Digitale Souveränität und LibreOffice
Die digitale Souveränität ist zu einem zentralen strategischen Ziel für Staaten und ihre Institutionen geworden. Für das Bundesheer war die Unabhängigkeit der eigenen IKT-Infrastruktur seit jeher von existenzieller Bedeutung. Die Einführung von LibreOffice als Standard-Bürosoftware markiert einen großen Schritt in diese Richtung.
„Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden. Unabhängig in der Energieversorgung, unabhängig in der digitalen Welt. Souverän auch in unserer Verteidigungsfähigkeit.“ Mit diesen Worten rief der Oberbefehlshaber des Österreichischen Bundesheeres, Dr. Alexander van der Bellen, in einer Ansprache anlässlich des Europatages 2026 zum Handeln auf. Zudem nannte er die Unabhängigkeit in der digitalen Welt in einem Atemzug mit der Energieversorgung sowie der Verteidigungsfähigkeit und betonte die Bedeutung der digitalen Souveränität für Europa. Wie bedeutend digitale Souveränität im Allgemeinen ist, wird neben den Gründen für ihre Erlangung und der Umstellung auf LibreOffice im Bundesheer im Speziellen dargestellt.

Digitale Souveränität
Digitale Souveränität bezeichnet die Fähigkeit, im digitalen Raum selbstbestimmt und autonom zu handeln, ohne auf Autarkie oder Abschottung zu setzen. Sie ermöglicht es, zwischen eigenen Lösungen und Optionen vertrauenswürdiger globaler Partner frei und verantwortungsbewusst zu wählen und dabei nationale wie auch europäische gesetzliche Bestimmungen einzuhalten. Autarkie hingegen bedeutet eine vollständige Abschottung vom Netz und die Erzeugung aller Ressourcen aus eigenen Kräften. Das ist in der globalisierten digitalen Welt weder realistisch noch sinnvoll.
Auch die österreichische Bundesregierung verfolgt das Ziel, digitale Souveränität zu erlangen, um die Entscheidungsfreiheit zu bewahren und die Demokratie mit ihrer Rechtsordnung im digitalen Zeitalter zu schützen. Dabei geht es nicht um Autarkie, sondern um die Fähigkeit, selbstbestimmend, sicher und innovativ handeln zu können. Die digitale Souveränität wird als ein gestaltbarer Raum zwischen Fremdbestimmung und Autarkie verstanden, der ein selbstbestimmtes digitales Handeln ermöglicht.
Abhängigkeiten
Digitale Souveränität ist nicht nur für das Bundesheer von Bedeutung. Die Abhängigkeit Europas von US-Software ist ein Faktum, das sich in der Dominanz weniger großer Technologiekonzerne manifestiert. Sie birgt Risiken für die Sicherheit und Stabilität europäischer Staaten. Die jüngsten geopolitischen Spannungen zeigen, dass die Frage der digitalen Souveränität von enormer Bedeutung ist, um nicht zum Spielball globaler Interessen zu werden.
Im Risikobild 2026 des BMLV wird die Macht der amerikanischen „Big Tech Industrie“ als Risiko für den Staat und seine Sicherheit beschrieben. Für kleinere EU-Staaten wie Österreich sind Initiativen im Hinblick auf digitale Souveränität nicht optional, sondern unerlässlich, um im Zeitalter der Algorithmen demokratische Autonomie und Sicherheit zu gewährleisten. Der Begriff der digitalen Souveränität und die Auswirkungen auf staatliche Organisationen, die Wirtschaft, Industrie und auf die Gesellschaft werden erst bei genauerer Betrachtung einzelner Prozesse in Organisationen begreifbar. Ob es sich dabei um Bereiche der Sicherheit, der Gesundheit, der Kommunikation, der Ausbildung, des Transportwesens oder des Verkehrs handelt, ist irrelevant.
All diese Teile des öffentlichen Lebens funktionieren nur in Abhängigkeit von unübersichtlich vielen, engmaschig vernetzten IKT-Systemen, die oftmals nur über externe Cloud-Dienste bereitgestellt werden. Aber selbst dann, wenn Systeme im eigenen Rechenzentrum betrieben werden, reduziert sich die Abhängigkeit nicht gegen null. Ohne Software-Updates, den Verlängerungen von Aktivierungsschlüsseln für Hardware und die Software selbst ist das Ende der Nutzbarkeit nur eine Frage der Zeit.
Die Bedeutung digitaler Souveränität zeigt sich an den Bemühungen europäischer Staaten und der EU-Kommission, die Problematik zu thematisieren, Handlungsmöglichkeiten zu fördern, zu entwickeln und anzubieten. Die von Österreich am 18. November 2025 beim Gipfel zur digitalen Souveränität initiierte „Declaration of European Digital Sovereignity“ wird von allen EU-Mitgliedsstaaten unterstützt.

LibreOffice
Gründe und Ziele
Im Anbetracht der Ausmaße der digitalen Souveränität für Europa, Österreich und insbesondere für das BMLV und das Bundesheer, stellt sich die Frage, weshalb die Umstellung auf LibreOffice eine so wichtige Änderung ist. Im BMLV und im Bundesheer setzt man bereits seit Jahrzehnten auf Plattformunabhängigkeit. Das bedeutet, dass Betriebssysteme auf offenen Standards und auch als „Open Source Software“ verwendet werden. Lösungen, die die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern fördern, wurden trotz hoher Verbreitung auf dem Markt nicht generell eingesetzt. Dieser Umstand lässt einen Handlungsspielraum für den Ausbau der digitalen Selbstbestimmung zu, der für die Aufgabenerfüllung des Bundesheeres unbedingt erforderlich ist.
Microsoft Office wird seit den frühen 1990er Jahren auf den Endgeräten des Bundesheeres eingesetzt. Aus dem ursprünglichen Schreibmaschinenersatz wurden tief in die täglichen Routinen und Arbeitsprozesse verwurzelte Werkzeuge, ohne die ein funktionierender Betrieb heute undenkbar wäre. Als im Jahr 2020, noch vor den heutigen geopolitischen Veränderungen, der Trend, Software in die Cloud zu verlagern, stark anstieg, begannen nach der Freigabe durch das BMLV die Vorbereitungen, LibreOffice einzuführen. Auslöser waren und sind bis heute nicht Einsparungsabsichten, sondern der Wille, die digitale Souveränität des Bundesheeres zu stärken.
Primäres Ziel war der Erhalt der Fähigkeit, Dokumente, Tabellenkalkulationen, Datenbanken und Präsentationen unter eigener Kontrolle unabhängig von externen Anbietern, auf der eigenen IKT-Infrastruktur für die interne Zusammenarbeit verarbeiten und speichern zu können. Bereits zum Entscheidungszeitpunkt wurden weitere Fähigkeiten wie die Verwendbarkeit auf Smartphones und Tablets, Linux-Unterstützung und die gemeinsame gleichzeitige Bearbeitung von Office-Dateien eingeplant. Für die Zusammenarbeit mit externen Stellen war absehbar, dass Microsoft Office-Installationen in Ausnahmefällen weiterhin notwendig sein würden.
Produktauswahl
Die initiale Prüfung umfasste alternative Officesuiten in Closed Source - und in Open Source-Form. Als wichtige Grundlage dafür stand das Pflichtenheft für Office-Funktionalitäten zur Verfügung. Auch professionelle Wartungs- und Entwicklungsleistung einzukaufen war neben der originären Herkunft der Open Source Projekte Inhalt der Auswahlprüfung.
Das BMLV wählte die Open Source-Software LibreOffice – den Nachfolger von openoffice.org – aus nachstehenden Gründen:
100 Prozent Open Source
- Frei verfügbar und ohne Lizenzgebühren nutzbar;
- Ohne Aktivierungsverfahren offline verwendbar;
- Entwicklung unter der Schirmherrschaft der in Berlin ansässigen gemeinnützigen Stiftung;
- „The Document Foundation (TDF)“.
Natives ODF-Format
- LibreOffice verwendet das standardisierte und offene Open Document Format (ODF). ODF folgt einem internationalen Standard (ISO/IEC 26300).
- ODF gilt ab 2027 als Standarddokumentformat im „Deutschland-Stack“, der Digitalisierungsplattform der deutschen Verwaltung.
Integrierbar
- LibreOffice ist durch Programmierschnittstellen in die Bundesheer- Applikationen und Lösungen wie in den BMLV-ELAK, in LOGIS, PSNT oder in das Intranet Content Management System „Liferay“ und
- in Kollaborationslösungen wie Nextcloud oder Opencloud integrierbar.
Interoperabel
LibreOffice kann die MS Office Formate doc, docx, xls, xlsx, ppt sowie pptx in guter Qualität lesen und schreiben und deckt damit die häufigsten Fälle für die Zusammenarbeit mit externen Stellen ab.
Verbreitung
LibreOffice wird bereits in großen Organisationen genutzt. So verwenden das Bundesland Schleswig-Holstein mit 30 000 Arbeitsplätzen, die französische Gendarmerie mit über 70 000 Arbeitsplätzen oder das Bundesministerium für Justiz in Österreich diese Software.
Wartung und Entwicklung
Neben der allgemein verfügbaren Unterstützung durch die LibreOffice-Community existiert ein Ökosystem an Unternehmen, die eine Wartungs- und Entwicklungsleistung anbieten.
Plattformunabhängig
- LibreOffice unterstützt viele Betriebssysteme wie Linux, Windows, Mac OS, IOS oder Android.
- Umfassende Funktionalität
- Writer (Textverarbeitung);
- Calc (Tabellenkalkulation);
- Impress (Präsentationen);
- Draw (Grafik- und Diagrammerstellung);
- Base (Datenbanken);
- Math (Formeleditor);
- Unterstützung für die gemeinsame gleichzeitige Bearbeitung von Dateien im Browser mittels Collabora
Online Office.

Umstieg
Der Umstieg auf LibreOffice war nach 30 Jahren Microsoft Office für jede Organisation eine große Herausforderung. Tief verankerte, automatisierte Arbeitsroutinen in Office-Programmen umzulernen, erfordern Zeit und Begleitangebote. Die Einführung von LibreOffice im Bundesheer war daher nicht nur eine technische Herausforderung, sondern vor allem ein Change Management-Projekt, das eine frühzeitige, laufende und ständig an die Lage angepasste Kommunikation mit allen Usern der Organisation erforderlich machte.
Der verpflichtende Wechsel wurde daher schon im Jahr 2022 für Ende 2024 angekündigt. Die Mitarbeiter und ihre Organisation sollten ausreichend Zeit für das Einarbeiten und die Umstellung haben. Als mittlerweile bewährtes Mittel wurde im Jahr 2024 der Tipp der Woche zu LibreOffice im Intranet eingeführt. Dieser informiert seit über 100 Wochen jeden Montag in kurzer Form zum Umstieg und zu aktuellen Anwendungen. Das Projektteam des Zentrums für Informations- und Kommunikationstechnologie & Cybersicherheit (IKT&CySihZ) unterstützte den Umstieg mit zahlreichen Informationsveranstaltungen und Einweisungen.
Der Support erfolgt über Diskussionsforen, per Mail oder telefonisch durch die eigene Benutzerbetreuung. Für das flexible selbstständige Einarbeiten gibt es E-Learning Angebote mit „Fast Track“-Kursen, die für die Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentation und Datenbanken innerhalb von 15 Minuten die wichtigsten Unterschiede und die häufigsten „Stolperfallen“ zusammenfassen. Zu ausgewählten Funktionen stehen spezifische E-Learning-Module zur Verfügung. Die S6-Organisation veranstaltet dienststellenspezifische Weiterbildungen.
Im Arbeitsalltag können Änderungen, die in der Zukunft stattfinden, rasch in Vergessenheit geraten. Diese Gefahr bestand, als beide Officesuiten (Microsoft Office und LibreOffice) auf den Arbeitsplätzen installiert blieben. Die Mitarbeiter sollten selbst entscheiden können, wann sie ihre Umstiegsvorbereitungen trafen. Um trotzdem das frühzeitige Nutzen der LibreOffice-Software zu fördern, führte man im August 2023 ihre Verwendung im BMLV-internen „Elektronischen Akt“ (ELAK) verpflichtend ein. Seit Dezember 2024 verwenden alle User des BMLV und des Bundesheeres LibreOffice.
Bei der Umstellung auf Windows 11 hat LibreOffice Microsoft Office als einzig installierte Officesuite abgelöst. Microsoft Office-Module werden einzeln, beispielsweise Microsoft Word für genehmigte Ausnahmefälle, zugewiesen. Etwa 80 Prozent dieser Module sind für die Kollaboration mit Externen erforderlich. Der Rest wird für Lösungen zur individuellen Datenverarbeitung (IDV) verwendet.
Individuelle Datenverarbeitung
IDV-Lösungen werden von Anwendern erstellt, um Aufgaben für sie oder für größere Anwenderkreise zu automatisieren. Diese Makrolösungen wurden oft mit hohem persönlichem Engagement entwickelt und waren wichtige Ergänzungen für die bereitgestellten Informationssysteme. LibreOffice kann Microsoft Office-Lösungen nicht nutzen. Im Jahr 2022 erhoben daher Bundesheerexperten Informationen zu den bestehenden IDV-Lösungen.
Das Ergebnis zeigte etwa 800 Anwendungsfälle. Durch den Bereich Applikationen wurden und werden vorhandene Informationssysteme wie das logistische Informationssystem (LOGIS) oder „Personalsysteme – neue Technologien“ (PSNT) erweitert oder neue Lösungen in Zusammenarbeit mit den zuständigen Fachabteilungen entwickelt. Dabei wurde der Aufwand für die Wartung bei den Anwendern reduziert und verfügbare Lösungen insgesamt erhöht. Um die Kreativität und das Lösungspotenzial der Truppe weiterhin zu fördern, steht eine moderne Entwicklungsumgebung auf Basis von Web-Technologien bereit.

Wartung und Erweiterung
Open Source-Software erfordert wie Closed Source-Software laufend eine Wartung, die Fehler behebt, Anpassungen an neue Betriebssysteme vornimmt oder Sicherheitslücken schließt. Für den Einsatz von LibreOffice im Bundesheer wurde diese Dienstleistung gemeinsam mit den Entwicklungskapazitäten für die Erweiterung der Funktionalität und zur Verbesserung der Kompatibilität zu Microsoft Office 2023 nach einer europaweiten offenen Ausschreibung an die „Computer Integrated Business-Group“ (CIB Group) vergeben. Bisher wurden über fünf Jahre in die Entwicklung von LibreOffice investiert. Die Verbesserungen basieren primär auf Rückmeldungen von Anwendern. Alle Entwicklungen wurden in das LibreOffice-Projekt eingebracht und stehen heute weltweit für Organisationen, die den Wechsel auf die Open Source Office Suite prüfen oder bereits umgesetzt haben, zur Verfügung. Die Weiterentwicklung von LibreOffice wird fortgesetzt.
Eine militärspezifische Anpassung ist die Erweiterung „taktische Zeichen-MilSymbol“. Diese frei verfügbare Open Source-Software erstellt taktische Zeichen nach den aktuellen Standards (Mil-STD-2525 und STANAG APP-6), die in LibreOffice-Dokumente eingebettet werden können.
Bisherige Verbesserungen
(auf Basis von Rückmeldungen, Auszug)
- Schnellere Benutzeroberfläche
- Format übertragen in Writer und Impress
- Notizbereich Impress
- Tabellenkommentare verbessert
- Folienbearbeitung während Präsentation
- Tabellen markieren verbessert (Writer)
- ElAK-Links einfügen ermöglicht
- Verkürzung der Ladezeiten
- Linealfunktion (Writer und Impress)
- Feldfunktionsinhalte verbessert
- Writer-Listen überarbeitet
- Suchfunktion in Galerie
- Zoom für Textdokumente einstellbar gemacht
- Mehrseitige Notizen ausdrucken ermöglicht
- Impress Handouts optimieren
- Benutzeroberflächen effektiver gestaltet
- Schnellere Tabellenkalkulation
- Zwischenablage verbessert
- Springende Textrahmen reduziert (Impress)
Ausblick
Digitale Souveränität ist für das Bundesheer ein zentrales strategisches Ziel, um die Kontrolle über die eigene IT-Infrastruktur zu behalten und die Abhängigkeit von ausländischen Dienstleistern zu reduzieren. Die über vier Jahre hinweg umgesetzte Einführung von LibreOffice markiert angesichts der tiefen und zugleich querschnittlichen Integration von Microsoft Office in den Arbeitsalltag der Heeresbediensteten einen bedeutenden Schritt in diese Richtung. Dieser stärkt nicht nur die digitale Unabhängigkeit, sondern eröffnet auch den Handlungsspielraum für den Einsatz alternativer Betriebssysteme.
Das BMLV zeigt mit der LibreOffice-Migration, dass große, komplexe Organisationen erfolgreich zu Open Source-Alternativen wechseln können, um ihre digitale Handlungsfähigkeit zu sichern und zu stärken. Es ist davon auszugehen, dass weitere Staaten und Organisationen Schritte in Richtung digitale Souveränität unternehmen werden. LibreOffice wird innerhalb des Bundesheeres auch künftig weiterentwickelt werden. Das Ziel ist die bestmögliche Unterstützung der Mitarbeiter des BMLV und des Bundesheeres.
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