Kognitive Kriegführung
Es gibt Kriege, die man sieht und solche, die man nicht sieht. Die sichtbaren Kriege füllen Nachrichtensendungen mit Bildern brennender Städte und zerstörter Infrastruktur. Die unsichtbaren sind lautlos, hinterlassen keine Trümmer und werden nie erklärt. Oft merken die Betroffenen nicht einmal, dass sie angegriffen werden. Ihre Waffen sind Informationen, Algorithmen, Psychologie und Neurobiologie. Ihr Schlachtfeld ist das menschliche Gehirn.
Diese Form der Kriegführung hat einen Namen: Cognitive Warfare, oder auf Deutsch: kognitive Kriegführung. Sie ist keine Zukunftsvision, sondern bereits heute Realität – in sozialen Netzwerken, in Nachrichtenportalen, in Kommentarspalten und in den Köpfen von Soldaten, Politikern und Bürgern. Für das Bundesheer und Österreich stellt sich nicht mehr die Frage, ob man davon betroffen ist. Die Frage lautet: Wie gut sind wir darauf vorbereitet?
Einordnung
Kognitive Kriegführung ist nicht Propaganda. Klassische Propaganda zielt darauf ab, was Menschen denken. Kognitive Kriegführung orientiert sich daran, wie Menschen denken und fasst die Strukturen der Wahrnehmung, Urteilsbildung und Entscheidungsfindung selbst ins Auge. Wer die Kognition, d. h. die Wahrnehmung, das Denken, Handeln und die Entscheidungsfindung, eines Gegners beeinflusst, muss ihn nicht von einer konkreten Falschaussage überzeugen. Es genügt, das Vertrauen in Informationen überhaupt zu untergraben. Das Ergebnis ist keine falsche Meinung, sondern Desorientierung – und Desorientierung lähmt.
Der NATO-Innovation Hub definierte Cognitive Warfare 2020 als jene Form des Konfliktes, die „jedermann zur Waffe macht“, ohne dass die Betroffenen es wissen. Fortschritte in den Neurowissenschaften, der Informationstechnologie, der Biotechnologie und in der Kognitionswissenschaft ermöglichen heute Formen der Einflussnahme auf das menschliche Gehirn, die weit über herkömmliche Meinungssteuerung hinausgehen. Der „NATO Chief Scientist Research Report on Cognitive Warfare” stellt fest, dass die kognitive Kriegführung einen größeren Bereich abdeckt als Informationsoperationen oder Cyber-Operationen. Ihr Ziel ist die Veränderung des menschlichen Verhaltens durch kognitive Effekte, oft unterhalb der Schwelle bewaffneter Konflikte, gezielt auf Chaos und Komplexität ausgerichtet (siehe TD-Heft 1/2025 „Ziel ‚Panik und Horror‘“).
Die EU und ihre Mitgliedsstaaten stehen vor einer Grundsatzentscheidung: kognitive Verwundbarkeiten als unvermeidlich hinzunehmen – oder anzuerkennen, dass die Kognition selbst zum Schlachtfeld geworden ist.

Sechstes Operationsfeld
Die fünf klassischen Operationsfelder – Land, See, Luft, Weltraum und Cyber – zielen auf die Infrastruktur, das Territorium und technische Systeme ab. Im kognitiven Raum hingegen ist der Mensch selbst das Ziel. Der chinesische General und Philosoph Sun Tzu formulierte dieses Grundprinzip bereits vor 2 500 Jahren: „Die Kunst des Krieges besteht darin, den Feind ohne Kampf zu besiegen.” Letztlich dienen alle Aktionen in den klassischen Domänen dem Ziel, kognitive Effekte zu erzielen.
Klassische Informationskriegführung strebt vor allem an, Inhalte zu manipulieren (z. B. durch Desinformation und Propaganda), um Meinungen und Stimmungen zu beeinflussen. Kognitive Kriegführung geht einen Schritt weiter und greift gezielt Wahrnehmung, Denkprozesse und Vertrauensmuster an, um die Art und Weise zu verändern, wie Menschen Informationen verstehen, bewerten und Entscheidungen treffen – eine strategische Veränderung menschlicher Kognition, mit Waffen aus der Gehirnforschung und Biotechnologie sowie mittels KI-gestützter Ausbeutung von Social-Media-Daten. Bots sättigen den Informationsraum. Large Language Models erzeugen Rauschen. Werkzeuge wie die unten beschriebene Operation „CopyCop” verändern Medieninhalte industriell und verbreiten diese massenhaft.
Informationsüberlastung, die gezielte Verbreitung einer Flut von Inhalten, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt, reduziert die Kapazität der Menschen für eine kritische Bewertung und begünstigt einfache Erklärungen. Die soziale Manipulation nutzt die Gruppenidentität: Unter Slogans wie: „Wir sind das Volk!”, werden Minderheiten als Mehrheiten inszeniert, um das Gefühl eines gesellschaftlichen Kipppunktes zu erzeugen. Der emotionale Druck wirkt, weil Emotionen stets die Grundlage jeder Entscheidung bilden. Gezielt erzeugte Angst oder Wut verdrängen rationale Urteile, bevor diese überhaupt formuliert werden können.
Hinzu kommen etwa 240 dokumentierte kognitive Biases — Verzerrungen in den Wahrnehmungen, im Denken oder bei Entscheidungen, die entstehen, weil das Gehirn Informationen über vereinfachende Denkmuster und persönliche Erfahrungen filtert, statt sie vollständig rational zu verarbeiten. Die kognitive Kriegführung nutzt damit nicht Ausnahmesituationen aus, sondern den Normalbetrieb des Gehirns. Das schnelle, intuitive Denken ist der „Energiesparmodus“ der menschlichen Kognition und somit das bevorzugte Einfallstor für Manipulation.

Manipulation
Die Bedrohungslandschaft ist vielschichtig, die Hauptprotagonisten sind jedoch klar zu identifizieren. Die Desinformationskampagne „Doppelgänger“ der russischen Social Design Agency ist ein Netz gefälschter Nachrichtenportale, die westliche Qualitätsmedien täuschend echt klonen und in denen gefälschte Artikel platziert werden. Hunderttausende Bots verstärken diese Kampagne. Laut des dritten EU-Berichtes zu Foreign Information Manipulation and Interference-(FIMI-) Bedrohungen 2025 umfasst die „Doppelgänger-Kampagne” 228 Domains und 25 000 Netzwerke koordinierten unechten Verhaltens in neun Sprachen – von Englisch und Deutsch über Arabisch und Hebräisch bis hin zu Polnisch und Türkisch. Die „Doppelgänger-Kampagne“ ist damit eine der am umfangreichsten dokumentierten und gleichzeitig hartnäckigsten Einflussoperationen im europäischen Informationsraum.
Ergänzt wird „Doppelgänger” durch die Operation „CopyCop”: Generative Künstliche Intelligenz (KI) produziert massenhaft scheinbar journalistische Inhalte, während die Doppelgänger-Infrastruktur die Verbreitungskanäle bereitstellt. Das Ergebnis sind künstliche Mehrheitsmeinungen, die kognitive Abkürzungen erzwingen: Wer glaubt, alle dächten so, passt sich an, ohne selbst nachzuprüfen. Durch diese Taktiken werden Individuen in eine Parallelrealität gezogen, in der ihre Wahrnehmungen geformt werden, während die Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften erodiert. Der vierte FIMI-Bericht 2026 zeigt, wie Russland und China diese Infrastrukturen seither weiter ausgebaut haben. Russische FIMI-Aktivitäten verfolgen dabei drei Hauptziele, nämlich:
- die internationale Unterstützung für die Ukraine zu untergraben;
- die Ukraine als Angreifer darzustellen;
- ukrainische Flüchtlinge in den EU-Gastländern zu diffamieren.
Die Kampagnen nutzten gezielt Wahlkämpfe — z. B. in Polen und in Deutschland — als Verstärker für ihre Narrative. China verfolgt eine langfristigere, subtilere Strategie. Wie ein Papier des European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats zu KI und FIMI 2025 beschreibt, setzen chinesische Akteure zunehmend auf eine algorithmische kognitive Kriegführung: KI-Systeme beeinflussen Nutzer auf Basis detaillierter Verhaltensdaten – personalisiert, kaum nachweisbar und schwer zuordenbar. Hybride Akteure verstärken oft beide Seiten einer Debatte gleichzeitig, nicht um eine bestimmte Meinung zu fördern, sondern um die Spaltung zu maximieren. Koordinierte Operationen intensivieren pro- und kontra-Positionen zu Migration, Geschlechterrollen oder zur Ukraine-Invasion gleichzeitig – Spaltung ist dabei kein Nebeneffekt, sondern die eigentliche Strategie.

Demokratien unter Beschuss
Demokratien sind besonders anfällig für kognitive Angriffe, aus denselben Gründen, die ihre Stärke ausmachen. Offenheit, Meinungsfreiheit und eine diverse Medienlandschaft können ausgenutzt werden, um öffentliches Vertrauen zu untergraben und Feindseligkeit zu säen. Dies ist jedoch kein Systemversagen der Demokratie, sondern der Preis der Freiheit, den Angreifer strategisch nutzen.
Die strukturellen Verwundbarkeiten lassen sich auf mehreren Ebenen beschreiben. Auf politischer Ebene erodiert ein wachsendes Misstrauen in Institutionen sowie in die Funktionsfähigkeit und Wirksamkeit von Sicherheitsorganisationen. Die Politisierung der Wissenschaft das Fundament, auf dem demokratische Debatten erst möglich werden. Auf militärischer Ebene entsteht eine ausnutzbare Asymmetrie zwischen schneller Technologieentwicklung und langsamer Anpassung der Doktrinen.
Wirtschaftlich schaffen Inflation und strategische Abhängigkeiten Resonanzböden für feindselige Narrative über das Versagen des politischen Systems. In der Gesellschaft begünstigen Meinungsfreiheit und soziale Medien die Verbreitung von Desinformationen zu Themen wie Impfungen, Klimawandel oder Migrationsfragen. Auf der Infrastrukturebene verstärken Algorithmen die Polarisierung, Bot-Netzwerke simulieren einen falschen Konsens und Deepfakes machen sich fehlende Authentifizierungsstandards zunutze.
Das „Risikobild 2026“ des BMLV hält fest: Russische Informationsoperationen steuern gezielt auf Spaltungen innerhalb der EU hin. Besonders „Gendered Disinformation“ sticht hervor — Falschmeldungen, die sich gegen Frauen in politisch relevanten Positionen richten, um sie aus dem Diskurs zu verdrängen. Eine Demokratie, die strukturell andere Perspektiven ausschließt, verliert ihre Legitimität und damit einen Kern ihrer Stabilität.
Dabei ist der psychologische Hintergrund ebenso bedeutsam wie die technologische Infrastruktur. Digitale Überstimulation, chronischer Informationsüberfluss und emotionale Manipulation über soziale Medien schwächen die individuelle Resilienz. Gegner nutzen bestehende Schwächen, um Kohäsion und kognitive Integrität zu erodieren. Junge Menschen erkennen Desinformation oft, können sie aber selten einordnen. Hier entfaltet die kognitive Kriegführung ihre Wirksamkeit, nicht durch den offenen Widerspruch, sondern durch das gezielte Säen von Zweifeln und das Angebot einfacher, haltgebender Narrative.

Österreich im Fokus
Schützt die Neutralität vor kognitiven Angriffen? Nein, denn laut der „österreichischen Sicherheitsstrategie 2024“ sind hybride Bedrohungen derzeit die bedeutsamsten Risiken. In diesem Paper wird festgehalten, dass die Desinformation, Datenmanipulation und die zunehmende Anwendung von Künstlicher Intelligenz entscheidende Herausforderungen darstellen.
Selbst die österreichische Neutralität kann zum instrumentalisierten Narrativ werden. Was als sicherheitspolitisches Prinzip gedacht ist, lässt sich leicht umdefinieren, um Passivität im europäischen Kontext zu begründen, Distanz zu EU-Partnern zu rechtfertigen und das Fernbleiben von einer gemeinsamen Lagebeurteilung und die Reaktion zu legitimieren. Gegner Österreichs kennen diese Schwachstelle. Für externe Akteure ist das Neutralitätsnarrativ ein nützliches Werkzeug, um Österreich von europäischen Solidaritätsmechanismen zu trennen.
Das aktive Mitwirken Österreichs an der EU-FIMI-Toolbox und am Strategischen Kompass der EU ist daher aus sicherheits- und verteidigungspolitischer Sicht essenziell. Im Strategischen Kompass wird explizit festgehalten, dass die EU ihre Fähigkeiten zur strategischen Kommunikation und zur Bekämpfung von Desinformation und Einmischung in ihre demokratischen Prozesse stärken muss. Als EU-Mitglied ist Österreich dabei — mit allen Rechten, aber auch mit allen Pflichten.
Das „Risikobild 2026“ identifiziert zudem einen Mechanismus, dem besondere Aufmerksamkeit gebührt: Unterschiedliche Generationen bilden eigene Resonanzräume mit spezifischen Informationskanälen und Verwundbarkeiten. Die Mediennutzung hat sich von klassischen Formaten hin zu digitalen Plattformen verschoben. Teile der Boomer-Generation und der Generation X bewegen sich zwischen beiden Welten und sind dadurch anfällig für Mischformen aus seriösen Informationen und subtiler Desinformation. Bei den Generationen Z und Alpha dominieren soziale Medien, die gezielt für Manipulationen genutzt werden können. Für das Bundesheer bedeutet das: Die eigene Truppe ist exponiert und Resilienz-Maßnahmen müssen dieser Heterogenität Rechnung tragen.

Resilienz im Kopf
Die kognitive Kriegführung erfordert gesamtstaatliche Antworten und eine Strategische Kommunikation. Kognitive Verwundbarkeiten müssen in nationale Verteidigungsstrategien und in hybride Lageanalysen integriert und ressortübergreifend koordiniert werden. Die EU sollte ein übergreifendes „Cognitive Resilience Framework” entwickeln, das kognitive Bedrohungslagen strukturiert erfassbar und somit politisch handhabbar macht.
Auf operativer und taktischer Ebene gilt es, Schwachstellen früh zu erkennen und in klare Handlungsanweisungen zu fassen. Medienkompetenz, kritisches Denken sowie Sensibilität für kognitive Verzerrungen bilden den Kern jeder Verteidigung. Für das Bundesheer bedeutet das konkret: Die Fähigkeit zu reflektierter Entscheidungsfindung unter Informationsdruck muss gestärkt werden – sei es in der psychologischen Landesverteidigung oder beim einzelnen Soldaten im Einsatz. Entscheidend dabei ist, dass Soldaten und Bürger nicht lernen, allem zu misstrauen. Das nährt nur Skepsis und Apathie. Stattdessen müssen sie Quellen kritisch prüfen und Manipulationsmuster früh durchschauen. Informationssouveränität, kritischer Medienkonsum und eine wachsame Öffentlichkeit stärken die Resilienz ganzer Staaten. Hybride Bedrohungen zwingen uns, Sicherheit nicht mehr rein militärisch, sondern umfassend zu konzipieren.

Fazit
Der kognitive Krieg ist unsichtbar, flexibel einsetzbar und extrem kostengünstig. Er braucht keine Truppen, Raketen oder Kriegserklärungen, wirkt rund um die Uhr grenzüberschreitend und lässt sich kaum zuordnen. Sein Ziel: das Vertrauen in Institutionen, Medien und Mitbürger zu untergraben – den Kern jeder Demokratie.
Österreich ist Teil eines europäischen Informationsraumes, den staatliche und nichtstaatliche Akteure aktiv zu gestalten versuchen. Die Neutralität schützt jedoch nicht vor Einflussnahme auf die öffentliche Meinung. Doch Österreich verfügt über Instrumente wie eine funktionierende demokratische Öffentlichkeit, EU-Strukturen, eine Sicherheitsstrategie, die hybride Bedrohungen benennt, sowie das Bundesheer, das seine Aufgaben in einer gesamtstaatlichen Sicherheitsarchitektur zunehmend breiter versteht.
Jeder Soldat ist Ziel und Bollwerk zugleich. Das Wissen um Manipulationsmechanismen und die Fähigkeit zu kritischem Denken sind nicht ergänzende Soft Skills, sondern militärische Kernkompetenzen. Resilienz beginnt im Kopf. Und sie ist eine Aufgabe für Staat, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Wer weiß, wie Manipulation funktioniert, ist weniger anfällig dafür.
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