Lizenz zum Sondersprengen

Ausbildung
R. Lackner
Das Bild zeigt einen Hubschrauber des Bundesheeres im Hochgebirge.
Hubschrauber des Bundesheeres bei der Annäherung an einen lawinengefährdeten Hang. (Foto: Bundesheer/Horst Gorup)

Das Lawinenauslösesprengen ist Teil der Ausbildung zum Heeresbergführer. Es ermöglicht die Bewegung im lawinengefährdeten Gelände für alle Truppenteile. Technologische Entwicklungen wie KI-basierte Frühwarnsysteme und Drohnen beginnen, diese Ausbildung zu beeinflussen.

Kriegserfahrungen

In der Geschichte des Militärs, insbesondere in den beiden Weltkriegen, hatten Lawinen einen großen Einfluss auf die Einsatzführung im winterlichen Gebirge. Der Kampf um entscheidende Gebirgsübergänge zwischen Italien und Österreich erforderte das Errichten von Stellungsanlagen in steilen und exponierten Geländeteilen. Bei Gefechtshandlungen verursachten Lawinen große Verluste an Mensch und Material. Im Winter 1916/1917 töteten Schätzungen zufolge Lawinenabgänge mehr als 2 000 österreichisch-ungarische Soldaten. Viele starben durch absichtlich ausgelöste Schneemassen. Steilfeuertruppen beschossen gezielt die über den Stellungen liegenden Hänge, um die feindlichen Truppen unter dem Schnee zu begraben.

Allgemein

In diesem Zusammenhang ist das Fördern der eigenen und das Hemmen der feindlichen Bewegung im Fokus der Ausbildung zum „Sondersprengbefugten für das Lawinenauslösesprengen“. Die Lawinenkatastrophe von Galtür im Jahr 1999 zeigt, dass es unverzichtbar ist und bleibt, die Gefährdung durch große Schadlawinen trotz Klimawandels und hoher technischer Unterstützung durch Wetterdienste weiterhin im Auge zu behalten. Dazu kann das Bundesheer die zivilen Behörden bei Elementarereignissen großen Umfanges, wie länger andauernde Starkschneefälle, mit Hubschraubern und sprengbefugten Heeresbergführern unterstützen, um Gelände zu sichern.
Das Hauptaugenmerk liegt darauf, Lawinen kontrolliert durch Sprengungen auszulösen, um Verkehrswege und
Siedlungsräume zu schützen. Im Idealfall geschieht das so zeitgerecht, dass die Schneedecke bereits im Aufbau
gestört wird und dadurch das Entstehen großer, für die Infrastruktur und die Bevölkerung gefährlicher Lawinen
von Anfang an verhindert wird.

Die Folgen eines Lawinenabgangs auf zivile Infrastruktur, Vermiglio, Italien, 1916.
Das Lawinenunglück in Vermiglio, Italien, am 13. Dezember 1916. (Foto: K.u.K Kriegspressequartier/gemeinfrei)

» Der Zweck des Lawinensprengens ist das Sicherstellen der Bewegung im lawinenengefährdeten Gelände für alle Truppenteile. «

Auslösen

Die Möglichkeiten, Lawinenhänge abzusprengen, sind vielfältig. Sie reichen von fix installierten technischen Sprengvorrichtungen im typischen Lawinengelände bis zum örtlich unabhängigen Platzieren von Sprengstoffen auf oder über der Schneeoberfläche zur gezielten Auslösung von Lawinen. Militärisch gesehen würde es reichen, Lawinenhänge mit Artillerie oder Granatwerfern zu beschießen. Diese Methode wird beispielsweise in Kanada und Russland angewendet und ist dort aufgrund der geografisch großen Flächen vertretbar. In den dicht besiedelten Alpenregionen ist diese Art des Lawinensprengens wegen der Gefährdung durch Munition und Munitionsteile kaum bis gar nicht machbar.
Im Wesentlichen kommen zwei Methoden zum Einsatz, derer sich der Heeresbergführer bedient:

Zu den Handsprengungen zählen

Das Foto zeigt das Werfen eines Lawinensprengsatzes aus einem Hubschrauber.

Ausbildung

Die Ausbildung zum Sondersprengbefugten für das Lawinenauslösesprengen findet begleitend in der Ausbildung zum Heeresbergführer (HBF) statt und ist für ihn eine zwingende Zusatzqualifikation. Dazu müssen seit dem Ausbildungsjahr 2025 zwei Ausbildungsmodule absolviert werden (siehe TD-Heft 2/2025 „Fahrlehrer des  Gebirges“).

» Lawinensprengen ist und bleibt eine komplexe und risikoreiche Materie. «

Modul 1

Im ersten Modul werden die allgemeinen Grundlagen zum sicheren Umgang mit Spreng- und Zündmitteln für das Lawinenauslösesprengen vermittelt. Dieses einwöchige Modul wird nun anstelle der bisherigen Sprenggehilfenausbildung und der Ausbildung zum Truppensprengbefugten am Gebirgskampfzentrum der Heerestruppenschule in Saalfelden angeboten. Ziel dieses Moduls ist der sichere Umgang mit Spreng- und Zündmitteln und die Aufgaben eines Sicherheitsgehilfen beim Sprengen zu erlernen. Sicherheitsgehilfen können vom Leitenden, sofern mehrere Sprengstellen vorhanden sind, eingeteilt werden. Sie überwachen die richtige Handhabung der Spreng- und Zündmittel und sind somit für die Sicherheit in ihrem Bereich verantwortlich. Das Modul 1 endet mit einer theoretischen und praktischen Abschlussprüfung und ist die Voraussetzung für das Modul 2 im Winter.

Die Grafik zeigt den bildlich dargestellten Ausbildungsablauf zum Sondersprengbefugten für Lawinen.
Der Ablauf der Ausbildung zum Sondersprengbefugten für das Lawinenauslösesprengen. (Grafik: RedTD/Rizzardi nach Bundesheer/Gebirgskampfzentrum)

Modul 2

Das Modul 2 der Ausbildung zum „Sondersprengbefugten für das Lawinenauslösesprengen“ ist das Kernstück der Ausbildung. Auf der Grundlage des im Modul 1 Erlernten werden die Teilnehmer auf einem Truppenübungsplatz im Hochgebirge in der praktischen Umsetzung des Lawinenauslösesprengens geschult. Das Modul 2 dauert fünf weitere Ausbildungstage. Inhaltlich werden die Aufgaben eines Leitenden und eines Sicherheitsoffiziers beim Lawinenauslösesprengen kennengelernt und erlernt. Im Vordergrund stehen die richtige Beurteilung und die Wahl wirkungsvoller Sprengpunkte. Weiters lernt der Teilnehmer die Funktion und die Aufgaben eines Leitenden beim Lawinensprengen sowie jene des Sicherheitsoffiziers kennen. Bei der Ausbildung ist der Leitende für die Planung und Durchführung des Sondersprengens in allen Belangen verantwortlich.

Im Einsatz ist der Leitende eines Lawinensprengens der Sondersprengbefugte selbst, daher muss dieser auch über eine gültige Sprengbefugnis verfügen. Der Sicherheitsoffizier für das Lawinensprengen ist für die innere Sicherheit das Bindeglied zum Sicherheitsoffizier am Truppenübungsplatz und überwacht vor, während und nach dem Sprengen den ordnungsgemäßen Ablauf sowie die Aufgaben des beim Sprengen eingeteilten Funktions- und Sicherheitspersonals. Ein weiterer Aspekt ist die Schulung der Teilnehmer im Abschätzen des Schadpotenzials ausgelöster Lawinen.

Der Lawinensprengbefugte soll dabei das Risiko beurteilen können, ob nach Sprengungen Schäden an der Infrastruktur oder an Baumbeständen zu erwarten sind. Die Einschätzung des Risikos einer Lawinenauslösesprengung erfolgt nach der Erkundung durch den Sprengbefugten selbst. Unter Berücksichtigung der vorherrschenden Lawinengefahrenstufe sowie der lokalen Schneemengen erfolgt eine Abschätzung der zu erwartenden Auslaufstrecke der gesprengten Lawine. Anschließend können der Gefahrenbereich definiert und die Absperrung festgelegt werden. Nach bestandener Abschlussprüfung ist der Lawinensprengbefugte für vier Jahre berechtigt, Lawinenauslösesprengungen durchzuführen. Danach muss die Lizenz bei der „Fortbildung für das Lawinenauslösesprengen“ für weitere vier Jahre aufgefrischt werden.

Zukunft

Künstliche Intelligenz

Die Technologien im Bereich KI-basierter autonomer Systeme entwickeln sich laufend und in hohem Tempo weiter. Beispielweise gibt es „Frühwarnsimulationssysteme“, die meteorologische sowie elektronische Daten von Sensorplattformen und Bodenradaren abgleichen, um besonders gefährdete Gebiete frühzeitig zu erkennen. Mit diesen technologischen Vorteilen könnten sich die Reaktionszeiten im Hinblick auf das rechtzeitige Beseitigen von Schadlawinen enorm verbessern.

Drohnen

Gleichzeitig können Drohnen mittlerweile  präzise – und ebenfalls bei Schlechtwetter – Lawinensprengladungen platzieren. Sprengarbeiten im Gebirge werden so mit deutlich geringerem Risiko und – im Vergleich zu Hubschraubern – mit geringeren Kosten durchgeführt. Diese Drohnen werfen die Sprengladungen nicht ab, sondern die Ladung wird an einem etwa 50 Meter langen „Tau“ hängend, etwa zwei Meter über der Schneedecke zur Umsetzung gebracht. Danach wird der Lawinenabgang mit der Kamera der Drohne dokumentiert. Entsprechende Versuche sind bereits erfolgt.

Fazit

Mit der Einführung des überarbeiteten Modells für die Ausbildung der Sondersprengbefugten für das  Lawinenauslösesprengen hat sich die Ausbildungszeit für diese Personengruppe um zwei Wochen verkürzt. Die Ausbildung wurde von der „Truppensprengbefugnis“ entkoppelt, um Zeit und Ressourcen einzusparen. Sei es für den Einsatz von Kräften im lawinenexponierten Gelände oder für Unterstützungsleistungen ziviler Behörden: Lawinensprengen ist und bleibt eine komplexe und risikoreiche Materie. Sie verlangt von allen handelnden Personen effizientes und sicheres Arbeiten im Hochgebirge. Die technologische Weiterentwicklung wird die Zukunft dieser Ausbildung beeinflussen. Dennoch benötigen die Streitkräfte weiterhin unbeeinflussbare und robuste Verfahren, die unter allen Bedingungen eines modernen Gefechtsfeldes umsetzbar sind. Der Einsatz von Drohnen würde diese Möglichkeiten bei gleichzeitig sinkendem Risiko enorm erweitern. 

Drohne für das Auslösen von Lawinen. (Foto: Bundesheer/Lackner)

Autor

Oberstleutnant Mag.(FH) Reinhold Lackner

Referatsleiter Grundlagen, Kommando/Gebirgskampfzentrum

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:
Titelbild Feuerzauber

Truppendienst 01/2026 (408): Feuerzauber

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