Feuerzauber in Allentsteig
Zugsgefechtsschießen der Kaderanwärterausbildung 3 der Heeresunteroffiziersakademie: Entscheidungen auf dem Gefechtsfeld werden mit Waffengewalt erzwungen – im scharfen Schuss. Wer schneller schießt und besser trifft, wird überleben und seinen Auftrag erfüllen. Dieser Grundsatz gilt für den einzelnen Schützen und für seine Kampfgemeinschaft. Zu diesem Zweck erleben die Unteroffiziersanwärter ein realistisches Zugsgefechtsschießen als Höhepunkt ihrer Ausbildung.
Ausbildungshöhepunkt
Das Ziel der Kaderanwärterausbildung 3 (KAAusb3) ist die allgemeine Ausbildung zum Gruppenkommandanten und zum Ausbilder. Alle angehenden Unteroffiziere absolvieren diesen Lehrgang unabhängig von ihrer Waffengattung. Ein positiver Abschluss ist die Voraussetzung, um den Dienstgrad Wachtmeister zu erhalten.
Die Ausbildung zum Ausbilder erfolgt unter anderem mit Lehrauftritten zu allgemeinen militärischen Themen wie dem Waffen- und Schießdienst oder dem Exerzierdienst. Zusätzlich werden bei der KAAusb3 die Verfahren zur Sicherstellung des Einsatzes vermittelt. Diese zu beherrschen ist eine Notwendigkeit, weil sie ein militärisches Basiswissen darstellen, mit dessen Anwendung jeder Kommandant unabhängig von der Waffengattung im Einsatz konfrontiert werden kann. Der Abschluss der KAAusb3 findet in Form einer durchgehenden viertägigen Übung auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig statt, bei der die erlernten Verfahren angewendet werden. Ein Höhepunkt ist das Zugsgefechtsschießen auf der Schießbahn Edelbach.
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Vorbereitung und Vorüben
Die zu lösende Gefechtsaufgabe dieses Zugsgefechtsschießens ist das Beziehen einer Riegelstellung unter Feinddruck. Der Zug, während des Lehrganges als Klasse bezeichnet, besteht aus Soldaten mit unterschiedlichem Ausbildungsstand. Damit das Scharfschießen reibungslos durchgeführt werden kann, wird es vorgeübt. Zunächst wird der Ablauf an einem Luftbild anhand einer Geländeskizze erklärt, dann erfolgen eine Einweisung im Gelände und anschließend ein Durchgang mit Knallmunition.
„Ziel dieses Zugsgefechtschießens unter gefechtsnahen Bedingungen ist es, ein möglichst realistisches Bild des Gefechtes zu vermitteln. Zusätzlich soll der Grundsatz Feuer und Bewegung vermittelt werden“, erklärt der Lehrgangsleiter. Bei diesem Scharfschießen hat er die Funktion des Leitenden. Als weiteres Schwergewicht dieser Ausbildung erwähnt der Major die Führungsleistung des Kommandanten. Das bedeutet, dass dieser die Gruppe energisch, umsichtig und auftragsorientiert führen muss. Dazu gibt er Informationen und Meldungen weiter, erteilt (Feuer-)befehle, Kommandos und Aufträge, deren Umsetzung er kontrolliert sowie korrigiert, und hält Verbindung zu seinen Schützen und zum Zugskommandanten.
Teil jedes Scharfschießens ist die Sicherheitsbelehrung. Dabei werden allgemeine und spezielle Punkte erläutert, die für das Vorhaben wesentlich sind. „Jeder Schütze ist für seine Waffe selbst verantwortlich!“ Das ist die zentrale Aussage des Sicherheitsoffiziers, der die angehenden Wachtmeister und das Sicherheitspersonal belehrt.

Ablauf des Scharfschießens
Ein Gefechtsschießen ist die Umsetzung einer Gefechtsaufgabe im scharfen Schuss. Somit werden alle Phasen einer solchen durchgeführt. In dem konkreten Beispiel sind das:
- Beziehen des Verfügungsraumes;
- Befehlsausgabe;
- Gewinnen der Riegelstellung;
- Feuerkampf im Riegel.
1a/U-Gruppe: Vorgehen hinter „Dingo“
1b/U-Gruppe: „Dingo“ auf dem Weg, Rest über links
1c/U-Gruppe: Stellung bezogen
2/Feuerkampf: U-Gruppe bekämpft Ziele
3/Kolonne: 1. Gruppe - Zugtrupp - 3. Gruppe - 4. Gruppe
4a/Breitkeil: 1. Gruppe li. - 3. Gruppe re. - Zugtrupp - 4. Gruppe
4b/Breitkeil: Nächsthöhere Gefechtsbereitschaft
5/Feuerkampf
6/1. und 3. Gruppe beziehen Riegelstellung
7/4. Gruppe (inkl. PAR) bezieh Riegelstellung li.
8/Feuerkampf
Schießausbildung

Die Schießausbildung begleitet jeden Soldaten während seiner gesamten Dienstzeit. Zu Beginn erfolgen die Schulschießen, die das Fundament bilden. Darauf aufbauend werden Gefechtsschießen durchgeführt, um schrittweise immer komplexere Aufgaben und realistischere Szenarien im scharfen Schuss zu lösen. Neben Einzelgefechtsschießen gibt es Trupp-, Gruppen-, Zugs- und Kompaniegefechtsschießen sowie Gefechtsschießen verbundener Waffen im Bataillons- und sogar im Brigaderahmen. Bei all diesen Vorhaben gilt es, eine Gefechtsaufgabe mit anderen Soldaten im scharfen Schuss zu lösen. Das Ergebnis zeigt, ob ein Organisationselement einsatzbereit ist.
Beziehen des Verfügungsraumes
Nach den vorbereitenden Tätigkeiten für das Scharfschießen, wie das Befüllen der StG-Magazine, das Aufgurten der MG-Munition, dem Herstellen der Gesichtstarnung, der Funküberprüfung etc., tritt der Zug an. „Verfügungsraum beziehen! Marsch!“, befiehlt der Zugskommandant nach einer kurzen Befehlsausgabe. Im Verfügungsraum angekommen, setzt der Zugskommandant geländeangepasst eine Rundumsicherung ein. Nachdem die Gruppenkommandanten ihren Schützen die Kampfaufträge erteilt haben, sammeln sich diese mit ihren Meldern beim Zugskommandanten.



Befehlsausgabe
„Ich gebe den Befehl für das Gewinnen der Riegelstellung!“ Mit diesem Befehl regelt der Zugskommandant den geplanten Ablauf der Gefechtsaufgabe. Die Lage und der Auftrag an den Zug werden darin genauso kommuniziert wie die Durchführung der Aktion mit den Aufträgen an die Gruppen. Das Ziel, „dem Gegner die Inbesitznahme des Raumes zu verwehren“, gelingt nur, wenn alle umsetzen, was der Kommandant befiehlt. Die Gruppenkommandanten haben „keine Fragen!“. Daraufhin befiehlt der Zugkommandant „Befehlsausgabe in der Gruppe durchführen! Antreten auf meinen Befehl!“ Die Gruppenkommandanten melden sich ab, sammeln ihre Soldaten und geben den Gruppenbefehl. Nachdem alle „Befehlsausgabe durchgeführt! Gefechtsbereit!“ gemeldet haben, fordert der Zugskommandant Steilfeuer für das Beziehen des Unterstützungselementes (U-Element) an.
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Gewinnen des Riegels
„U-Element beziehen! Marsch!“ befiehlt der Zugskommandant, nachdem die ersten Granaten eingeschlagen sind. In Deckung des Allschutz-Transport-Fahrzeuges (ATF) „Dingo“ gewinnt die Unterstützungsgruppe (2. Gruppe bzw. U-Gruppe) mit zwei schweren Maschinengewehren (sMG) und einem Panzerabwehrrohr (PAR) ihre Stellung auf einem Plateau, das sich etwa 200 m links von der Riegelstellung des restlichen Zuges in der Senke Edelbach befindet. So lange wie möglich marschieren die Soldaten hinter dem „Dingo“. Bei der letzten Deckung weichen sie in das Gelände aus. Der „Dingo“ fährt weiter, bis er den Gegner – in diesem Fall Scheiben – erkennt und mit seiner Bordwaffe auf diese feuert. Im Schutze dieses Feuers beziehen die sMG und das PAR der U-Gruppe ihre Stellungen und beginnen damit, den Gegner zu bekämpfen.
„Restlicher Zug: Kolonne Marsch!“, befiehlt der Zugskommandant. Der Zug marschiert in Kolonne (eine Gruppe hinter der anderen in Schützenreihe, die erste mit zwei Nahsicherern) und geht dann in den Breitkeil über (zwei Gruppen vorne, vorerst schmal und tief, eine Gruppe hinter dem Zugskommandanten). Schließlich hebt der Zugskommandant die Hand und lässt sie kreisen: „Nächsthöhere Gefechtsbereitschaft!“ Die beiden Gruppen vor ihm entwickeln von der Schützenreihe in die Schützenkette. Während dieser Bewegungsphase, die etwa fünf Minuten dauert, feuert die U-Gruppe auf ihre Ziele, um dem restlichen Zug das Vorgehen zu ermöglichen.
Ein lauter Knall! Der Nächste, noch einer, plötzlich viele, durch- und hintereinander. Rote Lichter blitzen über den Baumwipfeln. „Steilfeuer! Volle Deckung!“ Der Feind hat den Zug aufgeklärt. Nun bekämpft er diesen mit Granaten, die etwa 20 m über den Köpfen der Soldaten detonieren. Nach einer Minute ist der Feuerzauber vorbei. „Keine eigenen Ausfälle!“, melden die Gruppenkommandanten. Hier wird das Steilfeuer von der Pyrotechnik dargestellt. „1. Gruppe: Schutz! 3. Gruppe: Vor!“ Der Zugskommandant führt seine Gruppen laut durch Kommandos und mit Führungszeichen. Nun gilt es, Feuer und Bewegung innerhalb des Zuges zu koordinieren und geschlossen den Riegel zu gewinnen.
Schüsse brechen. „Feind geradeaus!“, schreien mehrere Soldaten. Der Feuerkampf wird intensiver. Schließlich feuern alle Soldaten der 1. und 3. Gruppe auf die Ziele vor ihnen. Die Gruppenkommandanten geben Kommandos und führen Kampfgespräche. Sie nehmen Einblick in das Gelände, erteilen Feuerbefehle, bringen ihre Soldaten nach vorne, halten Verbindung und melden dem Zugskommandanten, der das Gleiche auf seiner Ebene macht. Der gesamte Zug kämpft nun im scharfen Schuss gegen den Feind.
„3. Gruppe bezieht links der 1. Gruppe Stellung auf Höhe des Weges und bekämpft Feind auf zwölf Uhr!“ Bisher war diese Gruppe noch hinter dem Zugskommandanten, jetzt bringt er sie nach vorne, um mit ihrem PAR die Feuerkraft des Zuges zu verstärken.

Feuerkampf im Riegel
Detonationen! Der Boden vor den Soldaten bebt. Erdbrocken spritzen und Rauch steigt auf. Die Garben einer gegnerischen Maschinenkanone (MK) zwingen die Schützen in Deckung. Einmal blitzt es vor der 1. Gruppe, kurz darauf vor der 3. Gruppe, dann vor der 4. Gruppe. Nachdem die Garben eingeschlagen sind, blicken die Gruppenkommandanten auf und wieder nach vorne. „Feind zwölf Uhr! Feuern!“, ruft einer. Der Rauch ist verweht und hat die Sicht auf den Feind wieder freigegeben. Die gegnerischen Schützen haben sich im Schutze der MK angenähert. Nun werden sie bekämpft. Ein lauter Knall von links. Das PAR der 4. Gruppe steht nun ebenfalls im Feuerkampf. Die sMG und das überschwere MG auf dem „Dingo“ des U-Elementes peitschen Feuerstöße in die Zielscheiben. Das macht auch das MG der 3. Gruppe am rechten Rand des Riegels.
Im Zielgebiet blitzt es mehrmals hintereinander auf. Während der Rauch aufsteigt, hat der Schall der Detonation die Ohren und der Druck die Körper der Soldaten erreicht. „Steilfeuer 12 Uhr, 300 Meter vor uns! Volle Deckung!“, ruft der Zugskommandant. Dass es sich dabei um die eigene Artillerie handelt, die den erneut ansetzenden Gegner zerschlägt, ist nebensächlich. Die Splitter könnten auch eigene Soldaten treffen, wenn es keine pyrotechnische Einlage wäre. Das Donnern verstummt. Langsam legt sich der Rauch, der erneut die Ziele freigibt, die nun weiter bekämpft werden. „Feindlicher Ansatz abgewehrt! Weiter sichern! San-Mun-Meldung!“, befiehlt der Zugskommandant.



Ausbildungsziel erreicht
„Sicherheit an allen Waffen!“, melden die Sicherheitsgehilfen dem Sicherheitsoffizier. „Durchgang beendet! Vollzähligkeit überprüfen! Danach auf dem Weg sammeln!“ Nun übernimmt wieder der Leitende. Die Soldaten sammeln auf dem Weg. „Gruppe Sicherheit! Waffen und Gerät vollzählig!“ melden die Gruppenkommandanten kurz darauf. Die Soldaten grinsen, nicken sich gegenseitig zu und klopfen sich zufrieden auf die Schulter. Dann marschieren sie in den Bereich der U-Gruppe, wo die Nachbesprechung stattfindet.
„Ich habe Ihnen ein Schießen unter gefechtsnahen Bedingungen versprochen!“ Den Worten des Lehrgangskommandanten und Leitenden ist nichts hinzuzufügen. Ein Blick in die Gesichter der Lehrgangsteilnehmer verrät, dass er sein Wort gehalten hat. Aus der Sicht des Majors wurde das Ausbildungsziel des Gefechtsschießens erreicht. „Neben dem Kennenlernen eines realistischen Gefechtsbildes wurde bei dem Schießen vor allem der Grundsatz Feuer und Bewegung vermittelt.“
Feuer und Bewegung
Feuern heißt in diesem Zusammenhang nicht unbedingt, tatsächlich zu schießen, es aber sofort zu können. Eigenes Steilfeuer ermöglicht dem U-Element das Beziehen der Stellung, dessen Feuer den Marsch des restlichen Zuges in den Riegel gewährleistet. Da dieser Zug (neben der U-Gruppe) aus drei Gruppen besteht, gehen auch diese unter Feuer und Bewegung vor: zwei Gruppen sichern, eine Gruppe bewegt sich. Selbst in der Gruppe, die sich bewegt, sichert eine Gruppenhälfte, während sich die andere bewegt.

Realistisches Gefechtsbild
Die Darstellung von gegnerischem und eigenem Artilleriefeuer sowie der Beschuss durch Maschinenwaffen vermitteln das Bild, wie ein Feuergefecht in der Realität aussehen kann. Pyrotechnische Darstellungen sind jedoch aufwändig. Fünf Unteroffiziere benötigen etwa vier Stunden, um die 30 Einlagen mit Sprengmitteln vorzubereiten, die während des etwa einstündigen Durchganges rasch ausgelöst sind. Die dadurch erzeugte Wirklichkeitsnähe macht diesen Aufwand aber mehr als wett. Sie ist die Basis für den „Feuerzauber“, der dieses Zugsgefechtsschießen zu einem Erlebnis und Höhepunkt der KAAusb3 macht.
» Sieger im Gefecht ist, wer schneller schießt und besser trifft «

Fazit
Scheiben schießen nicht zurück, Pyrotechnik verwundet keine Soldaten und das reale Gefecht kennt oftmals kein Vorüben. Das wissen alle, die an diesem Schießen beteiligt sind – egal in welcher Funktion. Sie wissen aber auch, dass jener das Gefecht gewinnt, der schneller schießt und besser trifft. Das Fundament dessen ist die eigene Waffe in einem möglichst wirklichkeitsnahen Szenario zu beherrschen. Dazu gilt es, die Möglichkeiten, die die Sicherheitsbestimmungen bieten, zu nützen.
„Aus meiner Sicht war das ein guter Durchgang!“, lobt der Leitende die Leistung der Lehrgangsteilnehmer bei der Nachbesprechung. Bevor er die Klasse abtreten lässt, appelliert er an die künftigen Unteroffiziere: „Nehmen Sie die Bilder dieses Scharfschießens mit! Für Sie selbst und damit Sie diese in ihrer Funktion aus Ausbilder und Gruppenkommandant weitergeben – und im Einsatz – anwenden können.“
Autor
Hofrat Gerold Keusch, BA MA
Jahrgang 1977; Grundwehrdienst beim PzGrenB9 in Horn (ET X/94); 1995-2014: Gruppen- und Zugskommandant beim JgB12 in Amstetten, Auslandseinsätze (Bosnien und Herzegowina und Kosovo); seit 2014: Onlineredakteur und Leiter-Online Medien in der RedTD; Journalistenausbildung (2015/16), Studium Politikwissenschaft; Fachbereiche: Fortifikationen, Südosteuropa, Erinnerungs- und Geschichtspolitik, Zweiter Weltkrieg in Österreich.
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