Realistisch simulieren - sicher feuern

• Ausbildung
C. Kreutzer
(Foto: RedTD/Angela Schmeißl)
(Foto: RedTD/Angela Schmeißl)

Der M109 A5Ö Ladeturmtrainer in Allentsteig ist ein Gefechtssimulator für den artilleristischen Feuerkampf. Sämtliche Tätigkeiten der Geschützbesatzung einer Panzerhaubitze M109 können damit trainiert werden.

Im Jahr 2017 verkaufte das Österreichische Bundesheer 47 Panzerhaubitzen M109 A5Ö an Lettland. Im Zuge der Einführung dieses für die lettischen Streitkräfte neuen Systems wurde ein Simulator beschafft. Österreich schloss sich dieser Beschaffung an. Für die Artilleristen des Bundesheeres ging ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung, der ihre Einsatzbereitschaft steigert. Anfang des Jahres 2024 kam der Ladeturmtrainer in Allentsteig an. Nach baulichen Adaptionen des Gebäudes, in dem er sich befindet, startete im Juni 2024 die Ausbildung von Soldaten an diesem System. 

Die Basis des Ladeturmtrainers sind Einsatzgeschütze, die zum Simulator umgebaut wurden. Verantwortlich für diese technischen Änderungen ist ein niederländisches Unternehmen, das auf eine langjährige Erfahrung in der Simulationstechnik zurückblicken kann – auf der M109 und anderen Systemen der Rohrartillerie. Turm, Wanne, Motor sowie Getriebe der Haubitzen sind vorhanden und funktionsfähig. Lediglich das Rohr ist ausgebaut und durch einen Zylinder ersetzt. 

Dieser Zylinder verfügt über ein Revolvermagazin für zwölf abgeschossene Granaten inklusive der Treibladungen. So können mehrere Granaten ohne Unterbrechung „abgefeuert“ werden. Nach zwölf Schuss wird das Revolvermagazin geleert. Das dauert etwa zehn Minuten, dann kann erneut „gefeuert“ werden. 

Die Turmhydraulik mit sämtlichen Komponenten und die elektronische Anlage sind genauso zu bedienen wie das Einsatzgeschütz. Dadurch können sämtliche Tätigkeiten der Geschützbesatzung für den artilleristischen Feuerkampf wirklichkeitsnah trainiert werden, wie

Der Simulator besteht zum Großteil aus den Originalteilen der M109. Beim Abfeuern wird ein Rohrrücklauf simuliert. Dieser ist veränderbar (abhängig von der Erhöhung und der Ladungsmenge) und nahezu identisch mit der Einsatzhaubitze. Der Ladeturmtrainer verfügt jedoch über einen elektrischen Antrieb. Dieser kann programmiert werden, wodurch das Reagieren auf spezielle Situationen möglich ist.
 

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Mehrwert

Angehende Kanoniere verbringen zwei bis drei Ausbildungstage am Ladeturmtrainer. Der Mehrwert in der Ausbildung ergibt sich aus mehreren Elementen:

Die Rohre der Panzerhaubitze wurden beim Ladeturmtrainer durch einen Revolverzylinder für die Simulationsgranaten ersetzt. (Foto: RedTD/Angela Schmeißl)
Der Ladeturmtrainer basiert auf umgebauten Panzerhaubitzen M109 A5Ö. (Foto: RedTD/Angela Schmeißl)

Realistisches Lernen

Der Simulator bietet den Kanonieren die Möglichkeit, ihr Handwerk schrittweise zu erlernen – in einem stressfreien und dennoch realistischen Umfeld. Störfaktoren wie Wetter oder Stress können ausgeschaltet und die Tätigkeiten der Kanoniere an der Haubitze gemäß den Ausbildungsgrundsätzen erlernt werden. 

Eine Granate wiegt 45 kg – egal ob sie für den Simulator oder für den scharfen Schuss verwendet wird. Beide sehen gleich aus und sind an den gleichen Stellen anzugreifen, zu heben oder zu bewegen. Die Handhabung der schweren Granate im beengten Raum der Haubitze ist eine Herausforderung, die mit dem Simulator geübt wird. Das erzeugt Sicherheit und nimmt den Kanonieren die Angst vor dem scharfen Schuss. 

Vor der Einführung des Ladeturmtrainers führte die Geschützbesatzung viele praktische Tätigkeiten das erste Mal beim Scharfschießen durch. Das verursachte einen hohen Stresspegel, auch wenn alles ohne Probleme funktioniert hat. Heute werden diese Handgriffe zuerst am Simulator geübt, wodurch eine Lücke in der Ausbildung geschlossen werden konnte.
 

Beobachten – Rückmelden – Verbessern

Der Ausbilder beobachtet die Besatzung beim Training auf einem Bildschirm. Das erlaubt ihm fundierte Rückmeldungen – auch anhand einer Videoanalyse. So lassen sich Fehler benennen und durch ein gezieltes Training schrittweise beheben. Für die Ausbildung ist die übende Truppe verantwortlich, die mit dem Leiter der Anlage die konkrete Vorgehensweise bespricht und festlegt. 

Die Feuerleitung ist bewusst von der Simulation getrennt, schließlich ist und bleibt der Ausbildungsleiter für seine Soldaten und deren Ausbildung verantwortlich. Die Hilfestellung durch das Fachpersonal vor Ort ist dennoch unerlässlich. Dieses kennt das System bis ins kleinste Detail und bildet die Schnittstelle zwischen Training, Truppe und Simulation. 
 

Handlungssicherheit

In den vergangenen Jahren hat die Übungstätigkeit im gesamten Bundesheer abgenommen. Davon war auch die Artillerie betroffen. Eine Möglichkeit, das auszugleichen, ist das Training am Simulator. Dieser kann zwar weder den scharfen Schuss noch die reale Übung ersetzen. Er kann beide aber so gut ergänzen, dass Fehler minimiert werden können. Und das sogar mit einem Qualitätsgewinn! Voraussetzung ist, dass der Simulator möglichst originalgetreu ist.

Ein Simulationsdurchgang läuft de facto immer gleich ab. In der Ausgangsposition hat die Haubitze die Feuerstellung bezogen und ist gefechtsbereit (Gefechtsbereitschaftsstufe 2). Dann folgen die Feuerkommandos – der Feuerkampf, bei dem die Kanoniere die Granaten tempieren, die richtige Treibladung einwerfen sowie alle anderen Tätigkeiten vom Kommando bis zum Abfeuern durchführen. Das Ende eines Durchganges markiert der letzte Schuss, wobei maximal zwölf je Simulationshaubitze „abgefeuert“ werden können.
 

Trainieren von Szenarien

Bei technischen Systemen gibt es viele Fehlerquellen, die unterschiedliche Ursachen haben können – menschliche und technische. Beispiele für technische Ursachen sind ein verstopfter Zündkanal, ein Versager bei der Zündpatrone, ein gebrochener Schlagbolzen, Defekte an der Hydraulik oder am Verschluss, um nur einige zu nennen. 

Manche treten selten auf, andere häufig. Alle müssen rasch und sicher behoben werden. Der Simulator ermöglicht das Einspielen vieler bekannter Fehlerszenarien, die bei einer M109 auftreten können. Das Suchen eines Fehlers und dessen Behebung bringen einen deutlichen Mehrwert für die Besatzung des Geschützes hinsichtlich der Handhabung und der Sicherheit. 
 

Günstige vorbereitung

Eine Simulationsanlage kostet im ersten Ansatz viel Geld. Auf ihre Lebenzeit gerechnet ist sie aber eine preiswerte und zielführende Investition, da ein Schuss am Simulator deutlich günstiger ist als auf dem Schießplatz. Dazu kommt, dass ein Scharfschießen deutlich besser und effizienter abläuft, wenn es zuvor am Simulator trainiert wurde – auch hinsichtlich der Schieß- und Trefferergebnisse. Hierbei ist zu erwähnen, dass ein Schuss mit dem Ladeturmtrainer hinsichtlich des Erfahrungsgewinnes für die Kanoniere durchaus mit einem scharfen Schuss vergleichbar ist.
 

Wissenssicherung

Ein Aspekt der Simulation, der häufig nur wenig beachtet wird, ist jener der Wissenssicherung. Schließlich können im Simulationsbetrieb (auch hinsichtlich der Software) nur jene Erfahrungen berücksichtigt werden, die ein Geschützführer irgendwann real gemacht hat. Ein Fehler der Vergangenheit kann nur ausgeschlossen oder zumindest dessen Folgen minimiert werden, wenn er bekannt ist und ein „Gegenmittel“ existiert, das trainiert wird.

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Grenzen der Simulation

Der Turmsimulator bildet die Panzerhaubitze so realitätsgetreu wie nur möglich nach. Dennoch gibt es Grenzen. In der Halle ist es warm, trocken und windstill. Der Boden ist eben, und die Munition liegt im Regal bereit. Es gibt keinen Rauch, Lärm oder Rückstoß. Diese Umfeldbedingungen könnten zwar auch simuliert werden, hätten aber nur einen bedingten Mehrwert. Außerdem wird der Schuss auf dem Simulator nie den echten Schuss ersetzen. Nur wenn beide Aspekte gegeben sind, gibt es einen Vorteil – eine realistische Simulation in der Ausbildung und der scharfe Schuss mit dem „echten“ System.

Grenzen gibt es auch bei der Kommandantenausbildung für das Führen im Gefecht. Das Beziehen einer Stellung mit dem dazugehörigen Orientieren oder der Stellungswechsel können damit nicht dargestellt werden. Schließlich ist der Ladeturmtrainer für die Geschützbedienung, die drei Kanoniere (Verschluss-, Lade- und Richtkanonier) gebaut, nicht aber für die Geschützführer oder den Stellungsunteroffizier. 
 

Stimmen zum Simulator

„Es ist sehr gut, dass der Ladeturmtrainer so aufgebaut ist, wie das richtige Geschütz. Man merkt nicht, dass es ein Simulator ist. Das ist ein großer Vorteil“, sagt ein Fähnrich des dritten Jahrganges der Militärakademie, der seinen Truppenoffizierslehrgang in Allentsteig absolviert.

„Hier hat man die Möglichkeit, die Granate anzufassen, zu spüren, wie schwer sie ist, und dass es nicht einfach ist, die Treibladungen aus den Behältern zu bekommen. Man sieht, wie das System arbeitet, wie der Rohrrücklauf funktioniert und andere Dinge“, ergänzt ein anderer Fähnrich. Außerdem sei man beim Simulatortraining in einem geschützten Umfeld, wo Fehler eine relativ geringe Auswirkung hätten.

Für die angehenden Offiziere ist klar: Die Ausbildung am Ladeturmtrainer ist eine wichtige Erfahrung und eine gute Vorbereitung, die auch die Anspannung vor dem Scharfschießen nimmt. Schließlich sind die Tätigkeiten und Handgriffe dieselben. Fazit: Jede Stunde am Simulator bringt einen deutlichen Mehrwert für die praktische Handhabung an der Haubitze.
 

Weitere Schritte

Derzeit werden genormte Programme für eine dreitägige Ausbildung auf dem Simulator erstellt. Der Kanonier soll die Handhabung jeder Munitionsvariante kennen und verschießen können. Das wäre ein Tagesziel. Das darauf aufbauende Tagesziel wäre der Umgang mit eingespielten Fehlern. Ein drittes Tagesziel könnte die Verbesserung der Handhabung durch die Wiederholung der entwickelten Übungsreihen sein.

Jeder Kanonier wird an diesem System ausgebildet, das auch in Zukunft das einzige im Bundesheer sein wird. Aufgrund der Größe der Artillerietruppe reicht das aus, um die Soldaten während der Basisausbildung (Grundwehrdiener) zu trainieren. Dazu kommen noch die Kaderanwärterausbildung und der Truppenoffizierslehrgang. Zusätzlich eignet sich dieser Simulator für die Auffrischung des Wissens von Milizsoldaten, deren letztes Training oft Jahre zurückliegt.
 

Alle Handgriffe der Kanoniere können per Video überwacht werden. (Foto: RedTD/Angela Schmeißl)
Der Geschützraum des M109 A5Ö Ladeturmtrainers. (Foto: RedTD/Angela Schmeißl)
Die Simulatorhalle mit den beiden Panzerhaubitzen. (Foto: RedTD/Angela Schmeißl)

Technische Daten: M109 A5Ö Ladeturmtrainer

Gewicht 

  • Simulator-Rohr und Munitionsaufnahme:1 500 kg (leer), 2 172 kg (voll)
  • Elektrische Anlage: 500 kg 
  • Zubehör: 500 kg 
  • Gesamt Verladegewicht: 25 t 
  • Gefechtsgewicht: ca. 28 t 

Maße

  • Höhe: 3,2 m
  • Länge: 6,7 m 
  • Breite: 3,5 m 

Schwenkbereiche Simulator-Rohr

  • Seite Trainingsbereich: 1 600¯ (90°) 
  • Seite technisch: max. 3 150¯ (178°) 
  • max. Erhöhung: 1 150¯ (65°) 
  • min. Erhöhung: 88¯ (5°) 

Munition 

  • Simulator-Granate: 45 kg/Stk 
  • Simulator-Treibladung: 10 kg/Stk 
     

Wartung

Wie beim Einsatzgeschütz sind auch beim Simulator-Geschütz Fristen für den technischen Dienst und die Wartungsereignisse einzuhalten. Diese sind in wöchentliche, monatliche, halbjährliche und jährliche Wartungen unterteilt, bei denen definierte Tätigkeiten durchzuführen sind, wie das Abschmieren oder der Tausch von Teilen. 

Die Turmhydraulik des Geschützes ist beim Simulator einer deutlich höheren Belastung ausgesetzt als beim Einsatzgeschütz. Eine M109 verschießt im Jahr etwa 200 Granaten. Diese Anzahl erreicht die Simulationshaubitze schon an wenigen Ausbildungstagen. Diese deutliche Mehrbelastung bedingt eine häufigere Wartung des Turmes. Wie oft diese tatsächlich durgeführt werden muss, steht noch nicht endgültig fest, da es noch wenig Erfahrung mit dem System gibt. Aktuell werden die dazu nötigen Daten gesammelt. Bei der Wanne ist das Bild ein völlig anderes. Schließlich wird die Haubitze im Simulationsbetrieb nicht bewegt. Aus diesem Grund werden sogar Bewegungsfahrten durchgeführt, um Standschäden zu vermeiden.

Zwischen dem Unternehmen, das den Simulator herstellt, und dem Bundesheer besteht ein Wartungsvertrag. Was vor Ort selbst gemacht werden kann, wird eigenständig erledigt, andernfalls unterstützt ein Techniker aus den Niederlanden. Beispiele dafür sind das Programmieren der Software, das nur vom Hersteller vorgenommen werden kann oder das Beheben komplizierter technischer Gebrechen. Die Kooperation verläuft professionell, rasch und unkompliziert. 

Fazit

Die Rückmeldungen zum Artilleriesimulator sind eindeutig positiv – egal ob diese von Berufssoldaten (Ausbilder oder Auszubildende), Grundwehrdienern oder Milizsoldaten kommen. Das deckt sich mit den Rückmeldungen von Soldaten anderer Streitkräfte, die mit diesem Simulator gearbeitet haben.

Ein Scharfschießen ist für die Artilleristen insofern nichts Neues, da sie die Tätigkeiten als Kanoniere bereits kennen. Das gibt Handlungssicherheit bei der Bedienung des Geschützes sowie bei der Handhabung der Granaten und verringert die Nervosität vor einem Scharfschießen deutlich. Genau das soll der Simulator bezwecken: den Kanonieren die Möglichkeit bieten, viel zu schießen und so eine bisherige Lücke ein der Ausbildung zu schließen. Somit ist der Ladeturmtrainer ein Beitrag zur Steigerung des Kampfwertes der Artillerie und der Einsatzbereitschaft des Österreichischen Bundesheeres.
 


Autor

Offiziersstellvertreter Christian Kreutzer

Leiter Artilleriesimulator

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

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