„Ich hatte einen Kameraden …“

Psychologie
J. Girardi
(Foto: Bundesheer)
(Foto: Bundesheer)

Wenn Arbeit und Verlust sich begegnen – Über den Umgang mit Sterben und Tod im Berufsalltag.

In der Ukraine herrscht seit mehr als vier Jahren Krieg. Seit Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 sind knapp 1,2 Millionen Verluste (Gefallene, Verwundete und Vermisste) auf russischer Seite zu beklagen. Auf ukrainischer Seite werden mehr als 200.000 militärische Verluste sowie 15.000 zivile Todesopfer gezählt. Mit dem Verlust von Kameraden in Folge von Kampfhandlungen, Unfällen oder Suizid im In- und Auslandseinsatz sind Soldaten häufig konfrontiert. Der Umgang mit Trauer und Tod von Kameraden, Kollegen oder deren Angehörigen wird im militärischen Kontext oftmals als besonders herausfordernd erlebt.

Trauerfälle können das Sozialgefüge innerhalb eines Verbands oder einer Organisationseinheit erschüttern sowie Irritationen und ambivalente Gefühle hervorrufen. Gleichzeitig gilt es, den Dienstbetrieb wie gewohnt aufrecht zu erhalten und die Aufgaben zu erfüllen. Viele Soldaten verspüren das Bedürfnis, nach einem Todesfall möglichst rasch wieder zu „funktionieren“. Dem nächsten Auftrag nachzukommen, wird dabei als „sinnstiftend“ erlebt.

Nach dem erlebten Verlust stehen oft Fragen im Raum: „Was ist Trauer? Was darf, was kann bzw. was soll man sagen? Wie geht man mit Gefühlen um?“ Hinzu kommt, dass vielen Soldaten der Umgang mit Gefühlen – das Zulassen und offen darüber zu sprechen – nach wie vor schwerfällt. Weitere Fragen lauten: „Wer kann bei der Krisenbewältigung helfen? Welche Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?“

Unter Trauer versteht man seelische und körperliche Reaktionen auf einen erlebten Verlust, der tiefe seelische Wunden hinterlässt. Trauer ist individuell. Es handelt sich dabei um einen Prozess, der unerlässlich ist, damit die seelischen Verletzungen heilen können. Häufig verläuft der Trauerprozess in Phasen wellenartig, beispielsweise nach folgendem Muster:

Die erste Phase des „Nicht-Wahrhaben-Wollens“ beschreibt die anfängliche Zeit, die für Betroffene schwer zu fassen oder zu verkraften ist, da sie wie betäubt oder unter „Schock“ erscheinen. Es kann zu Verleugnung kommen. In dieser Zeit sollte man abwarten, bis Betroffene für Gespräche bereit sind. Der Wunsch des Alleinseins sollte respektiert werden.

In der darauffolgenden Phase der „aufbrechenden Emotionen“ können verschiedene Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Ruhelosigkeit, Traurigkeit, aber auch Wut, Schuld oder Sehnsucht nach dem Verstorbenen abwechselnd aufbrechen und intensiven Schmerz beim Trauernden hervorrufen. Etwaige Schuldzuweisungen sollten nicht persönlich genommen oder als Kritik verstanden werden.

In weiterer Folge suchen Trauernde gezielt nach der verstorbenen Person – etwa an Orten, die häufig gemeinsam besucht wurden – und gewinnen die Erkenntnis, dass diese tatsächlich nicht mehr da ist. Diese Phase des „Suchens- und Nicht-Findens“ kann von sozialem Rückzug, Angst und Traurigkeit begleitet werden. Man sollte Betroffenen mitteilen, dass Gefühle zugelassen und gezeigt werden dürfen (z. B. „Weinen kann bei der Verarbeitung helfen“). Kameraden, Kollegen und Angehörige sollten jetzt da sein und zuhören.

In der letzten Phase des „neuen Selbst- bzw. Weltbezugs“ gelingt es der trauernden Person zunehmend, den Verlust zu akzeptieren und das eigene Leben neu zu ordnen. Betroffene sollten mit Hilfe von Ritualen zum Abschied (wie gemeinsame Teilnahme an Gedenkfeiern oder Beerdigungen), Dankbarkeit oder Erinnerungen (verschiedene Formen oder Orte des Gedenkens finden) begleitet und unterstützt werden. Diese Maßnahmen können dabei helfen, den Verlust zu begreifen und in den Alltag zu integrieren. 

In der Regel arrangieren sich Trauernde nach und nach mit dem Verlust und finden allmählich wieder zurück ins Leben. Je nach kulturellem und religiösem Umfeld kann die normale Trauerreaktion 6 bis 12 Monate dauern („Trauerjahr“). Die Trauer verliert im Laufe der Zeit an Intensität. Nicht immer verlaufen die Phasen nach dem skizzierten Muster ab. Es kann auch zu schmerzhaften Rückfällen kommen. Gelingt die Verarbeitung des Verlustes nicht, kann der Trauerprozess in eine pathologische bzw. komplexe Trauerreaktion münden. Dabei treten ähnliche Symptome wie bei anderen psychischen Störungsbildern (z. B. Depression, Anpassungsstörung oder Posttraumatische Belastungsreaktion) auf.

Für Hinterbliebene ist es wichtig, dass ihrer Toten würdevoll gedacht wird. Auch für Soldaten haben Trauerrituale besondere Bedeutung. Im Bundesheer wird für Hinterbliebene das Begräbnis mit militärischen Ehren organisiert. Dieses Trauerritual der Soldaten ist eine besondere Form der Ehrerbietung und Würdigung des Verstorbenen, das zur Trauerbewältigung beiträgt.

Essentiell ist es, Trauer zuzulassen und sich ausreichend Zeit dafür zu nehmen. Trauer ist ein aktiver Anpassungsprozess an eine neue Lebenssituation.

Anlaufstellen für Betroffene beim Bundeheer

  • Heerespsychologischer Dienst: 050201 10 51800 oder 51810 oder hpd@bmlv.gv.at
  • Helpline-Service (HLS) 050201 99 1656 (rund um die Uhr und anonym)
  • Dion 1/ Militärpsychologie
  • Klinische Militärpsychologen in San-Zentren
  • Militärseelsorge
  • Referate für soziale Betreuung, Truppen- und Familien-Betreuung

Autor

OR Mag. Julia Girardi, MBA MSc; Psychologin beim Heerespsychologischen Dienst

Oberrat Mag. Julia Girardi, MBA MSc

Psychologin im Referat Ref Prävention & Arbeitspsychologie beim Heerespsychologischen Dienst

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 02/2026 (409): Hybrider Krieg

Die internationale Sicherheitslage bleibt angespannt. Der Krieg in der Ukraine dauert an, neue Konflikte verschärfen die globale Unsicherheit, und moderne Kriege wirken längst weit über das Gefechtsfeld hinaus. Neben militärischen Auseinandersetzungen prägen Desinformation, hybride Bedrohungen und…