„Letzte Meile“: Forschung zum Logistik-Transport
Die Logistik muss den Anforderungen des Gefechtsfeldes genügen und an die Herausforderungen von heute und morgen ständig angepasstwerden. Entwicklungen wie im Ukraine-Krieg zwingen zu innovativen Logistik-Lösungen. Die Heereslogistikschule forscht seit vielen Jahren an der „letzten Meile“ der Versorgung. Die zentrale Frage lautet: Wie können Versorgungsgüter auf dem letzten Streckenabschnitt zum Bedarfsträger transportiert werden, ohne Mensch und Material zu gefährden?

Logistik im Ukraine-Krieg
Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat in den ersten Phasen Schwächen in der Logistik der angreifenden Verbände gezeigt. Beim Angriff am Landweg auf Kiew konnte der Aggressor die vorhandenen russischen Eisenbahnlinien nicht ausreichend nützen, auf denen sich das Schwergewicht der russischen Logistik abgestützt hat. Die ukrainischen Bahnlinien konzentrierten sich im Kampfgebiet auf zwei Knotenpunkte, auf einen nördlich von Charkiw und auf einen südlich bei Pokrowsk. Die russische Logistik baute ab der letzten Bahnverladestelle auf einer Transportentfernung von rund 140 Kilometern mit Lastkraftwagen auf. Die Gefechte konzentrierten sich weniger auf strategische Landmarken, als vielmehr auf die wenigen Transportknoten im Kampfgebiet, um die logistische Versorgung sowohl der ukrainischen Verteidiger als auch der russischen Angreifer sicherstellen zu können.
Mit dem vermehrten Einsatz von Kurz-, Mittel- und Langstreckendrohnen auf allen Seiten wurde die Bewegung auf dem Kampffeld im Hinterland zunehmend „gläserner“ und angreifbarer. Diese Entwicklung betraf nicht nur die Kampftruppen an der Frontlinie, sondern vermehrt die Logistik. Aus der kritischen „letzten Meile“ wurde bei einer Fronttiefe von je rund 20 bis 25 Kilometern zunehmend ein Problem der logistischen Gesamtorganisationen. Diese Erkenntnis schlägt sich auch auf die Ausrichtung von Forschungsprojekten der Heereslogistikschule nieder; sie verfolgt daher einen umfassenderen Ansatz.
Unter diesen Bedingungen ist ein Umdenken der Organisation der Logistik erforderlich: weg vom, in den letzten zwei Jahrzehnten verwendeten, eher zentralen Versorgungscamp im Auslandseinsatz, zurück zur dezentralen Verteilung – unter der Annahme einer feindlichen Lufthoheit – wie sie im Kalten Krieg zur Verteidigung Österreichs praktiziert wurde. In einem solchen Umfeld muss der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und autonomen Transportmitteln zu Land sowie in der Luft im Vordergrund stehen, um künftig die dezentralen Lagerstätten mit den Bedarfsträgern zu verknüpfen.
» Aus der kritischen „letzten Meile“ wurde bei einer Fronttiefe von je 20 bis 25 Kilometern so zunehmend auch ein Problem der logistischen Gesamtorganisationen. «
Forschungsprojekte
TOM
Noch vor dem Ukraine-Krieg, in der Pilotphase von FORTE, wurde 2019 für den Versorgungsbereich der „Last Mile“ das Projekt „TOM“ (Teleoperierte Munitionsversorgung) zur Förderung empfohlen. Bei diesem Projekt ging es in erster Linie um den Transport von Munition auf den letzten Kilometern zur Versorgung der Soldaten oder von Geschützen an der Front. Dafür wurde ein Konzept für ein teleoperiertes, geografisch flexibel einsetzbares, energieautarkes Verkehrssystem entwickelt. Das Verkehrssystem ermöglicht es – ohne den Einsatz von Menschen – Munitionspaletten aus 20-Fuß-Containern zu entladen und diese bis zum Schützen zu verbringen.
2022 präsentierte sich ein mit Sensorik ausgestatteten „Crayler“ der Firma Palfinger – beim Bundesheer in wenigen Stückzahlen als fernsteuerbarer Feldlader für Auslandseinsätze eingeführt. Dieser zeigte in der Wiener Vega-Payer-Weyprecht-Kaserne das autarke Entladen eines Containers und die selbstständige Routen- sowie Alternativroutenwahl bei plötzlich auftauchenden Hindernissen.

Verteidigungsforschungsprogramm „FORTE“
Die Projekte der Heereslogistikschule zur Zukunft der Logistik werden über das österreichische Verteidigungsforschungsprogramm „FORTE“ (Forschung und Technologie) abgewickelt. Dieses Programm wurde 2018 vom Bundesministerium für Finanzen ins Leben gerufen und wird seit 2021 von der Forschungsförderungsgesellschaft administriert. Bedarfsträger ist das Bundesheer.
FORTE fördert Projekte von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen mit heimischen Forschungsstandorten und Forschungseinrichtungen der Universitäten und Fachhochschulen sowie von Forschern aus dem universitären und nicht universitären Bereich Österreichs. FORTE ist die österreichische Ergänzung zum 2021 eingeführten „European Defence Fund“. Mit dessen Gründung reagierte die Europäische Union auf die destabilisierenden globalen Entwicklungen.

RESISTANT
Ein Kommandant in der vorderen Kampfzone muss sich darauf verlassen können, dass angeforderte Logistikgüter wie Munition, Ersatzteile, Sanitätsmaterial und Verpflegung unmittelbar bei ihm angeliefert werden, um eine unnötige Bewegung außerhalb geschützter Stellungen zu vermeiden. Die heutige Gefährdung durch Drohnen kann nur durch eine möglichst geringe Bewegung außerhalb von Schutzbauten verringert werden. Das Ziel des Projektes ist daher der Transport dringend benötigter Versorgungsgüter direkt in die Einsatzzone, die schnelle und sichere Versorgung im Einsatz. Das ist ein Beitrag zur Erhöhung der Reaktionsfähigkeit, Sicherheit und Effizienz mit hohem Einsparungspotenzial. Hier setzt das Forschungsprogramm „RESISTANT“ an.
Das Projekt begann mit Gesprächen im Jahr 2023 bei der Bundesvereinigung der Logistik, bei denen das oberösterreichische Start Up „Booxit“ ein modulares und skalierbares Verpackungssystem präsentierte. Es verfügt über eine automatisierte Verriegelung der Transportkisten beim Verladen sowie eine Warenverfolgung mittels in die Box integrierter „Radio Frequency Identification“ (RFID). Die Grundidee dieses Systems ist, neben der einfachen Ladungssicherung, die permanente Verfolgbarkeit der Inhalte der Boxen über die Nahfeldkommunikation der „RFID“-Chips auf Transport- oder in Lagersystemen zu gewährleisten.
Aus der Erkenntnis, dass der Ukraine-Konflikt die Verwundbarkeit mittlerer und größerer Logistikeinrichtungen bis auf Ebene von Kompanien und Bataillonen offenbart hat, resultierte in der Heereslogistik der Bedarf, Lagerbestände in kleinere, mobile Versorgungseinheiten zu gliedern, während die Informationsverwaltung weiterhin zentralisiert erfolgt. Die Integration der Software in bereits vorhandene Logistikprogramme soll bis zum Einzelartikel gewährleistet werden. Bis zum Ende des Kalten Krieges war diese Aufteilung bereits unter beweglichen Versorgungspaketen bekannt. Sie muss aber nun mit reduzierten Personalzahlen in der Heereslogistik sowie der heutigen Angreifbarkeit durch Kampfdrohnen neu entwickelt werden.
Das Projekt „RESISTANT“ beinhaltet die Grundlagen zur Integration der Logistikinfrastruktur mit autonomen oder teilautonomen Transportmitteln wie mit UAV (Unmanned Aerial Vehicle) und UGV (Unmanned Ground Vehicle).Parallel zur Dislozierung ist der Transport auf der „letzten Meile“ mit UAV und UGV ein Teil der Forschung. Die genormten „Booxit“-Boxen in der Größe einer Schuhschachtel können bereits in Tests von fliegenden oder auf Beinen laufenden Combat Dogs (UGV) übernommen werden. Der Einsatz von Räder-UGV wie im Projekt TOM ist noch nicht Teil des Projektes. In der Ukraine sind Quad-artige UGV bereits erfolgreich im Einsatz, wobei sie sich, mit Versorgungsgütern beladen, autonom in die Kampfzone bewegen und bei Bedarf mit Verwundeten zurückfahren können (siehe Titelbild).
DELIVERY
Das FORTE-Projekt „DELIVERY“ (Lieferung) ist Nachfolgeprojekt von „RESISTANT“. Es baut auf die spezifischen militärischen Bedürfnisse des Bedarfsträgers Bundesheer als Projektziel auf. Insbesondere das Einbinden in die bestehenden und künftigen Bundesheer-Logistik-Verwaltungssysteme wie LOGIS, LOGFAS und in das Battle Management System „Sitaware“ stellt ein Forschungsziel dar. Darüber hinaus soll das System robuster und flexibler werden und die erforderliche Datensicherheit sowie Verschlüsselung gewährleisten werden.
Projektziel ist, wie beim Vorgängerprojekt „RESISTANT“, dass die kämpfende Truppe Versorgungsgüter elektronisch anfordert und diese aus autonomen Lagerstätten – je nach Größe des Teils über UAV oder UGV – so weit wie möglich ohne Eingriffe eines Menschen zugestellt werden können. Das könnte bei kleinen Versorgungsgütern mit digitalen und vernetzten Transportboxen und durch den Einsatz von UAV sowie UGV erfolgen. Dabei wäre das Einbinden der Gesundheitsversorgung über gekühlte Transportboxen für Impfstoff- oder Transfusionslieferungen möglich. Die jeweilige Position und der Status der Lieferung soll dem Anfordernden und dem Logistikverantwortlichen in Echtzeit angezeigt werden.
Heereslogistikschule
Die Heereslogistikschule ist die zentrale Ausbildungsstätte der Logistik des Bundesheeres mit etwa 3.000 Lehrgangsteilnehmern pro Jahr. Der Teilnehmerkreis erstreckt sich von den Angehörigen der Kaderanwärterausbildung 2 über die Truppenoffiziersanwärter bis zu den Fach- und Stabsunteroffizieren und -offizieren. Die Weiterentwicklung und das Anpassen der Logistikverfahren an künftige Herausforderungen ist ein integraler Aufgabenbereich der Heereslogistikschule.
IAMLOG
Beim Projekt „IAMLOG“ (Integration von Additive Manufacturing in die Militärlogistik) geht es um die innovative Ersatzteilproduktion. Ersatzteile, die nicht ständig lagernd sind, sollen durch 3D-Druck in Metall oder Kunststoff, d.h. im Additive Manufacturing-Verfahren, nahe der Front hergestellt und über die Logistikschiene der Projekte „RESISTANT“ bzw. „DELIVERY“ zugestellt werden.
Was im zivilen Bereich schon länger üblich ist, soll nun auch beim Bundesheer einsatzfähig gemacht werden. Beispielsweise produziert die Deutsche Bahn seit 2015 Ersatzteile und Spezialwerkzeuge mittels 3D-Druck. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben bis 2024 über 40.000
Ersatzteile mit diesem Verfahren angefertigt. 2024 hielten die ÖBB etwa 1.000 Bauteile in ihrem virtuellen Ersatzteillager als Druckdateien bereit, bis 2028 sollen es auf 5.000 Bauteile sein.
Nun plant das Bundesheer mit den Forschungspartnern, feldverwendungsfähige 3D-Drucker und eine autonome Energieversorgung zu entwickeln sowie robuste und mobile Fertigungsstrukturen zu schaffen. Die so produzierten Bauteile sollen dann über die neuen Logistikverfahren des Projektes „DELIVERY“ verteilt werden.
AUTDROCON
Während bei den Projekten „RESISTANT“ und „DELIVERY“ in der Erprobung und im Zuge der Vorführungen auf handelsübliche verfügbare Drohnen zurückgegriffen wird, soll beim Projekt „AUTDROCON“ (Autonomous Drone Connector) eine österreichische, militärische Logistikdrohne entstehen. Das Ziel ist die Entwicklung von robusten, autonomen Drohnen mit zwei voll funktionsfähigen und autonom arbeitenden Aufnahmemechanismen, die für logistische Einsätze unter Gefechtsbedingungen optimiert sind. Damit soll ein Beitrag zum internationalen Trend hin zu „Tactical Resupply Vehicles“ bzw. Cargo-Drohnen geleistet werden.
Die gewünschten Features der Drohnen umfassen
- einen sicheren Schließmechanismus zur Aufnahme der Lasten,
- eine robuste und störsichere Elektronik für die Steuerung sowie Sensordaten und
- Schnellwechsel-Akkus inklusive der Überlastungs- und Endlagenüberwachung.
Diese Maßnahmen sollen den Personaleinsatz und die Risiken minimieren und eine hohe Einsatzfähigkeit der Drohnen garantieren.

» Der Weg zur KI-gestützten, zeitgemäßen Logistik unter weitestgehendem Schutz für Personal und Material ist somit frei und könnte in naher Zukunft beschritten werden. «
Auf einen Blick
Während die ersten Forschungsprojekte wie „TOM“ und „RESISTANT“ bereits abgeschlossen sind, wird an den Projekten „DELIVERY“, „IAMLOG“ und „AUTDROCON“ weitergeforscht, um die Rahmenbedingungen für eine mögliche Einführung der Logistiksysteme zu schaffen.
Die Präsentationen in Deutschland beim „Tag der Bundeswehr“ 2025 mit den Konzepten „RESISTANT“, „DELIVERY“ und „IAMLOG“ erregten internationales Aufsehen. Besonders die österreichischen Transportboxen „Booxit“ weckten nicht nur in den USA, sondern auch in der Ukraine großes Interesse. Der nächste Schritt ist die Suche der Projektpartner nach Investoren, um dem Bundesheer fertige, erwerbbare Lösungen anbieten zu können.
Der Weg zur KI-gestützten, zeitgemäßen Logistik unter weitestgehendem Schutz für Personal und Material ist somit frei und könnte in naher Zukunft beschritten werden.