• Veröffentlichungsdatum: 24.04.2019

  • 10 Min -
  • 2090 Wörter

Strategische Reise nach Sarajewo

Gerold Keusch

(Foto: HBF/Christof Vonbank; Montage: Keusch)
(Foto: HBF/Christof Vonbank; Montage: Keusch)

Strategisches Handeln erfordert ein planmäßiges Vorgehen und den Zugriff auf umfassendes Wissen, um definierte Ziele zu erreichen. Der Strategische Führungslehrgang vermittelt die Grundsätze strategischen Handelns auf staatlicher Ebene im Bereich der Sicherheit. Am 7. und 8. April 2019 war der 16. Strategische Führungslehrgang zu Gast in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajewo. Dabei erhielten die Teilnehmer einen Einblick in die spezielle Lage dieses Staates am Balkan, zu dem vielfältige sicherheitsrelevante Verbindungen nach Österreich bestehen. Zusätzlich wurde ihnen der aktuelle gesamtstaatliche und ministeriumsübergreifende sicherheitsstrategische Ansatz nähergebracht.

Das Wort Strategie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Heeresführung“. Bereits in dieser historischen Definition wird Strategie als ein Aufgabenfeld der höchsten staatlichen Führungsebene verstanden. Heute ist der Begriff nicht auf die Streitkräfte beschränkt. Vielmehr wird er umgangssprachlich als Synonym für langfristiges und planmäßiges Handeln verwendet oder in einer staatlichen - und somit politischen - Dimension begriffen. Auf dieser Ebene kann Strategie als „koordinierte Anwendung und Ausnutzung aller Mittel und Möglichkeiten des Staates zur Erreichung seiner Ziele“ (Militärlexikon) definiert werden.

Diese Ziele ergeben sich aus den Interessen eines Staates. Sie bedingen einen zeitlichen Horizont über Jahre oder Jahrzehnte, der über die eigenen Grenzen hinausreicht. Damit ist nicht gemeint, in einem anderen Staat militärisch aktiv zu werden, sondern vielmehr die Verbindungen dorthin sowie die sich daraus ergebenden Einflüsse hinsichtlich der eigenen Ziele zu bedenken und daraus einen Nutzen zu erzielen. Ein Beispiel dazu ist der Anspruch, die Warenausfuhr in Nachbarländer zu steigern, um eine positive Außenhandelsbilanz zu erreichen. Ein weiteres Beispiel ist die aktive Teilnahme von Soldaten des Österreichischen Bundesheeres bei internationalen Missionen, um ein friedliches und sicheres Umfeld für Österreich zu gewährleisten. Dieses beginnt nicht an der Staatsgrenze, sondern bereits tausende Kilometer davon entfernt, wie aktuelle Migrations- und Flüchtlingsbewegungen, die ihren Ursprung in weit entfernten Kriegs- und Konfliktregionen haben, beweisen.

Die Basis für strategisches Handeln ist der Zugang zu einem breiten Expertenwissen und die Fähigkeit definierte Endziele mit Einzelschritten zu erreichen. (Foto: Pixabay; gemeinfrei)
Die Basis für strategisches Handeln ist der Zugang zu einem breiten Expertenwissen und die Fähigkeit definierte Endziele mit Einzelschritten zu erreichen. (Foto: Pixabay; gemeinfrei)

Strategischer Führungslehrgang

Der Strategische Führungslehrgang verfolgt das Ziel, Entscheidungsträgern der österreichischen Gesellschaft strategisches Denken und Handeln sowohl auf theoretischer Ebene, als auch anhand konkreter Beispiele zu vermitteln. Warum das wichtig ist, wird auf der Lehrgangs-Website wie folgt beschrieben: „Da Sicherheit die Summe vieler Faktoren ist, müssen entscheidungsrelevante Personen unserer Gesellschaft über fundiertes Wissen verfügen, um entsprechend handeln zu können.“  In drei Modulen zu jeweils vier Tagen erhalten die etwa 25 Lehrgangsteilnehmer einen Einblick in sicherheitsrelevante Themen und Herausforderungen, das ihnen zugrundeliegende Lagebild und wie man den daraus resultierenden Problemfeldern begegnen kann. Eine Philosophie des Lehrgangs ist, dass nicht unbedingt die äußeren Umstände entscheidend sind, um eigene Ziele zu erreichen oder zu verfehlen, sondern vielmehr wie man mit diesen Umständen umgeht. Die Teilnehmer kommen aus der öffentlichen Verwaltung, Wirtschaft, Politik, NGOs, Interessensvertretungen aber auch aus dem Forschungs- und Bildungsbereich, wo sie Führungspositionen besetzen.

Strategisches Handeln erfordert das Wissen, wie man langfristig plant um ein zukünftiges Endziel in realistischen Einzelschritten zu erreichen. Außerdem erfordert es Spezialwissen, das über den eigenen Tätigkeitsbereich hinausreicht und sich auf die Kompetenz von Experten und Beratern abstützt. Der Strategische Führungslehrgang bietet die Vernetzung solcher Experten durch die Strategic Community, die aktuell aus mehr als 300 Absolventinnen und Absolventen des Lehrganges besteht. Somit fördert er nicht nur strategische Kompetenz, sondern bündelt diese und die dafür notwendige Expertise, wodurch er selbst zu einem Werkzeug der österreichischen Sicherheitsarchitektur wird.

Studienreise nach Sarajewo 

Das zweite Modul des Lehrganges widmet sich internationalen strategischen Herausforderungen und Chancen und thematisiert die ihnen zugrundeliegende Lage, Interessen und Umsetzungsmöglichkeiten. Ein Ziel dieses Moduls ist es, Theorie und Praxis zusammenzufügen. Zu diesem Zweck wurde eine zweitägige Studienreise nach Sarajewo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, durchgeführt. Das Reiseziel war nicht zufällig gewählt. Schließlich sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens und vor allem Bosnien-Herzegowina ein Beispiel, wie labil Friede und Sicherheit im näheren Umfeld Österreichs waren und sind. Zusätzlich gibt es aufgrund der geografischen Nähe zahlreiche Verbindungen in diesen Raum, deren Einflüsse sich auf die Sicherheit Österreichs auswirken und somit zu berücksichtigen sind.

Die Festung Vraca ist ein Symbol für den Kampf um Sarajewo. Nach der Okkupation des ehemaligen osmanischen Territoriums 1878 wurde die Stadt von der k.u.k. Armee mit einem Festungsring gesichert und dieses Werk errichtet. In den 1980ern wurde Vraca zu einem Monument für die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Während der Belagerung von Sarajewo in den 1990ern nahmen Panzer der bosnisch-serbischen Armee die Stadt von dort unter Beschuss. (Foto: RedTD/Keusch)
Die Festung Vraca ist ein Symbol für den Kampf um Sarajewo. Nach der Okkupation des ehemaligen osmanischen Territoriums 1878 wurde die Stadt von der k.u.k. Armee mit einem Festungsring gesichert und dieses Werk errichtet. In den 1980ern wurde Vraca zu einem Monument für die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Während der Belagerung von Sarajewo in den 1990ern nahmen Panzer der bosnisch-serbischen Armee die Stadt von dort unter Beschuss. (Foto: RedTD/Keusch)

Strategische Interessen in Südosteuropa 

Die geringe Entfernung Österreichs zu Bosnien-Herzegowina führte zu einer gemeinsamen Geschichte, die ihren Höhepunkt in der Habsburgermonarchie hatte. Ab 1878 waren die heutigen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina sowie Gebiete Serbiens ein Teil der k.u.k. Monarchie und blieben es bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918. Danach wurden die Grenzen Europas neu gezogen, und diese Verbindung riss weitgehend ab.

In den 1960er-Jahren wurde diese Verbindung mit der Anwerbung von Gastarbeitern wiederbelebt. Nun kam es zum Zuzug von Menschen aus Jugoslawien, die aufgrund sozialer Beziehungen mit ihrer Heimat in Verbindung blieben. In den Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre kamen zehntausende Flüchtlinge nach Österreich, von denen viele blieben. Auch heute noch gibt es rege Migrationsbewegungen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Diese Einwanderer haben aktive und stabile Kontakte in ihre alte Heimat, wodurch sich zusätzliche Verbindungen zu den Staaten Südosteuropas ergeben. Das Resultat ist ein reger Personen-, Informations- und Warenverkehr, der - auch aufgrund moderner Kommunikationskanäle - in Zukunft eher zu- als abnehmen wird.

Aus diesen Verbindungen ergibt sich das strategische Ziel, deren potenzielle Vorteile zu nutzen und mögliche Risiken zu minimieren. Die Vorteile ergeben sich vor allem in ökonomischer Hinsicht, da Bosnien-Herzegowina ein wichtiger Handelspartner von Österreich ist und österreichische Firmen dort Kapital investiert haben und investieren, das eine Rendite erzielen soll. Die Risiken ergeben sich aufgrund der labilen Situation hinsichtlich der Sicherheit und der politischen Rahmenbedingungen.

Rahmenbedingungen in Bosnien-Herzegowina

In Bosnien-Herzegowina tobte zwischen 1992 bis 1995 ein Bürgerkrieg zwischen der bosniakischen, der kroatischen und der serbischen Volksgruppe. Diese standen sich in wechselnden Bündnissen gegenüber, verfolgten unterschiedliche Kriegsziele und verübten zahlreiche Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dieser Krieg ist eine schwere Bürde für das Zusammenleben der drei Volksgruppen im heutigen Staat und begründet die schwer zu überwindende Kluft zwischen diesen.

Der Bosnienkrieg wurde mit dem Friedensvertrag von Dayton beendet. Dieser ist nicht nur ein Friedensvertrag, sondern auch ein politisches Abkommen und das Fundament der Verfassung von Bosnien-Herzegowina. Das Daytoner Vertragswerk sieht einen Bundesstaat vor, der aus zwei Teilstaaten, der Republika Srpska (RS) und der Föderation Bosnien-Herzegowina (FBiH) sowie dem Brcko District besteht. Die RS ist ein Zentralstaat, die FBiH jedoch ein Zusammenschluss von zehn weitgehend autonomen Kantonen und Brcko ein Bezirk mit einem Sonderstatus.

Diese Konstruktion resultiert in einem komplizierten strukturellen Gefüge, das durch ein starkes Vetorecht der drei offiziellen Volksgruppenvertreter und der weitreichenden Kompetenzen der 13 Regierungen (Gesamtstaat, RS, FBiH und ihrer zehn Kantone) erschwert wird. Das Resultat dieser Gemengelage sind ineffiziente und teure Strukturen, Reformblockaden sowie Korruption und Vetternwirtschaft. Zusätzlich sind das Denken in beinahe undurchdringbaren nationalen Kategorien, die Schwäche der Wirtschaft, die Armut und die starke Abwanderung der jungen Generation mit den damit verbundenen Brain-Drain Faktoren, die es in Bosnien-Herzegowina zu beachten gilt.

Diese Rose von Sarajewo und die weiße Gedenktafeln an der Mauer des Gebäudes dahinter erinnern an die Opfer eines Granateneinschlags während der Belagerung der Stadt. (Foto: RedTD/Keusch)
Diese Rose von Sarajewo und die weiße Gedenktafeln an der Mauer des Gebäudes dahinter erinnern an die Opfer eines Granateneinschlags während der Belagerung der Stadt. (Foto: RedTD/Keusch)
Spuren des Krieges an der Fassade eines Hauses in Sarajewo. (Foto: RedTD/Keusch)
Spuren des Krieges an der Fassade eines Hauses in Sarajewo. (Foto: RedTD/Keusch)
Der Friedhof des Kovaci-Memorials ist die letzte Ruhestätte vieler Opfer der Belagerung von Sarajewo. (Foto: RedTD/Keusch)
Der Friedhof des Kovaci-Memorials ist die letzte Ruhestätte vieler Opfer der Belagerung von Sarajewo. (Foto: RedTD/Keusch)

Strategische Einweisung vor Ort

Die zweitägige Studienreise nach Sarajewo machte die Lehrgangsteilnehmer vor Ort mit der speziellen Situation dieses Staates vertraut. Dabei erhielten sie Vorträge von hochrangigen österreichischen Vertretern und lokalen Experten. Der Fokus lag auf einem breiten sicherheitsstrategischen Ansatz und somit auf den gesamtstaatlichen Maßnahmen Österreichs in Bosnien-Herzegowina.

Tag 1: Militärische Situation

Der EUFOR-Kommandant, Generalmajor Martin Dorfer, begrüßte die Teilnehmer im Camp Butmir (direkt neben dem Flughafen Sarajewo), in dem sich das Hauptquartier der Mission und die Masse des österreichischen Kontingents befinden. Dorfer präsentierte die Geschichte der Entwicklung des internationalen militärischen Engagements im Raum seit dem Ende des Krieges und die aktuellen Rahmenbedingungen. Das Schwergewicht seiner Ausführungen lag auf der Vorstellung der EUFOR-Mission „Operation Althea“, deren Auftrag und Durchführung von ihm umrissen wurden.

Nach den Ausführungen von Generalmajor Dorfer informierte der Kommandant des österreichischen Kontingents, Oberst Klaus Jäger, die Lehrgangsteilnehmer über die Aufgaben der österreichischen Soldaten in deren unterschiedlichen Funktionen und gab einen Einblick in ihren Arbeitsalltag. Dabei stellte er auch die Risiken und Herausforderung dar, mit denen die EUFOR-Soldaten bei ihrer täglichen Auftragserfüllung konfrontiert sind.

Nachdem die Teilnehmer einen ersten Einblick in die EUFOR-Mission erhalten hatten, widmete sich der österreichische Militärattaché, Oberst Michael Pesendorfer, erneut der Historie sowie der aktuellen politischen Situation. Seine Ausführungen machte die österreichischen Gäste mit jener Gemengelage vertraut, die ihren tragischen Höhepunkt im Bosnienkrieg fand, der als eingefrorener Konflikt allgegenwärtig ist. Nach einem theoretischen Überblick im Camp Butmir verlegte der Lehrgang in die Stadt Sarajewo. Dort wies Pesendorfer die Teilnehmer an zwei Übersichtspunkten (jüdischer Friedhof und alter Bahnhof) in den Verlauf der Kampfhandlungen bzw. die Belagerung der Stadt ein.

Blick über die Stadt Sarajewo. (Foto: HBF/Christof Vonbank)
Blick über die Stadt Sarajewo. (Foto: HBF/Christof Vonbank)
Der österreichische Militärattaché, Oberst Michael Pesendorfer, erklärt den Lehrgangsteilnehmern die militärische Situation während der Belagerung von Sarajewo in den 1990er-Jahren. (Foto: HBF/Christof Vonbank)
Der österreichische Militärattaché, Oberst Michael Pesendorfer, erklärt den Lehrgangsteilnehmern die militärische Situation während der Belagerung von Sarajewo in den 1990er-Jahren. (Foto: HBF/Christof Vonbank)

Tag 2: Gesamtstaatlicher Ansatz auf strategischer Ebene 

Die nächsten Programmpunkte der Studienreise fanden im Hotel Europa, das an der Grenze zur osmanischen Altstadt Sarajewos liegt, statt. Nachdem am ersten Tag die militärischen und historischen Komponenten des strategischen Sicherheitsansatzes in Bosnien-Herzegowina im Mittelpunkt standen, widmete sich der zweite Tag der gesamtstaatlichen Herangehensweise.

Den Beginn der Präsentationen machte Wolfgang Thill, der Erste Zugeteilte der österreichischen Botschaft in Sarajewo, der neben den Aufgaben der Botschaft die spezifischen Herausforderungen aufgrund regionaler Besonderheiten darstellte. Der nächste Vortragende war Andreas Meindl, der als Handelsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich die ökonomischen Interessen österreichischer Investoren und Unternehmer vertritt. Er gab einen Einblick in die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den beiden Staaten sowie den Chancen und Risiken, die sich dadurch ergeben. Der dritte Vortrag widmete sich erneut der Sicherheit. Der österreichische Polizeiattaché, Wolfgang Pichler, stellte seine Funktion und Rolle in Bosnien-Herzegowina dar. Anhand ausgewählter Beispiele gab er einen Einblick in seine Arbeit und deren Bedeutung für die Sicherheit Österreichs.

Alle drei Vortragenden sprachen den komplizierten Aufbau der staatlichen Strukturen Bosnien-Herzegowinas als besondere Herausforderung an. Ein Beispiel dazu sind die 13 Bildungsministerien in einem Staat mit etwa 3,5 Millionen Einwohnern. Ein weiteres Beispiel ist das Verhindern von Reformen. Diese werden - egal wie notwendig sie sind - durch Vetos oder strukturelle Einschränkungen blockiert, wenn politische Akteure dadurch eine Gefahr für ihre Interessen sehen, was de facto immer gegeben ist. Das führt zu einem politischen Stillstand, der eine wirtschaftliche Stagnation zur Folge hat und die ökonomische Grundlage des Staates und ihrer Bürger gefährdet. Dieser Umstand mündet in der starken Abwanderung junger Bürger, wodurch das gegenwärtige System verstärkt wird und ein zukünftiges Sicherheitsrisiko entstehen kann. Das steht im Gegensatz zu den strategischen Interessen Österreichs und führt den Lehrgang thematisch zu seinem Ausgangspunkt, dem strategischen Handeln.

Vlado Azinovic, Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Sarajewo. (Foto: HBF/Christof Vonbank)
Vlado Azinovic, Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Sarajewo. (Foto: HBF/Christof Vonbank)
Sabina Cudic, Politwissenschaftlerin und Vizepräsidentin der Partei Nasa Stranka. (Foto: HBF/Christof Vonbank)
Sabina Cudic, Politwissenschaftlerin und Vizepräsidentin der Partei Nasa Stranka. (Foto: HBF/Christof Vonbank)

Aktuelle Herausforderungen in Bosnien-Herzegowina

Ein praktisches Beispiel für die sich veränderten Rahmenbedingungen hinsichtlich der Sicherheit ist die Rückkehr von IS-Kämpfern aus dem Irak oder Syrien. Dieses Phänomen betrifft aufgrund der internationalen Verflechtungen, Verbindungen und Vernetzungen einer zunehmend globalisierten Gesellschaft beinahe alle europäischen Staaten und stellt diese vor neue, bisher unbekannte, Herausforderungen. Schließlich kann beispielsweise ein portugiesischer IS-Rückkehrer als EU-Bürger ungehindert nach Österreich reisen. Ähnlich, wenn auch aufgrund der fehlenden EU-Mitgliedschaft schwieriger, verhält es sich zwischen Österreich und Bosnien-Herzegowina.

Vlado Azinovic ist Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Sarajewo. Er forscht unter anderem im Themenbereich IS-Rückkehrer. In seinen Ausführungen gewährte Azinovic einen Einblick in die Situation in Bosnien-Herzegowina, nannte Zahlen, Daten und Fakten sowie Beispiele der Integrationsschwierigkeiten von ehemaligen IS-Kämpfern und deren Familien. Azinovic benannte damit eine aktuelle Herausforderung, die viele Staaten betrifft und für die es noch keine wirksamen Lösungsansätze gibt. Schließlich ist das Phänomen neu, hinsichtlich seiner Quantität ein Randthema und kann nur diszplinenübergreifend erfasst werden. Die vermutlich größte Herausforderung ist jedoch, dass mögliche Lösungsansätze weder mit den gegenwärtigen Strukturen oder Gesetzen noch mit den aktuellen moralischen Vorstellungen der westlichen Gesellschaft zu bewältigen sind.

Den Abschluss der Präsentationen war der Vortrag der Politologin Sabina Cudic, die auch als Politikerin tätig ist und versucht mit ihrer Partei, die ethnische Rahmung der aktuellen Politik aufzubrechen. Cudic erörterte noch nicht angesprochene Fakten zum politischen System und den Umgang der jungen Generation mit dessen komplizierter Struktur. Sie gab auch einen Ausblick in eine mögliche Zukunft, von der sie - im Gegensatz zu den anderen Vortragenden - ein positives Bild zeichnete.

Fazit

Die Studienreise vermittelte den Lehrgangsteilnehmern die ministerienübergreifenden strategischen Sicherheitsbemühungen Österreichs in Bosnien-Herzegowina. Diese erfolgen in einem gesamtstaatlichen, wenn auch nicht als "Bosnien-Strategie" definierten, Ansatz. In diesem sind zahlreiche offizielle Vertreter Österreichs involviert, die dadurch - auch wenn sie einen anderen Grundauftrag haben - zu Akteuren der österreichischen Sicherheitsarchitektur werden. Beispiele dazu sind:

  • der Handelsdelegierte (Wirtschaftsministerium);
  • der Polizeiattaché (Innenministerium);
  • die österreichische Botschaft (Außenministerium);
  • der Militärattaché (Verteidigungsministerium) sowie das österreichische Kontingent der aktuellen EUFOR-Mission (Verteidigungsministerium).

Das Beispiel der IS-Rückkehrer zeigt, dass Sicherheit nicht in einem starren, sondern in einem dynamischen und sich regelmäßig verändernden Umfeld stattfindet. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eine Strategie und die sich damit verbundenen Operationen und Taktiken ständig anzupassen und zu adaptieren. Bei der Studienreise wurde deutlich, dass alle strategisch relevanten Stellen über ein breites Wissen über die Region verfügen müssen, in der sie agieren. Das bedingt vor Ort aktiv zu sein, da nur mit dem direkten Kontakt zu Land und Leuten die Stimmung, aktuelle Entwicklungen und Bedrohungen erkannt und eingeschätzt werden können. Die Basis erfolgreichen strategischen Handelns ist und bleibt jedoch die Vernetzung und Zusammenarbeit aller relevanten Stellen und ihrer Vertreter. Sie sind der Schlüssel, damit Österreich auch in Zukunft seine strategischen Ziele weiterentwickeln und erreichen kann.

Offiziersstellvertreter Gerold Keusch, BA ist Redakteur beim TRUPPENDIENST.

(Foto: HBF/Christof Vonbank)
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