• Veröffentlichungsdatum: 22.01.2020

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SERE - Verhalten in feindlicher Umgebung und Gefangenschaft

David Birsak

(Foto: Bundesheer)
(Foto: Bundesheer)

Die Abkürzung SERE steht für Survival, Evasion, Resistance and Extraction – Überleben, Ausweichen, Widerstand und Rückholung. Die Ausbildung dazu soll einem Soldaten für den Fall einer Isolation von den eigenen Kräften das Rüstzeug geben, um in einem unwirtlichen und ihm feindlich gesinnten Umfeld zu überleben, einer möglichen Gefangenschaft zu entgehen und seine Rettung und Rückverbringung aktiv zu unterstützen. Darüber hinaus soll der Soldat wissen, wie er sich im Falle einer Gefangenschaft oder Geiselhaft zu verhalten hat und wie er Möglichkeiten zur Flucht nützen kann.

SERE im internationalen Kontext

Die SERE-Ausbildung ist keine „Erfindung“ des Österreichischen Bundesheeres (ÖBH), sondern mittlerweile eine Standardausbildung in den westlichen Armeen. Das zeigt auch ihre Verankerung im EU Military Concept for Personnel Recovery, in der NATO Allied Joint Publication (AJP) 3.7 und im NATO Standardization Agreement (STANAG) 7196.

Die SERE-Ausbildung unterteilt sich in drei Qualifikationsstufen, die Level A, B und C. Diese Stufen unterscheiden sich hinsichtlich der Ausbildungsinhalte und der Form der Durchführung, sind aber nicht aufbauend gestaltet. Das bedeutet, für eine Teilnahme an einer SERE B ist es nicht erforderlich, zuerst eine SERE A zu absolvieren. Selbiges gilt für die SERE C.

Welche Soldaten welche Form der SERE durchlaufen müssen, hängt von mehreren Faktoren wie ihrer Waffengattung bzw. Teilstreitkraft, dem Einsatzraum, der Funktion sowie der Risikogruppe, der sie zuzurechnen sind, ab. Von der Waffengattung bzw. Teilstreitkraft leiten sich die grundsätzlichen Aufgaben und der „Platz“ des Soldaten auf dem Gefechtsfeld ab. So ist ein Pilot, der über feindliches Gebiet fliegt, einem höheren Risiko ausgesetzt als ein Artillerist, der sich in einem Stellungsraum in der Tiefe des Gefechtsfeldes befindet.

Szene der SERE-Ausbildung: Piloten nach ihrer Gefangennahme. (Foto: Bundesheer)
Szene der SERE-Ausbildung: Piloten nach ihrer Gefangennahme. (Foto: Bundesheer)

Hinsichtlich des Einsatzraumes sind die Feindbedrohung und die Widrigkeiten des Umfeldes (z. B. Klima, Gelände, Bevölkerung) zu beurteilen. So sind die Konfliktparteien und das Umfeld in Afghanistan zum Beispiel als deutlich gefährlicher bzw. feindlicher einzuschätzen als im Kosovo. In Bezug auf die Funktion ist zu beachten, ob sich der Soldat aufgrund seiner Tätigkeiten im Trupp, in einer Gruppe, Teileinheit oder Einheit bewegt. Verbindungsoffiziere oder UN-Beobachter sind beispielsweise einem höheren Risiko ausgesetzt, gefangen genommen zu werden, als der Schütze einer Jägergruppe.

Die Einteilung in die Risikogruppe hängt wiederum von der Funktion des Soldaten bzw. seinem Auftrag ab, wobei zwischen Low, Medium und High Risk of Isolation and Exploitation unterschieden wird. Hochrangige Kommandanten oder Soldaten, die sich aufgrund ihres Auftrages in feindlichem Gebiet aufhalten, sind einem höheren Risiko ausgesetzt als Soldaten, die ihr Camp nicht verlassen dürfen.

Dreistufige SERE-Ausbildung

Das Level A ist die niedrigste Stufe der SERE-Ausbildung. Sie verfolgt das Ziel, bei den Teilnehmern ein Bewusstsein für potenzielle Gefahren zu wecken, ihnen die allgemeinen Grundlagen eines Personnel Recovery-Systems zu vermitteln und sie auf die Anforderungen, die hinsichtlich des Überlebens in Gefahrensituationen auf sie zukommen können, vorzubereiten. Die SERE A wird ausschließlich theoretisch in Form von Unterrichten, computergestütztem Lehrmaterial und Filmpräsentationen durchgeführt.

Die SERE B ist die Mindestanforderung für Soldaten mit einem Medium Risk of Isolation. Die Ausbildungsinhalte des Level B werden sowohl theoretisch als auch praktisch vermittelt. In Form von Unterrichten und Lehrgesprächen werden die Grundlagen des Personnel Recovery-Systems, der Zweck und die Funktion eines Isolated Personnel Reports und eines Evasion Plan of Action sowie ausgewählte Techniken zur Stressbewältigung erklärt. Darüber hinaus werden aktuelle Fallbeispiele besprochen. Das praktische Training umfasst Inhalte der Überlebensausbildung wie den Unterkunftsbau, das Entfachen eines Feuers mit Hilfsmitteln sowie das Gewinnen von Wasser und Nahrung, das korrekte Verhalten bei der Wiederaufnahme durch Personnel Recovery-Kräfte und das richtige Verhalten in Kriegsgefangenschaft (Resistance to Interrogation - RtI) und Geiselhaft (Conduct after Capture - CaC).

Die höchste Stufe der SERE-Ausbildung ist das Level C. Dabei werden dieselben theoretischen Inhalte wie beim Level B vermittelt. Zusätzlich gibt es ein praktisches Training für Überlebenstechniken und eine Übung, bei der eine Überlebenssituation simuliert wird. Diese dauert mindestens 72 Stunden, beinhaltet eine Phase der Gefangenschaft (zwischen 12 und 36 Stunden) und die praktische Zusammenarbeit mit Personnel Recovery-Kräften bei der Wiederaufnahme. Das Schwergewicht der SERE C ist das Anwenden der erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten unter teilstreitkräfte- bzw. waffengattungsspezifischen und einsatznahen Bedingungen.

Entfachen eines Feuers zum Wärmen oder zur Zubereitung von Nahrung. (Foto: Bundesheer)
Entfachen eines Feuers zum Wärmen oder zur Zubereitung von Nahrung. (Foto: Bundesheer)
Gewinnen von Trinkwasser mit einem behelfsmäßigen Filter, bei dem das Wasser gereinigt wird, bevor es abgekocht und getrunken werden kann. (Foto: Bundesheer)
Gewinnen von Trinkwasser mit einem behelfsmäßigen Filter, bei dem das Wasser gereinigt wird, bevor es abgekocht und getrunken werden kann. (Foto: Bundesheer)
Eine getarnte Behelfsunterkunft aus Ästen und einer Plane zum Schutz vor Witterungseinflüssen. (Foto: Bundesheer)
Eine getarnte Behelfsunterkunft aus Ästen und einer Plane zum Schutz vor Witterungseinflüssen. (Foto: Bundesheer)

Umsetzung des SERE-Konzeptes im ÖBH

Die Umsetzung des internationalen SERE-Konzeptes erfolgt im ÖBH durch die Durchführungsbestimmungen (DB) SERE. Das Ziel der Ausbildung ist es, den Soldaten

  • Überlebenstechniken,
  • Gefechtstechniken für das Ausweichen vor Gegenjagdkräften,
  • das Verhalten in der Gefangenschaft,
  • den Widerstand während einer Befragung,
  • Fluchttechniken und
  • Gefechtstechniken für die Wiederaufnahme zu lehren.

Die Inhalte der DB SERE sind vor allem für die S3 der kleinen und großen Verbände interessant, weil diese die eigentlichen Träger der Ausbildung sind. Sie gelten für alle aktiven Soldaten und zivilen Angehörigen des ÖBH und für Milizsoldaten. Sie alle sind vor der Entsendung in einen Auslandseinsatz einer entsprechenden SERE-Ausbildung zuzuführen. Die jeweils aktuelle DB SERE kann bei der Lehrabteilung Jagdkommando angefordert bzw. über die Website der Ausbildungsabteilung A des Bundesministeriums für Landesverteidigung aufgerufen werden.

Ausbildung

Die Ausbildung erfolgt in den drei dargestellten Leveln A, B und C. Die Teilnahme an einer SERE-Ausbildung ist denkbar einfach. Der Soldat bzw. zivile Ressortangehörige muss sich nur freiwillig dazu melden und über einen gültigen positiven Nachweis über die Leistungsprüfung Allgemeine Kondition verfügen.

Die Absolvierung des SERE Level A dauert grundsätzlich einen Tag. Ab dem Jahr 2020 wird es auch als Lernprogramm auf SITOS SIX, der Lernplattform des Bundesheeres, im Inter- und Intranet zur Verfügung stehen. Die Absolvierung der SERE A ist die Mindestanforderung für Entsendungen zu Auslandseinsätzen. Für die Ausbildung des SERE Level B sind fünf Ausbildungstage veranschlagt. Die Ausbildungsinhalte entsprechen den internationalen Vorgaben. Die Ausbildung für das SERE Level C gestaltet sich unterschiedlich. Ausschlaggebend dafür ist die Teilstreitkraft des Kursteilnehmers. Zwar sind die Ausbildungsinhalte bei allen SERE-Ausbildungen für das Level C dieselben, es gibt jedoch erhebliche Unterschiede bei der Dauer und Intensität bei den Ausbildungsphasen Gegenjagd, Gefangenschaft und Verhör.

Die Ausbildungsschritte von der SERE A bis zum advanced SERE-Instruktor – der höchsten Qualifikationsstufe – im Überblick. (Grafik: Bundesheer/DB SERE; Montage Rizzardi)
Die Ausbildungsschritte von der SERE A bis zum advanced SERE-Instruktor – der höchsten Qualifikationsstufe – im Überblick. (Grafik: Bundesheer/DB SERE; Montage Rizzardi)

Fort- und Weiterbildung

Der Fachbereich SERE umfasst jedoch deutlich mehr als nur die Kurse für die unterschiedlichen Stufen. Folgende Kurse decken die breite Spanne der Fort- und Weiterbildung dieses Themenfeldes ab:

  • Überlebenskurs Sommer und Winter;
  • Grundkurs für das Verhalten in Gefangenschaft (RtI und CaC);
  • Kurse für Personnel Recovery auf Einheits- und Verbandsebene;
  • Kurse für den SERE-Instruktor, den RtI-/CaC-Instruktor, den Klimazonen-Instruktor und den Advanced SERE-Instruktor.
  • Personnel Recovery Fachpersonal

Personnel Recovery Fachpersonal

Auf die Frage: „Warum sollen österreichische Soldaten die SERE-Ausbildung denn eigentlich machen?“ gibt es zwei Antworten: Erstens, weil sie dem Soldaten als Schutz in einem Auslandseinsatz dient. Zweitens, weil sie die Grundlage für alle weiteren Ausbildungen in diesem Fachbereich ist, da die SERE-Ausbildung nur ein kleiner Teil eines an sich viel umfangreicheren Konzeptes – dem von Personnel Recovery – ist.

Personnel Recovery ist der Überbegriff für die Rettung, Rückführung und Reintegration von Personal, das auf dem Gefechtsfeld von den eigenen Kräften getrennt wurde und dadurch in eine Notlage geraten ist. Um das umsetzen zu können, ist es auf allen Führungsebenen erforderlich, Vorkehrungen zu treffen, und notwendig, jeden Soldaten auf so eine Situation vorzubereiten. Das geschieht durch entsprechendes Fachpersonal.

Dieses Fachpersonal ist im ÖBH aber aus unterschiedlichen Gründen faktisch nicht vorhanden. Das bedeutet aber nicht, dass dieses nicht notwendig wäre, weshalb es aufgebaut werden muss. Und als „gelernter“ österreichischer Soldat wissen Sie, dass – wenn etwas nicht von oben her erfolgt – es innerhalb der Möglichkeiten von unten her zu geschehen hat. Und diese Möglichkeiten gibt es. Mit der DB SERE ist bis zur Ebene großer Verband dieser Handlungsspielraum gegeben, den es zu nutzen gilt. Sie ermöglicht es, SERE-Instruktoren und Personnel Recovery Points of Contact (PR POC) auszubilden. Diese verfügen einerseits über die Befähigung, selbst SERE-Ausbildungen zu leiten und durchzuführen, andererseits können sie in Zweitfunktion den Fachbereich Personnel Recovery mitbetreuen.

Szene der SERE-Ausbildung: Ein Kursteilnehmer schöpft Wasser aus einem Teich, das er danach filtern und abkochen wird. (Foto: Bundesheer)
Szene der SERE-Ausbildung: Ein Kursteilnehmer schöpft Wasser aus einem Teich, das er danach filtern und abkochen wird. (Foto: Bundesheer)
Das Aufbrechen, Häuten und Zerlegen eines Tieres ist die Voraussetzung, um diese Nahrungs- und Energiequelle nützen zu können. (Foto: Bundesheer)
Das Aufbrechen, Häuten und Zerlegen eines Tieres ist die Voraussetzung, um diese Nahrungs- und Energiequelle nützen zu können. (Foto: Bundesheer)
Speeren eines Fisches in einem Bach. (Foto: Bundesheer)
Speeren eines Fisches in einem Bach. (Foto: Bundesheer)
"Brotbacken" über der Glut einer behelfsmäßigen Feuerstelle. (Foto: Bundesheer)
"Brotbacken" über der Glut einer behelfsmäßigen Feuerstelle. (Foto: Bundesheer)

Damit aus dem theoretischen Konzept Personnel Recovery ein funktionierendes, praktisches System wird, ist es erforderlich, in (fast) allen Führungsebenen über Soldaten zu verfügen, die mit diesem Fachbereich vertraut sind. In den Einheiten und kleinen Verbänden sind das die Personnel Recovery Points of Contact. Hierbei sollte es sich um Unteroffiziere handeln, die diese Aufgabe im Einsatz zusätzlich wahrnehmen.

In den Kompanien und Staffeln bietet sich die Funktion des Kommandogruppenkommandanten, in den Bataillonen die des S3-Unteroffiziers an. Auf der Ebene der großen Verbände sollte es ein bis zwei Stabsoffiziere und -unteroffiziere geben, die im Anlassfall die Funktion des „Staff Officers for Personnel Recovery“ wahrnehmen können. Hier bietet es sich an, auf Personal der Kampfunterstützungszentrale zurückzugreifen. Dort ist ein guter Überblick über die zur Verfügung stehenden Mittel gegeben, und es besteht eine enge Verbindung zur Zelle für das laufende Gefecht, die durch den Abzug von Personal für den Personnel Recovery Event auch nicht geschwächt wird. Auf diese Art ist es möglich, am Aufbau eines österreichischen Personnel Recovery-Systems, das für Auslandseinsätze des ÖBH benötigt wird, mitzuwirken.

Der Weg zum SERE-Instruktor

Die Verantwortung für die SERE-Ausbildung liegt beim Jagdkommando, das auch für die Durchführung der SERE C – unabhängig von der Teilstreitkraft – verantwortlich ist. Die SERE-Kurse für die Level A und B sind durch die kleinen und großen Verbände des ÖBH durchzuführen, die sich der ausgebildeten SERE-Instruktoren bedienen. Diese haben bei den Land- und Luftstreitkräften die Kompetenz das Level A und B und den Überlebenskurs Sommer auszubilden.

Die Ausbildung zum SERE-Instruktor ist anspruchsvoll und umfasst insgesamt fünf Abschnitte:

  • Überlebenskurs Sommer (eine Woche);
  • SERE C (drei Wochen);
  • Überlebenskurs Winter (eine Woche);
  • Personnel Recovery-Ausbildung, die entweder als Joint Personnel Recovery Staff Course (zwei Wochen) oder alternativ als Personnel Recovery Point of Contact-Kurs (eine Woche) zu absolvieren ist;
  • Grundkurs Resistance to Interrogation und Conduct after Capture (eine Woche).

Die Ausbildung dauert in Summe also sieben bis acht Wochen, in denen man als Teilnehmer häufig an die physischen und psychischen Grenzen – und darüber hinaus – gelangt. Nichtsdestotrotz sind es die einzelnen Module wert erlebt zu werden, schon alleine deshalb, weil man dabei die Möglichkeit erhält, viel über sich selbst zu lernen. Nach positivem Abschluss all dieser Ausbildungen erfolgt die Ernennung zum SERE-Instruktor.

Die Haltung eines Soldaten bei der Aufnahme durch eigene Rettungskräfte. (Foto: Bundesheer)
Die Haltung eines Soldaten bei der Aufnahme durch eigene Rettungskräfte. (Foto: Bundesheer)

Überlebenskurs Sommer

Der Überlebenskurs Sommer ist der Einstieg für alle angehenden SERE-Instruktoren. Bei diesem Kurs geht es um das Erlernen von Techniken, mit denen die vier grundlegendsten und somit wichtigsten Bedürfnisse in einer Notsituation abgedeckt werden können:

  • der Schutz vor Witterung durch das Bauen einer Behelfsunterkunft aus Reisig, Baumrinde, Ästen usw. sowie das Entfachen eines Feuers;
  • das Feststellen des eigenen Standortes und das Orientieren mit Hilfsmitteln wie Sonne, Mond und Sterne;
  • das Gewinnen und Reinigen von Wasser mit selbst gebauten Filtern;
  • das Gewinnen und Zubereiten von Nahrung, wie zum Beispiel das Speeren von Fischen oder das Backen von Brot.

Bei diesem Kurs sind Müdigkeit aufgrund der sehr geringen Schlafphasen, ein ständiges Hungergefühl und großer Durst die ständigen Begleiter. Man lernt jedoch, dass es möglich ist, mit einer rohen Zwiebel, dem Achtel einer selbst gebackenen Semmel, ein paar Löffeln Brennnesselsuppe und dem Viertel einer Forelle sowie einer Hasenkeule sechs Tage zu überleben und dennoch halbwegs leistungsfähig zu bleiben. Man spürt aber auch am eigenen Körper, dass ohne Flüssigkeitszufuhr rasch „nichts mehr geht“, da man mit etwa einem Liter Wasser am Tag auskommen muss.

SERE C

Die SERE im Level C ist die größte Herausforderung der gesamten Ausbildung. In der ersten Woche werden die wichtigsten Überlebenstechniken wiederholt und bei Unterrichten Fluchttechniken, das Verhalten in Gefangenschaft und bei der Wiederaufnahme vermittelt. In der zweiten Woche „geht es dann los“. Zum Einstieg gibt es eine Gefechtsaufgabe, die zwei Tage dauert. Danach kommt der „Run“, bei dem man etwa eine Woche lang von Gegenjagdkräften – Infanterie, verstärkt mit Hubschraubern, teilweise mit Wärmebildkameras ausgestattet sowie Spürhunden – gejagt wird.

Am Ende des Runs kommt es unausweichlich zur Gefangenschaft und damit zum Auseinandersetzen mit dieser Situation. Stundenlanges Warten in unangenehmen Körperhaltungen gefolgt von Befragungen, Schlafentzug und eine psychodelische Geräuschkulisse zehren und zerren an den Nerven. Trotzdem gilt es, sich zu konzentrieren und im Kopf gegen den Kontrollverlust anzukämpfen. „Was habe ich bei der letzten Befragung genau gesagt? Wie viel Zeit ist seit der Gefangennahme vergangen? Wo befinde ich mich? Wo sind meine Kameraden?“ Das sind Fragen, auf die es immer wieder Antworten zu finden gilt. Die Wiederaufnahme durch eigene Personnel Recovery-Kräfte, die einem wahrlich wie eine Rettung vorkommt, beendet diese Ausbildung.

Diese drei Wochen zählen zu den anspruchsvollsten, forderndsten und interessantesten Ausbildungen, die man im ÖBH absolvieren kann. Dabei erlebt jeder Kursteilnehmer, der bis zum Ende durchgehalten hat, dass der Geist noch frisch sein kann, wenn der Körper bereits am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt ist. Zusätzlich ermöglicht diese Ausbildung den Blick in eine völlig andere Welt des Soldatendaseins, aber auch in die eigene Psyche.

Der Sprung ins Wasser ist einer der Höhepunkte vom "Überlebenskurs Winter". Dabei wird das Verhalten bei einem Einbruch ins Eis geübt. (Foto: Bundesheer)
Der Sprung ins Wasser ist einer der Höhepunkte vom "Überlebenskurs Winter". Dabei wird das Verhalten bei einem Einbruch ins Eis geübt. (Foto: Bundesheer)

Überlebenskurs Winter

Beim Überlebenskurs Winter geht es, wie beim Überlebenskurs Sommer, erneut darum, die vier Grundbedürfnisse in einer Notsituation abzudecken – dieses Mal jedoch bei Eis und Schnee. Die Krönung dieses Trainings ist der Sprung in das eiskalte Wasser eines Bergsees, in dessen Eisdecke ein Loch gesägt wurde. Damit wird das Einbrechen ins Eis simuliert, um Maßnahmen zur Eigenrettung zu üben. Dieser Kurs ergänzt den Überlebenskurs Sommer und vermittelt viele nützliche Tipps, um bei Kälte und Schnee zu überleben. Eine besondere Erfahrung ist der Sprung ins Eiswasser, der einem sogar die „Gedanken lähmt“ und für den eine Portion Selbstüberwindung nötig ist.

Personnel Recovery Staff Course

Dieser Ausbildungsabschnitt ist je nach Funktion entweder als Joint Personnel Recovery Staff Course oder als Personnel Recovery Point of Contact Course zu absolvieren. Diese Kurse laufen gemessen an den bisherigen Ausbildungen vergleichsweise gemütlich ab, und die Kursteilnehmer lernen die andere Seite von Personnel Recovery – nämlich die aktive – kennen.

Beim Joint Personnel Recovery Staff Course wird Mitgliedern eines Stabes in einem internationalen Umfeld vermittelt, welche Dinge bei der Planung und Vorbereitung von Einsätzen zu berücksichtigen bzw. zu erledigen sind, in welcher Form Kommandanten unterstützt werden können und welche Abläufe dabei festzulegen sind. Der wohl wichtigste Ausbildungsinhalt dieses Kurses ist, wie ein Personnel Recovery Event in der Praxis abläuft. Das alles und noch wesentlich mehr wird in Form von Unterrichten und Lehrgesprächen abgehandelt und danach eine Woche lang in Form einer Stabsrahmenübung geübt.

Diese Ausbildung zeigt, dass Stabsabläufe genauso gedrillt werden müssen wie die Waffenhandhabung, wenn sie bei einem Notfall effizient und richtig ablaufen sollen. Das trifft besonders auf einen multinationalen Stab zu, in dem Offiziere und Unteroffiziere aus verschiedenen Staaten unterschiedliche Ausbildungsniveaus und Auffassungen von Stabsdienst haben. Als Alternative zu diesem Ausbildungsabschnitt wird der Personnel Recovery Point of Contact Course angeboten. Die Ausbildungsinhalte sind ähnlich, beziehen sich jedoch auf die Ebene der Einheit und des kleinen Verbandes.

Grundkurs Resistance to Interrogation und Conduct after Capture

Dieser Kurs rundet die Ausbildung zum SERE-Instruktor ab und beendet sie. Noch einmal wird das Verhalten in Gefangenschaft thematisiert. Dabei werden die Seiten getauscht und gelehrt, wie man eine solche Situation glaubhaft vermitteln kann. Bei diesem Ausbildungsabschnitt sind viel Hirn, Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein, aber auch Integrität sowie Zuverlässigkeit und sogar die schauspielerischen Fähigkeiten des Ausbildungspersonals gefragt.

SERE-Instruktoren, die bei dieser Ausbildung einen Fehler machen, können einen großen Schaden bei den Auszubildenden anrichten. Denn, um Soldaten auf die demütigenden und herabwürdigenden Seiten einer Gefangenschaft vorzubereiten, ist es auch notwendig, ihre persönlichen Schwächen auszunützen und verletzende Äußerungen zu tätigen. Die Auszubildenden in so eine Situation hineinzustoßen, ist relativ einfach. Viel schwieriger und wichtiger ist es aber, sie dort, ohne den Verlust ihrer Würde, wieder herauszuholen.

Oberstleutnant David Birsak ist Offizier des Jagdkommandos.

 

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