Falsche Rechnung mit richtigen Zahlen

Allgemein
C. Held
(Foto: Bundesheer/Paul Kulec)

Die Kriegstüchtigkeit der westlichen Streitkräfte steht wieder im Fokus. Schnell verengt sich dabei in Politik, Gesellschaft und den Militärs der Blick auf die Zahlen – mit unzureichendem Ergebnis und trügerischer Sicherheit.

Kriegstüchtigkeit beschreibt die Gesamtheit aller Faktoren, die Streitkräfte effizient und kampffähig machen. Diese manifestiert sich in dem erfolgreichen bzw. siegreichen Abschluss militärischer Aufträge oder Kampfhandlungen. Kürzer formuliert: Es geht um die Fähigkeit, in einem bewaffneten militärischen Konflikt erfolgreich zu sein. Dazu braucht es nicht nur Kräfte an der Front, sondern auch in der Unterstützung. In modernen Streitkräften finden sich maximal ein Drittel und je nach Einsatz sogar nur ein Fünftel als kämpfende Soldaten. Die Mehrzahl wird in Unterstützungseinheiten eingesetzt (z. B. Logistik, Wartung, Kommunikation oder Medizin).

Dimensionen der Kriegstüchtigkeit

Kriegstüchtigkeit wird häufig einseitig materiell interpretiert und das im politischen, gesellschaftlichen Kontext sowie im militärischen Zusammenhang:

Beispiel Bundeswehr: Den Streitkräften werden 55 Kampfhubschrauber, 250 Kampfpanzer und 184 000 Soldaten zugesprochen. Diese Dinge kann man zählen, in Statistiken anführen, jährlich erheben und an die nächsthöhere Dienststelle melden. Jede Streitkraft zählt, inventarisiert und meldet. Zusätzlich wird die Einsatz- und Leistungsfähigkeit dieser materiellen Güter erfasst. Somit stellt sich heraus, dass von den oben angeführten 55 Kampfhubschraubern nur zwei Drittel einsatzbereit sind und sich ein Drittel im Wartungszyklus befindet.

Im Personalbereich ist die Gesamtzahl der Soldaten ebenfalls nie verfügbar. Rund ein Prozent der Soldaten ist aufgrund von Krankheiten und/oder Verletzungen nicht einsatzfähig. In Österreich liegt nur der Prozentsatz für alle Beschäftige vor: je nach Zählart und Jahr zwischen etwa 3,5 und vier Prozent der Gesamtbeschäftigten.

Bleiben wir bei obigem Beispiel und ziehen von den 184 000 Soldaten nur ein Prozent wegen Krankheit ab, dann bleiben noch etwa 182 000 übrig. Die Kriegsfähigkeit und Leistungserbringung sind somit je nach Waffengattung um die numerische Stärke eines oder zweier Bataillone weggebrochen. Weiterhin abzuziehen wären Personen, die sich gerade in der Grund- oder Spezialausbildung befinden, nicht voll einsatztauglich oder nur eingeschränkt leistungsfähig sind, da sie der vorgesehenen Verwendung noch nicht zugeführt werden können. Nehmen wir an, bei obiger Streitmacht wären dies etwa 18 000 neue Rekruten pro Jahr.

Diese werden sich drei Monate später zwar bereits in der Spezialausbildung, aber immer noch in der Ausbildung befinden. Faktisch sind somit auf Jahressicht gut 36 000 Soldaten nicht zu 100 Prozent einsatzfähig. Setzen wir für diese eine mittlere Einsatzfähigkeit von 50 Prozent an, dann brechen nochmals 18 000 Personen weg. Wir haben nunmehr von den ursprünglich 184 000 bereits numerisch gut zwei bis vier Brigaden oder gar bis zu zwei Divisionen, also militärische Großverbände innerhalb des Heeres, „verloren“ bzw. statistisch auf „nicht kriegstauglich“ herabgestuft. Die US-Streitkräfte erfassen hierbei in Teilen sogar die Zahngesundheit in den Statistiken der Soldaten, um eine noch realitätsnähere Bestimmung der numerischen Leistungsfähigkeit der Truppe zu bekommen.

Warum diese Art der Beurteilung bezüglich Kampfkraft und Kriegstüchtigkeit so wichtig ist, belegen Studien und Computersimulationen durchaus eindrucksvoll: Der Sieg wird bei militärischen Konflikten in 60 bis 80 Prozent aller Kampfhandlungen von der zahlenmäßig überlegenen Seite davongetragen. Mit zahlenmäßig sind vor allem die Anzahl der Soldaten sowie die Ausrüstung und das Kriegsmaterial gemeint. Die logistischen Herausforderungen oder effektive sowie effiziente Kommunikationsstrukturen bleiben dabei außen vor und fließen nicht adäquat ein.

Dieses Rechenbeispiel darf als das Grundprinzip der Bestimmung der Kriegstüchtigkeit verstanden werden. Einfach handhabbar, gut nachvollziehbar und seit langem so in vielen Streitkräften praktiziert. Doch die eben skizzierte Bestimmung der kriegstüchtigen Personalstärke reicht nicht aus, um die Leistungsfähigkeit einer Armee umfänglich und möglichst realistisch zu bestimmen. Im Umkehrschluss verdeutlichen die obigen Zahlen aus Studien und Simulationen auch, dass in 20 bis 40 Prozent andere Faktoren als die Anzahl an Soldaten im Zusammenspiel mit Ausrüstung und Material kriegsentscheidend sind. Daher wird seit mindestens zehn Jahren in immer mehr Streitkräften aufgrund zuvor durchgeführter militär-wissenschaftlicher Studien (einige reichen bis in die 1980er Jahren zurück) auch den immateriellen Aspekten der Kriegstüchtigkeit – wenngleich nur zögerlich – Rechnung getragen.

Die Kriegstüchtigkeit ist nicht nur von der materiellen Leistungsfähigkeit abhängig. (Grafik: Carsten Held)

Immaterielle Faktoren

Die immateriellen Faktoren werden regelmäßig in zwei Bestandteile gegliedert: (Kampf-)moral und soldatische Lebensqualität. Erst jetzt, unter Berücksichtigung dieser beiden Komponenten, ist es möglich, Kriegstüchtigkeit umfassend (genug) zu veranschaulichen:

Um Kriegstüchtigkeit gesamt zu beschreiben und brauchbar in moderne Computersimulationen einfließen zu lassen, nämlich zur Ableitung von möglichen Angriffs- bzw. Verteidigungsszenarien sowie zur Vorhersage des jeweiligen Ausganges, sind die Variablen Leistungsfähigkeit, Kampfmoral und soldatische Lebensqualität unverzichtbar:

» Es ist ebenso wichtig, die Unterstützung der Öffentlichkeit zu mobilisieren, wie die Streitkräfte für den Krieg zu rüsten. Die Moral steht im Zentrum des Krieges und nicht die physische Stärke. Sieg wird nicht durch Vernichtung erreicht, sondern durch das Zerbrechen der gegnerischen Moral. Ziel des Krieges ist die Moral des Feindes. «

Carl von Clausewitz

Kampfmoral des Staates

Wichtig in diesem Zusammenhang ist nicht nur die rein soldatische Kampfmoral, sondern ebenfalls die Kampfmoral eines Staates: Wenn im Falle der Landesverteidigung der eigene Staat und dessen Bürger in der Mehrheit nicht für den Einsatz der Soldaten eintreten, dann leidet darunter die nationale Kampfkraft allgemein und die soldatische Kampfkraft im Speziellen. Die Bundesakademie für Sicherheitspolitik der Deutschen Bundeswehr spricht hierbei vom „Mindset LVBV“ (Landes- und Bündnisverteidigung; Anm.) und meint damit die angemessene Geisteshaltung von Politik, Gesellschaft und Streitkräften. Um also im LVBV-Fall zu bestehen, braucht es den Rückhalt in der Zivilbevölkerung. Diesen herzustellen und aufrecht zu erhalten, ist die Aufgabe der Politik.

In der Politik, der Gesellschaft und den Streitkräften muss in Abhängigkeit zur aktuellen Bedrohungslage gezielt und aktiv auf die ursächlichen Aufgaben des Soldat-Seins eingegangen werden. Der Kampf mit all seinen Komponenten muss nicht nur in der soldatischen Grund- und Spezialausbildung stärker thematisiert und in das Training integriert werden, auch in der Bevölkerung muss das Verständnis und die Akzeptanz für diese genuinen soldatischen Aufgaben wachsen und ein Teil des Selbstverständnisses werden. Die Anwendung militärischer Gewalt war und ist in letzter Instanz sind immer eine Auseinandersetzung über Leben und Tod. Ständige Bedrohungen sowie Lebensverhältnisse in der Ungewissheit und im Chaos müssen ertragen werden. Dies betrifft nicht nur die beteiligten regulären Streitkräfte und ihre Soldaten, sondern auch die Zivilbevölkerung. Dieses Wissen muss seitens der politischen und militärischen Führung aktiv vermittelt werden, zum Beispiel in Schulen.

Politik

Neben den materiellen Aspekten der Kriegstüchtigkeit sind die immateriellen Gesichtspunkte des soldatischen Wohlbefindens und der Kampfmoral kriegsentscheidend. Hier haben die Politik und das Militär Nachholbedarf und müssen, in Abhängigkeit veränderter Bedrohungslagen, nachhaltige Veränderungen bewirken. Möglichkeiten der politischen Führung, um die Kampfmoral einer Gesellschaft zu stärken, sind folgende:

Aufklärung

Die Bevölkerung muss über die Einschätzung aktueller Bedrohungslagen aufgeklärt werden, um das Bewusstsein für die Herausforderungen und Ziele der Gesellschaft zu schärfen und das Engagement innerhalb der Bevölkerung zu fördern.

Förderung der Zivilgesellschaft

Die zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen, die die Gemeinschaft stärken und zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen, müssen unterstützt werden.

Sicherheit und Schutz der Bevölkerung

Eine Politik, die die Sicherheit, den Schutz und den Wohlstand der Bevölkerung gewährleistet, stärkt das Vertrauen und die Moral in der Gesellschaft.

Stärkung von Gemeinschaft und Zusammenhalt

Der nationale Zusammenhalt und das gesellschaftliche Wir-Gefühl sorgen auch in schwierigen Zeiten für eine ausreichende Opferbereitschaft.

Vorbildliche Führung

Das eigene Verhalten sowie das Engagement müssen als Vorbild für die Gesellschaft dienen und durch Integrität sowie Glaubwürdigkeit, Respekt und die Unterstützung werben. Hierzu gehört ebenfalls das Vorleben gemeinsamer Werte und Ziele der 
Gesellschaft.

Transparente Kommunikation

Wenn die Bevölkerung versteht, warum bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, ist sie eher bereit, diese zu unterstützen.

» Ich fürchte nicht eine Armee von Löwen, die von einem Schaf geführt wird; ich fürchte eine Armee von Schafen, die von einem Löwen geführt wird. «

Alexander der Große

Militär

Während hochrangige Militärs die materielle Ausstattung der Truppe und die Kampfmoral sowie das soldatische Wohlbefinden beeinflussen können, beschränken sich die Einflussmöglichkeiten militärischer Führer in den unteren Rängen auf immaterielle Aspekte innerhalb der jeweils befehligten Gruppen, Züge und Kompanien. Die Wichtigkeit dieser Aufgabe darf nicht unterschätzt werden. Die beste Waffe nützt nichts, wenn sie im Kampf nicht abgefeuert wird, weil die Person dahinter versagt. Schockstarre, Desertation sowie konkrete und abstrakte Aspekte der Verbrüderung mit dem Gegner veranlassen Soldaten dazu, Befehle oder Aufträge im Kampf nicht auszuführen. Eine viel zitierte und oft kritisierte Studie besagt, dass im Zweiten Weltkrieg in einigen Kampfeinheiten bis zu 50 Prozent der Fronttruppen nicht auf den Feind geschossen haben. Seitdem versuchen Studien immer wieder, einen verlässlichen Wert zu ermitteln.

Je nach Kriegsszenario variiert dieser und erreicht in der Spitze bis zu 99 Prozent. So oder so wird allerdings klar: Von 100 Frontkämpfern bekämpften im Ernstfall nicht alle 100 aktiv das vorgegebene Ziel jederzeit und bedingungslos gemäß Auftrag. Je länger Kampfhandlungen andauern, desto höher wird dieser Anteil. RAND – ein Think Tank, der unter anderem die US-Streitkräfte berät – hat in einer knapp 8000-mal durchgeführten Kriegssimulation für Truppen unter Feuer herausgearbeitet, dass einer von zehn Soldaten das Feuer nicht erwidert. Diesem Umstand entgegenzutreten, ist die Aufgabe militärischer Führer niederer Ränge. Denn mangelnder Wille zum Kampf ist ein psychologisches und kein materielles Problem.

Unter optimaler Ausnutzung der gegebenen materiellen Ressourcen (Mensch, Material, Feuerkraft sowie Kommunikation, Logistik und Mobilität) sind das ständige Trainieren unter realitätsnahen Bedingungen sowie Weiterbildungsangebote elementare Bestandteile, um wichtige Aspekte der Kampfmoral zu fördern. Disziplin und Routine helfen, in chaotischen Situationen relevante Abläufe sicher abzurufen als Soldat zu funktionieren. Militärische Führer haben weitere Aspekte zu berücksichtigen und in den Führungsalltag zu integrieren:

Eine vorbildliche Führung ist Bestandteil der Kriegstüchtigkeit. (Foto: Bundesheer/Paul Kulec)

Ausblick

Geld, Material und Personal reichen nicht, um die Kriegstüchtigkeit vollumfänglich herzustellen und im Verteidigungsfall über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Bei aller Technologisierung militärisch-kriegerischer Auseinandersetzungen war, ist und bleibt auf absehbare Zeit jeder Krieg ein menschliches Unterfangen. Politik, Gesellschaft und Streitkräfte müssen daher ein „Mindset Umfassende Landesverteidigung“ entwickeln und erlebbar machen. Politische und militärische Führer müssen aufklären, vertrauensstiftende Maßnahmen setzen und eine Besinnung auf Werte sowie Tugenden für Soldaten und die Zivilgesellschaft bewirken. Nur damit wird in der gesellschaftlichen Breite ein besseres Verständnis für Bedrohungslagen und für mögliche Auswirkungen im Verteidigungsfall hergestellt und Kriegstüchtigkeit umfänglich verbessert.

Führen bedeutet, das Verhalten und die Werte von Personen oder Gruppen zu beeinflussen. Bringen wir diese Definition von Führung und die Erkenntnis, dass Krieg ein menschliches Unterfangen ist, zusammen, dann muss der Mensch bzw. der Soldat auch weiterhin im Mittelpunkt politischer und militärischer Bestrebungen stehen, um eine maximale Kriegstüchtigkeit zu gewährleisten.

Generäle und Stabsoffiziere mögen Einfluss auf die materielle Ausstattung der Truppe haben und ein Stück weit, zusammen mit der Politik, die Kampfmoral einer Nation beeinflussen können. Aber wenn die Kampfmoral regelmäßig über das Verhalten militärischer Führer gesteuert bzw. positiv oder negativ beeinflusst wird, dann betrifft dies vor allem militärische Führer der unteren Ebenen: Gruppen- und Zugskommandanten, und gegebenenfalls noch auf Kompanieebene. Dort dürfen die oben beschriebenen immateriellen Aspekte der Kriegstüchtigkeit nicht ignoriert oder abgetan werden. Im Gegenteil, Kampfmoral und soldatische Lebensqualität müssen operativer Bestandteil guter soldatischer Führung und Ausbildung werden.


Autor

Dr. Carsten Held

Professor für Führung und Management in Heidelberg (Privathochschule SRH) — Deutschland

Publikationen

Dieser Beitrag erschien in folgenden Publikationen:

Truppendienst 04/2024 (400): AIRPOWER24

In dieser Ausgabe des TRUPPENDIENST-Heftes finden Sie ein breites Themenspektrum. Wir berichten unter anderem über die AIRPOWER24, die am 6. und 7. September 2024 stattfand ‒ mit Vorführungen der österreichischen Luftstreitkräfte und international renommierter Kunstflugstaffeln. Peter Deckenbacher,…