• Veröffentlichungsdatum: 10.12.2020
  • – Letztes Update: 15.12.2020

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Schlacht um Debalzewe - Teil 1

Jürgen Scherl, Alexander Böhm

(Bild: OSCE, CC BY 2.0/Montage: Rizzardi)
(Bild: OSCE, CC BY 2.0/Montage: Rizzardi)

In der Ostukraine wurde mit Jahresbeginn 2015 die Schlacht um Debalzewe zwischen ukrainischen Truppen und Freiwilligenmilizen auf der einen sowie pro-russischen Volksmilizen und mutmaßlichen Verbänden der russischen Streitkräfte auf der anderen Seite geschlagen. Wie viele Schlachten im Donbas findet auch diese im militärwissenschaftlichen Diskurs auf Grund ihrer wenig „spektakulären" Ausprägung kaum Beachtung. Für die Militärwissenschaft hat die Analyse des Konflikts im Allgemeinen sowie des „Gefechtsfelds" im Speziellen dennoch eine essentielle Bedeutung im Hinblick auf deren Ausrichtung und Weiterentwicklung. Was im 21. Jahrhundert in Europa als wenig wahrscheinlich galt, trat ab 2014 im Donbas wieder zutage. „Altbewährte" Taktiken konventioneller Ausprägung wurden mit „neuen" technischen Mitteln ergänzt und unter Ausnutzung des politisch-strategischen Kontextes angewandt.

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Die Schlacht um Debalzewe ist ein für die Taktik bedeutendes, aber dennoch wenig dokumentiertes und unzureichend aufgearbeitetes Kampfgeschehen. Eine umfassende militärhistorische Analyse der Ereignisse in der Ostukraine der Jahre 2014 und 2015 ist bis heute nicht vorhanden. Der Zugriff auf verwertbare Quellen ist einerseits stark eingeschränkt, andererseits sind diese im direkten Vergleich oft widersprüchlich und bedingt objektiv in ihrer Betrachtungsweise. Hinzu kommt, dass trotz vorhandener Indizien „keine belastbaren" Erkenntnisse über eine Intervention Russlands in der Ostukraine vorliegen und damit jegliche Bearbeitungen erschwert werden.

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Gegenständliche Ausführungen beruhen auf der Zusammenführung und Analyse einer Vielzahl frei zugänglicher Quellen. In Ermangelung der Möglichkeit einer objektiv-militärwissenschaftlichen Betrachtung der Geschehnisse zum jetzigen Zeitpunkt wurde durch die Autoren eine vorwiegend „westlich-orientierte" Sichtweise eingenommen, die der Quellenlage folgend von einer aktiven militärischen Intervention Russlands ausgeht. Der Fokus liegt dabei in der Darstellung und Untersuchung der taktischen Handlungen aller Konfliktparteien sowie in der Ergründung von Wirkungszusammenhängen zwischen der taktischen und politisch-strategischen Führungsebene. Die für die Taktik notwendige Unterscheidung der den ukrainischen Truppen gegenüberstehenden Kräfte in mutmaßlich reguläre, russische Verbände bzw. pro-russische Verbände der Volkswehren Donezk und Luhansk wurde aus rein militärwissenschaftlich-analytischen Überlegungen angestellt. Den taktischen Ausführungen sind eine vereinfachte Darlegung des politisch-strategischen Kontextes, der Konfliktursachen sowie die daraus resultierenden taktischen Rahmenbedingungen vorangestellt. Dies dient dazu, sowohl Ziele als auch Möglichkeiten sowie Einschränkungen der taktischen Führungsebene auf beiden Seiten besser zu verstehen. Eine Betrachtung der bloßen Gefechtshandlungen ohne Berücksichtigung der begleitenden Einflussfaktoren würde vor allem in einem hybriden Konflikt, wie er im Donbas vorzufinden ist, unweigerlich zu falschen taktischen Schlussfolgerungen führen.

Im ersten Teil des Beitrages werden der Konfliktursprung, die Bedeutung der konventionellen Kampfführung im hybriden Konflikt, die Konfliktgegner im Donbas sowie der Konfliktraum Donbas und im speziellen der Raum Debalzewe betrachtet. Darauf aufbauend werden im zweiten Teil des Beitrages der Schlachtverlauf aus taktischer Sicht beschrieben sowie die taktischen Erkenntnisse und Lehren dargelegt.

Zeithistorische Propaganda aus 1921, die den Donbas als Herz (Sowjet-)Russlands zeigt. (Foto: CCO)
Zeithistorische Propaganda aus 1921, die den Donbas als Herz (Sowjet-)Russlands zeigt.
(Foto: CCO)

Konflikt in der Ostukraine

Was im November 2013 mit friedlichen Protesten in Kiew begonnen hatte, mündete wenige Monate später in einem bis heute andauernden bewaffneten Konflikt, der in seiner Ausprägung nunmehr als Sinnbild der hybriden Konfliktaustragung gilt. Entgegen allen Vorhersagen kam dem als „militärhistorisches Relikt" abgestempelten konventionellen Kampf der Landstreitkräfte auch im beginnenden 21. Jahrhundert eine unerwartet entscheidende Rolle zu. Ohne offensichtliche Anzeichen im Vorfeld kam es im Donbas binnen weniger Monate zu konventionell geprägten Kampfhandlungen, wie man sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hatte und nicht mehr für möglich hielt. 

Konfliktauslöser – Kurswechsel in Kiew

Der Konflikt in der Ostukraine nahm seinen augenscheinlichen Ausgang am 21. November 2013 mit dem Beginn der pro-europäischen Proteste auf dem Platz der Unabhängigkeit (Maidan) in Kiew. Nach Jahren der Annäherung der Ukraine an die Europäische Union (EU) brach Staatspräsident Viktor Janukowitsch die Verhandlungen überraschend ab und verwehrte die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens. Der für die Bevölkerung unerwartete und nicht nachvollziehbare Schwenk in der strategischen Ausrichtung der Ukraine führte rasch zu ausgedehnten Massendemonstrationen, genannt „Euromaidan", im ganzen Land. Die politische Opposition und große Teile der Bevölkerung forderten den sofortigen Rücktritt von Präsident Janukowitsch und Neuwahlen sowie die unmittelbare Wiederaufnahme der Gespräche mit der EU. Darüber hinaus wurden die Proteste genutzt, um verabsäumte Reformen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie die vorherrschende Korruption im Land anzuprangern.

Trotz eines entschlossenen Vorgehens der Regierung gegen die Protestbewegung gelang es nicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Gewaltsame Zusammenstöße forderten dutzende Todesopfer und hunderte Verletzte. Erst die politische Intervention „von außen" durch europäische Staaten wie Deutschland und Frankreich konnte eine Beilegung der Krise in der Ukraine schaffen und ab Februar 2014 einen tiefgreifenden politischen Wandel initiieren. Präsident Janukowitsch floh aus der Ukraine, und die pro-europäisch ausgerichtete Opposition bildete eine provisorische Übergangsregierung.

Der nun wieder pro-europäische Kurswechsel Kiews gefährdete mutmaßlich die Interessen Russlands in der Ukraine. Aus Sicht der Ukraine war Moskau vehement bestrebt, sowohl seinen Einfluss in der Ukraine zu wahren als auch die Stationierung der Schwarzmeerflotte auf der Halbinsel Krim zu sichern und eine Annäherung der Ukraine an die NATO und an die EU zu unterbinden. Vor diesem Hintergrund wurden die Halbinsel Krim und die Ostukraine die vordringlichsten Ziele eines beginnenden „Russischen Frühlings".

Das umkämpfte Gebiet liegt im Donezbecken (Donbas) im Osten der Ukraine. (Grafik: TD, Rizzardi)
Das umkämpfte Gebiet liegt im Donezbecken (Donbas) im Osten der Ukraine. (Grafik: TD, Rizzardi)

Krimkrise

Während der Vollziehung des Machtwechsels in Kiew formierte sich auf der Halbinsel Krim eine pro-russische Bewegung, bestehend aus „Euromaidan-Gegnern", Mitgliedern der ukrainischen Sonderpolizeieinheit „Berkut", Kosaken sowie vermutlich verschleierten Verbänden der russischen Streitkräfte. In nur wenigen Wochen wurde die Krim unter Kontrolle der pro-russischen Bewegung gebracht. Regierungs-, Polizei- und Militäreinrichtungen sowie die vitale Infrastruktur (u. a. Flughäfen) wurden „handstreichartig" in Besitz genommen und die politische Macht übernommen. Kiew wie auch das auf der Krim stationierte ukrainische Militär sahen diesem Treiben nur tatenlos zu. Mit einem umstrittenen Referendum (Mitte März 2014) wurden die Machtübernahme sowie der „Beitritt" der Krim zur Russischen Föderation legitimiert. Die Annexion der Krim gilt retrospektiv als Inbegriff hybrider Konfliktaustragung, auf die Kiew nicht vorbereitet war. Die gezielte Initiierung und Teilhabe Russlands werden durch Moskau wiederholt bestritten, in der Ukraine als auch im „Westen" gelten diese hingegen als erwiesen.

Bewaffneter Konflikt im Donbas

Analog zur Krim kam es im Frühjahr 2014 auch in der Ostukraine zum Erstarken einer pro-russischen Bewegung, die primär die Föderalisierung des Landes sowie die Anerkennung der russischen Sprache als Staatssprache der Ukraine forderte. Hierzu wurden Kundgebungen und Proteste in den großen Städten wie Donezk, Luhansk, Charkiw und Odessa organisiert. Das Schwenken russischer Flaggen symbolisierte dabei die Ausrichtung der Protestbewegung. Ähnlich dem Vorgehen auf der Krim war ab März 2014 auch in der Ostukraine die handstreichartige und gewaltlose Machtübernahme beabsichtigt. Durch das Einschreiten regierungstreuer ukrainischer Sicherheitskräfte sowie von Maidan-Aktivisten konnte jedoch der pro-russischen Bewegung vielerorts Einhalt geboten werden. Die beiden ostwärtigen Oblaste, Donezk und Luhansk, gerieten dennoch unter Kontrolle pro-russischer Separatisten. Zeitnah erfolgte die Ausrufung der Volksrepublik Donezk und der Volksrepublik Luhansk. Ein gleichermaßen umstrittenes Referendum darüber folgte erst Wochen später.

Zeitgleich zu diesen Ereignissen in der Ostukraine fand ein russisches Großmanöver mit etwa 90 000 Soldaten im ukrainisch-russischen Grenzgebiet statt. In Verbindung mit russischen Truppen auf der Krim und in Transnistrien (Eigenbezeichnung der Pridnestrowischen Moldauischen Republik) wurde eine frühe, flächendeckende und damit entscheidungssuchende Offensive Kiews mit militärischen Truppen im Donbas verhindert, da die Masse der mobilisierten Verbände an den Außengrenzen zum Zwecke der Wahrung der territorialen Integrität eingesetzt werden musste. Um ein zweites „Krim-Szenario" zu verhindern, verblieb Kiew folglich nur eine begrenzte Anzahl an Polizei- und Militärkräften für eine Mitte April 2014 startende „Antiterroroperation" (ATO) im Donbas.

Schützenpanzer der pro-russischen Volkswehr bei Donezk im Mai 2015. (Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)
Schützenpanzer der pro-russischen Volkswehr bei Donezk im Mai 2015. (Foto: Mstyslav Chernov, CC BY-SA 4.0)
„Grüne Männchen" auf der Krim im März 2014. (Foto: Ilya Varlamov, CC BY-SA 4.0)
„Grüne Männchen" auf der Krim im März 2014. (Foto: Ilya Varlamov, CC BY-SA 4.0)

Die neu formierten Volkswehren der Volksrepubliken Donezk und Luhansk konnten daher anfänglich die Kontrolle über bedeutende Gebiete und von wichtiger Infrastruktur wahren. Erst nachdem eine militärische Intervention der am Großmanöver beteiligten russischen Verbände im Nordosten der Ukraine ausgeschlossen werden konnte, wurde durch Kiew die ATO sukzessive mit regulären Truppen bis zu einer Gesamtstärke von 25 000 Soldaten verstärkt.

Die Intensivierung der ATO brachte die pro-russischen Separatisten zwischen Juni und Juli 2014 an den Rand einer Niederlage und Russland scheinbar unter Zugzwang. Aus russischer Sicht verblieb vermutlich eine direkte militärische Intervention verschleierter russischer Truppen im Sommer 2014 als einziges probates Mittel, um die Volksrepubliken „am Leben zu halten". Die „leichten" Volkswehren wurden durch Söldner, Soldaten aller Ränge und militärische Mittel (wie Kampfpanzer, Artillerie und Luftabwehrwaffen) verstärkt. Serien von Artillerieüberfällen zwangen die ukrainischen Kräfte zum Rückzug aus dem kontrollierten ukrainisch-russischen Grenzraum und letztlich traten mutmaßlich verschleierte russische Kampfverbände im ukrainischen Donbas auf.

Schematische Darstellung der hybriden Kriegsführung nach Gerassimow, übersetzt von Charles K. Bartles. (Grafik: Mythos „Gerassimov-Doktrin"; Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie, Band 2/2019)
Schematische Darstellung der hybriden Kriegsführung nach Gerassimow, übersetzt von Charles K. Bartles. (Grafik: Mythos „Gerassimov-Doktrin"; Schriftenreihe der Landesverteidigungsakademie, Band 2/2019)

Die Kämpfe nahmen über den Sommer 2014 erheblich an Intensität und Häufigkeit zu. Das Bemühen um eine friedliche, politische Lösung des Konfliktes scheiterte mehrmals. Aus der ATO wurde zunehmend ein konventioneller Kampf von regulären Truppen und Milizverbänden um Städte, wichtige Infrastruktur und Verkehrswege in den Oblasten Donezk und Luhansk. Das Ringen um die Gebietskontrolle gipfelte in der pro-russischen Sommeroffensive ab dem 24. August 2014, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag. Der überraschende Einsatz einer erheblichen Anzahl an Kampfgruppen vermutlich der russischen Streitkräfte brachte eine schlagartige Änderung der Kräfteverhältnisse im Donbas. Der bedeutende taktische Erfolg in der Schlacht um Ilowajsk und der Durchbruch an der Frontlinie südlich von Donezk führten zu einer strategischen Pattsituation. Die erbitterten und verlustreichen Kämpfe ließen die Fortführung der konventionellen Kampfhandlungen aus Sicht beider Konfliktparteien wenig aussichtsreich erscheinen. Unter Vermittlung der OSZE einigten sich die Konfliktakteure daher auf einen Friedensplan, dem „Protokoll von Minsk" (Minsk I).

Die pro-russische Seite war nicht gewillt, von ihren strategischen Zielen abzurücken, weshalb der ausverhandelte Waffenstillstand vom 5. September 2014 von Beginn an brüchig war und vielmehr einer „Kampfpause zum Zwecke der Reorganisation" glich. Nach Wochen mit vereinzelten Scharmützeln und Artilleriegefechten an der Waffenstillstandslinie kam es ab Dezember 2014 zu einer entscheidungssuchenden pro-russischen Winteroffensive gegen die an der Kontaktlinie eingesetzten ukrainischen Truppen. Die ukrainische Front geriet durch die Offensive in starke Bedrängnis, denn das Gros der eigenen verfügbaren Kräfte war bereits ausgeschöpft. Während auf dem Gefechtsfeld die von pro-russicher Seite geführte Offensive nur teilweise abgewehrt werden konnte und ein Zusammenbruch der ukrainischen Frontlinie befürchtet werden musste (wie u. a. bei Debalzewe), suchten die Ukraine und der Westen auf politischer Ebene nach Lösungen. Unter anderem wurden durch die EU neuerlich verschärfte Sanktionen gegen Russland vorbereitet. Vor allem der Druck von Deutschland und Frankreich brachte die Konfliktparteien Anfang Februar 2015 erneut an den Verhandlungstisch. Man erwirkte einen Waffenstillstand, indem durch das neue „Minsker Abkommen" (Minsk II) ein tragfähiger politischer Kompromiss erreicht werden konnte.

Barrikaden pro-russischer Milizen in den Straßen von Slowjansk im Donbas. (Foto: Aleksandr Sirota, CC BY-SA 3.0)
Barrikaden pro-russischer Milizen in den Straßen von Slowjansk im Donbas. (Foto: Aleksandr Sirota, CC BY-SA 3.0)
Alexander Lukaschenko, Wladimir Putin, Angela Merkel, François Hollande und Petro Poroschenko (v. l. n. r.) einigen sich mit Minsk II auf eine Waffenruhe im Februar 2015. (Foto: Kremlin.ru, CC BY-SA 4.0)
Alexander Lukaschenko, Wladimir Putin, Angela Merkel, François Hollande und Petro Poroschenko (v. l. n. r.) einigen sich mit Minsk II auf eine Waffenruhe im Februar 2015. (Foto: Kremlin.ru, CC BY-SA 4.0)

Die pro-russischen Separatisten kontrollierten zu diesem Zeitpunkt ein Gebiet von etwa 15 000 km² (rund 30 Prozent der Oblaste Donezk und Luhansk) mit ca. vier Millionen Einwohnern. Während die Rolle Russlands als Konfliktpartei in diesem Abkommen nicht angesprochen wird, werden die Volksrepubliken Donezk und Luhansk als Verhandlungspartner de facto anerkannt und erhalten einen „offiziellen Status" in der ukrainischen Politik. Die Kampfhandlungen wurden zwar auf Eis gelegt, doch es entwickelte sich fortan ein „Stellungskrieg" entlang der Waffenstillstandslinie. Die Ursachen des Konflikts im Donbas liegen daher – wie andererorts so oft – weder in rein ethnischen noch religiösen Differenzen. Vielmehr wurden die Geschichte des Raumes, Mythen sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme instrumentalisiert, um die Ostukraine zu destabilisieren und damit letztlich politisch-strategische Interessen durchzusetzen. Die Form der hybriden Konfliktaustragung erschien aus strategischer Sicht revolutionär, wenngleich die Renaissance der konventionellen Kampfführung auf europäischem Boden als epochal gilt.

Konventionelle Kampfführung im hybriden Konflikt

Die Annexion der Krim gilt heute nach westlichem Verständnis als beispielgebend, wenn es darum geht, nicht-militärische Instrumente wie Informationskampagnen, politische Subversion, Cyber-Angriffe, wirtschaftliche Maßnahmen, Unterstützung von Terrorismus bzw. Aufständischen einer „klassisch-linearen" militärischen Konfrontation vorzuziehen. Schon Sun Tzu schrieb 500 v. Chr. sinngemäß: „Die größte Leistung besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen."

Übersichtskarte mit der Pufferzone nach dem zweiten Minsker Abkommen. (Grafik: Rizzardi nach National Security and Defence Council of Ukraine)
Übersichtskarte mit der Pufferzone nach dem zweiten Minsker Abkommen. (Grafik: Rizzardi nach National Security and Defence Council of Ukraine)

Die hybride Form der Konfliktaustragung ist historisch betrachtet kein Novum, sondern vielmehr eine evolutionäre Anpassung an die geänderten strategischen Einflussfaktoren des 21. Jahrhunderts. Während der „Westen" nicht-militärische Instrumente grundsätzlich als Teil der Konfliktvermeidung betrachtet, ist Russlands Sichtweise konträr. Nicht- militärische Machtmittel werden als essenzieller Bestandteil der Konfliktaustragung erachtet und in Abstimmung zueinander zum Einsatz gebracht. Der Kampf um die Informations- und Deutungshoheit durch Nutzung der Digitalisierung ist dabei ein integraler Bestandteil. Die klassischen Grenzen zwischen Frieden und Krieg verschwimmen damit.

Diese „asymmetrische" und „nicht-lineare" Herangehensweise wurde durch den russischen Generalstabschef Waleri W. Gerassimow im Jahr 2013 als Modell der Denkschrift „Grundlegende Tendenzen der Entwicklung der Formen und Methoden des Einsatzes der Streitkräfte – Die aktuellen Aufgaben zur Vervollkommnung der Militärwissenschaft“ dargelegt. Die Ukraine wurde nur wenige Monate später mutmaßlich zum Schauplatz der Umsetzung der Gerassimow-Doktrin. Was auf der Krim erfolgreich war – der Beitritt zu Russland ohne einen offen ausgetragenen, konventionellen Kampf –, sollte wenige Wochen später in der Ostukraine seine Wiederholung finden. Kiew steckte hier jedoch nicht mehr zurück und suchte die direkte Konfrontation mit der pro-russischen Separatistenbewegung und dadurch die indirekte Konfrontation mit Russland. Nachdem die Wirkung der nicht-militärischen Instrumente nicht im erforderlichen Ausmaß gegeben war, sah sich vermutlich Russland im Sinne des Gerassimow‘schen Modells letztlich gezwungen, militärisch stärker und direkter zum Zwecke der strategischen Zielerreichung zu intervenieren. Im Rahmen der hybriden Konfliktaustragung entwickelte sich de facto ab Sommer 2014 ein begrenzter konventioneller „Kampf".

Was für Europa im 21. Jahrhundert als undenkbar galt, war in den Schlachten im Donbas präsenter denn je. Der (konventionelle) Kampf der verbundenen Waffen, Angriff und Verteidigung, Panzer- und Artilleriegefechte, Einschließungen, das Abschneiden von Versorgungslinien, hohe Ausfallsraten und dergleichen folgten, nachdem mit nicht-militärischen Instrumenten der angestrebte Endzustand nicht erreicht werden konnte. Die Lehren vom „Kampf der Willen“ nach Carl von Clausewitz erscheinen in diesem Lichte präsenter denn je.

Es zeigt sich: Auch in einem hybriden Konflikt kann die Befähigung zum militärischen Herbeiführen von Entscheidungen durch konventionell kämpfende Landstreitkräfte als Ultima Ratio unablässlich sein. Am Beispiel der Ostukraine stand Kiew 2014/2015 am Rande des Verlustes des gesamten Donbas. Auf die Art der konventionellen Kriegsführung war man von der strategischen bis zur taktischen Führungsebene nicht ausgerichtet. Die strategischen Frühwarnmechanismen hatten versagt.

Proteste in Kiew auf dem Maidan. (Foto: Sasha Maksymenko, CC BY-SA 2.0)
Proteste in Kiew auf dem Maidan. (Foto: Sasha Maksymenko, CC BY-SA 2.0)

Konfliktgegner in der Schlacht um Debalzewe

Aus völkerrechtlicher Sicht ist der Konflikt in der Ostukraine ab dem Frühjahr 2014 als nicht international bewaffneter Konflikt einzustufen, in dem sich die Ukraine einerseits sowie die Volksrepubliken Donezk und Luhansk andererseits als Konfliktparteien gegenüberstanden. Darüber hinaus scheint seit Juli 2014, dem Zeitpunkt des Auftauchens mutmaßlicher russischer Kampfverbände im Donbas, ein international bewaffneter Konflikt zwischen der Ukraine und Russland im Gang zu sein. Obwohl es von Russland vehement bestritten wird, gilt eine militärische Intervention für die Ukraine und den „Westen" heute als hinreichend belegt. Faktisch konnte das „verschleierte" Agieren Russlands im Graubereich zwischen Frieden und Krieg in politischer wie rechtlicher Hinsicht nicht hinlänglich determiniert werden. In diesem Beitrag wird dennoch bewusst eine Unterscheidung zwischen pro-russischen Separatistenverbänden und mutmaßlich verschleierten Verbänden der russischen Streitkräfte vorgenommen, um das für hybride Konflikte charakteristische Zusammenwirken von regulären und irregulären Kräften auf der taktischen Führungsebene darstellen zu können.

Ukrainische Kräfte verteidigen Debalzewe

An der Seite des Schwergewichtsverbandes, der verminderten 128. Gebirgsinfanteriebrigade (128.GebInfBrig), kämpften weitere mechanisierte Infanteriebataillone am Frontbogen um Debalzewe. Für die Schlacht war die Kampfkraft dieser regulären Verbände als „mittel", ihr Kampfwert jedoch als „niedrig" zu bewerten. Es fehlte an Ausbildung und Erfahrung des Führungspersonals sowie der Soldaten, die gepanzerten Kampf- und Gefechtsfahrzeuge (GKGF) waren aus technologischer Sicht den gegnerischen russischen Modellen unterlegen und es gab ein bedeutendes Fehl an einsatzwichtiger Ausrüstung und Ausstattung, insbesondere an duellfähigen Panzerabwehrlenkwaffen, taktischen unbemannten Luftfahrzeugen (Unmanned Aerial Vehicle – UAV), weitreichenden Steilfeuerwaffen, Artillerieaufklärungsradarsystemen und panzerbrechender Munition.

Ukrainische Freiwilligenmilizen unterstützten die Verbände der ukrainischen Streitkräfte im Kampf. Diese Milizen formierten sich ab Konfliktbeginn selbstständig als Reaktion auf die Aktivitäten pro-russischer Volkswehren in der Ostukraine und wurden ab dem Sommer 2014 sukzessive in die ukrainischen Streitkräfte, die Nationalgarde bzw. die Spezialpolizei übergeführt. Dennoch blieben ihre Identität, Absicht, Kampfweise, Zusammensetzung und Finanzierung bis ins Jahr 2015 in ursprünglicher Form erhalten, weshalb deren Führung und Kontrolle erschwert waren. Auch wenn diesen Verbänden eine „niedere" Kampfkraft anhaftete, wurde ihr Kampfwert durch eine hohe Kampfmoral im „Einsatz um die Heimat" erheblich gesteigert. Die Bataillone verfügten effektiv über je 400 bis 800 regional ansässige Soldaten, die in dezentrale Kampfelemente zu je 100 bis 150 Mann gegliedert waren. Die Ausstattung umfasste Handfeuerwaffen (AK-74), Maschinengewehre (RPK-74), Scharfschützengewehre (Dragunow), Panzerabwehrwaffen (RPG-7), geländegängige Fahrzeuge, wenige GKGF (u. a. BTR-70) sowie auf dem freien Markt erworbene Ausrüstung und Ausstattung. Zusammengefasst belief sich die Stärke der regulären ukrainischen Kräfte und der Milizen im Frontbogen auf etwa 6.000 Soldaten.

(Grafik: Böhm/Scherl)
(Grafik: Böhm/Scherl)
(Grafik: Böhm/Scherl)
(Grafik: Böhm/Scherl)

Angreifer in Debalzewe

Den ukrainischen Truppen standen in Debalzewe Milizverbände der Volkswehren Donezk und Luhansk sowie vermutlich verschleierte reguläre Verbände der russischen Streitkräfte gegenüber. Die beiden Volkswehren waren 2014 keine kohärenten militärischen Organisationen, sondern bildeten vielmehr einen „Dachverband" für die regional aufgestellten, selbstständig agierenden Milizverbände. Als solche kamen im Rahmen des Angriffes auf Debalzewe die „Kalmius Brigade", die „Slavyansk Brigade" und das „Somali Bataillon", (Teil-)Einheiten der „Prizrak Brigade" sowie „Don-Kosaken" zum Einsatz. Der Einsatz dieser Milizverbände in Debalzewe erfolgte dabei in enger Abstimmung mit den vermutlich verschleierten russischen Kampfverbänden. Identität, Absicht, Kampfweise, Zusammensetzung und Finanzierung der Milizverbände waren äußerst unterschiedlich. Im Gegensatz zu den ukrainischen Freiwilligenmilizen erhielten sie ab Sommer 2014 allem Anschein nach direkte und indirekte Unterstützung durch Russland. Zum Zeitpunkt der Schlacht verfügten diese Verbände über ausgebildetes Führungspersonal mit Kampferfahrung, vereinzelte GKGF und Waffensysteme russischen Ursprunges (Kampfpanzer T-64 und T-72, Schützenpanzer BMP-1, Radschützenpanzer BTR-70, Aufklärungspanzer BRDM-2, Artillerie- und Raketenwerfersysteme wie D-30, 2S1 und BM-21 „Grad") sowie die Kampfunterstützung durch mutmaßlich russische Truppen. Für den Angriff auf Debalzewe war ihre Kampfkraft – verglichen mit den ukrainischen Verbänden – „nieder", ihr Kampfwert aufgrund des gesteigerten Kampfwillens jedoch als „hoch" einzustufen.

Die russischen Streitkräfte waren 2014/2015 ukrainischen Gefechtsberichten folgend mit verschleierten Verbänden aller Teilstreitkräfte im Donbas eingesetzt. Im Besonderen wurden wohl gemischte mechanisierte Bataillonskampfgruppen (BKG) für die Winteroffensive 2015 herangeführt, um im Wirkungsverbund mit den Milizverbänden der Volkswehren eine Entscheidung im Raum Debalzewe herbeizuführen. Bei einer BKG handelte es sich um einen zur selbstständigen Einsatzführung befähigten kleinen Verband, der in der Regel über eine Aufklärungs-, zwei bis vier mechanisierte Kampf- sowie mehrere Kampfunterstützungseinheiten verfügte. Charakteristisch für dieses „System BKG" waren

  • die Aufstellung und Vorbereitung jenseits der ukrainisch-russischen Grenze,
  • die hohe Mobilität und Verlegefähigkeit,
  • die zeitlich und räumlich begrenzte Einsatzführung in der Ostukraine,
  • ein hohes Leistungsvermögen durch Unterstellung zusätzlicher Steilfeuermittel,
  • die begrenzte logistische Durchhaltefähigkeit durch Verzicht auf stationäre Versorgungseinrichtungen.

Sowohl Kampfkraft als auch Kampfwert der eingesetzten Battailonskampfgruppen waren im Vergleich mit den ukrainischen Kräften als „hoch" zu bewerten. Dies ist vorwiegend auf die Verfügbarkeit überlegener und moderner Waffensysteme und Mittel zurückzuführen (siehe Abbildung S. 293 sowie Lehrskriptum „Das Phänomen der russischen Bataillonskampfgruppe" des Institutes für Höhere Militärische Führung an der Landesverteidigungsakademie; Stand: Oktober 2016). Aus Ermangelung einer belegten Quantifizierung belief sich die Gesamt-stärke der aufseiten der Separatisten kämpfenden Kräfte am Frontbogen Schätzungen zufolge auf etwa 19.000 Mann mit mehr als 700 GKGF sowie Artillerie- und Raketenwerfersystemen.

Die OSZE überprüft das Protokoll von Minsk. (Foto: OSCE, CC BY-SA 2.0)
Die OSZE überprüft das Protokoll von Minsk. (Foto: OSCE, CC BY-SA 2.0)
Eine Gebäuderuine im Donbas. (Foto: OSCE, CC BY-SA 2.0)
Eine Gebäuderuine im Donbas. (Foto: OSCE, CC BY-SA 2.0)

Bedeutung von Debalzewe

Der Konfliktraum in der Ostukraine lässt sich aus taktischer Sicht auf den Oblast Donezk und den Oblast Luhansk eingrenzen. Dieser zusammenhängende Raum liegt im ukrainischen Teil des Donezbeckens und wird im Sprachgebrauch als der „Donbas" bezeichnet (Anmerkung: der „große Donbas" erstreckt sich beiderseits der ukrainisch-russischen Grenze von der Stadt Dnipro bis zur Stadt Schachty). Zwischen dem Konfliktraum und Russland verläuft eine etwa 400 km lange hindernisfreie, offene Grenze. Bei gleichbleibendem Konfliktraum änderte sich der Frontverlauf und damit die eigentliche Kampfzone in den Monaten zwischen Winter 2014 und Winter 2015 stetig. Die größte Ausdehnung des von Separatisten kontrollierten Gebietes belief sich im Sommer 2014 noch auf ca. 30.000 km²; fortan reduzierte es sich auf etwa 15.000 km².

Der nördliche und zentrale Konfliktraum liegt auf der Donezplatte und stellt ein weitläufiges, leicht hügeliges Steppenland dar, das mit wenigen kleinen Wäldern, eingegrabenen Flüssen, Ortschaften und Bergwerkshalden durchsetzt ist. Im Süden flacht die Steppenlandschaft in Richtung der Schwarzmeerküste weiter ab. Im Donbas herrscht ein trockenes Kontinentalklima mit warmen Sommern und kalten Wintern. Die Besiedelungsdichte und der Verstädterungsgrad im Donbas (etwa 90 Prozent) sind hoch. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum ist die Stadt Donezk mit etwa 1,1 Millionen Einwohnern, die fünftgrößte Stadt der Ukraine. Weitere bedeutende Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern sind Luhansk, Kramatorsk, Slowjansk, Mariupol, Makijiwka, Horliwka, Altschewsk, Sjewjerodonezk und Lyssytschansk.

Mehr als 50 Prozent der Einwohner der Oblaste Donezk und Luhansk waren 2014/2015 russischer Abstammung. Der Anteil unter der städtischen Bevölkerung lag dabei weit höher. Der Prozentsatz der Bewohner mit russischer Muttersprache belief sich auf 75 Prozent. Der Konfliktraum ist mit der Ukraine und Russland durch die Fernstraßen M03, M04 und M14, die Regionalstraßen H20 und H21 sowie durch ein Eisenbahnnetz verbunden. Das vorhandene Verkehrsnetz im Donbas ist signifikant unterdimensioniert. Die Fern- und Regionalstraßen erhielten dadurch zusätzlich eine besondere Bedeutung für die Einsatzführung der Konfliktparteien.

Der Donbas war und ist aufgrund der hohen Einwohnerzahl (16 Prozent der Einwohner der Ukraine), der reichen Kohlevorkommen sowie der (Schwer-)Industrieanlagen ein wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutender Raum für die Ukraine.

wird fortgesetzt

Oberstleutnant dG Mag.(FH) Mag. Jürgen Scherl; Referatsleiter (m.d.F.b.), Hauptlehroffizier & Forscher Referat Taktik/Institut für Höhere Militärische Führung an der LVAk.Major dG Mag.(FH) Alexander Böhm; Hauptlehroffizier & Forscher Referat Taktik/Institut für Höhere Militärische Führung an der LVAk.

(Grafik: Böhm)
(Grafik: Böhm)
 

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