Kaderfortbildung KI
Am 26. März 2026 fand an der Führungsunterstützungsschule in der Starhemberg Kaserne in Wien eine Kaderfortbildung zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) statt. Insgesamt waren etwa 70 interessierte Besucher vor Ort und über 90 Personen folgten den Ausführungen online.
Bei dieser Kaderfortbildung wurde durch die Vortragenden Oberstd hmfD Ministerialrat Ing. Mag. Dr. Josef Schröfl, Oberrat Michael Suker, BSc MSv und FH-Horn. Prof. Mag. Jochen Elias über nachstehende Themen berichtet:
- Cyberraum und KI, - Einfluss auf hybride Bedrohung;
- KI-gestützte Analyse hybrider Bedrohung: Stand der Forschung und Ausblick;
- Wissen auf Abruf – Lokale KI-Systeme für die Informationsverarbeitung im Stab.
Cyberraum und KI – Einfluss auf hybride Bedrohungen
Die Veranstaltung beleuchtete die wachsende Bedeutung des Cyberraums und der Künstlichen Intelligenz im Zusammenhang mit hybriden Bedrohungen. Cyberangriffe, Desinformationen und technologische Innovationen prägen zunehmend moderne Konflikte und überschreiten dabei die klassischen militärischen Grenzen.
Seit den 1980er-Jahren hat sich Schadsoftware von einfachen Viren zu komplexen, industriell gefertigten Angriffswerkzeugen entwickelt. Gleichzeitig steigt die Vernetzung von IP-basierten Systemen, während das Verständnis für die dahinterliegenden komplexen Architekturen abnimmt. Das führt zu einer steigenden Gefährdungslage im zivilen und militärischen Bereich. Zu den wichtigsten Bedrohungsformen zählen Cyberkriminalität, Cyberspionage, Desinformation und Propaganda, terroristische Nutzung des Internets sowie staatliche und nichtstaatliche Cyberkriegführung.
Anhand internationaler Fallstudien wurden die Auswirkungen KI-unterstützter hybrider Angriffe verdeutlicht, darunter globale Ransomware-Attacken, Angriffe auf kritische Infrastrukturen, Datenlecks staatlicher Institutionen, staatliche Spionageoperationen und Desinformationskampagnen in Europa.
KI-unterstützte hybride Bedrohungen zeichnen sich durch die Kombination militärischer, cyberbezogener, wirtschaftlicher, informationeller und politischer Mittel aus und erfolgen meist koordiniert unterhalb der klassischen Kriegsschwelle. Ziel ist die Destabilisierung von Gesellschaften und die Beeinflussung politischer Entscheidungen.
Neue Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz, beschleunigen hybride Konflikte. KI kann sowohl zur automatisierten Erstellung von Desinformation als auch zur Analyse und Abwehr von Bedrohungen eingesetzt werden. Dadurch zählt Informationsüberlegenheit zum entscheidenden Faktor moderner Konfliktführung und erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz zur Abwehr hybrider Gefahren. Resilienz, Abschreckung, Aufklärung der Bevölkerung und internationale Zusammenarbeit gelten als zentrale Voraussetzungen für den nachhaltigen Schutz der Sicherheit Europas und demokratischer Werte.
Herausforderungen und Voraussetzungen KI-gestützter Systeme
Die automatisierte Erkennung hybrider Bedrohungen mithilfe KI bleibt trotz technologischer Fortschritte eine große Herausforderung. Die Problematik liegt nicht primär in der Leistung der Modelle selbst, sondern vielmehr in der Qualität der Eingangsdaten, im Domänenwissen, in der Validierung, der Governance sowie der operativen Einbettung.
Verzerrte, fehlerhafte oder feindlich beeinflusste Daten können Ergebnisse signifikant verfälschen und die Zuverlässigkeit der KI-Systeme untergraben. Die Interpretation von sprachlichen, kulturellen und politischen Kontexten ist eine zentrale Schwierigkeit, denn Desinformation ist ein komplexes Phänomen, das weit über Textklassifikation hinausgeht. Sie ist eingebettet in Narrative, Symboliken, Resonanzräume und regionale Bedeutungsstrukturen. Ohne kontextsensibles Domänenwissen besteht ein erhöhtes Risiko für Fehlklassifikationen, Überinterpretationen oder das Übersehen strategisch relevanter Signale.
Der multimodale Charakter moderner Informationskonflikte verlangt leistungsfähige technische Infrastrukturen, die Text-, Bild-, Audio- und Videodaten gemeinsam verarbeiten und bewerten können. Dies erfordert nicht nur spezialisierte Modelle, sondern auch erhebliche Rechenressourcen und robuste Datenpipelines. Zudem sind Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Betriebssicherheit und Rechenschaftspflicht unerlässlich, insbesondere bei sicherheitsrelevanten Aspekten, bei denen zeitkritische und folgenschwere Entscheidungen getroffen werden müssen. Automatisierung darf nicht zu einem Verlust menschlicher Kontrolle führen – operativer Nutzen entsteht erst durch das Zusammenspiel von KI, menschlicher Validierung und klaren organisatorischen Zuständigkeiten.
» Automatisierung darf nicht zu einem Verlust menschlicher Kontrolle führen – operativer Nutzen entsteht erst durch das Zusammenspiel von KI, menschlicher Validierung und klaren organisatorischen Zuständigkeiten. «
Um belastbare Systeme zu entwickeln, ist Interdisziplinarität unabdingbar. Informatik liefert die Grundlagen für Modelle, Datenarchitekturen und Analysepipelines, während Computerlinguistik sprachliche Muster, Narrative und semantische Zusammenhänge systematisch erfasst. Sicherheitsforschung trägt Konzepte zu Resilienz, Kritikalität und Bedrohungsdynamiken bei, Politikwissenschaft ermöglicht die Einordnung strategischer Logiken, Einflussoperationen und geopolitischer Kontexte, und Militärwissenschaft bewertet Eskalationslogiken, Wirkungsräume sowie operative Relevanz. Ohne dieses interdisziplinäre Zusammenwirken bleiben KI-gestützte Analysen entweder technisch beeindruckend, aber operativ blind, oder strategisch plausibel, jedoch methodisch unzureichend.
Der zukünftige Fokus sollte daher nicht darauf liegen, ob KI grundsätzlich zur Erkennung hybrider Bedrohungen eingesetzt werden kann – diese Frage ist bereits beantwortet. Vielmehr geht es darum, wie KI-Systeme gestaltet werden können, sodass sie belastbar, erklärbar und organisationsfähig sind. Dafür sind robuste Datenmodelle, domänenspezifische Wissensbasen, standardisierte Validierungsverfahren, klare Governance-Strukturen und eine operative Einbettung in bestehende Entscheidungs- und Führungsprozesse notwendig.
Der eigentliche Erkenntnisgewinn liegt darin, verstreute Hinweise zu einem belastbaren Gesamtbild zusammenzuführen. Hier treffen der aktuelle Stand der Forschung und der wichtigste Zukunftsauftrag aufeinander: Die Entwicklung von Systemen, die technologische Innovation mit interdisziplinärem Wissen und organisatorischer Einbettung werden verbunden, um in sicherheitsrelevanten Kontexten wirksam und vertrauenswürdig zu agieren.
KI für Strategische Kommunikation
Ein Forschungsprojekt von Milizsoldaten entwickelte ein lokal betriebenes KI-System, das Personal der Strategische Kommunikation (StratCom) bei der Stabsarbeit unterstützen soll – mit frei verfügbarer Software und ohne Internetzugang. Über 1.500 Seiten Dokumente aus unterschiedlichen Quellen sind die Ausgangssituation für das Personal der Informationskräfte im Bereich StratCom. Die Informationskräfte sind die jüngste Truppe des Österreichischen Bundesheeres. Für das neue Tätigkeitsfeld – mit den Teilbereichen Psychologische Operationen (PsyOps), Informationsoperationen (InfoOps) und Military Public Affairs (Mil PA) – gibt es bislang weder als Handbuch noch als Dienstvorschrift.
Die jährlich stattfindende Ausbildungsübung der Theresianischen Militärakademie (TherMilAk) ist ein wichtiger Fixpunkt im Curriculum der Militärakademiker. Während die Fähnriche im Feld üben, werden begleitend Forschungsprojekte durchgeführt. In diesem Rahmen kam ein Projekt zur Entwicklung einer lokal betriebenen KI-Lösung für den StratCom-Einsatz – ein sogenanntes RAG-System zum Einsatz.
RAG steht für Retrieval-Augmented Generation. Dabei wird ein bestehendes KI-Sprachmodell mit einer eigenen Dokumentenbibliothek verknüpft. Anstatt nur auf Trainingswissen zurückzugreifen, kann das Modell gezielt in den bereitgestellten Dokumenten suchen und auf dieser Grundlage präzise, kontextbezogene Antworten generieren.

Das Ziel des Forschungsprojektes war klar definiert: Eine KI-Lösung entwickeln, die lokal auf einem sicheren, nicht mit dem Internet verbundenen Laptop läuft. Dabei sollte ein frei verfügbares KI-Modell mit der vorhandenen StratCom-Dokumentensammlung kombiniert werden, das Personal bei der Stabsarbeit gezielt unterstützt.
Der Prototyp funktioniert bereits. Das RAG-System läuft auf einem handelsüblichen Laptop mit nur 24 GB Arbeitsspeicher und lizenzfreier Software. Die eingesetzten Ressourcen sind günstig zu beschaffen, begrenzen aber die Leistung der Lösung. Derzeit muss der Nutzer allerdings noch bis zu vier Minuten auf eine Antwort warten. Um die Antwortgeschwindigkeit zu steigern, sollen neue Technologien wie Hybrid Search und TurboQuant getestet werden, sobald sie in stabilen Versionen verfügbar sind. Parallel dazu wird die StratCom-Bibliothek kontinuierlich um weitere Dokumente im Markdown-Format vergrößert.
Der nächste konkrete Meilenstein ist bereits gesetzt: Bei der Ausbildungsübung Wechselland 26 soll das RAG-System erstmals unter Übungsbedingungen erprobt werden. Bis dahin sollen die Antwortgeschwindigkeit und die Dokumentenbasis weiter verbessert sein – damit aus dem Forschungsprojekt ein einsatzfähiges Werkzeug für die Stabsarbeit wird.