angriffsdrohnen wurden bei noch keinem anderen Krieg so hohe Stückzahlen eingesetzt.

Die Kombination aus Aufklärung aus der Luft im Zusammenwirken mit Effektoren auf dem Boden setzt neue Maßstäbe. Dadurch entstand ein „gläsernes“ Gefechtsfeld: Keiner kann sich mehr bewegen ohne Gefahr zu laufen sofort aufgeklärt und innerhalb kürzester Zeit bekämpft zu werden. Besonders schwierig ist die Lage für Waffengattungen und Einrichtungen, die sich konzeptionell bedingt wenig bewegen. Zu ihnen gehört – neben ortsfesten Gefechtsständen, die Logistik und Fliegerabwehr – die Artillerie.

Das stärkste Rohrartilleriegeschütz im Ukraine-Krieg ist die 2S7M „Pion“. Sie wirkt bis 47 Kilometer Entfernung. Damit ist sie der Bundesheer-Artillerie weit überlegen.
Das stärkste Rohrartilleriegeschütz im Ukraine-Krieg ist die 2S7M „Pion“. Sie wirkt bis 47 Kilometer Entfernung. Damit ist sie der Bundesheer-Artillerie weit überlegen. Sie könnte beispielsweise von Raketenartillerie wie dem System MARS bekämpft werden. (Foto: 43rd Hetman Taras Triasylo Heavy Artillery Brigade, CC BY 4.0)

Westen
Westliche Streitkräfte reduzierten mit Ende des Kalten Krieges vielfach ihre Artillerie und stellten oft von Panzerhaubitzen auf Radsysteme oder leichte und luftverlastbare Geschütze um. Diese waren nicht nur billiger in der Beschaffung und im Betrieb, aus damaliger Sicht war auch der Bedarf an schwer gepanzerten Haubitzen nicht mehr gegeben. Viele westliche Armeen waren nicht mehr auf einen großen militärischen Konflikt ausgerichtet. In stabilisierenden Einsätzen gegen nicht konventionell kämpfende Gegner konnte mit leichten Systemen das Auslangen gefunden werden. Daher wurden nicht mehr für notwendig erachtete Waffensysteme verkauft oder verschrottet. Der Westen investierte kaum in die Weiterentwicklung. Lediglich bei der Munition kam es durch technische Innovationen zur Steigerung der Präzision, um mit wenigen Granaten auf ein Ziel wirken zu können – am besten mit nur einem einzigen Schuss. Großräumiges und andauerndes Feuer zur Angriffsvorbereitung mit konventioneller Munition wurde kaum mehr als geforderte Wirkung berücksichtigt. Daher leerten sich in den vergangenen Jahrzehnten die westlichen Munitionslager.
 

Russland
Russland hat ebenfalls viele Waffensysteme nach dem Kalten Krieg nicht weiter betrieben. Doch im Unterschied zum Westen verschrottete es die Waffensysteme nicht, sondern lagerte sie ein. Die Produktion von Artilleriemunition wurde zwar reduziert, jedoch leerten sich die Lagerbestände nicht in dem Ausmaß, in dem dies im Westen der Fall war. Russland legte weiterhin Wert auf Bevorratung. Bereits nach wenigen Monaten des Ukraine-Krieges mussten die westlichen Staaten feststellen, dass Russland nach wie vor über große Mengen an Artilleriemunition verfügte. Somit war es in der Lage, täglich tausende Granaten auch über einen langen Zeitraum einzusetzen.

Schock in Westeuropa
Nach einem anfänglichen Schockzustand hat Westeuropa realisiert, dass es die Ukraine in nur sehr eingeschränktem Umfang mit schweren Waffen und vor allem mit Munition unterstützen kann. Die europäischen Lager waren nahezu leer und die Rüstungsindustrie war nicht auf die Produktion großer Mengen großkalibriger Munition ausgelegt. Rasch versuchte Europa, seine Produktionskapazitäten zu erhöhen.  Einerseits um der Ukraine militärisch unter die Arme greifen zu können, andererseits um die eigenen Verteidigungsfähigkeiten wieder aufzubauen sowie die Lagerbestände zu erhöhen. Panzer, Schützenpanzer und vor allem Fliegerabwehr und Artillerie mit großer Reichweite und hoher Mobilität stehen seither wieder ganz oben auf den Bestelllisten vieler westlicher Staaten.
 

Lage im Bundesheer
Österreich rüstet als neutraler und bündnisfreier Staat nach, um die eigene Verteidigungsfähigkeit wieder herzustellen. Vor allem die Kampfunterstützung bedarf nach wie vor intensiver Weiterentwicklung. Im Bereich der Steilfeuersysteme hat Österreich bereits neue, mobile, schnellfeuernde und vor allem geschützte Granatwerfersysteme, montiert auf dem Trägerfahrzeug Radpanzer „Pandur Evolution“, bestellt. Damit wurden in Österreich erste Lehren aus den Erfahrungen des Ukraine-Krieges gezogen. Sämtliche neu beschafften Steilfeuerwaffen werden geschützt und mobil sein, sie werden schnell feuern sowie sich  rasch dem Gegenfeuer entziehen zu können. 
 

Das Bundesheer beschafft neue Granatwerfersysteme auf dem Trägerfahrzeug „Pandur Evolution“. Diese werden automatisiert und sogar während der Fahrt feuern können. (Symbolbild: GDELS)
Das Bundesheer beschafft neue Granatwerfersysteme auf dem Trägerfahrzeug „Pandur Evolution“. Diese werden automatisiert und sogar während der Fahrt feuern können. (Symbolbild: GDELS)

Nachholbedarf

Bei der Panzerartillerie besteht aber ein erheblicher Nachholbedarf. Vor wenigen Jahren noch als Rekonstruktionswaffengattung eingestuft, hat Österreich kaum mehr in diese Truppe investiert. Dabei ist die Artillerie noch immer die Waffengattung, die bei dem Gegner für die größten Ausfälle sorgt und in Kombination mit anderen Kräften der Kampfunterstützung ein wesentlicher Teil des Joint Fire Support – als essenzieller Wirkungsverbund im Kampf der verbundenen Waffen – ist.

Verfügt die derzeit im Bundesheer eingeführte Panzerhaubitze M-109 A5Ö über eine gewisse Mobilität und zweifellos einen Schutz, hat sie doch nach etwa 30 Jahren Nutzung ihr materielles Lebensende erreicht. Der Betrieb wird durch den Mangel an Ersatzteilen immer schwieriger – außerdem ist ihre Feuerreichweite aufgrund der Kürze ihres Rohres auf unter 30 Kilometer beschränkt.

Der Einsatz der russischen Artillerie zeigt, dass die Rohrartillerie mit einer geringen Reichweite wenig Effekt auf dem Gefechtsfeld erzielt und permanent der Gefahr des Gegenfeuers von Geschützen höherer Reichweite ausgesetzt ist. Daher muss ein künftiges Rohrartilleriesystem über eine Rohrlänge von mindestens 52 Kaliberlängen (L52) verfügen. Zudem muss es reichweitengesteigerte Munition bis zu 70 Kilometer verschießen können. Dazu benötigt es ein leistungsfähiges Feuerleitsystem, kombiniert mit einem Führungsinformationssystem, eingebunden in ein Joint Fire-Netzwerk. Damit wird sichergestellt, dass innerhalb dieses Netzwerkes permanent verschiedene Effektoren zur Verfügung stehen und Aufklärungsdaten von Sensoren aus der Luft und vom Boden schnell verarbeitet werden können – am besten in Echtzeit.
 

Größer Denken und Planen

Im taktischen Planungsprozess muss auf den Raumbedarf der Artillerie Rücksicht genommen werden. Derzeit steht der Vorschrift gemäß einer Artilleriebatterie eine Fläche von drei mal drei Kilometern zur Verfügung. Künftig ist der gefechtstechnische Einsatz größer zu denken, weil sich die Artillerie aufgrund der Gegenfeuerbedrohung und der Gefahren aus der Luft weiter auflockern muss. 
Da eine Brigade nur über einen begrenzten Raum zur Einsatzführung verfügt, hat das System Artillerie vermutlich gänzlich neu gedacht zu werden. Ein künftiges Geschütz muss in der Lage sein, seine Schießelemente selbst zu ermitteln. Somit fällt der Rechentrupp der Batterie weg und die Haubitzen können sich weiter auflockern, ohne an einen Referenzbereich gebunden zu sein. Auch, wenn dadurch der Einsatz als Einzelgeschütz möglich ist, kann trotzdem gemeinsam Wirkung im Ziel entfaltet werden.

Die Ukraine verschießt im Krieg neben herkömmlicher, analoger Artilleriemunition auch elektronisch gelenkte Granaten wie das US-amerikanische, reichweitenstarke 155-mm-Artilleriegeschoss M982.

Die Ukraine verschießt im Krieg neben herkömmlicher, analoger Artilleriemunition auch elektronisch gelenkte Granaten wie das US-amerikanische, reichweitenstarke 155-mm-Artilleriegeschoss M982 „Excalibur“. Es ist GPS-gesteuert. Russland gelang es mit GPS-Jammern und GPS-Verzerrung (Spoofing) die Effektivität und Treffsicherheit der M982 „Excalibur“ von 70 auf sechs Prozent zu reduzieren. Daher wird auch künftig analoge, d. h. störungsfreie, Munition in großer Anzahl benötigt. (Foto: United States Army, gemeinfrei)

» Europas Sicherheitslage erfordert, dass Lehren aus der Geschichte der russischen Artillerie und aus dem Ukraine-Krieg gezogen werden müssen. «

Fazit

Europas Sicherheitslage erfordert, dass Lehren aus der Geschichte der russischen Artillerie und aus dem Ukraine-Krieg gezogen werden müssen. Das Bundesheer hat im Bereich des Steilfeuers mit der Beschaffung moderner Systeme kurzer Reichweite erste Schritte in diese Richtung gesetzt. Nun gilt es, den Weg konsequent weiterzugehen. Ziel muss eine artilleristische Kampfunterstützung sein, die für die geforderte Wirkung sorgt und damit den Soldaten ermöglicht, auf dem Gefechtsfeld der Zukunft sicher zu bestehen und zu überleben.


Wohin führt der Weg der österreichischen Artillerie? (Foto: ChatGPT, KI-generiert)
Wohin führt der Weg der österreichischen Artillerie? (Foto: ChatGPT, KI-generiert)

Lehren auf einen Blick

Die Rohr- und Raketenartillerie muss

  • geschützt durch Panzerung, unvorhersehbare Beweglichkeit und weiträumige Auflockerung sowohl
  • präzise und schnell durch selbstständiges Ermitteln der Schießelemente innerhalb weniger Minuten eine Wirkung im Ziel entfalten,
  • sich vor und nach dem Feuern rasch einem Feindfeuer entziehen, 
  • reichweitenstark sein und somit mindestens 70, besser über 150 Kilometer weit wirken können,
  • dazu über ein leistungsfähiges Feuerleitsystem verfügen, 
  • mit einem Führungsinformationssystem kombiniert,
  • in ein Joint Fire-Netzwerk eingebunden sein, das permanent verschiedene Effektoren zur Verfügung stellt und Aufklärungsdaten von Sensoren aus der Luft und vom Boden schnell verarbeiten kann – am besten in Echtzeit – und
  • flexibel sowie dezentral mit großen Munitionsmengen versorgt werden.

Autor

Major Matthias Wimmer, BA

Kommandant des Aufklärungs-Artilleriebataillons 4

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 02/2026 (409): Hybrider Krieg

Die internationale Sicherheitslage bleibt angespannt. Der Krieg in der Ukraine dauert an, neue Konflikte verschärfen die globale Unsicherheit, und moderne Kriege wirken längst weit über das Gefechtsfeld hinaus. Neben militärischen Auseinandersetzungen prägen Desinformation, hybride Bedrohungen und…