Landstreitkräfte denken dritte Dimension
War der Kampf der verbundenen Waffen für Brigaden bereits die Kür im Gefecht, so wird durch die Fähigkeitenerweiterung von Drohnen, Loitering Ammunition und Joint Fire Support die dritte Dimension noch stärker betont. Um diese erfolgreich und effizient zu nutzen, müssen die Landstreitkräfte ihren Luftraum zunehmend selbst koordinieren.
Ausgangslage
Die Landstreitkräfte (LaSK) haben in Zukunft den von den Luftstreitkräften (LuSK) separierten und zugeordneten Luftraum für ihre eigenen Nutzer wie Drohnen, Loitering Ammunition, Steilfeuer und Luftabwehr selbst zu koordinieren (siehe TD-Heft 4/25, Joint Fire Support Coordination). Die Komplexität der Aufgabe, was die Anzahl sowie die Häufigkeit und Reaktionsfähigkeit dieser Objekte im Gefecht betrifft, erfordert eigene Fähigkeitselemente zur Luftraumkoordinierung. Das Ziel ist eine friktionsfreie und erfolgreiche Einsatzführung.
Gleichzeitig ergibt sich, ähnlich wie bei den LuSK, aus dieser Anforderung der Bedarf einer digitalen Unterstützung, um neben der zweiten auch die dritte Dimension für die Einsatzführung zu visualisieren und die getroffenen Maßnahmen korrekt und zeitgerecht zur Verfügung stellen zu können.
Es wäre naheliegend, die vorhandenen Verfahren der Luftraumkoordinierung der LuSK auf die Landstreitkräfte zu übertragen. Bei genauerer Betrachtung ist das alleinige Skalieren nicht die Lösung, weil die räumlichen Dimensionen gänzlich andere und die Einsatzverfahren für die Luftkriegsführung optimiert worden sind. Selbst die Luftnahunterstützung (Close Air Support - CAS) für die Landstreitkräfte ist in diesem Zusammenhang eher als Ausnahme denn als Normfall für die LuSK zu sehen.
Das hat in der Vergangenheit zum großflächigen „Stillschweigen“ des Steilfeuers – als Deconflicting-Maßnahme – bei den Landstreitkräften geführt. Mit den vielfältigen Aufgaben der zukünftigen Nutzer im Verantwortungsraum, also dem derzeitigen Verantwortungsbereich der Landstreitkräfte erweitert um die dritte Dimension, kann die großflächige Separierung von Mitteln der Landstreitkräfte allerdings nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Viel mehr aber als der CAS (erfahrungsgemäß maximal 25 Prozent der verfügbaren Luftmittel), werden die Luftmittel der LaSK die eigene Einsatzführung der LaSK beschäftigen. International ist der Einsatz von Drohnen in Stabilisierungsoperationen bereits State of the Art und der Einstieg ins konventionelle Gefecht. Die Koordinierung von taktischen Luftmitteln der Bodentruppen in konventionellen Peer-to-Peer-Szenarien ist allerdings noch nicht in den Vorschriften der Landstreitkräfte angekommen, obwohl der Krieg in der Ukraine genügend Erkenntnisse bereitstellt.
Die österreichische Vorschrift zum Luftraummanagement aus dem Jahr 2020 referenziert in der Zusammenarbeit mit Landstreitkräften primär auf die „Doctrine of Joint Airspace Control“ (AJP-3.3.5.1(B); 2017) sowie auf die „Joint Airspace Control Tactics, Techniques and Procedures“ (ATP-3.3.5.1(A); 2016) der USA, obwohl diese derzeit in Österreich nicht angewendet werden. Unabhängig davon war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der zitierten Vorschriften der Einsatz von Luftmitteln in Verantwortung der Landstreitkräfte in einer hohen Intensität noch nicht absehbar. Ein Nachteil: Die Vorschriften gehen nur auf die Separierung der Luftmittel von den Landstreitkräften ein, nicht aber, wie deren Koordinierung zu erfolgen hat.
In dieser Situation ist, neben dem Ab- und Erwarten der Standardisierung für Landstreitkräfte anderer Nationen, möglicherweise auch eine generische Annäherung an das Thema der Luftraumkoordinierung zielführend, um nach dem Zulauf der in Beschaffung befindlichen Systeme eine erste Idee bzw. Handlungsanweisungen für den Bedarfsträger bereitzustellen. Im Wesentlichen sind es Unmanned Aerial Vehicles (UAV – Drohnen) und Loitering Ammunition (LoitM – Drohnen mit Explosivstoff) der LaSK, die den Luftraum – in Verbindung mit indirekter Feuerunterstützung, Luftabwehr und CAS – verkomplizieren und deren Einsätze geregelt werden müssen. Nachdem der Verbund von Aufklärung, Feuer und Bewegung in der zweiten Dimension als gut eingespielt angenommen werden, müssen diese Funktionen als Ausgangspunkt für die weiteren Beurteilungen herangezogen und die dritte Dimension auf die Aspekte der Landkriegsführung ausgerichtet und integriert werden.
| Aufgabenstellung/Zweck | Ziel | Ebene, Waffengattung | |
|---|---|---|---|
| Drohnen (UAV) | Aufklärung zur Force Protection | Erweiterung des visuellen Beobachtungsbereiches zur Verbessserung des unmittelbaren eigenen Lagebildes und der Erhöhung der Reaktionszeiten | OrgEt, TlEinh |
| Aufklärung zur Feststellung des Lagebildes (Lageaufklärung) | Feststellen und Ergänzung des Lagebildes der übergeordneten Ebene nach konkreten Vorgaben zur Informationsgewinnung | Truppenaufklärung, Aufklärungstruppe | |
| Aufklärung zur Zielfestlegung und -bewirkung (Ziel- und Wirkungsaufklärung | Bestimmung von Zieldaten zur unmittelbaren Bewirkung inklusive der Zielbeleuchtung und- markierung sowie der abschließenden Beurteilung der erzielten Wirkung | Truppenaufklärung, Aufklärungstruppe, Joint Fire Support Elemente | |
| Erkundung | Schaffung von Planungsgrundlagen | Alle Waffengattungen und Ebenen | |
| Spüren und Suchen | Feststellen der Art und Lage von Kampfmittel bzw. Vermisster/Verwundeter im Gelände | ABC-Kräfte, Pi-Kräfte | |
| Verbindung | Aufrechterhaltung der Verbindungen über größere Distanzen bzw. im schwierigem Gelände | FüU-Kräfte | |
| Versorgung | Aufrechterhaltung der Versorgung mit wichtigen Versorgungsgüter | Einh, klVbd | |
| Loitering Ammunition (LoitM) | Zielbekämpfung zur force Protection | Erweiterung des Wirkungsradius im unmittelbaren Nahbereich | OrgEt, TlEinh |
| Zielbekämpfung | Bewirken im Rahmen der geplanten Einsatzführung | TlEinh, Einh, klVbd, grVbd |

Feststellung und Bewertung
Zuerst ein kurzer Überblick über die möglichen taktischen Nutzer sowie deren Aufgaben im Luftraum der Landstreitkräfte: Alle in der obigen Tabelle dargestellten Aufgabenstellungen (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit) haben eines gemeinsam. Ob im organisch strukturierten Verbund mit den Bodentruppen im unmittelbaren Kampfraum eingesetzt, von der übergeordneten Ebene zur Unterstützung in denselben Raum bzw. in der Tiefe des eigenen Verantwortungsbereiches/-raumes bereitgestellt, oder im rückwärtigen Raum zur Aufklärung und Abwehr von Bedrohungen, sie benötigen einen definierten Luftraum.
Ausgangspunkt dieser Betrachtung sind die momentan verfügbaren Regelungen für die Luftnahunterstützung, die immer eine finale Angriffskontrolle (terminal attack control) durch einen qualifizierten Joint Terminal Attack Controller (JTAC) verlangen, um Eigenbeschuss (Friendly Fire) und Kollateralschäden zu verhindern. International verwendet man den Begriff der „Kill Box“ für die Luft-Boden-Unterstützung in der Abriegelung aus der Luft (Air Interdiction), um Erdziele auch ohne den Einsatz eines JTAC bekämpfen zu können. Dies setzt die Abwesenheit eigener Truppen voraus, sodass der Einsatz ohne weitere Koordinierung oder Gefährdung erfolgen kann. Zur Unterscheidung von anderen Luftraumkoordinierungs- bzw. Feuerunterstützungsmaßnahmen werden sie, bei Abwesenheit Eigener, als „Blue Kill Box“ bezeichnet. Eine mögliche wechselweise oder parallele Nutzung durch Luftkampfmittel oder Steilfeuer wird durch die Codierung „Purple Kill Box“ ausgedrückt.
In Analogie zu den „Kill Boxes“ und Farbcodes der LuSK, unter Anwesenheit von Bodentruppen bzw. Abstützung auf JTAC, findet man in Beschreibungen und in Gesprächen mit Anwendern vermehrt die Begrifflichkeiten wie Army Blue, Army Red und Army Green. In der digitalen Koordinierung von Luft- und Bodenkräften können diese Begriffe Funktionalitäten zuordnen und Verwechslungen ausschließen. So wird Blue für Luftmittel, Red für Steilfeuer und Lenkwaffen sowie GreenfürFeuer und Bewegung von Bodenkräftenverwendet und koordiniert. Es wird hier aber ausschließlich die Sichtweise der LuSK bezüglich der Möglichkeit einer Nutzung durch Luftmittel ausgedrückt. Damit wird nicht der Einsatz der Luftmittel der Landstreitkräfte und deren interne Koordinierung geregelt, diese Vorgangsweise dient nur der Separierung von Lufträumen.

Folgerungen
Um den Einsatz eigener Luftmittel der LaSK in das taktische Planungsverfahren zu integrieren und koordinieren zu können, müssen zuerst Ziel und Zweck des jeweiligen Luftmittels beschrieben sowie aufgrund der technischen Ausstattung und Leistungsfähigkeit der Raumbedarf zur Aufgabenerfüllung anhand verschiedener Parameter festgelegt werden.
Als Vergleich zum Einsatz eines Kampfpanzerzuges, der wegen seiner Beobachtungsreichweite (Tag/Nacht) und seiner Einsatzschussweite im Vierer-Verbund (Feuer/Bewegung) einen klar definierten Verantwortungsbereich zugeordnet bekommt, muss eine Drohne oder ein Drohnenverbund auf Basis der jeweiligen Beobachtungs-/Wirkungsentfernungen eine erforderliche Flughöhe bzw. einen Verantwortungsraum zur Auftragserfüllung erhalten. Bei der optimalen Flughöhe kann die Drohne entsprechend der Auflösung und Beobachtungsreichweite der Sensorik folgendeFähigkeitsforderungen erfüllen:
- Feststellen (da ist etwas; initiale Alarmierung);
- Erkennen (das ist ein Räderfahrzeug; Einordnung in Kategorien);
- Identifizieren (das ist ein Mannschaftstransportpanzer Pandur; spezifische Differenzierung).
» Die Leistungsparameter der Aufklärungsmittel müssen in den Handakt Taktik einfließen und für die Planung und Führung des Gefechtes und Luftraumkoordinierung der Landstreitkräfte herangezogen werden «
Wird der Verantwortungsraum in der Flughöhe nicht zur Verfügung gestellt oder temporär eingeschränkt, kann sich die Fähigkeit des Systems nicht voll entfalten. Die eigentliche Unterstützungsleistung dieser Systeme wird dadurch geschmälert. Diese systematische Herangehensweise ist ebenfalls auf die Loitering Ammunition anzuwenden.
In der Aufklärung sind die Fähigkeitsanforderungen „Feststellen, Erkennen und Identifizieren“ systemspezifisch und vor allem von der verwendeten Technologie (Radar, Infrarot, Wärmebild, elektro-optronisch, visuell) bestimmt. In weiterer Folge müssen diese Werte in den Handakt Taktik einfließen undfürdie Planung und Führung des Gefechtes sowie für die Luftraumkoordinierung der Landstreitkräfte herangezogen werden. Solange die Planung und die Einsatzführung des Luftkorridors für Luftmittel nicht mit einer digitalen Unterstützung visualisiert werden kann, ist man auf die einzelnen Operatoren angewiesen und muss darauf vertrauen, dass sie sich – durch die genaue Kenntnis der Lokation und Höhe ihres Luftmittels im Verantwortungsraum – innerhalb der Luftraumkoordinierungsmaßnahmen bewegen. Diese Ausgangssituation ist unflexibel und zeitaufwendig, weil die Verteilung der Daten an alle betroffenen Elemente eine gewisse Zeit benötigt.
In einem weiteren Zwischenschritt könnten in Anlehnung an das beschriebene Boxen-Verfahren räumliche Abgrenzungen nach der Seite, der Tiefe und der Höhe geschaffen werden, die für das jeweilige Luftobjekt zur Nutzung seiner Einsatzführung freigegeben bzw. für andere Nutzer gesperrt werden. Der Drohnenoperator in Analogie zum Panzerkommandanten muss weiterhin den Verantwortungsraum kontrollieren. Durch eine abgestimmte Sequenzierung wird der tatsächlich gesperrte Luftraum insgesamt reduziert bzw. effizienter genutzt. Nutzer, wie beispielsweise das Steilfeuer, können weiterhin die Feuerunterstützung uneingeschränkt sicherstellen, sofern sie nicht die Box (z. b. den Luftraum für die Drohnen) berühren oder durchdringen müssen. Zumindest ist damit, isoliert betrachtet,fürdenjeweiligen eigenen Verantwortungsraum eine Einsatzführung sichergestellt.

In Schwergewichtsräumen wird vor allem der Separierung durch Coordination Levels der Höhe nach an Bedeutung gewinnen, weil auch übergeordnete Ebenen Lufträume oberhalb nutzen, die auf andere Systeme und deren Aufgabenstellungen ausgerichtet sind. Doch in diesem Zusammenhang liegt die eigentliche Herausforderung im Einsatz von indirektem Feuer und im Einsatz von bodengebundener Luftabwehr. Steilfeuer, das möglicherweise mehrere Coordination Levels verschiedener Systeme und Ebenen schneidet, muss in der aufsteigenden und in der absteigenden Flugbahn geprüft und koordiniert werden. Neben der unerwünschten Wirkung durch direkte Treffer bzw. durch Sekundärwirkung kann die mögliche Koordinierungsmaßnahme zeitliche und räumliche Separierungen zur Folge haben. Dies kann dazu führen, dass zum Beispiel eine Aufklärungsdrohne für diesen Zeitraum kein Lagebild aus dem betroffenen Raum liefern kann. Damit ist neben der Koordinierungsaufgabe auch die taktische Konsequenz in Betracht zu ziehen. Entweder ist eine Priorisierung der Aufgabenstellung vorzunehmen oder es wird eine alternative Möglichkeit gefunden.
Für die bodengebundene Luftabwehr löst die sequenzielle Aktivierung von raumgebundenen Boxen nicht das Problem, zwischen den eigenen und gegnerischen Drohnen unterscheiden zu müssen. Das heißt, dass eine aktivierte Box und das daraus resultierende Feuerverbot für die Luftabwehr auch durch den Gegner genutzt werden kann. Darum ist für den Luftabwehrverbund das gemeinsame Luftlagebild (Recognized Air Picture) inklusive der Luftmittel der Landstreitkräfte von entscheidender Bedeutung. Das führt zur Forderung, durch Positive Control (der Flugverkehrsleiter übernimmt die aktive Verantwortung für Staffelung und Führung der Luftfahrzeuge; Anm.) das zu verhindern. Positive Control wird durch das Wissen um den Aufenthaltsort im Raum realisiert, entweder durch eine Radarsignatur oder durch einen Transponder. Nachdem davon auszugehen ist, dass dem Drohnenoperator der Aufenthaltsort zur Drohnensteuerung digital zur Verfügung gestellt wird, sollte dieser zur Koordinierung im digitalen Aufklärungs-, Führungs- und Wirkungsverbund verfügbar gemacht werden, um Friendly Fire zu verhindern.
Je umfangreicher den Bodentruppen eine digitale Unterstützung für die Planung, Führung und Verteilung der Daten zur Verfügung steht – z. B. durch das neue Battlefield Management System (BMS) in Verbindung mit dem Führungsinformationssystem –, umso eher werden die Räume weniger beschränkt sowie die Aufklärung und die Wirkung effektiv verschränkt. Das erfüllt auch den aus dem Aufbauplan ÖBH2032+ abgeleitete Anspruch an die Erhöhung der Kampfkraft sowie der eigenen Führungs- und Informationsüberlegenheit.

Auf einen Blick
Das moderne Gefecht erfordert ein domänen- und teilstreitkräfteübergreifendes, genaues und aktuelles Lagebild, um den Kampf effektiv und effizient zu führen. Dazu erhalten die Landstreitkräfte in absehbarer Zeit eigene Luftmittel, die nicht nur den Aufgabenbereich erweitern, sondern auch den Verantwortungsbereich zu einem Verantwortungsraum umgestalten. Verantwortung heißt ebenfalls Planung und Koordinierung der jeweiligen Nutzer in dieser, für die Landstreitkräfte neu eröffneten, dritten Dimension. Durch die Technologisierung und Erweiterung von Beobachtung und Bewirkung – teilweise über größere Distanzen als bisher – hat diese Dimension das Potenzial, ein Gamechanger im Gefecht zu werden. Die Entwicklungen in der Ukraine bestätigen diese Annahme.
Ohne die Kontrolle des Luftraumes und den neuen Verfahren zur Einsatzführung – vor allem in einem komplexen Umfeld – ist diese neugewonnene Fähigkeit der Landstreitkräfte wertlos. Nachdem die Dimensionen und Reaktionszeiten der Landstreitkräfte weit unter denen der Luftstreitkräfte liegen und die Anzahl der Nutzer und deren Interdependenzen komplexer werden, können nur digitale Informationssysteme mit entsprechenden Werkzeugen die handelnden Soldaten effizienter und damit effektiver machen.
Publikationen