• Veröffentlichungsdatum: 12.07.2016

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Systemkompetenzzentrum GMF "Husar"

Christian Gortan

Husaren im Wandel der Zeit: Auch wenn die berittenen Husaren wenig mit dem Fahrzeug gemeinsam haben: Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Effizienz charakterisiert beide. (Foto: HBF/Montage: Rizzardi)


Die Husaren waren ursprünglich eine Truppengattung der leichten Kavallerie. Im Österreichischen Bundesheer wurde in den 1970er-Jahren ein Lastkraftwagen ebenfalls als „Husar“ bezeichnet. Rund 40 Jahre später wird erneut ein Fahrzeug mit diesem Namen in die Streitkräfte eingeführt.

Zeitenwende

Das Ende der Nutzungsphase des Schützenpanzers (SPz) A1 „Saurer“ wurde am 4. November 2010 während eines Lagevortrages durch den damaligen mit der Führung des Kommandos Einsatzunterstützung (KdoEU) beauftragten Generalmajor Mag. Reißner eingeleitet. Dieser erteilte den Befehl, ab sofort die Materialerhaltung am SPz einzustellen. Durch diesen Schritt sollten weitere Kosten für dieses Waffensystem vermieden werden. Auch der Jagdpanzer „Kürassier“ war von dieser Entscheidung betroffen. Mit 22. Februar 2011 wurde die Materialerhaltung am SPz A1 „Saurer“ endgültig beendet - der Schützenpanzer wurde zum Museumsobjekt.

Der Nachfolgeauftrag für das HLogZ S wurde durch das KdoEU nach diversen Vorgesprächen mit dem neuen System GMF (Geschütztes Mehrzweckfahrzeug) „Husar“, damals noch als geschMZwFzg (Geschütztes Mehrzweckfahrzeug) IVECO LMV (Light Multirole Vehicle) bezeichnet, erteilt. Der entscheidende Auftrag erging am 15. April 2011 durch das KdoEU. Am 11. Mai 2011 fand im HLogZ S die Startbesprechung zu diesem Projekt mit den dafür zuständigen Stellen statt.

Herausforderung

Ausgedient! Der SPz Saurer war fünf Jahrzehnte beim ÖBH eingesetzt. (Foto: Minich)

Durch die frei gewordenen personellen Kapazitäten und der neuen Technologie war ein „Sog“ entstanden. Dieser brachte genügend Engagement und Motivation mit sich, um das System IVECO LMV an die Dienststelle zu binden. Erst in den darauffolgenden Jahren wurde bekannt, dass zum damaligen Zeitpunkt der Standort in Salzburg äußerst unsicher war. Das damals noch nicht gewusst zu haben, war rückblickend ein moralischer Vorteil und hielt die anfängliche Euphorie am Leben.

In der Startstunde galt es, den Schritt von einem 50 Jahre alten System auf ein aktuelles Modell zu schaffen. Das Vertrauen der zuständigen Fachabteilung und des Kommandos Einsatzunterstützung in das HLogZ S war vorhanden. Die richtigen Schritte zur Umsetzung der geforderten Fähigkeit musste der Verband jedoch selbst gehen. 2012 war das gelungen - die Einführungsphase hatte begonnen.

Komplexe Technologie

Moderne, komplexe (Waffen-)Systeme erfordern Spezialisten auf allen Ebenen, um diese angemessen betreuen zu können. Neben laufenden Besprechungen mit den Herstellerfirmen des Fahrzeuges und der Waffenstation, der Projektleitung (WSM) und der Abteilung BetrFü&Te des KdoEU wurden die ersten Ausbildungsschritte für die Techniker eingeleitet und das notwendige technische Management vor Ort aufgebaut.

Durch die Komplexität der neuen Technologie im Fahrzeug war es beispielsweise notwendig, die Techniker auf moderne „Bustechnologien“ (CAN-Bussystem) vorzubereiten, um für die Firmenschulung im Jahr 2012 vorbereitet zu sein. Zu diesem Zweck wurde durch das WIFI Salzburg ein Firmen-Intern-Training (FIT) abgehalten. Darin wurde in 56 Lehreinheiten an der Dienststelle und im WIFI-Labor das technische Know-how vermittelt. Den praktischen Teil in der Dauer von 40 Lehreinheiten absolvierten die Techniker im Ausbildungszentrum von Mercedes Benz Österreich. Dafür wurde vom Streitkräfteführungskommando ein UNIMOG zur Verfügung gestellt. Dieses Fahrzeug ist ebenfalls mit einem CAN-Bussystem ausgestattet. 

Das GMF „Husar“ wurde als geschütztes Transportmittel für verschiedene Waffengattungen des ÖBH beschafft. Bevor es im Feld eingesetzt werden kann, sind umfangreiche logistische Tätigkeiten erforderlich. (Foto: Kickenweiz)

Die Adaptierung der Infrastruktur für die zukünftige IVECO-Instandsetzung wurde mit dem Einbau einer Trocknungsanlage eingeleitet und noch vor Weihnachten 2011 in Betrieb genommen. Weitere Adaptierungen an der ehemaligen Werkstätte des SPz A1 wurden geplant und realisiert.

Die ersten beiden regulären Fahrzeuge BH 34501 und BH 34502 wurden am 20. Dezember 2011 übernommen. Ende Jänner 2012 erfolgte der Zulauf weiterer Fahrzeuge. Diese wurden nach der vorangegangenen Güteprüfung durch das Amt für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT) bei der Firma Empl im Zillertal an das HLogZ S übergeben. Die Überstellung erfolgte immer durch einen zivilen Spediteur.

Unmittelbar nach Übernahme der Fahrzeuge wurde mit der Einrüstung des Truppenfunksystems CONRAD, GPS und des Duellsimulationssystems durch die Systemwerkstattabteilung in Zusammenarbeit mit der Informations- und Kommunikationstechnikabteilung Salzburg (IKTAbt S) begonnen. Parallel dazu erfolgte mit dem ersten fertig eingerüsteten Fahrzeug im Jägerbataillon 25 die Vorschriftenerstellung für die Bedienerschulung. Darüber hinaus wurden durch die Materialwirtschaftsabteilung die erforderlichen Zubehörsätze für die Fahrzeuge gebildet. Anfang Jänner 2012 wurden die für die erste „Benutzerschulung“ vorgesehenen Fahrzeuge, mit der für die Ausbildung und Lehre notwendigen Ausstattung und Zubehör, an die Heereslogistikschule übergeben.

Die ersten drei Fahrzeuge (BH 34517, 34518 und 34520) für die Truppe wurden am 21. August 2012 an das AAB3 übergeben. Bereits am nächsten Tag erfolgte die zweite Übergabe, diesmal an das Jagdkommando. Weitere Übergaben folgten und prägten von nun an abteilungsübergreifend das Tagesgeschäft des HLogZ S.

Mit Ende des Jahres 2012 hatten etwa 100 IVECO ihre künftige militärische Heimat erreicht. Innerhalb des Heereslogistikzentrums lief bis zum übergabefertigen Fahrzeug ein vielstufiger Prozess ab. Dieser nahm etwa 60 Stunden je Fahrzeug in Anspruch.

Zwei GMF „Husar“ werden angeliefert. (Foto: Denk)

Die Überstellung der Fahrzeuge an das ÖBH erfolgte durch zivile Spediteure. (Foto: Denk)
(Foto: Denk)


Ablauf von der Übernahme bis zur Übergabe an den Nutzer

  • Übernahme und Überprüfung auf Vollzähligkeit der durch die Firmen IVECO und Empl beigestellten Teile des Fahrzeuges;
  • Erfassen des Versorgungsgutes in LOGIS;
  • Zuordnen der vorgesehenen Einbausätze;
  • Beschaffung/Anfertigung fehlender Teile intern oder extern;
  • Übergabe (in LOGIS) an die Systemwerkstattabteilung;
  • Überprüfung der Verkabelung;
  • Einbau (je nach Konfiguration) von: Duellsimulatorkabeln und GPS-Antenne, Funksystem CONRAD, Bordsprechsatz, Kurzwelle, Feuerlöschhalterung, Stromversorgung GARMIN;
  • Abnahme/Überprüfung sämtlicher Einbauarbeiten durch die IKTAbt;
  • Übergabe in LOGIS an IKTAbt;
  • Zusammenführung der IKT-Sätze mit dem jeweiligen Fahrzeug und
  • Übergabe in LOGIS an Materialwirtschaftsabteilung (Neulager).

Materialerhaltung

Mittlerweile wurde die für die Materialerhaltung erforderliche zusätzliche Ausstattung für die Werkstätten beschafft und in Betrieb genommen. Diese besteht beispielsweise aus speziellen Radgreifhebebühnen, einem Spur- und Fahrzeugvermessungssystem, welches die Anlage einer eigenen Referenzdatenbank ermöglicht, sowie dem Spezialwerkzeugsatz von der Herstellerfirma mit einem Diagnosecomputer.

Die Fehlersuche ist wegen der Komplexität des Fahrzeuges aufwändig und bedeutet je nach Umfang auch für die Herstellerfirma eine Herausforderung. Das wurde bereits durch gemeinsame Instandsetzungen festgestellt. Auftretende Fehler, speziell im Bereich der elektrischen Verkabelung, sind aufgrund der hohen technischen Komplexität ohne grundlegende Kenntnis des Aufbaues des Gesamtsystems und ohne entsprechendes Know-how nicht auffindbar. Dieser Herausforderung wird mit entsprechender Schulung und dem täglichen Umgang mit dem System begegnet.

Der alte „Husar“ (ÖAF HA 2 - 90) ist ein Allradfahrzeug der österreichischen Firma ÖAF. Er sollte die amerikanischen Dodge-LKW ersetzen. Von 1968 bis 1969 wurden knapp 150 Stück produziert. (Foto: Kampfhofer)

Die heeresinterne Applikation LOGIS/MatE ist ein äußerst umfangreiches Verwaltungsprogramm für alle Abläufe der Materialerhaltung (MatE). Es dokumentiert alle erforderlichen Komponenten bei einer Instandsetzung (Mechaniker, Arbeitszeit, getauschte Ersatzteile, Beanstandungen, durchgeführte Arbeiten, Fristen, Prüfbescheinigungen, Konfigurationsstand etc.). Für das Feldzeuggerät im Zuständigkeitsbereich des KdoEU ist der Konfigurationsstand ebenso wichtig wie bei aktiven und passiven Luftsystemen. Daher wird eine Gerätestruktur für das GMF „Husar“ ausgearbeitet und implementiert.

Die Ersatzteilbeschaffung ist ein wichtiger Faktor für die Einhaltung einer angemessenen Durchlaufzeit (Zeitspanne vom Eintreffen des Fahrzeuges in der Werkstatt bis zur Übergabe des reparierten Fahrzeuges an den Nutzer). Nachdem der Ersatzteilstock noch nicht vollständig aufgebaut werden konnte, müssen immer wieder Verzögerungen in Kauf genommen werden. Demnach sind lange Instandsetzungszeiten nicht unbedingt auf Personalmangel oder erfolglose Fehlersuche zurückzuführen.

Die Bildung mobiler Instandsetzungstrupps wurde bereits durchgeführt. Diese können innerhalb des Bundesgebietes rasch eingesetzt werden. Die MatE für Auslandseinsätze  ist mit den derzeit verfügbaren Personalressourcen des HLogZ S jedoch nicht möglich.

User Group

Der aktuelle „Husar“ bietet Schutz gegen Beschuss, Minen, Sprengfallen und Granatsplitter sowie hohe Mobilität. (Foto: ÖBH)

Am 28. und 29. November 2012 fand beim HLogZ S das 8. Meeting der IVECO-Nutzerstaaten, der sogenannten „IVECO User Group“, statt. Die Gruppe besteht aus den Ländern Großbritannien (Mitglied bis 2014), Belgien, Norwegen, Italien und Österreich (seit 2012), das nun erstmals die Möglichkeit hatte, sich als Veranstaltungsland zu präsentieren. Neben den vier Nationen waren auch Vertreter der NSPA (NATO Support Agency) und der Herstellerfirma IVECO temporär anwesend.

Ziel dieses multinationalen Zusammentreffens ist ein „technisch-logistischer Informationsaustausch“, der auf ein frühzeitiges Erkennen von Problemen in der Nutzung sowie einen möglichst sparsamen Einsatz der Logistik abzielt. Vor allem die Beiträge der sich im Auslandseinsatz befindlichen Nationen Großbritannien, Belgien und Norwegen ließen wertvolle Schlüsse auf die notwendige logistische Struktur zu. Diese Informationen sind bedeutend, da sie nach ihrer Umsetzung eine Fähigkeitssteigerung der Fahrzeuge im Hinblick auf die Sicherheit der Mannschaft ermöglichen. 

Internationale Nutzer

Das Fahrzeug wird in analoger und digitaler Ausführung genutzt. Bisher wurden etwa 2 800 Stück produziert. Sie teilen sich auf Italien, Großbritannien, Belgien, Spanien, Russland, Norwegen und einige andere Staaten auf. In Österreich werden etwa 150 Stück verwendet.


Oberst Ing. Christian Gortan ist Referatsleiter und stellvertretender Kommandant des Heereslogistikzentrums Salzburg.

Ein Iveco LMV der italienischen Streitkräfte bei einer multinationalen Übung in Deutschland. (Foto: Allied Spirit IV)
 

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