• Veröffentlichungsdatum: 18.07.2017
  • – Letztes Update: 19.07.2017

  • 8 Min -
  • 1617 Wörter

Im Gespräch: Brigadegeneral Roland Brunner

Redaktion Truppendienst

TRUPPENDIENST-Korrespondent FKpt d. R. Mag. Jürgen R. Draxler (JD) befragt Brigadegeneral Roland Brunner (RB) zur neuen Rolle des Zentrums für Geoinformationswesen der Bundeswehr. 

 

JD: Das Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr (ZGeoBw) gehört zum Kommando Strategische Aufklärung. Dieses Kommando - und damit auch das ZGeoBw - sollen aus der Streitkräftebasis herausgelöst werden und in den neuen Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIR) wechseln.

RB: Richtig. Wir sind truppendienstlich derzeit dem Kommando Strategische Aufklärung unterstellt, das wiederum der Streitkräftebasis untersteht. Ab dem 1. Juli 2017 wird das ZGeoBw direkt unter das neue Kommando CIR als eigenständige Säule unterstellt. Der Leiter des Geoinformationsdienstes der Bundeswehr (GeoInfoDBw) ist in seiner Fachaufgabe direkt dem Bundesministerium der Verteidigung nachgeordnet, genauer dem Referat CIT I 5.

JD: Das ZGeoBw zählt zu den For­schungs­einrichtungen der Bundeswehr. Das bedeutet vermutlich, dass es um mehr als „nur“ die Lieferung von Geoinformationen an Heer, Marine und Luftwaffe geht. Was ist unter „Forschungseinrichtung“ zu verstehen und gibt es ein Zusammenspiel mit universitären Forschungseinrichtungen?

RB: Das Prädikat „Forschungseinrichtung“ tragen wir, weil wir eine Abteilung haben, die angewandte Forschungs- beziehungsweise Entwicklungsarbeit betreibt, und das auf allen Fachgebieten, die wir bearbeiten. Überall dort, wo Universitäten oder wissenschaftliche Institute Dinge entwickeln, die hilfreich für uns sind, nutzen wir sie. Dort, wo nichts auf dem Markt verfügbar ist oder wo etwas angepasst werden muss, führen wir diese Entwicklungen auch selber durch oder steuern diese Anpassung. Und damit sind wir mit allen für uns relevanten Forschungsinstituten verbunden und arbeiten mit ihnen zusammen - und zwar bundesweit wie international.

JD: Was die Forschung in Ihrem Haus betrifft, gibt es sicher Schwerpunkte. Können Sie da Beispiele nennen?

RB: Wir befassen uns besonders mit allen Aspekten, die sich mit der Nutzung von Fernerkundungsdaten beschäftigen, sowie den sich daraus ergebenden unterschiedlichsten Produkten. Genauso interessiert uns alles, was sich auf dem Gebiet der Positionierung - wie der Satellitennavigation oder alternativen Navigationsmöglichkeiten - tut. Das sind für uns einfach lebenswichtige Fähigkeiten. Das heißt, wir setzen uns damit auseinander, um zugleich auch immer an der Spitze dieser Entwicklungen zu stehen.

JD: Beispiel Navigation - gehören zu den Partnern, mit denen Sie im Bereich der Forschung kooperieren auch Einrichtungen der Industrie?

RB: Forschung mit der Industrie betreiben wir in der Regel nicht. Gleichwohl arbeiten wir durchaus eng mit Unternehmen zusammen - aber aus anderen Gründen, und die liegen im Bereich der Produktion. Der Dienst und unser Zentrum sind so aufgestellt, dass wir ungefähr zehn bis 20 Prozent unseres Bedarfs - oder der Produkte, die hergestellt werden - mit unserem Personal produzieren. Was darüber hinausgeht, wird extern von Firmen hergestellt, wobei wir die Qualitätskontrolle vornehmen. Des Weiteren gibt es auch Koproduktionsgemeinschaften. Davon haben wir aktuell zwei große mit über 30 Nationen. In denen werden gemeinschaftlich Geoinformationen über Krisengebiete oder spannungsgeladene Bereiche erzeugt. Diese werden in Arbeitsteilung anhand festgelegter Standards produziert, so dass die Daten austauschbar sind. Keine Nation ist letztlich in der Lage, alles, was für die Streitkräfte weltweit benötigt wird, in eigener Regie herzustellen. Das ist viel zu aufwendig und zu kostenintensiv.

JD: Kann man quantifizieren, wie stark die Vernetzung ist - wobei es sich dabei mit Masse um NATO-Partner handeln dürfte?

RB: Ja, NATO-Partner sind ein Schwerpunkt. Wir beziehen - seit Jahrzehnten - eine Menge Informationen von den USA, dem weltweit größten Hersteller von Geoinformationen. Aktuell dehnen wir diese enge Zusammenarbeit auch auf die Bereiche Entwicklung und Forschung aus. Die USA sind für uns ein sehr wichtiger Partner. Wir haben aber ebenfalls Abkommen mit Australien, Südafrika, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Staaten. Es gibt eine ganze Reihe Staaten außerhalb der NATO, mit denen wir hier eng zusammenarbeiten. Ein Beispiel dazu: Die Geoinformationen für unsere Kräfte beim Einsatz im Kongo zur Absicherung der dortigen Wahlen im Jahr 2006 haben wir von Südafrika erhalten. Das Ganze läuft letztendlich auf einer Art Handelsbasis ab: Wir geben denen etwas und die uns etwas. Das ist zwar nicht immer zu 100 Prozent pekuniär ausgleichbar, aber angestrebt wird es schon.

JD: Solche Kooperationen setzen staatliche Vereinbarungen voraus. Wo werden diese sehr speziellen Abkommen vorbereitet und formuliert?

RB: Diese werden bei uns, gemeinsam mit den jeweiligen Partnern, entworfen. Dann geht der Entwurf zur rechtlichen Prüfung ins Bundesministerium der Verteidigung. Wenn diese erfolgt ist, wird der Vertrag von mir und dem Partner unterschrieben. Ich zeichne dann für das BMVg, sprich: die Bundesrepublik Deutschland. Wir hatten allerdings schon den Fall, dass ein Staatssekretär, der das jeweilige Partnerland gerade besuchte, die Vereinbarung unterschrieben hat.

(Grafik: Logo GeoInfoDBw)
(Grafik: Logo GeoInfoDBw)

JD: Ohne Ihre Arbeit ist die Truppe nicht in der Lage, die ihr gestellten Aufgaben zu erfüllen. Das heißt, Sie liefern Heer, Marine und Luftwaffe sehr spezifische einsatzrelevante Daten zu. Woher bekommen Sie die dazu notwendigen ­Spezialisten?

RB: Die bekommen wir alle vom „freien“ Markt. In der Bundeswehr gibt es nur ganz wenige Personen, die eine entsprechende Berufsausbildung beziehungsweise das erforderliche Studium mitbringen. Wenn beispielsweise ein Soldat in der Marine oder beim Heer einen dieser 18 Studien-abschlüsse hätte, die wir suchen, dann könnte er in den Dienst wechseln. Das kommt jedoch so gut wie nie vor. Und wenn, dann bei Absolventen der IT- oder Luft- und Raumfahrttechnik. Das sind Studiengänge, die von den Bundeswehruniversitäten angeboten und von uns genutzt werden. In der Regel stammt unser Nachwuchs aber von zivilen Universitäten oder Fachhochschulen. Auch Interessenten mit einem geotechnischen Berufsabschluss sind in der Regel keine Bundeswehrangehörigen. Die Altersgrenzen, die es bislang gab, wurden aus dem Laufbahnrecht gestrichen, so dass wir nun ein größeres Potenzial ansprechen können.

JD: Nach welchem Modus werden die vom Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr angenommenen Bewerber auf die Teilstreitkräfte verteilt, und woher kennen diese dann deren spezifische Einsatzgrundlagen, die vielfach sehr unterschiedlich sind?

RB: Jeder kann seinen Wunsch äußern. Wenn es möglich ist, bekommt er die Uniform der jeweiligen Teilstreitkraft. Allerdings müssen wir uns an die STAN - also die Stärke- und Ausrüstungsnachweisung - halten. Darin ist festgelegt, welcher Dienstposten welcher Teilstreitkraft und welchem Status zugeordnet ist. Wir haben übrigens 50 Prozent Soldaten und 50 Prozent zivil Beschäftigte, vorwiegend Beamte. Wie Sie festgestellt haben, müssen wir alle Kompetenzfelder der Bundeswehr unterstützen. Dazu brauchen wir - in einem bestimmten Umfang -­ Personal, das sich mit den militärischen Fähigkeiten auskennt. Wenn man die einzelnen Truppenteile im Vorfeld einer Übung oder Operation vernünftig beraten will, dann muss man deren Einsatzgrundsätze kennen, also wissen, was tatsächlich an Informationen benötigt wird, sonst funktioniert das nicht.

JD: Seit wann ist das Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr in seiner heutigen Struktur aufgestellt?

RB: 2003 wurden die damaligen Geodienste der Bundeswehr - nämlich der Militärgeographische Dienst und der Geophysikalische Beratungsdienst - zum Geoinformationsdienst zusammengefasst. Seither gibt es dieses breite Spektrum von 18 Geowissenschaften. Sinn und Zweck war, die GeoInfo-Unterstützung für die Bundeswehr aus einer Hand bereitzustellen, indem man Wetter- und Geländeinformationen zusammenbringt. Die Geländebefahrbarkeit ist das beste Beispiel: Sie lässt sich nur beurteilen, wenn man beispielsweise weiß, wie ein Boden durchfeuchtet ist beziehungsweise welche Wetterlagen oder welche Niederschläge in den nächsten Tagen anstehen. Erst dann kann man eine vernünftige Geländebefahrbarkeitsvorhersage machen.

JD: Die meisten Staaten können die Ressourcen und die Manpower nicht aufbieten, die Sie hier zur Verfügung haben. Welche Streitkräfte sind, von den USA abgesehen, mit Deutschland vergleichbar?

RB: Die Briten sind in ähnlicher Weise aufgestellt, wenngleich vom Umfang nicht so groß wie wir. Die Franzosen ebenfalls, wobei diese deutlicher in unsere Richtung gehen, weil sie ebenfalls Wetter und Gelände zusammengefasst haben - zumindest auf ministerieller Ebene und in puncto Haushaltsmittel.

JD: Wenn Deutschland für einen bestimmten Einsatz die Funktion der Lead-Nation übernimmt, beraten Sie dann alle beteiligten Nationen beziehungsweise deren Kontingente?

RB: Ja, auch die Kontingente der „Geos“ setzen sich dann in der Regel international zusammen. Das heißt, wenn eine deutsche Gruppe vor Ort ist, berät sie alle Nationen, die an der entsprechenden Operation teilnehmen. Selbst wenn wir als Lead-Nation fungieren, können die „Geos“ auch Engländer oder Amerikaner sein.

JD: Ist das, was dann von einzelnen Streitkräften aufgeboten wird, vom wissenschaftlichen Niveau her ­vergleichbar?

RB: Nicht immer, aber in den meisten Fällen. Wir legen unsererseits großen Wert darauf, dass die Beratungstätigkeit von einem Stabsoffizier oder Offizier, also einem Universitäts- oder mindestens Fachhochschulabsolventen, durchgeführt wird - unterstützt von Soldaten aus dem Feldwebelbereich. Das ist nicht in allen Ländern so.

JD: Gefahren drohen nicht mehr nur vom Boden, aus der Luft oder vom Meer. Wohin geht für das Zentrum für Geoinformationswesen der Bundeswehr die Reise?

RB: Sie haben eingangs angesprochen, dass ein neuer Organisationsbereich, nämlich Cyber- und Informationsraum, gebildet wird. Dem werden das für die IT- und Kommunikationsstrukturen der Bundeswehr verantwortliche Führungsunterstützungskommando sowie das für das militärische Nachrichtenwesen der Bundeswehr zuständige Kommando Strategische Aufklärung zugeordnet. Das Zentrum für Geoinformationswesen wird als dritte eigenständige Säule etabliert.

JD: Das ist eine Aufwertung.

RB: So ist es - und das wird dazu führen, dass wir unserem Auftrag unabhängiger nachkommen können. Mit diesem neuen Cyberbereich, in den wir wechseln, wird sich für das Zentrum einiges verändern. Aus meiner Sicht zum Positiven. Unser langfristiges Ziel ist es, dieses Zentrum zu einem europäischen Zentrum für Geoinformationswesen auszubauen.

JD: Also dürften wohl kleinere Staaten eine Anbindung suchen?

RB: Die kleineren Staaten sicherlich eher am Anfang. Ich gehe jedoch davon aus, dass auch Länder wie Großbritannien und Frankreich langfristig in diese Richtung mitziehen.

JD: Angesichts der Tatsache, dass Ihre Dienstzeit bis zum Herbst 2020 reicht, ist es wahrscheinlich, dass Sie das Zentrum in diese neue Struktur führen.

RB: Davon kann man ausgehen. Die ersten Schritte sind gemacht. Wir haben eine Multinational Geospatial Support Group - also eine multinationale GeoInfo-Unterstützungsgruppe - mit 36 Dienstposten etabliert. Davon sind 13 international besetzt. In diesem Jahr werden wir beginnen eine Multinational Meteorological and Oceanographic Support Group - mit 40 Dienstposten, davon 15 international besetzt - aufzustellen. Der Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum wird diese Entwicklung fördern und vorantreiben.

Das Interview mit dem Kommandeur ZGeoBw, Brigadegeneral Roland Brunner (RB), führte TRUPPENDIENST-Korrespondent FKpt d. R. Mag. Jürgen R. Draxler (JD). 

 

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