Hybride Kriegsführung

Allgemein
M. Reisner
(Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)
(Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)

Der Ukraine-Krieg tobt nicht nur auf dem Schlachtfeld. Er findet auch im Verborgenen statt – inmitten der westlichen Gesellschaft, die zunehmend ins Visier gerät. Um seine Ziele zu erreichen, nutzt Russland ein breites Instrumentarium im Cyber- und Informationsraum – von Desinformation über Einflussnahme bis zu verdeckten Operationen.

Viele militärische Beiträge thematisieren vorrangig das sichtbare Schlachtfeld, das in die Domänen Land, See, Luft und Weltraum unterteilt wird. Der Cyberraum, der Informationsraum und das elektromagnetische Feld sind weitere Domänen. Hybride Kriegsführung findet vor allem im Cyber- und Informationsraum statt. 

Der Cyberraum ist der „Zauberteppich“, auf dem die Daten aus dem Informationsraum zur Zielgruppe gelangen sollen. Im Falle eines hybriden Krieges sind das de facto alle Mitglieder der Gesellschaft eines Staates. Dass der Ukraine-Krieg in den Domänen Land, See und Luft geführt wird, ist leicht erkennbar. Weniger und schwerer sichtbar ist, dass Russland auch im Cyber- und Informationsraum versucht, die Gesellschaften Europas zu beeinflussen.

Hybride Kriegsführung – Definition

Hybride Kriegsführung ist eine Form moderner Einsatzführung, um militärische, politische, wirtschaftliche und/oder gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Dabei werden von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren reguläre und irreguläre, militärische und zivile, physische und digitale Mittel koordiniert eingesetzt. Ziel dieser offenen und verdeckten Maßnahmen ist das Schwächen eines Gegners, ohne einen klassischen Krieg zu führen. Die Grenze zwischen Krieg und Frieden wird bewusst verwischt, um rechtliche, moralische und politische Reaktionen abzuschwächen oder zu umgehen.

Bekanntes Prinzip

Um sich der hybriden Kriegsführung Russlands zu nähern, muss zunächst das unsichtbare Schlachtfeld betrachtet werden. Moskau wendet dabei im Prinzip Methoden und Taktiken auf Basis jener Doktrin an, die bereits zu Zeiten der Sowjetunion – auch im Westen – bekannt waren. Damals gab es ein ausgeklügeltes System der Beeinflussung und der Machtprojektion, das im Wesentlichen die vier Bereiche umfasste und das de facto bis heute aktuell ist:

In diesem Zusammenhang gilt es, zwischen Maßnahmen im Informationsraum und Maßnahmen, die bereits auf dem Hoheitsgebiet eines Staates stattfanden bzw. stattfinden, zu unterscheiden. Die Sowjets kannten dabei eine Unterteilung in Phasen, die auf die zuvor genannten vier Bereiche abgestimmt waren:

Die Demoralisierung kann, gemäß der sowjetischen Doktrin, bis zu zehn Jahre dauern. Am Beispiel der Ukraine wurde diese zwischen 2004 und 2014 von Russland angewandt. Die darauffolgende Destabilisierung eines Staates kann in etwa sechs Monaten erfolgen. In der Ukraine geschah dies mit dem russischen Versuch, die Maidan-Bewegung von November 2013 bis Februar 2014 gewaltsam zu brechen. Die daraus resultierende Krise ist zumeist bereits mit der Intervention verbunden, wie dem Einmarsch russischer Soldaten auf der Krim im März 2014 oder die Unterstützung der Separation in der Ostukraine im April 2014.

Wenn diese Maßnahmen aus sowjetischer bzw. heute russischer Sicht nicht ausreichen, um die Verhaltensänderung eines Staates in ihrem Sinne herbeizuführen, erfolgt die Intervention – das Durchführen offensiver Handlungen bzw. im Fall der Ukraine der Einmarsch im Februar 2022. Erst danach „normalisiert“ sich die Situation aus doktrinärer Sicht wieder.

Diese Denkschule gilt noch heute. Wenn Russland bei einem Staat in seiner (selbstdefinierten) Einflusssphäre eine „Ablage“ erkennt – sich dieser also nicht so verhält, wie Moskau es möchte –, wird nach diesem Schema vorgegangen. Im Fall der Ukraine war es eine zunehmende Annäherung an den Westen, die das Durchlaufen dieser Phasen zur Folge hatte. Russland versucht damit ein Ergebnis zu erzielen, um die erkannte „Ablage“ wieder in eine Situation zu bringen, die in seinem Sinne ist.
 

» Aktuell findet ein gezielter hybrider Angriff Russlands auf Europa statt. «

Russlands Verbündete

Die Russische Föderation agiert nicht im Alleingang. Sie wird wesentlich von China, Nordkorea oder Indien unterstützt. Diese Staaten verfolgen damit ihre eigenen Ziele. So hat der chinesische Außenminister Wang Yi bei einem Besuch in Europa gegenüber der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas klargestellt, dass es nicht im Interesse Chinas sei, wenn Russland diesen Krieg verlieren würde. Dann könnten sich die USA wieder vermehrt China zuwenden und das möchte man verhindern.

Deshalb überrascht es nicht, dass chinesische Schiffe bei hybriden Angriffen eine Rolle spielen. So „verlieren“ chinesische Schiffe immer wieder ihre Anker. Diese ziehen sie dann „unbemerkt“ über mehrere hundert Kilometer nach, wobei sie „zufällig“ Kritische Infrastruktur auf dem Meeresboden zerstören. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass China ein Patent für diese Methode angemeldet hat und somit über die Fähigkeit verfügt, solche Maßnahmen erfolgreich durchzuführen.

Alt, aber aktuell

Die dargestellte Vorgangsweise ist gut dokumentiert. Zusätzlich gibt es Berichte aus den 1980er- und 1990er-Jahren, unter anderem von ehemaligen KGB-Offizieren, die übergelaufen sind, wie die Schilderungen von Juri Besmenow. Er erklärt in seinen Interviews, dass die Hauptaufgabe eines KGB-Agenten weder das Planen und Durchführen von Sabotageaktionen noch die Jagd auf feindliche Agenten sei, wie man vielleicht glauben würde. Die hauptsächliche Agententätigkeit sei vielmehr das Ausführen von subversiven Aktionen und der psychologischen Kriegsführung. 

Genau das macht Russland zurzeit in unterschiedlichen Ausprägungen in Europa mithilfe einer breiten Palette hybrider Maßnahmen. Ein Beispiel dafür sind Drohnenüberflüge, die einige westliche Staaten bereits an den Rand einer Krise gebracht haben. 

Gezielter Angriff

Um die Gesellschaft eines Staates zu demoralisieren, kann man versuchen, einen Keil zwischen die Bevölkerung und die Staatsführung zu treiben. Konkret sollen die Bürger das Vertrauen in die Politik verlieren. Aktuell scheint der Angreifer in Europa dafür einen „fruchtbaren Boden“ vorzufinden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die europäischen Staaten bzw. ihre Gesellschaften ausreichend resilient sind, um einer hybriden Kriegsführung etwas entgegenzusetzen oder ob sie bereits von Angst getrieben werden.

Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf das Tagesgeschehen. Im Jahr 2025 gab es eine Diskussion darüber, ob eingefrorene russische Gelder für die Unterstützung der Ukraine verwendet werden sollten. Dabei spitzte sich die Diskussion rasch zu. Konkret wehrte sich Belgien dagegen, dieses Geld zu verwenden, da es Repressalien von Russland befürchtete. Schließlich wurde davon abgesehen und ein Kompromiss ausgehandelt: 90 Milliarden Euro für die Unterstützung der Ukraine sollten aus den Budgets der EU-Staaten zur Verfügung gestellt werden. Das führte zum Widerstand von EU-Staaten wie Ungarn, die der Ukraine kein Geld mehr geben wollten. 

Mittlerweile gab es bereits Sabotageaktionen, die der beschriebenen Logik folgend, der Intervention zuzurechnen sind. Alleine seit 2022 sind in Europa mutmaßlich über fünfzig Sabotageangriffe von Russland verübt worden. Moskau versucht gesamtstaatlich alle Maßnahmen zu bündeln, um Aktionen durchzuführen. Es gibt zahlreiche Arbeiten, die zeigen, dass die bisherigen Aktionen keine Zufälle oder Einzelfälle waren. Vielmehr handelte es sich dabei um gezielte Angriffe, von denen jeder EU-Staat in Zukunft noch mehr betroffen sein könnte. Das gilt nicht nur für Staaten im Osten Europas, sondern auch für jene in dessen Zentrum, die aufgrund ihrer geografischen Lage nicht mit solchen Aktionen rechnen.
 

2014 tauchten auf der Krim die (kleinen) Grünen Männchen auf  – russische Soldaten, die ohne Kennzeichnung ihrer Zugehörigkeit in die Ukraine marschiert waren. (Symbolbild: KI; ChatGPT/OpenAI)
2014 tauchten auf der Krim die (kleinen) Grünen Männchen auf – russische Soldaten, die ohne Kennzeichnung ihrer Zugehörigkeit in die Ukraine marschiert waren. (Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)

Ausspähen, Beeinflussen, Sabotieren

Beim Ausspähen wird die kritische Infrastruktur gezielt identifiziert und in weiterer Folge unterwandert bzw. infiltriert. Das ist die verdeckte Absicht der Zielerreichung und geschieht im Verborgenen. Es gibt zwar immer wieder Berichte über festgenommene Spione, diese werden als mediale Randnotiz aber leicht übersehen und sind nur Puzzleteile des gesamten Bildes.

Die Beeinflussung soll eine Verhaltensänderung beim angegriffenen Staat und seiner Regierung bewirken. Ein Beispiel dazu ist die Unterwanderung der westlichen Friedensbewegung in den 1970er- und 1980er-Jahren durch sowjetische Agenten. Diese versuchten so, die Verteidigungsbereitschaft der Gesellschaften verschiedener europäischer Staaten und vor allem der NATO zu schwächen.

Aktuell wird die migrantische Community von russischen Agenten in verdeckter Art und Weise gezielt angesprochen bzw. missbraucht. Ein Beispiel dafür sind abgeschnittene Schweineköpfe, die in Frankreich absichtlich vor Moscheen platziert wurden, um die migrantisch-islamische Community aufzuwiegeln. Es konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass dafür von Russland aus Netzwerke der organisierten serbischen Kriminalität in Frankreich angeleitet wurden. Aktionen dieser Art sollen einen Keil zwischen die Bevölkerungsgruppen treiben, aber auch zwischen Bevölkerung und der jeweiligen Regierung. 

Um zu beeinflussen und dazu in der Cyber-Domäne bzw. im Informationsraum wirksam zu werden, bedient sich die Russische Föderation unterschiedlicher Institutionen. Beispiele dazu sind Nachrichtensender oder Social-Media-Kanäle. Diese werden zum Teil von den Geheimdiensten angesteuert und können Russland häufig eindeutig zugeordnet werden.

Im Zusammenhang mit solchen subversiven Handlungen gäbe es laut dem Generalinspekteur der Deutschen Bundeswehr in Deutschland eine weit verbreitete Realitätsverweigerung. Die Bevölkerung wolle nicht wahrhaben, dass sie das Ziel dieser russischen Angriffe sei, obwohl dies deutlich sichtbar wäre, wenn man hinsehen würde.

Es gibt aber auch Elemente, die im Verborgenen als so genannte „Trolle“ aktiv werden. Das kann man sich wie bei einer russischen Puppe (Matrjoschka) vorstellen. Die wahre Absicht einer Maßnahme bleibt verborgen und zeigt sich erst, wenn alle Schichten durchdrungen sind und man zum Kern vorgedrungen ist. Das entspricht auch der alten russischen Tradition der Täuschung des Gegners, der Maskirowka.

Wenn die Beeinflussung nicht ausreicht, um ein Ziel zu erreichen, werden Sabotageaktionen durchgeführt. Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges gibt es einige Beispiele wie auf dem Gebiet von EU-Staaten agiert wird:

  • in Schweden gab es Anschläge auf Kommunikationsmasten, die zerstört wurden; 
  • in Norwegen versuchten Unbekannte über den Cyberraum in einen Damm einzudringen, um dort die Schleusen zu kontrollieren; 
  • in Polen, das massiv von Sabotageakten betroffen ist, gab es unter anderem einen Anschlagsversuch auf die Wasserversorgung und den Versuch, einen Zug entgleisen zu lassen, indem man Gleise sprengte;
  • in internationalen Gewässern wird die Kritische Infrastruktur ausgespäht, wie Lines of Communication unter See – Gas- und Ölpipelines oder Internet-Verbindungskabel. 

Diese Beispiele zeigen, dass Moskau (wenngleich der endgültige Beweis fehlt, dass diese Aktionen tatsächlich von Russland verübt wurden) über ein großes Agentennetz in Europa verfügt, was zahlreiche Enttarnungen bestätigen. Es gibt Untersuchungen unterschiedlicher Think Tanks, die Daten zu den bisherigen Anschlägen sammeln, auswerten und diese auch online publizieren. 
 

(Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)
In Russland existiert die Tradition der Täuschung des Gegners, die Maskirowka. Dieses jahrhundertealte, zentrale Konzept der Militär- und Geheimdiensttaktik zur strategischen Täuschung umfasst verschiedene Maßnahmen, um einen Gegner in die Irre zu führen. Diese Taktik kann man sich wie eine russische Puppe (Matrjoschka) vorstellen. Die wahre Absicht einer Maßnahme bleibt so lange verborgen, bis man alle Schichten durchdrungen hat. (Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)

Grüne Männchen

Im Jahr 2014 gab es auf der Krim das Phänomen der (kleinen) Grünen Männchen. Das waren russische Soldaten, die ohne Kennzeichnung ihrer Zugehörigkeit in die Ukraine marschiert waren. Damals sagte der russische Präsident Wladimir Putin, dass dies Unbekannte seien, die sich in Army Shops russische Uniformen gekauft hätten, jedoch keine Angehörigen der Streitkräfte der Russischen Föderation wären. Diese Methode wird seither wiederholt angewandt.

So erschienen im Jahr 2025 offensichtlich russische Soldaten an der estnischen Grenze, was an die Situation der Grünen Männchen auf der Krim erinnerte. Mitte März 2026 wurde in russischen sozialen Netzwerken eine „Volksrepublik Narva“ propagiert. Dabei wurde die Autonomie der estnischen Stadt Narva sowie der gesamten Region Ida-Viru gefordert. Man habe bereits eine gemeinsame Flagge, eine „Hymne“ und sogar Pläne für eine „Miliz“. In den Beiträgen wird ebenfalls die „Wahrung der russischen Identität“ thematisiert.

Fünf Bären

Im Kontext der Analyse betreten die so genannten „fünf Bären“ die Manege. Bei diesen handelt es sich um die fünf wesentlichen Organisationen, die auf russischer Seite gesamtstaatlich versuchen, die vier Phasen Demoralisierung, Destabilisierung, Krise und Intervention umzusetzen. Diese sind 

  • das russische Außenministerium,
  • der militärische Nachrichtendienst (GRU), 
  • der zivile Geheimdienst (SVR),
  • der Inlandsgeheimdienst (FSB, der Nachfolger des KGB) und 
  • das russische Verteidigungsministerium. 

Die fünf Bären bedienen sich einer Reihe von Wegen und Mitteln, um ihre Ziele zu erreichen. Ihre wesentliche Domäne ist der Cyberraum. Dort sammeln sie Informationen oder führen Beeinflussungsmaßnahmen durch. Bei ihren Operationen gelangen nicht nur potente Staaten ins Visier, sondern auch kleinere, die das vielleicht nicht vermuten, weil sie die Bedrohung unterschätzen oder weil sie sich in diesem Konflikt und Krieg als neutral betrachten. 

Wegwerfagenten

Das führt zu der Frage, wo und wer die Agenten sind, die Anschläge in EU-Staaten durchführen. In den wenigsten Fällen sind es tatsächlich russische Agenten, vielmehr werden so genannte „Wegwerfagenten“ engagiert. Wie sie agieren und warum es so schwierig ist, sie zu ertappen, zeigen Vorfälle bei der Deutschen Marine. Dort sind offensichtlich Wegwerfagenten gegen Schiffe vorgegangen, wie drei Beispiele belegen, über die in öffentlichen Medien berichtet wurde:

  • Bei einer Korvette gab es den Versuch, Strahlkies in den Antriebsstrang bzw. Motorblock einzubringen. Das gelang zwar, wurde aber bei einer Kontrolle durch Zufall erkannt. Wäre das Schiff ausgelaufen, hätte sich der Strahlkies im Antriebsstrang verkeilt und dort schwere Schäden verursacht. 
  • Bei einer Fregatte versuchten Unbekannte, Altöl in die Trinkwasseranlage einzuleiten, was ebenfalls nur durch Zufall erkannt wurde. Hätte das funktioniert, wäre eine langwierige Komplettreinigung nötig gewesen.
  • Bei einem Minenjagdboot haben Unbekannte an mehreren Stellen mit einer Axt die Kabelbäume durchtrennt.

Diese Angriffe stellen keine kriegerischen Handlungen dar, die mit dem Einsatz von Torpedos von einem U-Boot gegen ein Schiff vergleichbar sind. Zusätzlich ist es schwierig zu beweisen, von wem diese Aktionen tatsächlich durchgeführt wurden und ob es tatsächlich von Russland engagierte Wegwerfagenten waren. In allen drei Fällen wären die Schiffe für Monate ausgefallen und nicht für Einsätze zur Verfügung gestanden. Im Februar 2026 erfolgte die Festnahme von zwei Verdächtigen.

Wegwerfagenten werden aktuell über soziale Medien angeworben. Dort wird ein User zum Beispiel in eine geschlossene Gruppe eines Messengerdienstes eingeladen. Dort erhält er das Angebot mit kleinen und scheinbar harmlosen Aktionen Geld zu verdienen. Im Fall der „Schiffssabotage“ könnte dies wie folgt geschehen sein: Ein Wegwerfagent erhält den Auftrag, für eine Bezahlung von vielleicht 1 000 Euro Strahlkies in einem Baumarkt zu kaufen und diesen an einer Adresse abzugeben. Der nächste Wegwerfagent nimmt diesen dort an sich und bringt ihn zur Werft, wo er diesen davor in einen Abfallbehälter wirft. Nun kommt der dritte Agent, möglicherweise ein Werftarbeiter, der vielleicht 2 000 Euro erhält und den Strahlkies so platziert, dass er einen gravierenden technischen Schaden verursacht.

(Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)
Der gezielte Einsatz von Agenten und die Sabotage von Systemen, egal ob analog oder digital, ist ein altes und bewährtes Mittel zur Destabilisierung und Schwächung eines Staates bzw. seiner Gesellschaft. (Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)

Keine einzige dieser Aktionen hat einen unmittelbaren Bezug zur Russischen Föderation oder zu den russischen Geheim- und Nachrichtendiensten. Diese haben jedoch die Fäden gezogen und waren unter anderem in den sozialen Netzwerken aktiv, in denen sie mit Geld Agenten für kleine Aufgaben geködert haben, die dadurch nicht die gesamte Aktion erkennen konnten. Selbst wenn sie gefasst würden, wäre ein direkter Bezug zu Russland schwer nachzuweisen.

Die hybriden Angriffe auf die strategische Tiefe Europas sollen vor allem den Nachschub von Versorgungsgütern unterbinden, die für die Ukraine wichtig sind, um diesen Krieg weiterzuführen. Konkret sollen die europäischen Staaten zu einer Verhaltensänderung bewegt werden und den Nachschub für die Ukraine drosseln oder überhaupt einstellen. Europa, vor allem der Zentralraum mit Staaten wie Deutschland, ist aufgrund seiner geografischen Lage eine Drehscheibe für die Verteilung von Gütern. Dadurch rückt dieser Raum in den Fokus strategischer Interessen und somit ins Visier Russlands.

Drohnenflüge

In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Versuche, durch Drohnenflüge Unruhe zu stiften. Beispielsweise saßen auf dem Münchener Flughafen aufgrund von Drohnensichtungen plötzlich 6 500 Passagiere fest. Durch solche Aktionen werden viele Menschen „getroffen“, eine breite Öffentlichkeit betroffen gemacht und dadurch eine große Wirkung erzielt.  

Bedrohliche Drohnenflüge können verschiedene Gründe haben. So kam es in Polen oder Rumänien aufgrund von russischen Luftangriffen auf Ziele in der Ukraine zu Einflügen von Drohnen. Zum Teil war das Zufall, teilweise aber Absicht, wie in Polen, wo Drohnen mehrere hundert Kilometer in die Tiefe des Landes vordrangen. Zusätzlich gibt es Drohnenüberflüge in Staaten mit einer Seeanbindung. Man kann davon ausgehen, dass diese Drohnen von Schiffen aus eingesetzt werden, die sich in internationalen Gewässern befinden. 

Diese Drohnenüberflüge verfolgen konkrete Ziele. Einerseits werden Routen ausgespäht, auf denen Waffen in die Ukraine geliefert werden. Andererseits sollen Militärbasen für mögliche Folgeaktionen aufgeklärt bzw. die kritische Infrastruktur ausspioniert werden. Oft soll die Präsenz von Drohnen über Objekten „einfach nur“ für Verunsicherung, Angst und Schrecken sorgen.

Das eigentliche Ziel besteht aber nicht nur darin, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Vielmehr soll diese verunsichert werden und sich die Frage stellen, ob die Lufträume ausreichend geschützt wären und warum diese Drohnen nicht vom Himmel geholt werden können. Die Antwort auf solche Fragen kann darin resultieren, dass die europäischen Staaten immer weniger Fliegerabwehrmittel in die Ukraine senden, weil sie diese zu Hause selbst zur Verteidigung benötigen. 

Würde dieses Szenario eintreten, hätte Russland die ukrainische Luftabwehr durch eine hybride Kampagne in Europa geschwächt. Das Ziel, ihre Luftwirkmittel effizienter einzusetzen, würde dann durch die Hintertüre erreicht werden. Vorfälle bei denen ukrainische Drohnen im Baltikum zu Boden gingen, wurden von russischen Medien gezielt genutzt, um eine weitere Verunsicherung zu schaffen oder die eigenen Attacken zu verschleiern.

(Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)
Drohnenflüge verfolgen verschiedene Ziele. Sie können sowohl zum Ausspähen und Aufklären verwendet werden als auch zum Verunsichern der Bevölkerung oder als Wirkmittel in Form einer First-Person-View-Drohne auf dem Gefechtsfeld. (Symbolbild: generiert mit KI; ChatGPT/OpenAI)

Auswirkung auf Österreich

Österreich hat durch seine geografische Lage im „Herzen Europas“ eine wesentliche strategische Rolle und rückt deshalb ebenfalls in den Fokus. So hat Österreich beispielsweise als Drehscheibe eine zentrale Rolle für die Stromversorgung Europas. Bei überregionalen Herausforderungen wie Strommangellagen oder gar Blackouts sind die Speicher- und Flusskraftwerke der Alpenrepublik bedeutend. Deshalb sollte Österreich die eigene Kritische Infrastruktur genau beobachten und sichern. 

Das betrifft nicht nur die Einrichtungen zur Stromversorgung, sondern auch das Öl- und Gasnetz sowie das Eisenbahn- und Straßennetz. Schließlich wäre es im Falle eines Konfliktes für die NATO essenziell, rasch Kräfte von Westen Richtung Osten bzw. vom Süden in den Norden zu verlegen und Material zu transportieren – durch Österreich. Die Sabotage des heimischen Eisenbahn- und Straßennetzes hätte schwerwiegende Folgen auf die militärische Transportlogistik Europas.

» Alle Staaten Europas sind von der hybriden Kriegsführung Russlands betroffen. «

Chance

Die Herausforderungen der europäischen Staaten durch die zunehmende hybride Kriegsführung können auch als Chance verstanden werden. Sie könnte als Weckruf dienen, um sich ernsthafte Gedanken über alle Aspekte der Landesverteidigung zu machen, die Rolle der Verbündeten zu evaluieren und daraus resultierend die strategischen Ziele zu überdenken bzw. neu zu formulieren und daraus Konsequenzen abzuleiten, die in konkreten Maßnahmen resultieren, die tatsächlich umgesetzt werden.

Es ist bemerkenswert, dass die Bundesrepublik Deutschland bereits überlegt, Sabotage als vorgestaffelte Kriegshandlung einzustufen. Damit wäre ein Fall für die militärische Landesverteidigung gegeben und militärische Mittel würden zum Einsatz kommen, um solchen Angriffen einen Riegel vorzuschieben.

Die Europäer sind jedenfalls gefordert, den Ernst der Lage zu erkennen und zu versuchen, gesamtstaatliche und gesamteuropäische Lösungen zu finden, um hybride Angriffe zu identifizieren, zu verhindern und abzuwehren. Jedem muss bewusst sein: Diese Gefahr ist keine Verschwörungstheorie, sie ist real und aktuell – nicht irgendwann oder irgendwo, sondern hier und jetzt!
 


Autor

(Foto: Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD; Leiter Institut 1 an der Theresianischen Militärakademie)

Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD

Leiter Institut 1 an der Theresianischen Militärakademie

Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD ist Militärexperte und durch seine zahlreichen Auftritte im in- und ausländischen Fernsehen bekannt. Der ehemalige Jagdkommandosoldat, Historiker und Autor zahlreicher Sachbücher absolvierte mehrere Auslandseinsätze.


Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 02/2026 (409): Hybrider Krieg

Die internationale Sicherheitslage bleibt angespannt. Der Krieg in der Ukraine dauert an, neue Konflikte verschärfen die globale Unsicherheit, und moderne Kriege wirken längst weit über das Gefechtsfeld hinaus. Neben militärischen Auseinandersetzungen prägen Desinformation, hybride Bedrohungen und…