Pattsituation in der Ukraine

Allgemein
M. Reisner
Festungsgürtel entlang der ukrainisch-russischen Verteidigungslinie

Die Lage in der Ukraine erinnert aktuell zunehmend an einen Boxkampf, bei dem die beiden Kontrahenten aus der bisherigen Überlegenheit oder Dominanz heraus immer mehr in eine Art Infight treten. Dabei ist nicht mehr klar, welche Seite überlegen ist: Welcher Konfliktpartei wird es schließlich gelingen, eine Entscheidung herbeizuführen?

Eine Ursache für die aktuelle Pattsituation ist, dass sowohl die Ukraine als auch Russland Schwierigkeiten haben, die notwendige Unterstützung für den Kampf an der Front zu erhalten. Für die Ukraine ist es schmerzhaft, dass die USA ihre Aufmerksamkeit vermehrt der Situation im Iran zuwenden. Gemeinsam mit Israel versuchen sie seit Anfang März 2026, die Straße von Hormus geöffnet zu halten und die Lage in der Region zu befrieden. Die USA liefern kaum noch Hardware, unterstützen die Ukraine aber mit Aufklärungs- und Zieldaten sowie Analyse durch künstliche Intelligenz.

Die wiederholte Interessensverlagerung hat massiven Einfluss auf die Ukraine. Auf der einen Seite überlegt das US-Kriegsministerium, wichtige Hilfsgüter, die für Europa und die Ukraine vorgesehen gewesen wären, in den Nahen Osten umzuleiten. Auf der anderen Seite droht der US-Präsident Donald Trump den europäischen Verbündeten – im Falle fehlender Unterstützung seiner Absichten im Iran – Hilfslieferungen nicht zur Verfügung zu stellen.

Boden-Luft-Waffensysteme

Nachteilig für die Ukraine kommt der enorme Verbrauch von Boden-Luft-Waffensystemen im Iran hinzu. Zu Beginn des Konflikts im Iran wurden in den ersten drei Tagen bereits 800 Boden-Luft-Raketen vom Typ „Patriot“ verbraucht. Demgegenüber steht ein Verbrauch der Ukraine von 600 Boden-Luft-Raketen in den bis dahin 1.460 Tagen des Konfliktes. Die Ukrainer benötigen diese Boden-Luft-Waffensysteme, um sich gegen Angriffe Russlands mit Drohnen, ballistischen Raketen und Marschflugkörpern zu wehren. Dabei verzeichnen die Russen auf der strategischen Ebene nach wie vor Erfolge. Sie haben es geschafft, die Anzahl ihrer Angriffe zu erhöhen.

Es sind aber nicht nur relativ billige Drohnen, sondern vor allem die teureren ballistischen Raketen, die es aus ukrainischer Sicht mit geeigneten Systemen abzuwehren gilt. Die Ukraine sieht sich mit einer stetig steigenden Anzahl an einfliegenden russischen Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen konfrontiert. Sie schafft es dennoch, mit Abfangdrohnen die Abschussraten – vor allem russischer Drohnen – zu erhöhen. Das ist unter anderem deshalb der Fall, weil man auf ukrainischer Seite sehr innovativ ist, mit kleinen Abfangdrohnen, die russischen „Geran-2“-Drohnen vom Himmel zu holen.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Ukraine nach wie vor Fliegerabwehrraketen vom Typ „Patriot“ benötigt. Darum hat der ukrainische Präsident im Frühjahr und Sommer auch drauf hingewiesen, dass die Situation so prekär ist, wie schon lange nicht mehr. Hoffnung gibt die Ankündigung der USA der Ukraine die Lizenzfertigung von „Patriot“-Raketen zu erlauben. Die Ukraine versucht, den Krieg nach Russland zu tragen und führt erfolgreich Luftangriffe auf die russische Infrastruktur durch. Ziele sind vor allem die Produktionsstätten und Depots der Erdölindustrie. 

Ukrainische Angriffe

Darüber hinaus versucht die Ukraine über diese Ziele hinaus Angriffe durchzuführen. Ein Schattenkrieg tobt im Hintergrund, denn ein wichtiger Provider für die russische Föderation – was die Einnahme von Devisen betrifft – ist die so genannte Schattenflotte: 600 bis 800 Schiffe russische Schiffe transportieren Öl auf den Weltmeeren und machen es zu günstigeren Preisen für die Abnehmer verfügbar. Daher hat die Ukraine mit der Unterstützung der USA damit begonnen, diese Schiffe auf See anzugreifen. Möglich wird dies unter anderem dadurch, dass die Ukraine eigene Kräfte auch außerhalb des unmittelbaren Kriegsgebietes einsetzt. So werden beispielsweise ukrainische Drohnenangriffe auf See von Libyen aus durchgeführt.

Vor allem die CIA unterstützt die Ukraine dabei, die richtigen Ziele auszuwählen und diese anzugreifen. Es verwundert daher nicht, dass sich die Lage im Iran-Krieg dahingehend verändert hat, dass russische Stellen dem Iran Aufklärungsdaten zur Verfügung stellen. Auch China ist bereit, den Iran in eine bessere Position zu versetzen. Das führt dazu, dass die USA im Iran-Krieg Verluste akzeptieren müssen. 

Eine ukrainische Drohne detoniert auf einem Schiff der russischen Schattenflotte. (Foto: Security Service of Ukraine; gemeinfrei)
Eine ukrainische Drohne detoniert auf einem Schiff der russischen Schattenflotte. (Foto: Security Service of Ukraine; gemeinfrei)

Russische Sicht

Der Druck auf Russland ist hoch. Dieser Umstand manifestiert sich beispielsweise in einer russischen Bekanntmachung, der zufolge einige europäische Unternehmen die Ukraine bei ihrer weitreichenden Drohnenkampagne durch den Bau oder das Liefern von Ersatzteilen unterstützen würden. Russische Offizielle erklärten diese zu legitimen Kriegszielen, in einem – so der russische Pressesprecher Dimitri Peskow – „Krieg“, den man gegen Europa führe.

Die russische Seite ging konkret darauf ein, dass Unternehmen aus Deutschland, Spanien, Italien oder Tschechien, ihren Teil zum Krieg in der Ukraine beitragen. Aus Sicht der Russen sind diese Unternehmen und ihre Standorte daher entsprechende legitime Ziele. Russland droht offen mit Maßnahmen gegen diese europäischen Unternehmen, die die Ukraine unterstützen.

Es verwundert daher nicht, dass es zuletzt vermehrt zu hybriden Angriffen auf die Kritische Infrastruktur in Europa gekommen ist. Ein Beispiel dafür ereignete sich vor Kurzem: Offenbar war versucht worden, eine Ölpipeline zu sabotieren, die von Italien über Österreich nach Deutschland führt. Dabei sollte eine Hochspannungsleitung unterbrochen werden, die die Pumpstation zur Steuerung des Öls über die Alpen mit Strom versorgt. Es gibt keinen konkreten Hinweis darauf, dass Russland hinter diesem Anschlag steckt, die Ausführung deutet jedoch darauf hin, dass staatliche Akteure diesen Sabotageversuch unternommen haben. 

Lage an der Front

Was hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren getan? Konnte Russland in den vergangenen zwei Jahren signifikant Gelände gewinnen? Im Donbass und im Süden Richtung Saporischja haben es die Russen geschafft, Gelände in Besitz zu nehmen, jedoch ohne den Verteidigungs- und Befestigungsgürtel der Ukraine zu überwinden. Beide Seiten haben im Ressourcenkampf hohe Verluste erlitten. In der Gegenüberstellung mit Russland ist zu sehen, dass sich die Verlustrate entweder in einem Verhältnis von 1:2 oder bei den gepanzerten Fahrzeugen im Verhältnis von 1:2,4 darstellen. Demnach ist die Situation für Russland noch nicht kritisch. 

» Russland hat nach wie vor genug Material, um diesen Krieg weiterführen zu können. «

Kräfteeinsatz

Im Sommer 2026 geht der Krieg in eine neue Phase Die russische Seite hat insgesamt sechs operative Manövergruppen im Einsatz. Von diesen haben zwei Manövergruppen unterstützende Aufgaben. Sie befinden sich in den Räumen Sumy und Charkiw als Gruppierung „Nord“ und als Gruppierung „Dnjpr“ im Raum Saporischja. Im Zentrum sind vier Gruppierungen: „Ost“, „Zentrum“, „Süd“ und „West“. Diese versuchen, schwergewichtsmäßig im Donbass weiter anzugreifen. Das Ziel ist die Inbesitznahme des Festungsgürtels von Slowjansk bis in den Süden nach Kramatorsk und Kostjantyniwka. Die letzgenannte Stadt meldeten die Russen bereits als eingenommen.

Die ukrainischen Streitkräfte versuchen, günstiges Gelände zu halten bzw. zumindest zu verzögern. Die Russen unternehmen alle Anstrengungen, im Zentrum des Donbass zwischen Kostjantyniwka, Kramatorsk und Slowjansk anzugreifen. Zudem ist es ihre Absicht, diesen Raum aus dem Norden über Lyman und aus dem Süden westlich von Kostjantyniwka einzuschließen und rasch in Richtung der Westgrenze dieses Oblasts und Donezk vorzugehen. Weiter im Süden haben russische Truppen versucht, in einer Offensive Richtung Saporischja vorzustoßen. Mit dem Gegenangriff der Ukraine gelang es den Russen nicht, weiter Richtung Westen zu stoßen.

Die Ukraine hat es an dieser Stelle in den letzten Monaten geschafft, mehrere Dutzend Kilometer vorzudringen und die Russen von ihrem Hauptstoß Richtung Westen abzulenken. In der Offensive muss die Ukraine erkennen, wie schwierig es geworden ist, auf einem gläsernen, von Drohnen durchsetzten, Gefechtsfeld in den Angriff überzugehen. Ein Beispiel dafür ist der Versuch eines ukrainischen Gegenangriffes bei Pokrowsk, wo man versucht hat, aus dem Norden von Pokrowsk vorzustoßen. Sobald die ukrainischen Truppen sich exponiert hatten, rieben die Russen sie durch den Einsatz von First-Person-View Drohnen auf.

Entlang der ukrainisch-russischen Verteidigungslinie stehen sich unterschiedliche Kampfgruppen gegenüber. (Grafik: Bundesheer/Markus Reisner)
Entlang der ukrainisch-russischen Verteidigungslinie stehen sich unterschiedliche Kampfgruppen gegenüber. (Grafik: Bundesheer/Markus Reisner)

Pattsituation

Das Kernproblem und der Grund für die so genannte Pattsituation stellen sich wie folgt dar. Zu beiden Seiten der Zero-Line befindet sich in einer Distanz von bis zu 25 Kilometern eine insgesamt 50 Kilometer breite Killzone. Die Zero-Line bezeichnet jene Linie, auf der sich die vordersten russischen Truppen in kleinen Trupps befinden. Von dieser Linie aus beginnt die Grauzone Richtung Ukraine. Im Frontbereich kann sich kaum jemand zu Fuß bewegen oder mit Panzern fahren und überleben. Es sind Drohnen, die diesen Raum beherrschen. Die russische Seite versucht als Angreifer, mit kleinen mobilen Einheiten – mittlerweile oft zu Fuß statt auf Motorrädern, mit einzelnen Soldaten oder kleinen Trupps – in diese Zone einzudringen, eigene Kräfte zu verstärken oder weiter Richtung Westen vorzustoßen.

In den ersten fünf Kilometern nach der Linie des Vormarsches versuchen die unmittelbar an der Front eingesetzten russischen Bataillone, jede Bewegung in und zwischen den ukrainischen Stützpunkten durch den Einsatz von First-Person-View Drohnen unmöglich zu machen. In einer Distanz von bis zu weiteren zehn Kilometern, kommen spezialisierte Einheiten der Brigade und der Division zum Einsatz. Diese versuchen aus der Tiefe heraus, die ukrainische Logistik, die die Stützpunkte in der Grauzone versorgt oder unterstützt, zu unterbrechen. In einer dritten Zone bzw. in einer dritten Linie befinden sich spezialisierte russische Einheiten wie die Einheit „Rubikon“. Ihre Aufgabe ist es, den Gefechtsraum zu isolieren und es den Ukrainern unmöglich zu machen, weitere Kräfte heranzuführen.

Mit dieser Idee der Abnützung versuchen es die russischen Streitkräfte, sich Schritt für Schritt vorzuarbeiten. Die Herausforderung für sie besteht darin, dass die Ukraine ihrerseits dieselbe Vorgehensweise gegen russische Kräfte anwendet. Hier sind es ukrainische Drohneneinheiten, die die Russen attackieren.

Entlang der Verteidigungslinie verhindern unterschiedliche Zonen nahezu jede Bewegung. (Grafik: Bundesheer/Markus Reisner)
Entlang der Verteidigungslinie verhindern unterschiedliche Zonen nahezu jede Bewegung. (Grafik: Bundesheer/Markus Reisner)

Unbemannte Systeme

Dem Mangel an Soldaten versucht die Ukraine zu begegnen, indem sie unbemannte Systeme einsetzt. Diese kommen in der Luft als Drohnen zur Aufklärung und zum Angriff, aber auch als Bodensysteme beim bewaffneten Kampf oder der Versorgung zum Einsatz. Etwa 90 Prozent der ukrainischen Logistik an der Front wird bereits mit unbemannten Systemen ausgeführt.

Die ukrainische Absicht ist es, durch diese unbemannten Systeme auf der russischen Seite eine höhere Verlustrate zu erzielen. Nach ukrainischen Angaben laufen pro Monat zwischen 35 000 und 40 000 Mann der russischen Front zu. Die Idee der Ukraine ist es, pro Monat circa 50 000 russische Soldaten zu neutralisieren, um den Kreislauf des Abnützungskrieges zu durchbrechen. Unbemannte Systeme sollen ihnen dabei helfen. Tatsächlich kann man – aufgrund des Zustands an der Front – erkennen, dass die Ukraine es immer besser schafft, die eigenen Soldaten durch den Einsatz unbemannter Systeme zu schützen. Auch die signifikante Lücke in der Geburtenpyramide der zwischen den 20- und 35-Jährigen, welche die ukrainische Rekrutierung erschwert, lässt sich durch den Einsatz solcher Systeme an der Front überbrücken.

Schläfer- und Angriffsdrohnen

Eingesetzt werden unterschiedlichste Systeme. So gibt es Drohnen, die gelandet in „Lauerstellung“ bereitstehen, bei jeder Annäherung sofort reagieren und sich auf Fahrzeuge oder auch Personen stürzen. Diese nennt man „Schläferdrohnen“. Vor allem gegenseitige Einsätze von Angriffsdrohnen führen dazu, dass die Russen zunehmend Schwierigkeiten haben, weiteres Gelände im Besitz zu nehmen.

In den vergangenen Monaten kam es von russischer Seite aus entlang der gesamten Front zu einem Rücklauf der Inbesitznahme von Gelände. Durch die ukrainische Gegenoffensive im Süden konnten die Russen kein weiteres Gelände in Besitz nehmen. 

Festungsgürtel

Die Ukraine versucht, den Einsatz unbemannter Systeme mit Befestigungsanlagen entlang der gesamten Front zu kombinieren. Die russischen Angriffsanstrengungen konzentrieren sich derzeit vor allem auf den Festungsgürtel. Dieser zieht sich von Kostjantyniwka über Druschkiwka und Kramatorsk bis nach Slowjansk. Russland versucht, schwergewichtsmäßig aus dem Norden von Lyman kommend bzw. aus dem Süden westlich von Kostjantyniwka vorzumarschieren. Die Ukraine errichtet indes weitere Verteidigungsstellungen in der Tiefe, um den Russen das Vorgehen zu verwehren.

Die „Geheimwaffe“, die hier angewandt wird, ist vor allem Stacheldraht. Er eignet sich am besten, um die Trupps russischer Soldaten aufzuhalten. Es gibt aber auch gut ausgebaute Befestigungsanlagen. Die Ukraine verfügt über tiefgestaffelte Verteidigungspositionen, die aus einer Mischung aus Panzerwällen, Drachenzähnen, sowie Stacheldrahtrollen vor und nach den Drachenzähnen und Panzergräben bestehen. Mit diesen soll verhindert werden, dass die Russen durch die Verteidigungspositionen stoßen. Zusätzlich wird dieser Raum permanent von Drohnen überwacht, die Ziele nicht nur aufklären, sondern auch gezielt angreifen. 

Somit stellt sich die Frage, wo die taktischen bzw. operativen Angriffsanstrengungen der russischen Föderation für den diesjährigen Sommer und Frühherbst erwartet werden können. Das Schwergewicht der Kämpfe liegt im Raum Donbass, im Festungsgürtel zwischen Slowjansk bis hinunter nach Kostjantyniwka sowie südlich davon bei Saporischja. Auch im Sommer diesen Jahres wird davon auszugehen sein, dass Russland seine Angriffsanstrengungen auf den Donbass legen wird. Weitere Vorstöße, wie im Raum Sumy oder südlich davon sind zu erwarten, um die Stoßrichtung der Russen im Zentrum zu unterstützen.

Der Verwendung von Stachelband bzw. Stacheldraht kommt nach wie vor eine große Bedeutung zu. (Foto: General Staff of the Armed Forces of Ukraine; Gemeinfrei)
Der Verwendung von Stachelband bzw. Stacheldraht kommt nach wie vor eine große Bedeutung zu. (Foto: General Staff of the Armed Forces of Ukraine; Gemeinfrei)

Ausblick

Die Ukraine hingegen versucht derzeit auf operativer Ebene, eine Offensive aus der Luft. Mit Künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerte Drohnen vom Typ „Hornet“, ein Ergebnis der Zusammenarbeit der Ukraine mit dem ehemaligen CEO von Google, Eric Schmidt, zerstören russische Tanklastwagen auf ihrem Weg auf die Krim. Man versucht, die gescheiterte Landoffensive vom Juni 2023 nun aus der Luft zu wiederholen. Hinzu kommen massive ukrainische Angriffe auf strategischer Ebene. Hier spielt die Unterstützung durch Palantir (Alex Karp) und der Software „Maven“ eine große Rolle. Gepaart mit der Zielaufklärungsunterstützung durch die CIA fügen die Ukrainer den Russen schwere Schläge zu. Die Zerstörungen in der russischen Erdölproduktion sollen bereit über 43 Prozent betragen. Das setzt die Russen massiv unter Druck. 

Die letzten Monate haben gezeigt, dass es sehr schwierig ist, verlässliche Prognosen zur militärischen Entwicklung des Ukraine-Krieges zu treffen. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass der US-Präsident sein Stimmungsbild wieder ändert und sich auf neue Aktionen einlässt, die nicht vorhersehbar sind. Klar ist, dass es vor allem die USA sind, die die Kriegsparteien dazu bringen können, Frieden zu schließen.

Beim NATO-Gipfel in der Türkei wurde der Ukraine von Präsident Trump zugesagt, „Patriot“-Raketen in Lizenz produzieren zu dürfen. Die Lieferung von Tomahawk Systemen steigert wiederum das Abschreckungspotential Deutschlands und somit der NATO gegenüber Russland enorm. Somit wird eine bis jetzt bestehende Fähigkeitslücke geschlossen. Deutschland setzt somit einen Kontrapunkt zur russischen Drohung mit „Iskander“-Raketen. Bis jetzt waren die USA bei diesem Thema zurückhaltend. 

Donald Trump möchte jedoch den Ukrainekrieg beenden. Dazu muss er Druck auf Russland ausüben. Das erfolgte durch direkte Unterstützung der Ukraine bei der Zielaufklärung sowie durch indirekte Unterstützung mit für Russland bedrohlichen Waffenlieferung an Europa. Das Ziel ist eine "kontrollierte Eskalation", um Russland zum Einlenken und zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Die Ukraine wiederum weiß, sollte es bis zum Winter keine Lösung geben, werden die Russen wieder mit ihren Angriffen auf die kritische Infrastruktur beginnen. Und auch Russland hat in seinem umfangreichen, auch nuklearen Waffenarsenal noch Eskalationspotential verfügbar.


Autor

(Foto: Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD; Leiter Institut 1 an der Theresianischen Militärakademie)

Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD

Leiter Institut 1 an der Theresianischen Militärakademie

Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD ist Militärexperte und durch seine zahlreichen Auftritte im in- und ausländischen Fernsehen bekannt. Der ehemalige Jagdkommandosoldat, Historiker und Autor zahlreicher Sachbücher absolvierte mehrere Auslandseinsätze.


Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 03/2026 (411): Unter Wasser beginnt der Auftrag

Die sicherheitspolitische Lage bleibt angespannt: Krieg in der Ukraine, Eskalationen im Nahen und Mittleren Osten sowie hybride Bedrohungen zeigen, wie verwundbar Staaten und Gesellschaften geworden sind. Cyberangriffe, kritische Infrastruktur und digitale Abhängigkeiten werden damit zu zentralen…