Ukraine-Krieg Update Ende 2025
Die russische Sommeroffensive ist trotz geringer Gebietsgewinne auch dieses Jahr gescheitert. Es gelang den russischen Streitkräften zwar weiter vorzurücken, aber ein operativer Durchbruch misslang. Vor diesem Hintergrund hat Russland seine hybride Kriegsführung intensiviert. Das Ziel dieser Auseinandersetzung im Graubereich des internationalen Rechtes ist der Westen, vor allem Europa.

Nachdem die russische Sommeroffensive ohne entscheidenden Durchbruchserfolg beendet worden ist, befindet sich der Ukraine-Krieg am Ende des bereits vierten Kriegsjahres (noch immer) in der achten Phase. Dieser Zeitabschnitt (siehe auch TD-Heft 2/2025) wurde durch die Inauguration von US-Präsident Donald Trump eingeleitet. Die Hoffnung war groß, dass es zu einer Friedenslösung kommt. Diese Erwartung hat sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht erfüllt. Es kam zwar zu einem Gipfeltreffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump Mitte August 2025 in Alaska, dieses brachte aber keine Erfolge.
Im Gegenteil zeigte sich, dass Russland in der Lage ist, sich auf einen langen Krieg einzustellen und diesen auch führen möchte. Einerseits sind die Russen – trotz misslungenem Durchbruch im Mittelabschnitt der Front – in der Lage, langsam aber dennoch stetig vorzumarschieren. Andererseits ist der globale Süden, aus dem die Unterstützer Russlands kommen, enger zusammengerückt. Gemeinsam versuchen sie, dem globalen Norden die Stirn zu bieten.
Weder Russland noch die Ukraine kämpfen alleine, sondern in wechselvollen Allianzen. Während die USA und Europa zur Ukraine stehen, finden sich Russland, China, Nordkorea und Indien auf der anderen Seite. Vor allem China ist ein wesentlicher Verbündeter von Moskau. So hat der chinesische Außenminister Wang Yi bei seinem Besuch in Europa im Sommer 2025 klar gesagt, dass es nicht im Interesse Chinas sei, wenn Russland diesen Krieg verlieren würde. Sollte das eintreten, könnten sich die USA wieder China zuwenden, was man auf keinen Fall möchte. Deshalb sind weder China noch Indien bereit, auf die Forderungen der USA einzugehen, wodurch es bereits einen globalen Handels- und Sanktionskrieg gibt, wenngleich in einer für die westliche Gesellschaft noch kaum spürbaren Ausprägung.
Status quo
Um die aktuelle Situation des Ukraine-Krieges darzustellen, erfordert es eine Einordnung auf strategischer, operativer und taktischer Ebene.
Strategische Ebene
Russland hat im Laufe des Jahres 2025 eine intensivierte strategische Luftkampagne gegen die Ukraine durchgeführt. Es kam zu einer steten Zunahme des Einsatzes unterschiedlicher Wirkmittel, wie Drohnen, Marschflugkörpern oder ballistischen Raketen. Vor allem Drohnen vom Typ „Geran-2“, die billig herzustellen sind, fliegen bei jedem Angriff zu Hunderten in die Ukraine. Zusätzlich werden von strategischen Bombern Marschflugkörper abgefeuert, die in Kombination mit ballistischen Raketen, die Kritische Infrastruktur der Ukraine treffen und dort schwere Schäden verursachen.
Russland passt sich an die Kriegssituation an. Das zeigt sich zum Beispiel an den ukrainischen Abfangraten von „Iskander“- oder „Kinschal“-Raketen in diesem Sommer, die sich nachteilig entwickeln. Konkret ist die Abfangrate von 37 Prozent im August 2025 auf sechs Prozent im September zurückgegangen. Zusätzlich treffen die russischen Marschflugkörper, ballistischen Raketen und Drohnen ihre Ziele immer öfter. Alleine die russischen Angriffe Anfang Oktober haben laut offiziellen ukrainischen Angaben bis zu 60 Prozent der ukrainischen Gasproduktion ausgeschaltet. Diese ist für den kommenden Winter jedoch wesentlich.
Russland verfügt noch über weiteres Eskalationspotenzial. So wurde bei den Angriffen im Oktober klar, dass Russland die Wasserkraftwerke entlang des Dnepr weit oben auf der Zielliste hat. Wären diese zerstört, hätte das einen nachteiligen Effekt für die Stromversorgung der Ukraine. Zusätzlich käme es bei einer Zerstörung von Kraftwerken bzw. von Staudämmen zu massiven Überflutungen, möglicherweise sogar in der Hauptstadt Kiew.
» Es ist nicht im Interesse des globalen Südens, dass Russland den Ukraine-Krieg verliert «
Das Hauptangriffsmittel der Russen sind verhältnismäßig billige Drohnen, vor allem vom Typ „Geran-2“, mit einer Traglast von etwa 100 kg Sprengstoff. Laut ukrainischen Quellen hat deren Produktionsrate enorm zugenommen. Für das Jahr 2025 geht man davon aus, dass bis zu 79 000 Stück produziert wurden bzw. werden – etwa 40 000 „Geran-2“, 34 000 „Harpija-1“ und 5 700 „Gerbera“. Das ist eine enorme Anzahl von Flugkörpern, die die Ukraine abwehren muss. Die Ukraine versucht diesen Krieg auch zum Gegner zu tragen und führt selbst strategische Luftangriffe in Russland durch. Im Herbst 2025 hat sie eine erfolgreiche Luftkampagne gestartet und dabei messbare sowie für Russland spürbare Ergebnisse erzielt.
Konkret wurde durch den Einsatz von Drohnen und Marschflugkörpern die russische Infrastruktur getroffen. Sogar die russische Achillesferse, die Ölproduktion, deren Exporte bedeutende Geldmittel in das Land spülen, wurde zum Ziel. Beinahe die Hälfte der wichtigsten Raffinerien wurde dabei getroffen. Die Bilder der Autoschlangen an den Tankstellen zeigten deren Auswirkung auf die Zivilbevölkerung. Hier ist aber festzuhalten, dass die russischen Streitkräfte nach wie vor den Treibstoff erhalten, den sie für ihre Einsatzführung benötigen.
Essenziell für diese erfolgreichen Aktionen der Ukraine ist die Unterstützung durch die USA bei der Aufklärung von Zielen und der Übermittlung von Zieldaten. Wie in einem Artikel von der Financial Times dargestellt, sind die USA in alle Phasen der Planung und Durchführung dieser Angriffe involviert. Das ist auch bei der Diskussion um die „Tomahawk“-Marschflugkörper zu bedenken. In der Vergangenheit (Kursk 2024) war man schon einmal anfangs zurückhaltend mit der Lieferung weitreichender Waffensysteme, hat diese später aber dennoch an die Front gebracht und eingesetzt.
Die damalige Antwort Russlands waren hybride Angriffe und der Einsatz von Mittelstreckenraketen vom Typ „Oreschnik“. Dies führte dazu, dass von den USA die weitreichenden Angriffe wieder eingestellt wurden. US-Präsident Trump ist aktuell in derselben Situation wie damals Biden. Konkret stellt sich die Frage, ob es den Ukrainern erlaubt werden soll, weitreichende Waffensysteme wie „Tomahawk“-Marschflugkörper zu erhalten und einzusetzen. Das wäre nur möglich, wenn die USA der Ukraine entsprechende Aufklärungsinformationen bereitstellen und sie beim Betrieb dieses Systems unterstützen.
Dass die Unterstützung der Ukraine für die USA heikel ist, ist nicht neu. So gab es in der Vergangenheit bereits den Versuch, die Weitergabe von Zieldaten an die Ukraine zu verschleiern. Dazu wurden die Zieldaten, die den ukrainischen Streitkräften zur Verfügung gestellt wurden, nicht als „Targets“ bezeichnet, sondern als „Points of Interest“ oder als „Tracks of Interest“.




Operative Ebene
Die Front im Osten der Ukraine kann aktuell in drei Abschnitte unterteilt werden:
- Nordabschnitt (Sumy bis Charkiw);
- Mittelabschnitt (Kupjansk bis Pokrowsk);
- Südabschnitt (Saporischschja bis Cherson).
Das Schwergewicht des russischen Angriffes liegt nach wie vor im Mittelabschnitt. Die russischen Streitkräfte versuchen im Nord- und Südabschnitt die ukrainischen Kräfte zu binden. Im Mittelabschnitt greifen sie hingegen mit mehreren operativen Manövergruppen an und versuchen dort einen Durchbruch zu erzielen.
Auch im Jahr 2025 ist es der Russischen Föderation mit ihren Streitkräften nicht gelungen, einen operativen Durchbruch zu erzielen. Vielmehr haben es die Ukrainer geschafft, alle Angriffe im Großen und Ganzen abzuwehren, wenngleich Gebiete verloren gingen und sich die Situation von Kupjansk bis Pokrowsk aktuell verschärft. Zwischen den beiden Städten versucht die russische Operativmanövergruppe „Jug“ Richtung Norden bis zur neuen Donbass-Linie durchzubrechen. Das hat bisher nicht funktioniert, vor allem weil es den ukrainischen Streitkräften – wider Erwarten der Russen – gelungen ist, dort ihre operativen aber auch strategischen Reserven zusammenzuziehen und mit diesen dagegenzuhalten.
Zu dieser Situation an der Front gibt es ebenfalls einen Kampf der Narrative. Die Russen sprechen von einem weiten Vorstoß in die ukrainischen Linien. Die Ukraine entgegnet, dass es ihr gelungen wäre, russische Kräfte einzuschließen. Die Vehemenz der Kämpfe unterstreichen die russischen Angriffe mit mechanisierten Kräften, die wegen der Drohnenlage mittlerweile selten und überaus verlustreich geworden sind.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die russische Sommeroffensive des Jahres 2025 gescheitert ist. Denn obwohl die russischen Kräfte an einigen Stellen (bei den Städten Kupjansk, Liman, Siversk, Konstantinowka, Pokrowsk oder Nowopawliwka) ihre Lage verbessern konnten, ist ihnen kein operativer Durchbruch gelungen.
Hotspots
In der Stadt Kupjansk konnten die russischen Kräfte vom Norden her in das Stadtgebiet eindringen und bereits Teile der Stadt in Besitz nehmen. Im Oktober begannen die Ukrainer damit, die Zivilbevölkerung aus diesem Raum zu evakuieren, da russische Truppen mit einem gleichzeitigen Stoß von Nord und Süd versuchten, diesen Abschnitt zu erobern.
Im Schatten der Kämpfe um Pokrowsk ist die Situation bei Siwersk etwas untergegangen. Dort wurde der Serebrjanskoje-Wald, ein wichtiges Bollwerk der Ukraine, von den Russen in Besitz genommen. Siwersk ist nun der Angelpunkt zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil des Mittelabschnittes. Wenn diese Stadt fällt, würde die Front bereits in der Tiefe verlaufen, womit die ukrainischen Kräfte auf die nächsten Verteidigungslinien zurückgehen müssten, die in der Tiefe bereits angelegt sind.
Der gesamte Raum ostwärts der Stadt Saporischschja, östlich des Dnepr, ist ein dritter Hotspot, der ebenfalls in einer prekären Situation ist und über den wenig berichtet wird. 2023 konnten die ukrainischen Kräfte während ihrer letztlich gescheiterten Sommeroffensive in diesen Raum vorstoßen und dort Stellungen errichten. Nun versuchen die Russen dort, in Richtung Westen anzugreifen, um hinter die ukrainischen Stellungen zu gelangen. Ob das in den nächsten Wochen, Monaten oder im Frühjahr 2026 gelingen wird, ist fraglich. Der russische Versuch, dort in Richtung Westen anzugreifen, ist jedenfalls eindeutig.
Einsatz von Reserven
Eine große Herausforderung für die Ukraine ist der Einsatz ihrer Reserven. Der Staat kämpft an seiner inneren Linie und hat somit kürzere Wege, wobei die Distanzen immer noch enorm sind. Die ukrainischen Streitkräfte stehen jedoch vor der Herausforderung, genügend Reserven zu bilden, um sich auf lange Sicht erfolgreich gegen Russland zu stellen. Die russischen Truppen kämpfen an der äußeren Linie mit einer logistisch anspruchsvolleren Situation. Sie können aber genügend Personal zuführen, um die Ukrainer stets überall anzugreifen, die dabei nur reagieren können.
» Auch im Jahr 2025 ist es den Russischen Streitkräften nicht gelungen, einen operativen Durchbruch zu erzielen. «
Taktische Ebene
Der Versuch der russischen Streitkräfte, vor allem im Mittelabschnitt, durch viele gleichzeitige Angriffe die ukrainischen Stellungen zu durchdringen, benötigt eine Erklärung. Die ukrainische Stellungslinie bildet keine lineare und durchgehende Frontlinie, sondern gleicht einer „Perlenkette“ aus vielen kleinen Stützpunkten, die verteidigt werden. Das Gelände zwischen diesen Stützpunkten wird durch Drohnen überwacht – das ist jener Bereich, in dem die Russen versuchen durchzustoßen.
Die russischen Truppen versuchen, den Ukrainern durch das Verlagern von Kräften immer wieder das Bild eines neuen Schwergewichtes zu vermitteln. Die Ukrainer sollen so laufend ihre Kräfte verlegen, die die Russen versuchen in Scharmützeln abzunützen bzw. durch ihre Kampfmittel zu dezimieren. Eines der Waffensysteme, das vor allem die russische Seite in großer Menge einsetzt und über das nur wenig berichtet wird, sind UMPK-Gleitbomben. Diese haben eine oft verheerende Wirkung, weil sie sehr präzise sind und somit den ukrainischen Gegner gezielt bekämpfen können.
Die Russen sind insofern im Vorteil, da sie durch den Einsatz von UMPK-Gleitbomben ein relativ billiges, aber wirkungsvolles Mittel haben, um ihre Ziele zu treffen. Darüber hinaus verfügen sie über den „Aufklärungs- und Angriffs-Komplex“. Das ist ein operativ-taktisches Verfahren, mit dem sie durch den Einsatz von Drohnen Ziele tief hinter der Front aufklären können, um dort gezielt Bomben abzuwerfen oder andere Wirkmittel einzusetzen. Diese Methode wird beispielsweise in Pokrowsk angewandt, um die ukrainische Versorgung zu unterbrechen und Stützpunkte sturmreif zu schießen. Auch wenn die Ukrainer ihre Linien halten konnten, ist es für sie äußerst schwierig, die gezielt angegriffenen einzelnen Stützpunkte über längere Sicht zu verteidigen. Die betroffenen Städte wie Pokrowsk oder Kupjansk müssen schließlich aufgegeben werden.
Die Ukraine richtet weitere Verteidigungslinien in der Tiefe ein, z. B. die „Neue Donbass Linie“, die aktuell hinter Kupjansk bis Pokrowsk, an günstige Geländeabschnitte angelehnt, ausgebaut wird. Dort gibt es ebenfalls kaum durchgehende Verteidigungslinien, sondern vor allem Stützpunkte, zwischen denen die Russen den Durchbruch wagen könnten. Teilweise besteht diese Verteidigungslinie nur aus Stacheldraht, weil dieser das einzige kurzfristig verfügbare Mittel ist.


Gefechtstechnische Ebene
Auf der gefechtstechnischen Ebene greifen die russischen Truppen unverändert mit ihrer Stoß- und Sturmtrupptaktik an. Während der Sommeroffensive gab es nur wenige Angriffe von mechanisierten Kräften. Man setzte vor allem auf leichte Kräfte, zum Beispiel auf Soldaten, die sich mit Motorrädern oder anderen umgebauten und improvisierten Fahrzeugen bewegten. Mit dieser Gefechtstechnik sollen sich die Angreifer rasch zwischen den ukrainischen Stützpunkten bewegen können und dabei einen geringen „Fußabdruck“ hinterlassen.
Hinsichtlich der damit verbundenen hohen Verluste ist zu bemerken, dass die Motivation der russischen Streitkräfte bzw. ihrer Soldaten doch höher sein dürfte als häufig angenommen wird. Oft sind sie bereit, bis „zum Äußersten“ zu gehen. Der Einsatz von Motorrädern ist zudem nicht neu und wurde von den Sowjets bereits im Zweiten Weltkrieg erfolgreich durchgeführt.
Wie damals versuchen die russischen Motorradaufklärungs- und Angriffstrupps eine Art Schleier über die ukrainischen Stellungen zu legen und wo immer das möglich ist Durchbrüche zu erzielen. Das führt oft zu massiven Verlusten der Angreifer, die von der Artillerie, First-Person- View-Drohnen, Minen oder ähnlichen Waffensystemen bekämpft werden. Häufig schaffen es nur wenige Soldaten tatsächlich durchzubrechen. Diese bereiten dann den Weg für jene, die nachfolgen. Die Motorradaufklärer schaffen mit ihren Aufklärungsergebnissen ebenfalls die Basis für den weiteren Einsatz von Gleitbomben oder Drohnen auf erkannte Stellungen.
Die Ukraine ist mit ihren Drohnen in der Lage, fehlendes Personal auszugleichen – zumindest bisher. Bei der Sommeroffensive 2025 zeigte sich, dass der Einsatz von glasfaserdrahtgesteuerten Drohnen deutlich effektiver ist als jener mit Funksteuerung, da erst genannte nicht gestört werden können. Hier hat Russland jedoch insofern einen Vorteil, da es in der Lage ist, mehr von diesen glasfaserdrahtgesteuerten Drohnen einzusetzen. Das hängt vor allem mit der Unterstützung durch China zusammen, das unter anderem Glasfaserspulen und Wickelmaschinen liefert.
Der massive Einsatz von Drohnen auf beiden Seiten hat auch zur Folge, dass es keine Frontlinie wie früher gibt. Vielmehr gibt es nun eine bis zu 50 Kilometer breite Todeszone beiderseits der eigentlichen Front. Auf beiden Seiten sind die Soldaten deshalb massiv gefordert. So müssen sie beispielsweise viele Kilometer zu Fuß bis zur Front marschieren, weil die Gefährdung durch Drohnen permanent gegeben ist. Im schlimmsten Fall werden sie bereits bekämpft, bevor sie die Stellung erreicht haben.

Unsichtbares Schlachtfeld
Die bisherigen Ausführungen betrafen nur das sichtbare Schlachtfeld, jenes, das sich über die Domänen Land, See, Luft, Weltraum oder elektromagnetisches Feld definieren lässt. Es gibt aber einen weiteren relevanten Bereich: den Cyberraum und den Informationsraum, in denen aktuell ein hybrider Krieg stattfindet.
Russland möchte den Druck, den es von der Ukraine erhält, auf die strategische Tiefe hinter der Ukraine weitergeben. Gemeint sind damit Europa und die USA – die Verbündeten der Ukraine. Dazu wird eine Methode der Kriegsführung umgesetzt, die in der Sowjetunion entwickelt wurde und deren Phasen bis heute gültig sind – im aktuellen russischen Verständnis des Führens eines hybriden Krieges, einer militärischen Auseinandersetzung in der Grauzone.
Konkret werden dabei phasenweise die Stufen Demoralisierung, Destabilisierung, Krise und Intervention bis zur darauffolgenden (aus russischer bzw. früher sowjetischer Sicht) „Normalisierung“ durchlaufen. Hier ist zu bemerken, dass sich die Arbeit der russischen Nachrichten- und Geheimdienste mit Masse im Bereich der Desinformation oder Beeinflussung abspielt. Es geht darum, das Gegenüber davon zu überzeugen, dass der potenzielle oder tatsächliche Gegner, in diesem Fall Russland, eigentlich keiner ist.
Im Sommer und Herbst 2025 ist diesbezüglich einiges geschehen. Ein Beispiel sind russische Hackerangriffe im Cyberraum. In Polen wurde versucht, die Wasserversorgung eines Ortes zu treffen, was jedoch verhindert werden konnte. Es gab gezielte Sabotageaktionen, zum Beispiel auf Unterseekabel, und Spionageschiffe werden zur Aufklärung eingesetzt. An der Ostküste Schwedens gab es mehr als 30 Angriffe und Anschläge auf die dortige Kritische Infrastruktur. Die Deutsche Marine hätte in den vergangenen Jahren beinahe drei Schiffe durch Sabotage verloren, was gerade noch rechtzeitig abgewendet werden konnte. Darüber hinaus wurde versucht, Sprengstoffpakete an Bord von DHL-Flugzeugen zu schmuggeln.
Zusätzlich wird versucht, einen Keil in die westlichen Gesellschaften zu treiben. So wurden vor einigen Monaten in Frankreich Schweineköpfe vor Moscheen gelegt. Diese islamophobe Aktion wurde von einem ausländischen Nachrichtendienst russischer Herkunft mittels „Wegwerfagenten“ durchgeführt, der damit Unruhe in der Gesellschaft stiften und einen Konflikt provozieren wollte. Teile der Friedensbewegung wurden und werden gezielt unterwandert, um Narrative zu formulieren, die vor allem der Durchsetzung der Interessen einer fremden Macht dienen, aber auch staatlichen Akteuren die Möglichkeit nehmen, Ereignisse zu deuten. Der zunehmende Verlust der Deutungshoheit ist ein systemisches Problem, dass die Glaubwürdigkeit von Regierungen konterkariert und durch die Verfügbarkeit und Verwendung unterschiedlicher Social-Media-Kanäle verstärkt wird.
» Ganz Europa ist von der zunehmenden hybriden Kriegsführung Russlands betroffen – auch Staaten, die sich aus diesem Krieg heraushalten wollen. «
Der bisherige Höhepunkt dieser Aktionen war der Einsatz von Drohnen, der in den betroffenen Staaten beinahe eine Krise auslöste. Das hängt auch damit zusammen, dass die Frage „Was können wir dagegen tun?“ für viele Bürger nicht zufriedenstellend von der Politik und den zuständigen Behörden beantwortet werden konnte. Die Angst und der Schrecken, den Russland durch seine Drohnenoperation in Polen ausgelöst hat, führte dazu, dass quasi hinter jedem Drohnenflug bereits der russische Gegner vermutet wird. Das dient dem russischen Zweck der hybriden Kriegsführung, für Verwirrung und Unsicherheit zu sorgen.
Der Einsatz von Drohnen dient aber nicht nur der hybriden Kriegsführung. Sie sind auch ein Spionage- bzw. Aufklärungsmittel zum gezielten Ausspionieren der zivilen und militärischen Infrastruktur. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sich vermutlich bereits zahlreiche Schläfer in den westlichen Staaten befinden, die dort auf Kommandoaktionen durchführen können.
Vor allem im Baltikum spitzt sich die Situation zu. Dort werden von russischer Seite auch Methoden angewandt, die bereits aus der Vergangenheit bekannt sind. Ein Beispiel ist das Auftauchen der „kleinen grünen Männchen“ wie vor der Annexion der Krim – russische Soldaten, die sich nun an der Grenze zu Estland in Position bringen. Ihr Auftrag dürfte es sein, dort Angst und Schrecken auszulösen.
Wenn man diese Beispiele betrachtet, wird klar, dass sich der Westen bereits in einem hybriden Krieg mit Russland befindet – eine Auseinandersetzung, in welcher sich der Gegner verschiedener Mittel und Institutionen in der Grauzone bedient. Ganz Europa ist von der zunehmenden hybriden Kriegsführung Russlands betroffen – auch Staaten, die sich aus dieser heraushalten wollen, wie Österreich. Aktuell kommt es eher zu einer Verschärfung der Situation, bei der immer mehr Staaten eine Rolle übernehmen und zu einem Konflikt, in dem immer mehr Mächte involviert sind.




Autor
Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD
Oberst dG Dr. Markus Reisner, PhD ist Militärexperte und durch seine zahlreichen Auftritte im in- und ausländischen Fernsehen bekannt. Der ehemalige Jagdkommandosoldat, Historiker und Autor zahlreicher Sachbücher absolvierte mehrere Auslandseinsätze.
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