Keinen Millimeter

Kommentar
R. Kraft
(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)
(Foto: Bundesheer/Daniel Trippolt)

Österreich ist keine Insel der Seligen. Wir stehen im Fokus eines Konflikts, der sich gegen unsere Werte und Errungenschaften richtet. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität, Menschenrechte und internationale Ordnung erscheinen uns als selbstverständlich – genau deshalb werden sie angegriffen. Nicht offen, sondern schleichend, systematisch und mit hoher Professionalität.

schen Krieg. Die Schwelle dazu wird bewusst nicht überschritten. Stattdessen erleben wir eine Konfrontation im Graubereich: hybride Bedrohungen, Desinformation, Einflussoperationen und gezielte Souveränitätsverletzungen. Der zentrale Schauplatz, wo alle Maßnahmen ihre Wirkung entfalten, ist das Informationsumfeld – dort, wo Meinungen entstehen und Entscheidungen vorbereitet werden.

Propaganda allein reicht nicht mehr. Im Zentrum steht die kognitive Kriegsführung. Sie zielt nicht nur darauf ab, was wir denken, sondern wie wir denken. Wahrnehmung und Entscheidungsfindung werden selbst zum Angriffsziel. Der Mensch wird zum Gefechtsfeld.

Wer unsere Wahrnehmung beeinflusst, beeinflusst unser Handeln – und damit unsere Fähigkeit, uns als Gesellschaft zu behaupten. Und wer sich nicht behaupten kann, ist dem Willen des anderen schonungslos unterworfen.

Damit stellt sich die entscheidende Frage: Wie halten wir es mit unseren Werten? Sind wir bereit, für sie einzustehen – und sie zu verteidigen? Erkennen wir sie überhaupt noch als unsere? Jene Werte, die uns Frieden, Wohlstand und Stabilität in einem historisch einzigartigen Ausmaß ermöglicht haben.

Der Gegner agiert dabei mit bemerkenswerter Professionalität und langfristigem Kalkül. Wer den Krieg in der Ukraine isoliert betrachtet, wird zentrale Zusammenhänge übersehen. Russland setzt seine Mittel nicht maximal ein, sondern berechnend langfristig. Der Konflikt ist Teil eines größeren strategischen Ansatzes. Mit jedem Tag der Abnutzung wird nicht nur die Ukraine geschwächt, sondern vor allem der Westen. Der politische Wille, die gesellschaftliche Geschlossenheit und die Bereitschaft zur Verteidigung geraten unter Druck.

Der Krieg wird damit zum Mittel der kognitiven Kriegsführung. Zeit wird zur Waffe. Je länger der Konflikt dauert, desto stärker erodiert unsere Resilienz. Genau darin liegt die strategische Logik und erklärt, warum rasche Friedenslösungen derzeit unrealistisch erscheinen.

Dem kann nur mit Haltung begegnet werden: Entschlossenheit, Selbstverständnis und Vertrauen – in jeder Faser des Gemeinwesens. Wehrhaftigkeit beginnt im Kopf. Sie ist gesamtstaatliche und europäische Aufgabe.

Eine Gesellschaft, die ihre Werte nicht kennt oder für diese einsteht, wird auch nicht in der Lage sein, sich zu verteidigen. Werte, Wehrwille und Wehrfähigkeit sind untrennbar verbunden. Das eine kann ohne das andere nicht bestehen.

Der zentrale Raum hybrider Kriegsführung bleibt das Informationsumfeld. Hier entscheidet sich, ob wir Deutungshoheit behalten oder verlieren. Das Informationsumfeld hat sich vom Unterstützungsraum zum primären Operationsraum entwickelt. Strategische Kommunikation ist daher integraler Bestandteil der Landesverteidigung. Ihr Ziel ist klar: Überlegenheit im Informationsraum herstellen, gegnerische Einflussnahme zurückdrängen und Vertrauen sichern. Vertrauen ist die harte Währung in diesem Konflikt.

Ein entscheidender Beitrag dazu ist der gezielte Einsatz von Expertinnen und Experten, die gegnerische Einflussoperationen im Informationsumfeld aufdecken, analysieren und sichtbar machen. Dadurch wird das Vertrauen in unser Ressort vertieft, die Resilienz der Bevölkerung gestärkt und Manipulation ihre Wirkung genommen.

Diese Offenlegung bleibt jedoch nicht ohne Reaktion. Hybride Akteure setzen zunehmend auf Gegenmaßnahmen – etwa durch konkrete Entgegnungen oder gezielte rechtliche Schritte und Klagen, um Akteure einzuschüchtern, öffentliche Debatten zu beeinflussen und Aufklärung zu behindern. Auch dies ist Teil des erweiterten Konflikts im Informationsraum.

Das bedeutet einen klaren Paradigmenwechsel. Mit der Kommunikationsstrategie und der Richtlinie Strategische Kommunikation (Version 2026) wurde Kommunikation konsequent auf Wirkung ausgerichtet. Nicht mehr Information steht ausschließlich im Zentrum, sondern der erzielte, messbare Effekt im Informationsumfeld. Kommunikation ist Teil der Planung und Führung – nicht deren nachträgliche Erklärung. Jede Handlung, jedes Wort und jedes Bild erzeugt Wirkung.

Die Konsequenz daraus ist eindeutig: Es gilt, entschlossen keinen Millimeter nachzugeben. Unsere Werte sind nicht verhandelbar – sie sind unsere erste und zugleich unsere stärkste Verteidigung. Überlassen wir das Informationsumfeld nicht kampflos unseren Gegnern, denn dort entscheidet sich unsere Handlungsfähigkeit.
 


Autor

Brigadier Ing. Mag.(FH) Reinhard Kraft; Gruppe Direktion Kommunikation im BMLV

Brigadier Mag.(FH) Ing. Reinhard Kraft

Projektleiter Strategische Kommunikation in der Direktion Kommunikation im BMLV

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 02/2026 (409): Hybrider Krieg

Die internationale Sicherheitslage bleibt angespannt. Der Krieg in der Ukraine dauert an, neue Konflikte verschärfen die globale Unsicherheit, und moderne Kriege wirken längst weit über das Gefechtsfeld hinaus. Neben militärischen Auseinandersetzungen prägen Desinformation, hybride Bedrohungen und…